21.10.2002

denk mal!DES PUDELS KERN

Die Studenten der Georg-August-Universität Göttingen können von Glück sagen, dass ein Absolvent ihrer Hochschule die Wahl gewonnen hat. Der ehemalige Jurastudent Gerhard Schröder (1966 bis 1971) schenkt seiner Alma Mater einen Professor. Gut, es ist nur ein "Kulturpudel", wie der Kanzler den "Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien" gerufen haben soll. Aber der Pudel namens Julian weist ja zu Recht darauf hin, dass Schröder damit nur sein gelocktes Haupthaar gemeint haben könne, mithin nur die Frisur, nicht die Kultur. Also, Nida-Rümelin ist wieder in Göttingen. 1998 hatte die Uni den Philosophie-Professor für sechs Jahre beurlaubt, damit er Kulturreferent in München werden konnte. Nach zwei Jahren schon stieg er zum Kulturstaatsminister in Berlin auf. Kaum aber hatten der Kanzler und Nida-Rümelin die Wahl gewonnen, behaupteten die Göttinger Kollegen, es sei "ein großes Opfer", den Philosophie-Lehrstuhl weiter mit einer Vertretung zu besetzen: "Wir können auf Gelehrte Ihres Ranges nicht verzichten." Die Sache ist nämlich so: Kulturstaatsminister kann praktisch jeder hergelaufene Pudel werden, ein Philosophie-Professor aber ist faktisch unersetzbar. Dass "unser Land eine gute Philosophie bestimmt sehr viel dringlicher braucht als einen Bundeskulturminister", meint auch Hans Zehetmair, der bayerische Wissenschaftsminister, den unser Land natürlich ebenfalls dringlich braucht. Endlich kann Professor Nida-Rümelin wieder seine geliebte "Nikomachische Ethik" lehren, in der Aristoteles sagt: "Es ist unmöglich, zum mindesten nicht leicht, durch edle Taten zu glänzen, wenn man über keine Hilfsmittel verfügt" (Des Pudels Behörde verfügt nur über 190 Beamte und 950 Millionen Euro Etat). "Lässt sich doch vieles nur mit Hilfe von Freunden, von Geld und politischem Einfluss erreichen." Daran hat es wohl in Berlin gefehlt. Und wahrscheinlich ist dem Kanzler diese ewige Latinisiererei in seiner Umgebung auch ganz schön auf den Geist gegangen. Der unglückselige Fraktionschef Ludwig Stiegler, der George W. Bush mit Julius Cäsar verglich, und dann dieser Julian mit seinem "Engagement für die Res Publica" und dem "conditio sine qua non", dass er nach der Politik wieder Professor werden kann. Und da wünscht der Pudel dem Bundeskanzler auch noch zum Abschied "nicht nur kulturpolitisch - virtù". Was soll das denn heißen? Das ist ja italienisch. Und heißt wahlweise Mut. Oder Tugend.
Von Michael Schmidt-Klingenberg

UniSPIEGEL 5/2002
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