03.02.2003

studierenDOPPELTES SPIEL

ZWEI TUNTEN AM KATHEDER: KRITIK AM WISSENSCHAFTSBETRIEB MIT WITZ UND FALSCHEN WIMPERN.
Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Warum sind wir hier? Bedeutsame Fragen der Menschheit, die Generationen von Philosophen beschäftigt haben. Die Dekanin der Eberhardt-Anbau-Scheibenschwenkpflug-Universität im schönen Brake an der Weser, Blessless Mahoney, und die Pröbstin der Elsa-Sophia-von-Kamphoevener-Fernuniversität, Katzen-Ellenbogen, Didine van der Platenvlotbrug, haben sich diesen und anderen Rätseln hingebungsvoll - und streng wissenschaftlich - gewidmet und sind auf bahnbrechende Erkenntnisse gestoßen.
Die Tunte, jenes Wesen, das von manchen schnöde als Mann in Frauenkleidern definiert wird, hat im Laufe der Evolution einen so genannten Stöckel-Fersen-Knöchel entwickelt; besonders lange Wimpern sind ein weiterer Vorteil im Überlebenskampf nach Darwin. Glück ist wie ein Schmetterling. Er kommt zu dir und fliegt davon - wie schon Nana Mouskouri 1977 zum Besten gab. Platons berühmtes Höhlengleichnis hängt unmittelbar mit der Reifung von schweizerischem Höhlenkäse zusammen. Platon war im Grunde der erste Schweizer.
Wenn das schrille Duo gerade mal nicht damit beschäftigt ist, neue Theorien zu entwickeln, die die Welt erklären, geht jeder seinen bürgerlichen Tätigkeiten nach. Didine van der Platenvlotbrug ist Geschäftsführer einer Marktforschungsagentur für Produktentwicklung und Trendforschung und tritt bei seinen Kunden schlicht als Daniel Plettenberg, 33, auf. Sein Anglistik- und Politikwissenschaftsstudium hat er schon vor geraumer Zeit abgebrochen.
Blessless Mahoney hat einen Studentenausweis auf den Namen Til Tessin. Til, 34, der gerade seinen Magister für Angewandte Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg gemacht hat und seine Promotion plant, wird von der Mehrheit seiner Freunde ausschließlich "Blessless" genannt. Beide können auf eine lange Karriere als Bühnenkünstler, Moderatoren und Autoren zurückblicken.
Seit fast zehn Jahren beglücken Blessless und Didine die Wissenschaftsgemeinde mit ihren unkonventionellen Betrachtungen der Welt, des Lebens und der Menschen und erobern sich eine ständig wachsende Fangemeinde. 1994 traten sie zum ersten Mal im Rahmen der Vorlesungsreihe "Jenseits der Geschlechtergrenzen" in der Universität Hamburg auf, Titel des Vortrags: "Die Tunte - Krönung der Schöpfung?!"
Die beiden wurden bekannt durch ihre Bühnenshows auf den Lesbisch-Schwulen Filmtagen, beim Kieler Tuntenrennen, ihre Tuntenworkshops an Universitäten ("Entdecke deinen T-Punkt") und ihre bundesweite Zeitung "Die Putte". Von 1990 an waren sie im Schwulenreferat des Hamburger Asta politisch aktiv und bald in der Szene ein Begriff. Die Initiatoren der Ringvorlesung, die von der AG LesBiSchwuleStudien/Queer Studies in Zusammenarbeit mit wechselnden Professoren der Universität Hamburg koordiniert wird, fragten die beiden, ob sie nicht eine Lesung halten wollen. Und so begann ihre Uni-Karriere.
1999, nach einer fünfjährigen kreativen Pause, legten sie so richtig los: "Face-Credibility, das postkopernikanische Modell einer neuen Ramifikation - oder: das Feng Shui gegen eine differenzierte Millennium-Obturation? Eine ziemlich multiplexe Betrachtung". Seitdem waren Blessless und Didine jedes Jahr Vortragende der Ringvorlesung.
Ihre Performances, die sie am liebsten "Action Lectures" nennen, bieten schräge Unterhaltung und mehr. Denn sie spielen ein doppeltes Spiel. Sie sind keine Männer in Frauenkleidern, die ein bisschen Quatsch machen. Sie stellen Dozentinnen dar, und diese Dozentinnen - die ziemlich viel Quatsch machen - haben etwas zu sagen. Die abgedrehten, völlig absurd wirkenden Titel, sind dabei Programm. Denn die inszenierte Pseudowissenschaftlichkeit gibt eine wunderbare Folie für ihre Wissenschaftskritik ab. Darüber hinaus wollen sie die Leute dazu bewegen, möglichst viel in Frage zu stellen: das herkömmliche Rollenverständnis auch in Hinblick auf Geschlechterrollen, Autoritäten, so genannte Wahrheiten.
