21.10.2002

studierenDIE DUNKELKAMMER LOCKT

DAS FOTOGRAFIE-STUDIUM ENTWICKELT SICH ZUR KUNST ­ DOCH DIE KONKURRENZ UM JOBS IST HART.
Der letzte Teil der Diplomprüfung in Fotografie stellt noch einmal besondere Anforderungen. Die 15 Studierenden der Fachhochschule Bielefeld glänzen bei der Präsentation ihrer Diplomarbeiten auch mit originellem Catering.
Die eine stellt Weißwein und Fingerfood bereit, der andere bietet in dem zur Galerie umdekorierten Seminarraum "home made cookies" an. Sogar ein kleiner Staatsempfang wird abgehalten vor den Theater-Fotos des Libyers Hakim Madi, mit kalten Platten eines benachbarten Hotels und einem eigens aus Berlin angereisten libyschen Botschaftsmitarbeiter.
Einen Raum weiter wird es dunkel. "Ewig lockt die Nacht" nennt Petra Konschak, 32, ihre Arbeit in Erinnerung an die Golden Twenties in Berlin: Roter Samt und schummriges Licht sind das Dekor für ihre Fotos aus Nachtclubs und Varietés. Nicht nur die Fotografie, die Präsentation zählt ebenso beim Diplom.
Auch die Installation von Nicola Bisom, 25, die ihr Diplom in Modefotografie macht, ist raffiniert konzipiert: Sie posierte neben bekannten Fotografien des 20. Jahrhunderts und ließ sich von einer Stylistin mit Make-up und Outfit den abgebildeten Größen nachempfinden - etwa als Marilyn Monroe oder als Model von Nick Knight.
Traumberuf Fotograf? Berühmte Vorbilder wie der Kriegsreporter Robert Capa, der Model-Bildner Helmut Newton oder die Porträtfotografin Annie Leibovitz beeindrucken noch immer. Etwa 500 ausgebildete Fotografen verlassen jährlich die über 50 deutschen Fachhochschulen und Universitäten mit entsprechenden Studiengängen.
Mit ihren aufwendigen Mappen voller Hochglanzabzüge ernten sie beim Rundgang durch Werbeagenturen und Redaktionen zwar freundliches Lob von Artbuyern und Bildredakteuren, aber immer seltener kommt ein Auftrag oder gar ein Job dabei heraus.
Werbewirtschaft und Presse leiden unter der Anzeigenkrise, die Konkurrenz unter den Fotografen wird immer härter, weil eine kleine Zahl großer Fotoagenturen zunehmend den Markt beherrscht. Berufsanfänger müssen enorm investieren, zumal sowohl die herkömmliche Technik als auch eine digitale Ausrüstung nötig sind, um überhaupt wettbewerbsfähig zu sein.
Beim Internationalen Festival des Foto-Journalismus im südfranzösischen Perpignan in diesem Spätsommer drängelten wieder Tausende jobsuchender, oft hochtalentierter Fotografen aus aller Welt um die Artdirektoren und Bildbeschaffer der großen Magazine, präsentierten bewegende, teure Reportagen über das Schicksal der Magersüchtigen oder das harte Dasein der Minenarbeiter in Südafrika - und wurden meist wie lästige Bittsteller abgewimmelt.
Leicht können angehende Fotografen zu den Arbeitslosen werden, über die sie gerade eine engagierte Bildstrecke produzierten. Kaum eine Biografie verläuft heute ungewisser als die eines jungen Menschen, der sich in den Kopf gesetzt hat, Fotograf oder Fotografin zu werden.
Nicht jeder Fotofan muss allerdings Fotograf werden, besonders wenn das Talent doch nicht reicht. Für solche Fälle stehen andere Berufe offen, die ebenso interessant und attraktiv sein können: Bildrecherche, Bildbewertung, grafische Bildbearbeitung und die historische Aufarbeitung von Fotografien bergen eine Vielfalt von beruflichen Möglichkeiten, für die es allerdings nur wenige und unzureichende Studiengänge gibt.
Fotograf an sich ist heute freilich auch noch kein Beruf. Die Fotografie ist nur ein Werkzeug, um eine Idee bildnerisch darzustellen. Mit der Vermittlung von Wirklichkeit hat sie häufig nicht viel zu tun. Mit digitaler Bildbearbeitung lässt sich jede gewünschte Realität herstellen. Das Medium hat seine scheinbare Authentizität eingebüßt - und sich dabei auch emanzipiert: Es ist zu einem autonomen Bildmittel geworden.
Das eröffnet auch neue berufliche Möglichkeiten im Bereich von Kunst, Design, Grafik oder Internet. Übersichtlicher wird der Berufsweg dabei nicht. "Wer sich dazu entschlossen hat, Fotografie zu studieren", schreibt der Journalist Denis Brudna in einer fundierten Broschüre über das Fotografiestudium*, "gleicht einem Wanderer, der sich ohne Stadtplan aufmacht, eine fremde Metropole zu erforschen."
