21.10.2002

arbeitenTRINKEN AUF DIPLOM

HARTE ARBEIT ZWISCHEN DEN REBEN, HOCHKONZENTRIERTES VERKOSTEN IM WEINKELLER: DAS STUDIUM DER ÖNOLOGIE WIRD IMMER BELIEBTER.
Bei Studentenfeten dürfen ein paar gut gefüllte Kisten Bier in der Regel nicht fehlen. Doch wenn Markus Greulich, 29, mit seinen Kommilitonen was zu feiern hat, genießt er mit ihnen den langen Abgang eines guten Burgunders. "Bier? Fehlanzeige. Wir trinken lieber Wein", sagt Markus Greulich.
Meist bleibt es nicht beim Trinken: Fachsimpeln über Farbintensität, Gerbstoffgehalt und Reintönigkeit des Rebensafts gehört im Freundeskreis des Studenten der Fachhochschule Wiesbaden zum Party-Small-Talk wie anderswo der Tratsch über das Mensa-Essen.
Regelmäßig am Weinglas zu nippen geht bei Markus Greulich ohne weiteres als Weiterbildung durch. Der Unterfranke studiert im siebten Semester Weinbau und Önologie (Weinherstellung) in Geisenheim. In dem von rebenbewachsenen Hügeln eingefassten Städtchen im hessischen Rheingau, einem der renommiertesten deutschen Weingebiete, ist eine Außenstelle der Wiesbadener Fachhochschule (FH) beheimatet.
In der deutschen Hochschullandschaft sind die Geisenheimer Weinbau-Eleven wahre Exoten: Nirgendwo sonst in der Republik kann man ein Diplom als Weinbau-Ingenieur erlangen. Wer sich - wie die rund 100 Studienanfänger in diesem Semester - für Weinbau einschreibt, muss sich auf ein arbeitsintensives und bei aller Praxisnähe stark wissenschaftlich orientiertes Studium gefasst machen.
Ina Rogenwieser, 23, hat es fast geschafft und mit ihrer Diplomarbeit begonnen. Die nächsten Wochen und Monate wird sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem Botrytis cinerea - dem Grauschimmelpilz - widmen. "Das ist ein Pilz, der in jedem Wingert natürlich vorkommt. Ich will herausfinden, mit welchen Methoden man das Pilzwachstum am besten forcieren kann", erklärt die Studentin.
Denn wer seinem Wein eine gute Portion Edelsüße verleihen will, kann gar nicht genug Pilzsporen auf seinen Beeren haben: Sie trocknen die Früchte aus und fördern so die Zuckerkonzentration. Die Untersuchungsergebnisse könnten so Ina Rogenwiesers Vater nützen, der im pfälzischen Kirchheim selbst edelsüße Tropfen produziert.
Als Ina vor sieben Semestern nach Geisenheim kam, schien so viel praktischer Nutzen noch in weiter Ferne. "Ziemlich trocken" gehe es im dreisemestrigen Grundstudium los: mit Fächern wie Botanik, Physik, Chemie und Mathematik oder Einführungsveranstaltungen in Technik und Weinbau.
Im auf fünf Semester begrenzten Hauptstudium stehen dann sämtliche Facetten des Weinanbaus und der Weinherstellung auf dem voll gepackten Stundenplan. Dazu gehören Themen wie Bodenbearbeitung, Rebenzucht und Pflanzenschutz ebenso wie Gärlenkungsverfahren, die Funktionsweise von Füll- und Verpackungsanlagen oder Marketingstrategien und Personalführung.
Die hohe Kunst der Degustation lernen die Studenten in der Sensorikübung von Dozent Friedrich Zürn: Sie üben, minimalste Farbunterschiede von Flüssigkeiten zu erkennen, ihre Geschmacksnerven an Salz-, Bitter- und Säurelösungen auszubilden, um einmal Fehltöne im Wein, aber auch Rebsorten, Qualitätsstufen und Anbaugebiete herauszuschmecken. "Das ist eine hochkonzentrierte Angelegenheit - mit weinseligen Stunden, wie viele meinen, hat das nichts zu tun", so Zürn.
Mehr als die Hälfte der Geisenheimer Studenten wissen sehr genau, worauf sie sich mit ihrem Fach einlassen: Sie sind auf einem Weingut in der Pfalz, in Franken oder in einer der übrigen deutschen Weinbauregionen groß geworden und haben die Arbeiten rund um die Produktion des aromatischen Rebensafts von Kindesbeinen an kennen gelernt.
Wer nicht das Glück hatte, als Kind zwischen Silvaner-, Riesling- oder Grauburgunderreben herumzukrabbeln, gilt unter den Geisenheimern als Quereinsteiger - und muss sich angesichts der komplexen Materie deutlich mehr ins Zeug legen.
Doch ganz ahnungslos kommt keiner auf das Geisenheimer Campusgelände, über dem zur Erntezeit der süßlichschwere Duft von vergorenen Trauben liegt: Ein sechsmonatiges Praktikum in einem weinverarbeitenden Betrieb oder eine zweijährige Ausbildung zum Winzer oder Küfer ist Voraussetzung für das FH-Studium.
"Wir empfehlen unseren Bewerbern eine Lehre", sagt Otmar Löhnertz, Dekan für den Fachbereich Weinbau und Getränketechnologie. Der Vorteil: Die angehenden Weinakademiker lernen einen gesamten Vegetationszyklus und alle in einem Weinbetrieb anfallenden Arbeiten kennen. Dazu gehört auch Fässer schrubben, Weine umpumpen, tagelang in gebückter Haltung Reben anbinden: "Als junger Ingenieur muss ich das nicht mehr selbst machen. Aber ich weiß dadurch, was ich später meinen Angestellten zumuten kann", sagt Wilfried Dieterich, Student im fünften Semester.
Weinbau scheint schick zu sein: In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Zahl der Studienanfänger im Studiengang Weinbau und Getränketechnologie verdoppelt. Der Dekan vermutet, dass die blühende Weinkultur in Deutschland auch den Weinbaustudiengang attraktiver macht.
Die Stärke der Geisenheimer Ingenieurausbildung sieht der Weinbau-Professor vor allem in der ausgeprägten Verbindung von Forschung und Lehre. Sie sorgt für wissenschaftlichen Tiefgang, außerdem haben die Studenten so Zugang zu neuesten Forschungserkenntnissen und Innovationen. Beides macht den Qualifikationsvorsprung eines Weinbauingenieurs gegenüber einem Winzermeister aus.
An der FH wird die Führungselite der deutschen Weinbranche herangezogen. Zu den klassischen Aufgaben der Ingenieure zählen die Leitung von Weingütern, Winzergenossenschaften oder Vermarktungsorganisationen. Aber auch in angrenzenden Branchen wie etwa der Kork- oder Pflanzenschutzindustrie, in den Weinbauämtern oder bei Herstellern von Abfüllanlagen sind Weinbauabsolventen gefragt.
Wer Tochter oder Sohn eines Winzers ist, arbeitet zumeist auf die Übernahme des elterlichen Betriebs hin. So hat sich auch Markus Greulich vorgenommen, die Qualität der heimischen Produktion zu steigern. Seiner Meinung nach ist das die einzige Chance deutscher Winzer, um auf dem international hart umkämpften Markt bestehen zu können. Sein Ziel: "Ich will einmal einen Wein machen, der richtig einschlägt."
Von ULLA HANSELMANN

