21.10.2002

lebenWARTEN AUF DEN WÜRFEL

DIE WOHNUNGSNOT ZU SEMESTERBEGINN IST DRAMATISCH. UNKONVENTIONELLE AKTIONEN SOLLEN PLATZ SCHAFFEN.
Einen Versuch war es wohl wert. Thomas Hamad, 21, setzt sein entwaffnendstes Lächeln auf: "Ich mache alles für das Zimmer." Vergebens. Wo nichts ist, da können die Mitarbeiterinnen des Studentenwerks Hamburg auch nichts vermieten. "Sie stehen auf unserer Warteliste, genau wie alle anderen", lautet die knappe Antwort. Keine Zimmer frei in Hamburg.
Wie dem jungen Franzosen geht es in der Hansestadt mindestens 2000 bislang obdachlosen Studenten. Für nur 8,2 Prozent der Hamburger Studenten stehen öffentlich geförderte Wohnplätze zur Verfügung, der Bundesdurchschnitt dieser so genannten Unterbringungsquote liegt bei 12,7 Prozent. Immerhin: Thomas Hamad ist in einem Zimmer auf dem freien Markt untergekommen. Für einen Monat, dann muss er raus, sagt er. Und dann? Er zuckt die Schultern.
Swantje Diekstall, 20, Erstsemester aus Goslar, steht schon zum siebten Mal am Schaukasten mit den Wohnungsangeboten. Jede Woche aufs Neue. Die Hoffnung auf ein Wohnheimzimmer hat die künftige Studentin der Sportwissenschaften aufgegeben. "Das kannste vergessen, da hat man gar keine Chance", meint sie. Also bleiben noch Privatunterkünfte und reguläre Mietwohnungen, und die sind oft zu teuer für den studentischen Geldbeutel. Für durchschnittlich 155 Euro im Westen und 135 Euro in Ostdeutschland bekommt der Studierende zwar ein Wohnheimzimmer, aber wohl kaum eine andere Unterkunft.
Wie jedes Jahr zu Semesterbeginn drängeln sich Nachwuchsakademiker in beliebten Universitätsstädten wie Hamburg, München, Stuttgart oder Heidelberg. Die Wohnheime sind voll, also wenden sich die Hochschulen verstärkt an Privatleute, um die Wohnungsuchenden von der Straße zu holen.
Das Studentenwerk Freiburg setzt bei der Suche nach Quartieren für die junge Generation auf ältere Semester. "Wohnen für Hilfe" heißt die Aktion, und die funktioniert so: Senioren stellen Zimmer zur Verfügung, der Mieter übernimmt als Gegenleistung Hilfsdienste. Motto: Zwischen ein Sprachwissenschaftsseminar und eine Geschichtsvorlesung passt sicher noch ein Einkauf, Fahrdienst oder Gassigehen mit dem Hund.
Ein Quadratmeter Wohnfläche entspricht einer Stunde Hilfe im Monat, die Leistungen werden vertraglich vereinbart. 200 Studenten haben sich gemeldet, acht Paare wollen es miteinander versuchen. Eine Massenbewegung habe das Angebot zwar bisher noch nicht ausgelöst, aber "das muss sich auch erst noch herumsprechen", meint Studentenwerksprecher Ulrich Stelter.
"Notfall!" steht auf dem Zettel am Fenster eines alten VW-Käfer in München. "Student sucht Zimmer!" Hinter der Scheibe: eine schlafende Studentin inmitten ihrer gesammelten Habe. Mit pfiffigen Plakaten machen wohnungslose Studis in der beliebten Süd-Metropole auf sich aufmerksam und suchen so den Zugang zu privatem Wohnraum. "Bitte vermieten Sie Zimmer und Wohnungen an Studierende - oder direkt an das Studentenwerk München", appellieren unter anderen Oberbürgermeister Christian Ude und der bayerische Wissenschaftsminister Hans Zehetmair. Ähnliche Aktionen laufen in Darmstadt und Heidelberg.
Die Zimmerknappheit gefährdet auch die allgemein erwünschte Internationalisierung der deutschen Unis. Denn unter der Wohnungsnot leiden vor allem ausländische Studenten. Die verfügen in der Regel über weniger Geld als ihre deutschen Kommilitonen und müssen zudem mit Vorurteilen kämpfen. Einige Hochschulen haben bereits die Austauschprogramme zurückgefahren, weil die Studenten keine Bleibe finden.
Das Deutsche Studentenwerk (DSW) schätzt, dass in Deutschland rund 20 000 Wohnheimplätze für ausländische Studenten fehlen. Es gibt zwar noch Quartiere in Leipzig oder Erfurt, aber traditionelle Akademiker-Hochburgen gerade in Westdeutschland melden Überfüllung. In Hamburg müssen Ausländer im Schnitt drei bis sechs Monate auf eine Unterkunft warten. "Ein Riesenproblem", so DSW-Generalsekretär Dieter Schäferbarthold.
Das sieht Klaus Landfried, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, ähnlich. Die Hochschulen werben zwar mit dem millionenschweren Programm "Gate Germany" im Ausland um "die bes-ten Köpfe in der Wissenschaft", müssen die Interessenten dann aber mit der Zimmerfrage weitgehend allein lassen. Wenn das Problem nicht bald geklärt wird, will Landfried den Vertretern der betroffenen Hochschulen auf der Plenumssitzung am 5. November empfehlen, aus der Werbung auszusteigen. Derzeit sind an "Gate Germany" über 100 Hochschulen beteiligt. Die Maßnahmen sind Teil der Aktion "Internationales Marketing für den Bildungs- und Forschungsstandort Deutschland", die das Bundesbildungsministerium mit fast 18 Millionen Euro finanziert.
Eine Staatssekretär-Arbeitsgruppe mit Vertretern aus Bund und Ländern sucht schon seit längerem Mittel für zusätzlichen Wohnraum. Laut DSW müssen rund 860 Millionen Euro über einen Zeitraum von sechs Jahren beschafft werden, die Hälfte davon aus öffentlicher Hand. Die Diskussion ums Geld gestaltet sich wegen der unterschiedlichen Betroffenheit der Länder schwierig, die Unterbringungsquote reicht von 5,7 Prozent in Bremen bis 22,3 Prozent in Sachsen. Bisher haben sich Bund und Länder nicht einigen können, weitere Beratungen stehen im Dezember an.
Eine schnelle und flexible Lösung des Wohnraumproblems verspricht da eine Arbeitsgruppe des Instituts für Entwerfen und Bautechnik der Technischen Universität München. In Zusammenarbeit mit dem Studentenwerk haben die Wissenschaftler das "I-Home" ersonnen. Arbeitszimmer, Bad, Schlafraum - und das alles in einem Würfel mit einer Seitenlänge von 2,55 Metern. Nach den Vorstellungen der Macher sollen die leicht transportablen Miniheime bei Bedarf von einer städtischen Brachfläche zur nächsten wandern und so den - wenn auch nur vorübergehend - vorhandenen Raum ausnutzen.
Ein lebensgroßes Modell existiert bereits. Probegeschlafen hat in der Wohnschachtel noch niemand, aber wenn im Frühjahr der Prototyp fertig ist, soll das nachgeholt werden, verspricht Projektleiterin Lydia Haack. Angst vorm Kistenkoller der künftigen Bewohner hat sie nicht: "Studenten geben sich mit kleinsten Lösungen zufrieden."
Von Friederike Freiburg

UniSPIEGEL 5/2002
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