18.05.2002

studierenKREATIVE RÜLPSER

STUDIENPLÄTZE FÜR DESIGNER SIND HEISS BEGEHRT. DOCH ZUM ERFOLG GEHÖRT MEHR ALS DER WUNSCH, SCHÖNE DINGE ZU GESTALTEN.
Weich gekochte Eier isst man aus dem Eierbecher. Logo. Ei in den Becher stellen, Spitze kappen und auslöffeln, fertig. Die Existenz ihres Eierbechers stellen die wenigsten Menschen in Frage. Tamara Klein schon.
Die Studentin mit den kurzen pechschwarzen Haaren hat lange darüber gebrütet, welche anderen Möglichkeiten es gibt, das wackelige Ding mit der dünnen Schale auf dem Frühstückstisch zu platzieren. "Eier haben keine Beine", erkannte sie - und entwarf eine Prothese mit Bändern und Häkchen für das Ei.
Tamara Klein, 22, studiert im zweiten Semester Produktdesign an der Fachhochschule Potsdam. "Entwerfen Sie einen Eierhalter", lautete die Übungsaufgabe, die Professor Jörg Hundertpfund, 41, den Studenten in seinem Seminar zur Designmethodik stellte: "Am Anfang brechen die Ideen wie kreative Rülpser aus den Studenten heraus. Wir versuchen ihnen beizubringen, wie sie damit effektiv und selbstkritisch umgehen."
Um den Anfängern beim Eierhalter-Entwurf auf die Sprünge zu helfen, verteilte der Hochschullehrer Kärtchen mit verschiedenen Symbolen. Tamara zog ein Kreuz - und landete schnell bei der Medizin als Assoziationsfeld. "Früher kamen die Einfälle einfach so - oder auch nicht. Hier lerne ich, mit meiner Kreativität gezielt umzugehen. Im Job kann ich ja nicht ewig auf Eingebungen warten", sagt die gelernte Tischlerin.
Designer ist für die aus Heilbronn stammende Studentin ein Traumberuf - wie für rund 5600 andere Studierende in Deutschland. Die Nachfrage nach Studienplätzen übersteigt bei weitem das Angebot. In Potsdam gingen im vergangenen Jahr 1400 Bewerbungen für die 62 Plätze im Fachbereich Design ein; 1996 waren es noch 600. An der Universität der Künste (UdK) in Berlin, die zu den renommiertesten Ausbildungsstätten für Gestalter zählt, wetteiferten zuletzt 760 Bewerber um 40 Plätze.
Zwar preist inzwischen jede bessere Kaufhausabteilung ihre Ware mit dem Slogan "formschönes Design" an. Doch trotz des abgelutschten Begriffs haftet den professionellen Formgebern immer noch die Aura von Ästheten an, die es verstehen, die Welt durch die gewitzte Kombination von Stil und Spleen nicht unbedingt besser, aber irgendwie erträglicher zu machen. Blasius Osko, der an der UdK kurz vor seinem Diplom als Produktgestalter steht, meint: "In Deutschland gelten wir doch immer noch als Clowns, die in ihrer lustigen, bunten Welt leben."
Dabei ist Design weit mehr als nur originelle Optik und schickes Styling. An mehr als 50 Kunsthochschulen, Universitäten und Fachhochschulen lernen Nachwuchs-Industriedesigner, nicht nur Konsumgüter vom Schneebesen bis zum Hüpfgummi zu gestalten, sondern im Zuge gesellschaftlicher, technischer Entwicklungen auch völlig neue Produktkonzepte zu entwickeln.
So ließen sich Industrial-Design-Studenten im Rahmen des Projekts "visionlabs" an der Bergischen Universität-Gesamthochschule Wuppertal im Auftrag der Lufthansa Catering Logistik Visionäres zum Thema "Weinöffnen in der Businessclass" einfallen. Heraus kamen nicht nur ergonomisch verbesserte Korkenzieher, sondern auch ein völlig neues Konzept, das das Entkorken im Flugzeug überflüssig macht. Der Wein wird schon am Boden geöffnet und vakuumverpackt ins Flugzeug verfrachtet.
Wie in Wuppertal propagieren die meisten Hochschulen inzwischen einen übergreifenden Design-Begriff. In Potsdam legt es das integrative Studium von vornherein darauf an, Produktdesigner mit der ebenfalls angebotenen Nachbardisziplin Kommunikationsdesign vertraut zu machen - deren Augenmerk gilt nicht dem drei-, sondern dem zweidimensionalen Gestalten, zum Beispiel von Zeitungslayouts, CD-Roms oder Internet-Seiten.
