08.04.2002

lebenDIE WONNEN DER WOHNIS

IM MODERNEN WOHNHEIM WOLLEN STUDENTEN ALLES: SOCIAL LIFE, INTERNET UND IHRE RUHE.
Die Frühstückseier kommen frisch aus dem eigenen Hühnerstall auf den Tisch. Der Garten liefert Äpfel, eine Wiese Kräuter wie Wilde Malve oder Weiße Lichtnelke. Im Sommer rauchen die Grills direkt vor der Haustür, und ein kleiner See lädt zum Erfrischungsbad.
So naturnah kann das Leben im Studentenwohnheim sein. Jedenfalls für die 58 Auserwählten, die zusammen mit Katze und Kater, Hühnern, Hähnen und zwei Schleiereulen den ehemaligen Bauernhof Luhrmann bewohnen, nur 15 Fahrradminuten von der Osnabrücker Altstadt entfernt.
Andreas Nie, 26, wohnt dort in einer Zweier-WG. Das Domizil des Studenten der Computerlinguistik und Künstlichen Intelligenz ist ein umgebauter Schweinestall im Fachwerk-Look. Von seinem 17-Quadratmeter-Zimmer führt eine Holzleiter zur Schlafnische unterm Dach; im weiß gekachelten Bad hätte locker noch eine Tischtennisplatte Platz. Internet-Anschluss hat der Computerfreak mit Harry-Potter-Brille seit neuestem auch, "alles ziemlich cool", wie er findet. 250 Euro warm bezahlt er fürs studentische Wohnglück monatlich an seinen Vermieter, das Osnabrücker Studentenwerk. Das hat sogar eine noch individuellere Wohnung im Programm: Ein Gartenhaus, das auf den Grundmauern eines Wehrtürmchens steht - fürstliches Zuhause für den Jura-Studenten Malte Jaegler.
Ganz anders sieht die Behausung aus, für die 154 Mieter von "Haus 1" des Studentenwohnheims Siegmunds Hof in Berlin-Tiergarten monatlich etwa 150 Euro hinlegen. Pro Etage 22 möblierte Zimmer à acht Quadratmeter in Furnier-Optik, kahle Flure, Etagenduschen und ein Gemeinschaftsraum, den jede Bushaltestelle an Gemütlichkeit übertrifft. "Clean the kitchen each time you use it" steht auf einem Plakat - ein frommer Wunsch angesichts der altersstarren Dreckschicht auf dem Herd in einer der beiden Stockwerksküchen.
In dem Betonklotz aus den Sechzigern wohnen viele Austauschstudenten, erzählt Bert Kracheel, Haus-1-Mieter seit eineinhalb Jahren. "Die hohe Fluktuation ist schlecht für die Gemeinschaft." In den Pavillons nebenan mit je 16 Bewohnern gehe es deutlich familiärer zu.
Begehrt sind die auf 13 Häuser verteilten 620 Wohnplätze in Siegmunds Hof bei Hauptstadt-Studenten dennoch. Viele Vorlesungssäle sind gerade mal drei Minuten entfernt. Auch entschädigt das üppige Angebot der studentischen Selbstverwaltung - Bootsverleih, Musikräume, Fitnesshalle, Computerpool, Werkstatt, Zeichenraum und die Studentenkneipe "Bierkeller" - für den kargen Wohnkomfort.
Bauernhof-Idylle oder Wohnwaben-Trash - Deutschlands Studentenwohnheime bieten etwas für jeden Geschmack. Die Palette reicht von der Wohngemeinschaft im Reihenhaus übers Einzelapartment im Plattenbau bis zur Mutter-Kind-Wohnung in sanierten Kasernen. Genauso haben Studenten die Wahl, ob sie auf "Heim-Aktivist" machen, mit Scheuklappen durch die Flure laufen oder einfach nur ein paar Freunde unter den Zimmernachbarn finden wollen.
Nur in einem Punkt herrscht unter Deutschlands Wohnheimdächern Einigkeit: Einen Internet-Anschluss, am liebsten mit direktem Draht zum Rechenzentrum der Uni, wünscht sich fast jeder Bewohner. Bislang allerdings haben die Studentenwerke nur 40 Prozent der 183 000 Heimplätze vernetzt. Dieter Schäferbarthold, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW): "Ziel ist es, mittelfristig allen Studierenden in ihren Wohnanlagen einen
preiswerten und leistungsfähigen Internet-Zugang zu ermöglichen."