Nur einige der zahlreichen Fachhochschulen und Kunstschulen bieten
eine eigenständige, umfassende fotografische Ausbildung an, bei vielen ist sie ein integrierter Teilbereich und kann nur im Zusammenhang mit Grafikdesign studiert werden. An keiner Schule geht es um die rein technisch-handwerkliche Ausbildung, überall begleiten theoretische Fächer die Praxis.
Die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, mit knapp 110 Jahren die älteste Ausbildungsstätte für Fotografie in Deutschland, hat das breiteste Spektrum. Kunst- und Mediengeschichte sowie philosophische Themen nehmen viel Platz im Vorlesungsverzeichnis ein. "Ich bilde Künstler aus", sagt Timm Rautert, Professor für Fotografie.
Rautert und seine Kollegen motivieren die Studierenden zum Erarbeiten eigener künstlerischer Positionen und Konzepte. Besonders in den ersten beiden Studienjahren wird in den gut ausgestatteten Werkstätten jedoch auch erst mal das Handwerk erlernt, sowohl in klassischer Fotografie als auch in den neuen digitalen Medien.
Im Vergleich zum harten Wettbewerb auf dem Pressemarkt hat sich die künstlerische Fotografie in den vergangenen Jahren durchaus zur beruflichen Alternative entwickelt. Sammler, Galerien und Museen haben einen lukrativen Markt für Bildkunst geschaffen. Die diesjährige Documenta hat Hunderttausende von Besuchern mit einem breiten Angebot an Fotos und Videoinstallation angelockt.
Die Leipziger Absolventen können nach ihrem zehnsemestrigen Studium zur Diplomprüfung ausstellungsreife Arbeiten präsentieren, die auf dem Kunstmarkt bestehen. Ricarda Roggan, 30, hat Zurückgelassenes aus Abbruchhäusern und öffentlichen Gebäuden gesammelt: Tische, Stühle, Betten aus alten DDR-Zeiten. Zu Skulpturen zusammenge-pfercht, mit Plastikhüllen überzogen und dann fotografiert, ergeben sie eigenartige Bilder, die den Abschluss einer Epoche veranschaulichen. In einer anderen Präsentation zeigt Roggan, inzwischen Meisterschülerin, Fotos von diesen Möbeln, als Sitz- oder Wohngruppen neu zusammengestellt, vor kargen Wänden, reduziert auf die eindeutige Funktion des Mobiliars.
Das Kunstwerk ist nicht die Installation, sondern das fotografische Dokument. "Sind Sie Künstlerin?" - "Ich glaube ja", antwortet Ricarda Roggan, und ihre Liste von Gruppen- und Einzelausstellungen belegt, dass ihre Entscheidung für diesen Beruf richtig war.
Ihre Kollegin Ebba Dangschat beweist mit ihrer Diplomarbeit, dass die Leipziger Schule wirklich alle Freiheiten gewährt - auch kommerzielle. Denn ihre Serie über die bevorzugten Lesenischen berühmter Zeitgenossen ist eindeutig für die unmittelbare Vermarktung in Magazinen geschaffen.
Im Leipziger Literaturinstitut stellt sie eine Auswahl großformatiger Farbprints aus. Porträts, Interieurs und Interviews sind jeweils einem leidenschaftlichen Leser gewidmet wie Otto Sander, Guido Westerwelle oder Volker Schlöndorff - mal im Arbeitszimmer, mal in der S-Bahn, am Strand oder im eigenen Archiv. Das Thema lässt sich beim großen Bedarf an Illustrationen etwa für die zahllosen Publikationen zur Buchmesse gut verkaufen - Ebba Dangschats Fotos erschienen im Bücher-Spezial des SPIEGEL.
Wer an einer Hochschule Fotografie studiert, muss eine Menge lernen, bevor er auf den Auslöser drücken darf. Fotostudierende im Bereich Design der Fachhochschule Bielefeld etwa befassen sich erst mal zwei Jahre lang mit Zeichnen, Schrift und Typografie, mit Film- und Fotografiegeschichte und anderen Gestaltungsgrundlagen. Im Hauptstudium sind sie dann um so freier in der Wahl der Schwerpunkte. "Das Wichtigste an der Schule ist, dass man machen kann, was man will. Man wird dabei ziemlich allein gelassen, muss alle Probleme selbst lösen, aber davon habe ich am meisten profitiert", meint Holger Egbers, 30. Selbstbewusst posiert er vor überlebensgroßen, unwirklich erscheinenden Mädchenporträts, an denen er durch digitale Bearbeitung die verschwimmenden Grenzen zwischen alter und neuer Fotografie demonstriert - zwischen dem, was wir für wahrscheinlich halten und was digital manipulierbar ist.
