21.10.2002

Wie gehtsFrage: „Wie geht's?“ Carsten: „Etwas angespannt.“

Was ist los?
Bei der Bundestagswahl ist in der Gemeinde was schief gelaufen - uns sind die Wahlzettel ausgegangen.
Das ist ein Scherz!
Nein, ernsthaft, das gab einen ziemlichen Wirbel. Es hat eine halbe Stunde gedauert, bis aus dem Nachbarort neue Zettel herangeschafft worden waren - und das zwei Stunden vor Wahlschluss. Zwischendurch standen bestimmt 20 Leute bei mir im Büro, die wählen wollten und nicht konnten. Einige waren sauer und sind wieder gegangen. Aber was sollte ich machen? Ich konnte sie ja nicht einsperren, damit sie wählen. Einem habe ich sogar meinen Wahlzettel gegeben, damit der sein Kreuz machen konnte.
Und: Gab's Ärger?
Klar, mir wurden Vorwürfe gemacht, ich hätte zu wenige Wahlzettel bestellt, zu spät reagiert und so. Dabei war unsere Gemeinde für die Bestellung der Unterlagen gar nicht zuständig. Aber es ist ja immer das Gleiche: Am Ende will keiner Schuld sein an der Panne. Und dann muss der Bürgermeister seinen Kopf dafür herhalten.
Warum hast du dich überhaupt zum Bürgermeister wählen lassen?
Der alte Bürgermeister hat mich überredet, der ging in Ruhestand und suchte einen Nachfolger. Ich hatte während meines Studiums im Rathaus ein Praktikum gemacht. Das lief gut, außerdem studierte ich ja Kommunal- und Landesverwaltung.
Und nebenbei hast du schon an einer Parteikarriere gefeilt?
Nein, aufgestellt hat mich der Sportverein, in dem ich seit 20 Jahren turne. Bei der Wahl habe ich 92 Prozent der Stimmen gekriegt. Aber ich war ja auch der einzige Kandidat.
Finden die Leute im Dorf dich nicht zu jung für das Amt?
Das war für viele anfangs schon ziemlich gewöhnungsbedürftig, für mich selbst ja auch. Und es gibt immer noch einige Ältere, die mich nicht richtig ernst nehmen, die denken: Der "Jungsche" bringt das nicht. Aber damit kann ich leben. Andere wiederum grüßen fast ehrfurchtsvoll den "Herrn Bürgermeister". Darüber muss ich dann schon wieder schmunzeln.
Was halten deine Freunde vom "Herrn Bürgermeister"?
Ein paar Kommilitonen an der Fachhochschule haben sich darüber lustig gemacht, und meine Ex-Freundin ist auch nicht damit klargekommen, Bürgermeisterfrau in Oberlichtenau zu sein, aber meine Freunde sind schon ziemlich stolz auf mich. Mit denen ziehe ich auch immer noch um die Häuser. Aber in der Kneipe volltrunken überm Tresen hängen - das geht natürlich nicht mit so einem Amt. Zumindest darf man sich nicht erwischen lassen.
Was machst du, wenn du nicht gerade Wahlzettel besorgen musst?
Na, erst mal habe ich ja einen ganz normalen Acht-Stunden-Job als Sachbearbeiter in der Nachbargemeinde. Wenn ich da Feierabend habe, geht's ins Rathaus, Post machen, mit der Sekretärin Termine absprechen, Bürger-Sprechstunde. Abends muss ich entweder in Gemeinderatssitzungen oder zu irgendwelchen Vereinen, ein paar Grußworte sprechen, oder was einweihen.
Schon mal Fehler gemacht?
Nein, ich hoffe, meine Wahl war kein Fehler.
Hast du Angst, nicht wiedergewählt zu werden?
Ich habe ja noch sechs Jahre vor mir. Aber ich weiß nicht, ob ich danach noch mal antrete. Ich will nicht unbedingt ewig im Ehrenamt bleiben.
Ach, du willst richtig politisch Karriere machen ... erst Oberlichtenau, dann Berlin?
Nein, ich fahre ganz sicher nicht morgen in die Hauptstadt und rüttel am Zaun des Kanzleramts. Aber vielleicht irgendwann in den Landtag zu gehen - das könnte ich mir schon vorstellen.

UniSPIEGEL 5/2002
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