Weitere 30 000 mit öffentlichen Geldern geförderte Wohnheimplätze bieten private Träger, Kirchen oder Stiftungen an. 134,83 Euro kostet die Monatsmiete im bundesweiten Schnitt - im Westen variieren die Preise zwischen 60,34 und 372,22 Euro, im Osten zwischen 42,95 und 299,11 Euro. Mieten, die mit dem studentischen Monatsbudget deutlich besser zu vereinbaren sind als die des freien Wohnungsmarkts. Neben den geringen Kosten ist für viele "Wohnis" aus Überzeugung indes vor allem ein Motiv ausschlaggebend: Studentisches "social life" ist im Mietpreis inbegriffen.
Das gibt es in der Osnabrücker Caprivistraße 34 d reichlich: beim Fernsehgucken, Joggen, Feten feiern und dem täglichen Palaver am Küchentisch. "Wir sind eine WG mit Familienanschluss", sagt Kathrin Rottmann, 22, die im siebten Semester Mathematik und Biologie für das Lehramt studiert. Aus den sechs Unbekannten, die in eines der acht Klinker-Reihenhäuser des Studentenwerks in Osnabrücks bester Wohnlage zogen, sind dicke Freunde geworden.
Allein wohnen, das könnte sich keiner von ihnen vorstellen, sagen sie, genauso wenig, wie in eine dieser Kisten mit den grässlich langen Fluren zu ziehen. In ihrer adretten, fast penibel aufgeräumten Unterkunft können sie beides haben: individuelle Freiheit, zum Beispiel bei der Zimmereinrichtung, und Gruppenerlebnisse, ganz nach Lust und Laune.
Das ist auch genau das, was Studenten heute wünschen: "mehr Kommunikation, aber auch mehr Individualität als früher", so Schäferbarthold vom DSW. Die klassische "Flurlösung", mit der man noch vor 30 oder 40 Jahren studentische Wohnträume zu erfüllen suchte, wird diesen Ansprüchen nicht mehr gerecht.
Das Zauberwort heißt Wohngruppe. Osnabrück zählte zu den ersten Unistädten, die diese Wohnform anboten, inzwischen sind die Hälfte aller Heime nach dem WG-Schema gestaltet. 20 Prozent der Studentenwerks-Buden verströmen allerdings noch den zweifelhaften Charme von Einzelknastzellen. Das hat Folgen in Zeiten wachsender Individualisierung, nicht nur fürs Seelenheil, sondern auch für die Hygiene - im Wohnheim-Dasein nach wie vor ein existenzielles Thema. Denn wenn zu viele nacheinander in das gleiche Duschbad steigen, will es hinterher keiner putzen.
Gisela Plückbaum, Verwaltungsleiterin von Siegmunds Hof in Berlin, steht manchmal "fassungslos vor dem Dreck und Chaos, den die Studenten hinterlassen". Ihre Mieter wiederum regen sich über "zu viel Kontrolle" seitens der Verwaltung auf. Probleme mit der Sauberkeit und Lärmbelästigung geben am häufigsten Anlass zu Beschwerden, bestätigt denn auch Ursula Rosenstock, Leiterin der Osnabrücker Wohnheimverwaltung. Bei rund 1900 Wohnheimplätzen hat sie meist aber nicht mehr als fünf Problem-Akten auf dem Schreibtisch.
Ihre Erfahrung: Wenn die Studenten ihre Wohnheimmitbewohner selbst aussuchen dürfen, gibt es am wenigsten Ärger. Dann werden, je nach Gruppen-Gusto, so lästige Dinge wie Kloputzen streng nach Plan erledigt, wie in der Caprivistraße 34 d, oder frei improvisiert.