"Wir wollen dem Universitätsbetrieb den Spiegel vorhalten: Guckt mal, wie komisch ihr seid", antwortet Didine auf die Frage, was das alles denn nun bezwecken soll. Blessless nickt gemessen, ausnahmsweise völlig einverstanden mit ihrer Kollegin. "In dem Augenblick, in dem ich vorn in einem Hörsaal agiere, habe ich automatisch Autorität. Es wird erwartet, dass ich eine Wahrheit zu verkünden habe. Dass ich da im Fummel stehe, ist ein Bruch, der Unsicherheit verbreitet. Die große Frage ist doch: Wer darf was und warum?"
Mit der Unsicherheit, der Irritation der Zuhörerschaft, spielen die beiden Tuntendarstellerinnen, wie sie sich selbst doppelsinnig manchmal nennen, meisterhaft. Dabei helfen ihnen ihre Professionalität, eine gute Portion Schlagfertigkeit, breite Allgemeinbildung und Sprachsensibilität. Fragen wie "Was soll der Blödsinn?" werden mit einem kühlen "Sie haben wohl nicht aufgepasst" abgeschmettert oder verstörte Nachfragen inhaltlicher Art ganz ernsthaft erörtert.
Improvisation ist eine weitere Zutat zum klugen Comedy-Mix. Bei einer Tagung von Sexualpädagogen in Münster änderten Didine und Blessless kurzfristig den Einstieg ihrer Show. In einem Seminarraum, der ihnen als Garderobe diente, hatten zuvor die Sexualpädagogen gearbeitet. Den Künstlern, die selbst sehr gern wilde Tafelbilder entwerfen, fiel die Wandtafel auf: Neben Stichwörtern wie "Akzeptanz des Anderen" oder "Abgrenzung üben" fanden sich auch die Formulierungen "Toleranz zwingen" und "Vielfalt aushalten". Eine Steilvorlage für die Sprachakrobaten. So organisierten sie sich kurz vor der Action Lecture eine Packung Merci-Schokolade, die "große Vielfalt", um die dann kommentarlos und genüsslich vor dem Publikum in sich reinzustopfen.
Die versammelten Sexualpädagogen reagierten verhalten. Viele verstanden die Anspielung wohl nicht. "Aber aushalten mussten sie es doch!", sagt Didine. "Ja, wir zwangen sie zur Toleranz", fügt Blessless triumphierend hinzu. Sie lieben so absurde Sprachkonstruktionen - wie an ihren Vorlesungstiteln unschwer zu erkennen ist.
Dabei soll die Aneinanderreihung von Fremdwörtern - die nach eigenem Gusto in bisher nicht gebräuchliche Zusammenhänge gestellt werden - einerseits die Sprache der Wissenschaft persiflieren. Andererseits kann das Duo sehr wohl erklären, worum es ihm geht. So diskutierten sie in der Millenniums-Obturation-Vorlesung im Mai 1999 die Tatsache, dass alle Welt vom bevorstehenden Jahrtausendwechsel völlig paralysiert war.
Obturation, eigentlich medizinisch für Verstopfung, wurde hier im Sinne von Lähmung, Blockade im Denken und Handeln verwendet. Dagegen hilft, laut den All-Round-Philosophinnen, ihre Methode der "Ramifikation". Der Begriff Ramifikation, aus der Botanik entlehnt ("Verzweigung bei Pflanzen"), beschreibt die Mahoney-van-der-Platenvlotbrugsche Methode des vielschichtigen, "verzweigten" Denkens, und so geht es munter weiter.
Die Vorbereitungen für die Vorträge der Tunten-Forscherinnen laufen 24 Stunden am Tag, fast 365 Tage im Jahr: "Wir gehen durchs Leben und sammeln Infos. Wie ein Bartenwal saugen wir alles in uns rein", erklärt Didine. Zwischendurch tauschen sie sich aus, Notizen werden gehortet und wieder verworfen. Vor dem Auftritt stehen eigentlich nur der Einstieg und das Ende fest. "Dazwischen kann alles passieren, wir beziehen das Publikum ja so viel wie möglich mit ein", sagt Blessless.
Das geht mitunter so weit, dass die Studenten über ihre Klappstühle klettern müssen: Bei einer Veranstaltung verteilten die Dozentinnen der anderen Art chinesische Glückskekse und ließen dann die Leute, die das gleiche Glück gezogen hatten, Gruppen bilden. Ein anderes Mal schrieben sie einen Preis für die schönste Vorlesungsmitschrift aus - und verteilten dazu briefmarkengroße Notizzettel.
Bei der nächsten Vorlesung in Hamburg am 5. Februar mit dem Titel "Identity Flux vs. Gravity" soll es wie immer lustig, aber auch kritisch zugehen. Die Tunten-Expertinnen sind nämlich mit der Entwicklung des Diskurses innerhalb der Wissenschaftsgemeinde zum Thema "queer studies" höchst unzufrieden. Der Begriff "queer" soll - im Gegensatz zu "Homosexualität" - keine eindeutige geschlechtliche Definition sein, um Diskriminierungen zu vermeiden. "Aber die Befürworter von >queer< vertreten ihre Auffassung so verbohrt und dogmatisch, dass dadurch ein neues Schubladendenken entsteht", sagt Didine. Und Blessless: "In diese Schublade will ich nicht."
Von Katharina Stegelmann

UniSPIEGEL 1/2003
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