19.05.2003

denk mal!DIE ALDI-UNI

Karl und Theo Albrecht waren nie auf einer Universität. Heute sind sie die reichsten Männer Deutschlands, und viele arme Studenten kaufen bei ihnen ein: "beim Aldi". Damit soll nichts gegen den Wert eines deutschen Hochschulstudiums gesagt werden. Aber wenn es ums Sparen geht, können die deutschen Unis vielleicht noch was von den beiden Brüdern aus Essen-Schonnebeck lernen. 200 Millionen Euro sollen die Berliner Universitäten beispielsweise weniger ausgeben. Und was fällt den akademischen Leitungsgremien dazu ein? Sie lassen die Rollgitter vor ihren Läden runter und keine neuen Studierenden mehr rein. Das wäre so, als würde Aldi die Kundschaft aussperren, weil Umsatz und Gewinn sinken. Was würde Aldi mit der Uni machen? Ganz einfach - sie machen alles "konsequent einfach". So lautet jedenfalls das Geheimnis ihres Erfolgs nach dem Enthüllungsbuch eines Ex-Managers. Also, erst mal Konzentration auf einige wenige, aber zugkräftige Produkte, die so genannten Schnelldreher. Weg mit diesen Ladenhütern der Wissenschaft. Germanistik, Kunstgeschichte oder Soziologie kauft einem heute doch niemand mehr ab. Wie bitte, das hat schon die Hamburger Hochschulkommission des Herrn von Dohnanyi gefordert? Na, der bedient sich sicher auch bei Aldi wie alle Adligen. Die Discounter-Uni von morgen hat noch ganz andere Topknüller im Angebot. Die historischen Hörsaal-Gebäude in bester City-Lauflage werden sündteuer an Hermès, Prada oder Bulgari vermietet. Zum Studieren eignen sich viel besser billige Gewerbeparks in ruhiger Stadtrandlage, wo ohnehin die Hallen leer stehen. Beim Umzug kann auch gleich ganz auf Bänke und Tische verzichtet werden, stehende Studenten sparen Platz, sind aufmerksamer - und wer umfällt, ist eh durchgefallen. Energiekosten sind ein großes Thema, deswegen: Licht aus. Wem es zu dunkel wird bei seinem Professor, der kann ja eine Taschenlampe mitbringen. Viele Bibliotheken haben zu einem Fachgebiet noch immer mehrere Bücher vorrätig. Wir räumen die Regale. Ein Fach, ein Buch - konsequent einfach. Ach, das kommt Ihnen aus Ihrer Uni alles irgendwie bekannt vor? Prima, dann können Sie nach dem Studium gleich bei Aldi anfangen.
Von Michael Schmidt-Klingenberg

UniSPIEGEL 3/2003
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