UniSPIEGEL 5/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


UniSPIEGEL 5/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 01:14

El Salvador Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus

  • Video "Anti-Brexit-Demo: Ich mache das für meine Kinder" Video 01:50
    Anti-Brexit-Demo: "Ich mache das für meine Kinder"
  • Video "Demos gegen Syrien-Offensive: Die ganze Welt schaut zu" Video 01:30
    Demos gegen Syrien-Offensive: "Die ganze Welt schaut zu"
  • Video "Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen" Video 04:59
    Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen
  • Video "Rede von Theresa May: Ich habe ein deutliches Déjà-vu" Video 02:40
    Rede von Theresa May: "Ich habe ein deutliches Déjà-vu"
  • Video "Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen" Video 02:25
    Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen
  • Video "Medienberichte: Aufregung um rätselhaften Blob im Zoo von Paris" Video 01:15
    Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Video "Lage in Nordsyrien: Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen" Video 02:25
    Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Video "Videoanalyse aus Brüssel: Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden" Video 03:08
    Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Video "Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor" Video 01:19
    Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor
  • Video "Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause" Video 01:27
    Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Video "Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen" Video 01:39
    Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Video "Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling" Video 01:29
    Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling
  • Video "Videoanalyse zum Brexit-Deal: Für Johnson wird es sehr knapp werden" Video 01:39
    Videoanalyse zum Brexit-Deal: "Für Johnson wird es sehr knapp werden"
  • Video "Versprecher von FDP-Chef Lindner: Thüringen statt Syrien" Video 00:53
    Versprecher von FDP-Chef Lindner: Thüringen statt Syrien
  • Video "Silberameise: Die schnellste Ameise der Welt" Video 00:52
    Silberameise: Die schnellste Ameise der Welt
  • Video "El Salvador: Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus" Video 01:14
    El Salvador: Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus