14.04.2003

streiten„VON AMERIKA LERNEN“

STREITGESPRÄCH ZWISCHEN DEM HAMBURGER WISSENSCHAFTSSENATOR JÖRG DRÄGER UND DEM MEDIENWISSENSCHAFTLER KNUT HICKETHIER ÜBER DIE UNIREFORM
UniSPIEGEL:
Herr Senator Dräger, Sie haben Ihr Vordiplom an der Uni Hamburg gemacht, Ihr Studium abgeschlossen aber an der Cornell University, einer Elite-Hochschule im US-Staat New York. Was war besser in den Vereinigten Staaten?
Dräger:
Die Ausstattung der Uni natürlich, die Zahl der Professoren im Verhältnis zu den Studenten - besonders beeindruckt hat mich aber die Wertschätzung, die mir als Student entgegengebracht wurde. Ich hatte das Gefühl, als Studierender das Aushängeschild der Universität zu sein. Und das hatte nichts mit Geld zu tun.
UniSPIEGEL:
Sie haben eine Kommission eingesetzt, die Empfehlungen zur Hochschulreform veröffentlicht hat. Wollen Sie das amerikanische Uni-System auf Deutschland übertragen?
Dräger:
Nein. Es wäre unfair, eine staatlich finanzierte deutsche Großstadt-Universität mit einer privat finanzierten amerikanischen Elite-Einrichtung zu vergleichen. Aber wir können sicherlich einiges von den Amerikanern lernen.
UniSPIEGEL:
Zum Beispiel?
Dräger:
Wir sollten flächendeckend Bachelor- und Master-Abschlüsse einführen. Dadurch könnten wir einerseits die Studienzeiten reduzieren, andererseits erhielten die Absolventen Abschlüsse, die international anerkannt sind.
UniSPIEGEL:
Herr Professor Hickethier, weg mit dem Diplom, weg mit dem Staatsexamen - und schon geht es den deutschen Hochschulen besser?
Hickethier:
So einfach ist das sicherlich nicht. Erst einmal gebe ich zu bedenken: Der heutige Magister-Titel steht für Interdisziplinarität, denn jeder Studierende muss zwei Hauptfächer oder ein Hauptfach und zwei Nebenfächer wählen. Dies wird mit dem neuen Weg - Bachelor, Master - abgeschafft. Das ist fachliche Mono-Kultur.
Dräger:
Da muss ich widersprechen. Der Bachelor soll gerade breiter angelegt sein als das heutige Studium, erst in den letzten ein bis zwei Studienjahren werden sich die Studierenden auf ein Spezialgebiet konzentrieren. Der Bachelor muss sowohl die nötige Berufsqualifizierung als auch die geforderten Schlüsselqualifikationen vermitteln.
Hickethier:
Bei den heutigen BA-Studiengängen geht es aber immer nur um ein Fach, so ist das bundesweit.
UniSPIEGEL:
Einerseits soll das Bachelor-Studium kürzer sein, andererseits in die Breite gehen und darüber hinaus noch eine Spezialisierung bieten - wie soll das zusammengehen?
Dräger:
Ein universitäres Studium muss verstärkt Methodenwissen vermitteln. Heutzutage ist es entscheidend, erlerntes Wissen auf andere Gebiete transferieren zu können. Fakten verlieren in einer beschleunigten Welt schnell ihre Bedeutung.
UniSPIEGEL:
Jedenfalls soll der Bachelor-Abschluss auch ein Mittel sein, um die hohen Abbrecherquoten an den Unis zu senken.
Dräger:
Die Reformkommission hat errechnet, dass nur jeder zweite Student in Hamburg sein Studium abschließt. In den Geistes-, Kultur- und Sprachwissenschaften sind es sogar nur 29 Prozent!
Hickethier:
Das stimmt so nicht! Bei diesen Zahlen handelt sich um Studienschwund, nicht um Studienabbruch. Gemeint sind alle Studierenden, die an der Uni Hamburg in einem Fach anfangen und ohne Abschluss abgehen - weil sie an eine andere Hochschule wechseln, weil sie sich für ein anderes Fach einschreiben, weil es sie ins Ausland zieht - oder weil sie womöglich das Studium abbrechen.
Dräger:
Gut, richtig, es handelt sich um Studienschwund. Der ist aber gerade Indikator für mangelnde Qualität und Attraktivität eines Studiums.
Hickethier:
Das ist aber entscheidend. Wir kommen bei den Sprach- und Kulturwissenschaften an der Uni Hamburg insgesamt auf einen Anteil von 33 bis 45 Prozent, die ihr Studium abschließen. Das ist entschieden mehr, als die Kommission errechnet hat.
Dräger:
Aber Herr Hickethier, das ist doch immer noch viel zu wenig!
Hickethier:
Außerdem ist die Situation in den kulturwissenschaftlichen Fächern nicht zu vergleichen mit den Ingenieurwissenschaften oder der Medizin. Wer in der Medizin sein Studium abbricht, der kann nicht mehr Arzt werden, dessen Berufstraum ist vorbei. In den Kulturwissenschaften bekommen Leute nach einem abgebrochenen Studium oft sehr gute Jobs.
UniSPIEGEL:
Wie kann die Zahl der Aussteiger denn nun reduziert werden?
Dräger:
Die Kommission schlägt erstens den BA vor, einen Abschluss schon nach drei oder vier Jahren. Zweitens soll die Betreuungsrelation, also das Zahlenverhältnis zwischen Studenten und Professoren, deutlich verbessert werden. Und drittens müssen die Hochschulen anders finanziert werden.
UniSPIEGEL:
Wie soll die Finanzierung in Zukunft aussehen?
Dräger:
Die Hochschulen werden nicht wie bisher nach Belastung bezahlt, nämlich der Anzahl der Studienanfänger oder der Studenten insgesamt, sondern nach Leistung, das heißt nach Absolventen.
UniSPIEGEL:
Sind Sie dafür, dass Studienfächer mit einer besonders hohen Schwundquote abgeschafft werden sollen?
Hickethier:
Das ist die Argumentation des Reformpapiers! Und da sind wir, die Universität, natürlich dagegen!
UniSPIEGEL:
Welche Fächer sollen denn verschwinden?
Hickethier:
Von den 50 kulturwissenschaftlichen Studiengängen, von Germanistik und Geschichte bis zu Sinologie und Thaiistik, sollen 25 dichtgemacht werden. Das ist eine falsche Politik!
Dräger:
Die Kommission schlägt ja keine willkürlichen Schließungen vor. Die Experten haben gefragt: Wo ist der künftige Bedarf, was können und müssen die Hochschulen auch unter Betrachtung des Arbeitsmarktes leisten?
UniSPIEGEL:
Woher weiß die Kommission denn, wie sich der Arbeitsmarkt in Zukunft entwickelt?
Dräger:
Die Kommission weiß das nicht, sie hat versucht, es zu errechnen.
UniSPIEGEL:
Und wenn die Welt in zehn Jahren nun ganz anders aussieht als prognostiziert?
Dräger:
Sehen Sie, heute setzen wir für 300 einzelne Studiengänge in der Behörde die Kapazitäten fest - ohne jegliche Planung, nur auf Grund von Erfahrung. Und Erfahrung bedeutet meist, einfach alles beim Alten zu belassen. Die Kommission hingegen hat gerechnet - mit der wahrscheinlichen Pensionierungsquote, der erwarteten Wandlungsquote von nichtakademischen in akademische Berufe, den zukünftigen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt der Stadt Hamburg und anderen Faktoren.
UniSPIEGEL:
Und das Ergebnis heißt "Weg mit den Geistes- und Kulturwissenschaften"?
Dräger:
Natürlich nicht. Aber auf Grund der Prognosen brauchen wir eine Verlagerung hin zu den Natur-, den Ingenieur-, den Erziehungswissenschaften sowie der Medizin.
Hickethier:
Das ist doch Planwirtschaft! Der Staat lenkt, wer was studieren darf.
Dräger:
Wir haben in Deutschland im Vergleich zu Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder Finnland nur die Hälfte ingenieur- und naturwissenschaftliche Studenten. Wir dürfen den europaweiten Wettbewerb nicht außer Acht lassen.
