01.06.2002

lebenIM SCHATTEN DER STARS

BARFRAU AM TRESEN BEI „GZSZ“ ODER NACKT AUF WAGNERS VENUSBERG: DER STUDENTENJOB STATIST MACHT EINEN NICHT REICH, BRINGT ABER FARBE INS LEBEN.
Der Mann ist der geborene Barkeeper. Es scheint, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als Cocktailgläser auf Hochglanz zu polieren, das Geschirrtuch lässig über dem Unterarm zu tragen und seinen Tresengästen ein distanziert-mitfühlendes Lächeln zu schenken. Kein Zweifel: Kay Keßner, 33, ist der beste aller möglichen Barmänner - zumindest im zweiten Akt der Oper "La Bohème". So perfekt, dass die Zuschauer den Statisten im hinteren Bühnendrittel glatt übersehen.
Denn die Aufmerksamkeit gilt allein der stimmgewaltigen Sängerschar in der grell bestrahlten Bühnenmitte der Berliner "Staatsoper Unter den Linden": der rassig-lasziven Musetta etwa, die mit ihrem neuen Lover ins "Café Momus" gekommen ist, und ihren Verflossenen, den Maler Marcello, eifersüchtig macht. Bei den Proben zur Wiederaufnahme der Puccini-Oper intonieren die Gesangsstars Daniela Bruera und Roman Trekel ein mitreißendes Duell der Geschlechter in der Café-Kulisse.
Kay und den übrigen Komparsen schenkt hingegen kaum einer einen Blick. Nur Regieassistentin Valentina Simeonova hat ihnen ein paar Anweisungen gegeben, ihre Bewegungsabläufe präzisiert. Proben-Business as usual für den Studenten der Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität: Seit Jahren schon steht Kay Keßner als menschliche Requisite auf der Bühne.
Im Schatten von internationalen Operngrößen und Ballett-VIPs hat der Ost-Berliner als Page, Diener, Wache oder Soldat seinen stummen, stets glanzlosen Auftritt - in dieser Spielzeit fast 130-mal, Proben nicht mitgerechnet. Das Nonplusultra für den Musiktheater-Freak: "kleinere Tanzchoreografien", wie etwa bei der Rolle als Mondnymphe im Transvestiten-Look in dem Haydn-Stück "Il mondo della luna" oder als Derwisch in "Aida", der sich mit durchschnittener Kehle eine Minute und vierzig Sekunden lang im Kreis drehen muss, um dann ohnmächtig zu Boden zu stürzen: "Da hatte ich das Gefühl, der Beifall gilt ein bisschen auch mir. "
Statisten sind die Randexistenzen im Rampenlicht. Im eitlen Theater- und Filmbetrieb haben sie ein hartes Los: bloß nicht auffallen! Komparsenregel eins: "Nie vom zentralen Geschehen ablenken!", so Wolf Enders, Leiter der Komparserie in der Hauptstadt-Oper.
Kay Keßner trägt es mit Fassung, auch wenn er bei jedem Casting von Höherem träumt. Statisten stehen in der Hierarchie der Mimen ganz unten - und sind dennoch unverzichtbar: Sie sorgen, oft in Massenszenen, für Authentizität und atmosphärische Dichte, sei es als rauschender Blätterwald in "Macbeth" oder als Soldaten in "Aida". Genauso halten sie als winziges Rädchen das dramaturgische Getriebe mit am Laufen. Stellt der Komparse den Cafétisch an die falsche Stelle oder überhört er das Stichwort, auf das hin er ihn wieder abtragen muss, kann das die Hauptdarsteller ins Chaos stürzen.
Zum Komparsenstamm der Staatsoper gehören 120 Männer und Frauen. Wer einmal auf den bedeutungsschweren Brettern gestanden hat, will von ihnen so schnell nicht wieder herabsteigen. "Die Fluktuation ist sehr gering", sagt Enders - und doch bekommt er jeden Tag drei Bewerbungen.