Für die drei Bewohner der Wohnung 19.06.19, des Ferdinand-Thomas-Wohnheims in Berlin-Lichtenberg ist Putzen meist eine spontane Aktion, genau wie das Kochen, erzählt Ivana Koubkova aus Prag, die seit vier Monaten zusammen mit den Brüdern Thomas und Martin Langer in dem sanierten Teil eines Plattenbaus in der Storkower Straße wohnt. Gerade blubbt Spinat auf dem Herd.
Martin, 25, Student der Elektrotechnik, und sein Bruder, der an der Humboldt-Universität in Sozialwissenschaften eingeschrieben ist, haben schon im noch unsanierten Hausteil zusammen gewohnt, der jetzt leer steht: zu zweit in einem Zimmer. Was für westdeutsche Individualisten unvorstellbar ist, war für den sozialistischen Akademiker-Nachwuchs die normalste Sache der Welt: Mehrbettzimmer, Stockbetten und Heimaufsicht.
Noch 1991 lebten 86 Prozent aller Ost-Studenten in Wohnheimen. Zum Vergleich: Heute liegt die bundesweite Heimquote bei rund 13 Prozent. Inzwischen wurde mehr als die Hälfte der Wohnheime in den neuen Ländern auf Weststandard getrimmt.
Wie in Berlin-Lichtenberg: weiße Fassaden mit blauen und orangen Farb-Akzenten an den Hauseingängen, moderne Einbauküchen in den Ein-, Zwei- oder Drei-Zimmer-Apartments, helle Holzmöbel und rote Sessel im neu eingerichteten Studentenclub. Thomas Langer, 23, gefällt sein neues Domizil, "für kein Geld der Welt wollte ich in den alten Teil zurück". 60 Prozent der rund 500 Bewohner sind Ausländer. Thomas, der am Wochenende oft nach Hause ins brandenburgische Hermersdorf fährt, genießt die "internationale Atmosphäre".
Doch der wachsende Anteil ausländischer Studierender in den Wohnheimen - 28 Prozent im Bundesdurchschnitt, teilweise sogar über 50 Prozent - bereitet in vielen Städten Probleme. Nach Angaben des Studentenwerks sorgt neben der steigenden Zahl von Studienanfängern der Zuzug von ausländischen Studenten für Engpässe, nachdem der Wohnheim-Markt jahrelang entspannt war. Zu Beginn des vergangenen Wintersemesters mussten die Studentenwerke in vielen Unistädten Notunterkünfte bereitstellen. Falls der Ruf von Bund und Ländern nach Akademikernachwuchs aus dem Ausland gehört wird, müssten mindestens 20 000 neue Wohnplätze geschaffen werden, fordert das Studentenwerk.
Doch mit der Unterbringung allein ist es nicht getan: In Zukunft sollen verstärkt Tutoren bei der Integration helfen, indem sie die Neulinge etwa bei Behördengängen oder der Jobsuche unterstützen und mit den Landessitten vertraut machen. "Von Mülltrennung haben viele keine Ahnung", erzählt BWL-Student Özkan Kaplangil, einer von zwei Tutoren im Osnabrücker Wohnheim am Jahnplatz, einer ehemaligen Gasuhrenfabrik.
Die Hälfte der 310 Wohnplätze ist hier an ausländische Studenten vermietet. "Wenn die Quote zu hoch ist, dann klappt das mit dem multikulturellen Zusammenleben einfach nicht mehr", so die Erfahrung von Frank Willenborg, einem angehenden Grundschullehrer, der mit acht Kommilitonen Tür an Tür lebt. Mit Heimmitbewohner Stefan Nawrath war er schon drauf und dran, sich eine ganz normale Wohnung zu mieten - und ließ es dann doch bleiben. "Das Gemeinschaftserlebnis kriegst du sonst halt nicht."

* Oben: Andreas Nie, Kirstin Rudolph; unten: Malte Jaegler.
KONTAKTE ONLINEBundesweit die meisten Wohnheimplätze, rund 180 000, bietet dasDeutsche Studentenwerk. Infos unter: www.studentenwerke.de/wohnen/index.htm.Wohnheime der katholischen Kirche finden sich unter:www.katholischestudentenwohnheime.de.Für Kontakt zu Wohnheimen in aller Welt:www.heim1.tu-clausthal.de/ studentenwohnheime/.
Von Ulla Hanselmann

UniSPIEGEL 2/2002
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