Hickethier:
Alles soll ausschließlich nach wirtschaftlichen Bedürfnissen ausgerichtet werden - dabei hat das noch nie funktioniert. Die vergangenen Jahrzehnte zeigten: Mal gibt es zu viele, mal zu wenige Ingenieure. Das Gleiche gilt für Lehrer, obwohl wir da sogar genau wissen, wie viele Planstellen es gibt. Vor drei Jahren haben uns alle Wirtschaftsvertreter gesagt, wir sollen für die Informationsindustrie ausbilden. Heute redet keiner mehr davon.
Dräger:
Fundiert zu planen ist trotzdem besser, als gar nicht zu planen.
UniSPIEGEL:
Herr Hickethier, die Hochschulen sind seit den sechziger Jahren immer gewachsen: Mehr Themen, mehr Professoren. Ist es nicht an der Zeit zu fragen: "Brauchen wir jeden Lehrstuhl, jedes Fach noch?"
Hickethier:
Erstens sind diese Aufgaben den Hochschulen von der Politik zugewiesen worden. Zweitens haben wir im weltweiten Vergleich immer noch zu wenige Akademiker in Deutschland. Und drittens haben die Hochschulen in den vergangenen zehn Jahren bereits umfangreich gespart. Wir haben die Geistes- und Kulturwissenschaften bereits um etwa 10 bis 15 Prozent gekürzt, weil jede zweite frei werdende Stelle gestrichen wurde.
UniSPIEGEL:
Herr Hickethier, mit erfolgreichen Reformen können die Universitäten aber nicht gerade glänzen. Die Studienzeiten sind zu lang, die Erfolgsquoten zu gering.
Hickethier:
Ich will nicht sagen, dass alles gut gelaufen ist. Weiß Gott nicht. Aber wenn wir den Output kritisieren, dann müssen wir auch über den Input reden. Die Hochschulen haben viel zu wenig Einfluss auf die Auswahl der Studenten.
UniSPIEGEL:
Soll die Uni alle ihre Studenten selbst auswählen dürfen?
Hickethier:
Das wäre mein Ziel.
Dräger:
Dem kann ich nur zustimmen. Das neue Hamburger Hochschulgesetz, das hoffentlich in wenigen Wochen in der Bürgerschaft verabschiedet wird, sieht ja vor, in den Nicht-ZVS-Fächern den Hochschulen die freie Auswahl zu geben.
UniSPIEGEL:
Wie soll das ablaufen?
Hickethier:
Je nach Fach unterschiedlich durch schriftliche und mündliche Tests und Gespräche. Ich verspreche mir davon, dass die Studienmotivation der Ausgewählten sehr viel höher ist als bei vielen heute.
UniSPIEGEL:
Herr Dräger, können Studiengebühren die schwierige Finanzlage der akademischen Ausbildungsstätten verbessern?
Dräger:
Ich befürworte Studiengebühren. Ich halte sie für sozial gerecht, weil Bildung sich lohnt, sowohl für die eigene Persönlichkeit als auch unter finanziellen Gesichtspunkten. Aber Gebühren müssen an ein System der Bildungsfinanzierung gekoppelt sein.
UniSPIEGEL:
Was verstehen Sie darunter?
Dräger:
Jeder Student muss - idealerweise unabhängig vom Einkommen der Eltern - die Möglichkeit haben, ein Darlehen in Anspruch zu nehmen, das die Gebühren und auch den Lebensunterhalt abdeckt. Zurückzahlen muss er das Geld erst, wenn er im Beruf ist und genug verdient.
UniSPIEGEL:
Wie hoch könnten die Gebühren sein?
Dräger:
Das sollen die Hochschulen selbst entscheiden. Ich denke, bis zu 2500 Euro pro Jahr wären ein guter Richtwert.
UniSPIEGEL:
Sind Sie mit Gebühren einverstanden, Herr Hickethier?
Hickethier:
Studiengebühren können diskutiert werden, solange sie die Chancengleichheit nicht in Frage stellen und finanzierbar sind. Gebühren dürfen keine abschreckende Wirkung erzeugen.
UniSPIEGEL:
Herr Dräger, Herr Hickethier, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch moderierten die SPIEGEL-Redakteure Martin Doerry,Julia Koch und Joachim Mohr.

UniSPIEGEL 2/2003
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UniSPIEGEL 2/2003
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