Vor drei Jahren hatte Frank Unbehau, 29, BWL-Student an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, seinen ersten Auftritt als Geweih tragender Hirschmann im "Freischütz", seitdem ist er drei- bis viermal pro Woche im Haus. "Ich habe hier viele Freunde gefunden und in den langen Pausen Doppelkopfspielen gelernt. Warten gehört zu unserem Job."
Studenten wie Kay und Frank gehören zusammen mit Rentnern und Hausfrauen zur bevorzugten Personengruppe, aus der Wolf Enders seine Mannschaft rekrutiert. In seinem Telefonbuch hat der Komparsen-Boss die Nummern von angehenden Juristen, Mathematikern, Pädagogen und Romanisten notiert. Findet er nichts Passendes in seiner Kartei, geht er auch mal rüber auf die andere Straßenseite. Als er für eine moderne Inszenierung von "Così fan tutte" langhaarige Hippies benötigte, wurde er in den Fluren der Humboldt-Uni schnell fündig.
Der große Studenten-Bonus: Sie haben, wenn es sein muss, immer Zeit. Bei der Oper werden Proben von einem Tag zum andern an- und schnell mal wieder abgesetzt. Auch für die unzähligen in der Hauptstadt abgedrehten Film- und Fernsehproduktionen und Werbespots wird extrem kurzfristig disponiert. Zwei bis fünf Tage vor Drehbeginn erfahren die Komparsen, ob sie am Set mit dabei sind.
"Gerade für Fernsehserien sind Studenten gefragt. Jung und schön, das wird immer mehr gewünscht, früher war eher mittleres Alter gefragt", so Ilona Zedlick vom Künstlerdienst des Berliner Arbeitsamtes.
Wer als Studi nicht wie das Gros seiner Kommilitonen mit Standard-Jobs wie Kellnern oder Verkaufen im Copyshop die Ausbildung finanziert, sondern nach der Vorlesung nackt als Teil des Venusbergs in Richard Wagners "Tannhäuser" auf der Bühne Ekstase simuliert, kann seinen Originalitätsfaktor deutlich steigern. "Die Gastspiele im Ausland machen den Job zusätzlich attraktiv", so der Berliner Kunstgeschichtsstudent Frank Daiber, der als Ensemblemitglied schon nach Sevilla, Tokio und Paris tourte.
Mit mageren 18 Euro für eine dreistündige Opernprobe oder 50 bis 60 Euro für höchstens zehn Drehstunden am Stück bringt das Statistengeschäft keine Reichtümer aufs Konto - aber garantiert einen Schuss Glamour ins Leben. Unter Stardirigent Daniel Barenboim zu arbeiten oder mitzukriegen, wenn TV- und Kinopromis wie Uschi Glas oder Jürgen Vogel ihren Text vergessen - davon kann beim abendlichen Abhängen in Kneipen und Clubs schließlich nicht jeder berichten. "Ich kenne genügend Leute, die dreimal im Kreis springen würden, wenn sie meinen Job hätten", sagt Janett Müchling, 24. Die Studentin der Sonderpädagogik spielt bei der RTL-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" (GZSZ) eine Kellnerin im TV-Restaurant "Fasan" - einer Location, in der sich Serienstars wie Moritz Demand (Hendrik Borkmann) und Jo Gerner (Wolfgang Bahro) die Klinke in die Hand geben.
Einmal pro Woche steht Müchling einen Tag lang im "GZSZ"-Studio in Potsdam-Babelsberg, um "Schwenkfutter" für die Kameras abzugeben und in den Billigkulissen Restaurant-Ambiente heraufzubeschwören. Als so genannte Dauerkomparsin verdient sie etwa 400 Euro pro Monat.
In hellblauer Bluse, Dreiviertel-Schlips und schwarzer Schürze den Fasan-Gästen Pasta und roten Traubensaft aufzutischen, ist mindestens so stressig wie ein Kellnerjob im echten Leben: 13 Einstellungen für verschiedene Serienfolgen hat die junge Frau mit dem langen Pferdeschwanz an diesem Dienstag mitabgedreht - feinster Vorabendkitsch vom Fließband.