Doch nicht nur die künstlerische Individualität ist in Bielefeld gefragt. Die Professoren legen großen Wert auf gemeinsame Projekte und lassen die Teamarbeit üben, wie etwa beim Anwerben von Sponsoren für Geld- und Sachmittel oder beim Konzipieren von Büchern und Ausstellungen zusammen mit Textautoren.
Roman Bezjak lehrt im Bereich FotoJournalismus. Der weit gereiste und preisgekrönte Professor, bekannt durch seine Reportagen im "FAZ-Magazin", "Geo" und "Merian", hat seine Studenten auf ein Großunternehmen zum Thema Europa angesetzt, das "6-Wege-Projekt". Sechs Studenten wählten jeweils ein vorgesehenes EU-Beitrittsland: Polen, Ungarn, Tschechien, Slowenien, Zypern und Litauen. Das Ergebnis ist ein opulenter Bildband, begleitet von einer Ausstellung - zugleich Teil der Diplomprüfung für Fotografen und Grafikdesigner.
Die Bielefelder Absolventin Sibylle Fendt hat für ihre Diplomarbeit ein sehr eigenes Thema ausgesucht: Ihre Fotoserie "Uneins" handelt von "Messies", Menschen, die alles sammeln und nichts wegwerfen können. In kunstvoll durchgearbeiteten Abzügen von großformatigen Farbnegativen stellt sie Menschen dar, die keine Harmonie zwischen sich und ihrer Umgebung herstellen können. Fendt gibt der technischen Ausbildung an ihrer Schule kein übermäßiges Gewicht, obwohl sie die langen Abende im Farblabor durchaus mochte. "Man ist gezwungen, noch einmal viel Zeit mit den geliebten Bildern, den Negativen und Abzügen zu verbringen, das hat etwas Kontemplatives."
Sie ist mit ihrem Studienabschluss durchaus zufrieden: Ihre Schau wurde auf der diesjährigen Photokina gezeigt und wird auf der Art Cologne zu sehen sein, außerdem hat sie für die Serie den Kodak-Nachwuchspreis bekommen. Sie will in Leipzig noch weiter studieren und sich zunächst um Preise und Stipendien bewerben - so kann sie zunächst noch außerhalb der harten Medienbranche existieren.
Wer Fotografie dagegen immer noch eher als Handwerk denn als Kunst betrachtet, ist in München an der richtigen Adresse. Von hier kommen die besten Industrie- und Werbefotografen. Viele Absolventen wurden später berühmt: Reinhart Wolf etwa, der den jungen Studienanfängern als Namensgeber eines begehrten Fotopreises bekannt ist. Die als "Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie" vor über 100 Jahren gegründete Fachakademie für Fotodesign ist jüngst in die Fachhochschule München integriert worden. Das erhöht den Wert der Abschlussprüfung. Mit einem Diplom lässt sich ein Aufbaustudium im Ausland leichter an.
Traditionell verläuft das Studium sehr viel praxisorientierter als an jeder anderen Schule. Das vierte Semester ist ein regelrechtes Praktikum in einem professionellen Studio. Es werden echte Aufträge zu echten Bedingungen erledigt, sowohl in analogen als auch in digitalen Techniken. Soeben ist der jährliche Umweltbericht von DaimlerChrysler erschienen - eine gemeinsame Auftragsarbeit von Studenten der einstigen Fachakademie für Fotodesign und weiteren deutschen, amerikanischen und japanischen Hochschulen.
Da muss wie im richtigen Zeitungsleben auf Termin gearbeitet werden. Pünktlichkeit und Qualität sind gefragt. Das Ergebnis, ein professionell gestaltetes Magazin, wurde stolz auf dem Umweltgipfel in Johannesburg verteilt.
Dankbar erinnern sich die Absolventen an die harte Münchner Schule, etwa bei der Professorin Renate Niebler, die sowohl praktische Fächer wie Porträt und Bild-Journalismus unterrichtet als auch Theorie. "Ich habe am meisten von ihrer strengen und kompromisslosen Kritik profitiert", sagt Slavica Ziemer, eine erfolgreiche Fotografin. 30 Leute mussten die gleiche Aufgabe lösen, wie etwa "Realität und Fiktion im Porträt". In der Gruppe wurde das Thema heftig diskutiert. Dann aber war jeder Studierende auf sich gestellt: "Man musste seinen Weg allein machen." Wie in der Praxis eben.
* Denis Brudna und Anna Gripp: "Fotografie-Studium inDeutschland". Deutsche Gesellschaft für Photografie Köln;Schutzgebühr 10 Euro.
Von Christiane Gehner

UniSPIEGEL 5/2002
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