Statt eines vorgegebenen Stundenplans wie an vielen anderen Fachhochschulen gibt es Unterrichtsbausteine in den verschiedenen Disziplinen, welche die Studenten frei kombinieren können. Erst im Hauptstudium müssen sie sich für einen Schwerpunkt entscheiden. Auch an der Berliner UdK wird Interdisziplinarität groß geschrieben: Während der ersten zwei Semester sitzen Produkt-, Bekleidungs- und Textilgestalter gemeinsam in den Seminaren; Scheine in verwandten Disziplinen wie Kommunikationsdesign oder Architektur sind Pflicht.
Michael Stratmann, Dekan des Fachbereichs Design an der Potsdamer FH, sieht die Studenten durch den interdisziplinären Ansatz am besten auf den Beruf vorbereitet. "Eine möglichst breit angelegte Ausbildung, das entspricht dem Bedarf in mittelgroßen Unternehmen", so Stratmann. Nur wenige Firmen könnten es sich leisten, einen Spezialisten einzustellen. Der berufliche Erfolg schon vor dem Diplom belege, dass die Rechnung aufgehe: "Etliche Studenten verdienen sich dumm und dämlich, die muss ich regelrecht zum Diplom prügeln."
Noch nie war Design so wertvoll wie heute. Da sich auf globalisierten Märkten viele Produkte kaum noch in Qualität und Preis unterscheiden, gerät das Outfit zum entscheidenden Erkennungsmerkmal. Dazu kommt: Der Gestaltungsprozess reicht heutzutage weit über das einzelne Produkt hinaus. So geht es beispielsweise der Designabteilung einer Türklinkenfirma nicht mehr nur darum, perfekt geformte Türgriffe zu entwerfen, sondern dem ganzen Unternehmen einen unverwechselbaren Stempel aufzudrücken.
Zum "corporate design" einer Marke gehört etwa die Architektur des Firmengebäudes, aber auch der Werbeauftritt, der Briefkopf oder die zielgenau aufs Markenimage abgestimmte "Location" für die Pressekonferenz. Gefragt ist somit eine Art Designmanager, der diesen Prozess moderiert und die daran Beteiligten, vom Konstrukteur bis zur PR-Managerin, an einen Tisch bringt.
Wie komplex der Beruf des Designers ist, davon haben viele, die sich um einen Studienplatz bewerben, keinen blassen Schimmer. "Schöne Dinge" machen wollen sie, und im Kunstunterricht waren die meisten unter ihnen in der Schule ziemlich gut. Um herauszufinden, in welchen Kandidaten unter der riesigen Bewerberschar wirklich das Zeug zum Designer steckt, haben die Hochschulen aufwendige Aufnahmeverfahren entwickelt.
Anhand von eingereichten Entwurfsmappen sieben die Professoren aus; wer die erste Hürde geschafft hat, muss bei einer kniffligen Entwurfsaufgabe seine Kreativität unter Beweis stellen. Dabei werden nicht nur die Idee und deren praktische Umsetzung beurteilt, vor allem wird auch die Begeisterungsfähigkeit des Kandidaten geprüft. "Nicht die Frage: Was können die schon? ist entscheidend, sondern: Was steckt in den Leuten drin?", erklärt Achim Heine, Professor für experimentellen Entwurf an der UdK.
Um ihre Chancen auf einen Studienplatz zu steigern, tingeln viele Design-Aspiranten mit ihren Mappen von einer Hochschule zur nächsten. Jacob Brinck, 22, hatte es schon in Berlin, Köln und Weimar versucht, bevor es in Potsdam schließlich klappte. Mit seiner schwungvoll präsentierten Version eines "Hässlichkeitswarnsystems" überzeugte er bei der Eignungsprüfung die Potsdamer Professoren.
Wer an einer Fachhochschule landet, kann sich einer praxisnahen Ausbildung sicher sein. Neben den künstlerisch-darstellerischen Grundlagen wird auf solide handwerklich-technische Kenntnisse viel Wert gelegt: In Werkstattübungen lernen die Studenten verschiedene Materialien, Konstruktions- und Fertigungsweisen kennen; sie trainieren sich im Modellbau und in der perfekten computergestützten Präsentation ihrer Entwürfe. "Wir hören aber beim Entwurf nicht auf, sondern lernen auch, wie man Patente anmeldet, Angebote schreibt oder eine Kostenkalkulation erstellt", erzählt Sophie Kleber, 23, die im 7. Semester Produktdesign in Potsdam studiert.
Eine enge Kooperation mit der Wirtschaft soll den Praxisschock verhindern. Von dem Joint Venture profitieren nicht nur Studenten, sondern auch die Unternehmen, die auf diese Weise die unverbrauchte Kreativität des Nachwuchses abschöpfen können. Für UdK-Professor Heine eine zweischneidige Angelegenheit: Um der Industrie Designideen nicht frei Haus zu liefern, lässt er seine Studenten nur an thematisch freier gefassten Wettbewerben teilnehmen.