In Szene 9 von Folge 2520 rattern am Tresen drei Hauptdarsteller ihre Dialoge runter, während Janett im Hintergrund eine Bestellung aufnimmt. Dann kündigt die Regieassistentin im bauchnabelfreien T-Shirt mal wieder einen Kameraumbau an - fünf Minuten Pause. "Man muss viel Geduld haben und sich schnell Situationen anpassen können", sagt Janett. Ambitionen, ins Schauspielfach zu wechseln, hat sie keine. Den "GZSZ"-Job, mit dem sie ihre Studentenexistenz sichert, stuft sie als "Lebenserfahrung" ein.
Komparsen-Kollege Patrick Schödel, 26, hingegen, der an diesem Tag einen Restaurantgast mimt und schon als Krankenpfleger, Zirkusgast oder Clubgänger engagiert wurde, sieht in der Laiendarstellerei durchaus den Beginn einer Schauspieler- oder Modelkarriere. Seine Ausbildung zum Marketing- und Kommunikationswirt sei ihm zu wenig "kreativ", mit Sprechunterricht und Werbeshootings will er sich langsam an sein Ziel Filmstar herantasten.
Doch Jürgen Kling, Mitinhaber der Komparsenagentur "Wanted", warnt: "Die Komparserie ist kein Sprungbrett in die Filmkarriere." Die Berliner Agentur hat 7000 aktive Statisten im Computer, etwa ein Fünftel davon Studenten. Verzeichnet wird alles, von der Augenfarbe bis zum Anker-Tattoo überm Fußknöchel, vom Abendkleid in der Privatgarderobe bis zur Automarke in der heimischen Garage.
Dabei gibt es nichts, was die Regisseure von Spielfilmen, Serien, Werbespots und Musikclips nicht gebrauchen können. Der Bedarf reicht vom "behaarten Hintern", so Jürgen Kling, bis zum Rocker samt Lederkluft und Maschine, vom Neugeborenen bis zum Japaner im Business-Look. Grundsätzlich gilt: Die erforderliche Garderobe sollten die Statisten selbst mitbringen.
Der Berliner "Komparsenservice" bringt den angehenden Hintergrund-Star in die Karteien von gleich 19 Casting-Agenturen - gegen eine Gebühr von 150 Euro. Die Tagesjobs fallen laut Sozialgesetzbuch in die Rubrik "geringfügige Beschäftigung" - erlaubt sind nicht mehr als 50 Drehtage im Jahr. Am Set erhalten die Jobber ihre Gage nach der Arbeit bar auf die Kralle. Nachtdrehs, mitgebrachte Requisiten wie etwa ein Hund oder auch eine winzige Sprechrolle werden extra bezahlt.
"Oh mein Gott, hol doch mal jemand den Arzt" - an ihren einzigen vor der Kamera gesprochenen Satz kann sich die Französischstudentin Marthe Stoll, 21, noch gut erinnern. Ihre Erfahrung nach zehn Drehs: "Pünktlich sein, Handy ausschalten, nicht im Weg stehen, nie in die Kamera schauen, niemanden ungefragt ansprechen und bloß nicht fragen: Wie lange dauert das denn noch?"
Bei Film und Fernsehen ist das Gefälle zwischen Stars und Statisten besonders stark ausgeprägt. Keine Sekunde, an der das Fußvolk nicht an die strenge Hackordnung erinnert wird. "Das Team darf immer zuerst ans Büfett. Wir Komparsen kriegen, was übrig bleibt", so Marthe Stoll. "Einmal mussten wir sogar um die Ecke gehen, damit wir nicht sehen konnten, wie sich die Promis den Bauch voll schlagen."
Von ULLA HANSELMANN

UniSPIEGEL 4/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Mögliches Impeachment gegen Trump: "Die Sache ist längst nicht gelaufen"
  • Nancy Pelosi zu Impeachment-Anhörung: "Trump hat seinen Amtseid verletzt"
  • Skydiving: Tanz im freien Fall
  • Friedrich Merz auf dem CDU-Parteitag: "Ich bin dabei!"