FH-Studentin Sophie Kleber hat schon im ersten Semester mit ihrem Kollegen Florian Rühle eine behindertengerechte Nasszelle für Regionalflugzeuge mit entworfen. Das "Lavatory Design Project" hatte ein berlin-brandenburgischer Unternehmensverband bei der FH in Auftrag gegeben.
Industriedesign-Studentin Felicitas Tritschler, 24, von der FH Pforzheim, ebenfalls eine der ersten Designadressen in Deutschland, kreierte im dritten Semester für eine Behindertenwerkstatt ein Sandspiel; derzeit ist sie im Rahmen einer Projektarbeit fürs siebte Semester dabei, für den Edelsanitärausstatter Villeroy & Boch eine Neuauflage der Gäste-Toilette zu entwickeln. "Wir bekommen viel Resonanz und lernen unsere Stärken und Schwächen besser kennen", begrüßt sie solche Kooperationen.
Allerdings: "Das Ziel an der FH ist immer ein konkretes Produkt; was fehlt, ist das experimentelle Arbeiten", schränkt Felicitas Tritschler ein. Tatsächlich trimmen die Universitäten den Nachwuchs stärker als die Fachhochschulen darauf, tradierte Designkonzepte in Frage zu stellen. Anstatt einem Stuhl eine neue Form zu geben, denken die UdK-Studierenden eher darüber nach, was ein Stuhl ist und ob man so ein Möbel in Zukunft überhaupt noch brauchen kann.
Die weniger handwerklich-bodenständige als konzeptionelle Herangehensweise an der Universität haben die Kommilitonen Oliver Deichmann und Blasius Osko durchaus zu schätzen gelernt. "Das kommt uns entgegen. Wir spielen gern mit den Konventionen." So entwarfen sie für ein Hauptseminar flexible Möbelmodule "für den modernen Nomaden", die gleichermaßen zum Tisch, Stuhl und Bett taugen und mit wenigen Handgriffen so zusammengelegt werden können, dass sie in einer Kiste verschwinden.
"Über Preise oder wirtschaftliche und technische Machbarkeit wird hier nicht so gründlich nachgedacht, man designt schon ein bisschen ins Blaue hinein und riskiert im Berufsalltag eine Bauchlandung", so Blasius Osko, 26.
Er spricht aus Erfahrung: Denn wie manche ihrer Kommilitonen haben er und Oliver Deichmann außerhalb der Hochschule die ersten Versuche als selbständige Designer gemacht. Besonders stolz sind sie auf ihren Springschuh, auch wenn die Serienreife ihrer Erfindung letztendlich an der komplizierten Technik scheiterte. Mit dem Prototyp ihres Sieben-Meilen-Stiefels, der statt Schritten große Sprünge erlaubt, hatten sie immerhin die Ingenieure eines führenden Pneumatik-Maschinenherstellers beeindruckt.
Derzeit versuchen die ehrgeizigen Jungdesigner, einen Sushi-Roller auf den Markt zu bringen. "Die Wunschforscher", so der Name des Duos, haben in Anlehnung an eine Zigarettenrollmaschine aus Holzteilen, Plastikrollen von Malerwalzen, einem Polyäthylennetz und einem Hebel ein Gerät gebastelt, mit dem sich die Japan-Kost bequem herstellen lässt.
Einmal in der Designabteilung eines Unternehmens zu landen, versuche er auf jeden Fall zu vermeiden, sagt Oliver Deichmann; sein Ziel sei die Selbständigkeit. Auf anschauliche Weise illustriert der jüngste Entwurf der "Wunschforscher" ihr Ideal vom Vollblutdesigner. "Top-Table" nennt sich eine Arbeitsstation, die einen Tisch für die normale Schreibarbeit mit "einem Hochsitz für Visionen und Perspektivenwechsel" und einer Rutschbahn verbindet. Blasius Osko: "Wenn man da oben einen Geistesblitz hatte, kann man herunterrutschen und sich mit Schwung an die Arbeit machen."
Von Ulla Hanselmann

UniSPIEGEL 3/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


UniSPIEGEL 3/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Mary Cain über Nike-Programm: "Ich wurde körperlich und emotional missbraucht"
  • Liverpool-Sieg über Manchester City: "Man sollte Jürgen und mich auf eine Flasche Wein einladen"
  • "Remembrance Day" in Großbritannien: Blüten aus dem Bomber
  • Hongkong: Polizist feuert auf Demonstranten