19.05.2003

streiten„DIE TÜR EINTRETEN“

SPIEGEL-FORUM ZUM THEMA „FORSCHUNGSSTANDORT OST - SCHAFFT WISSEN ARBEITSPLÄTZE?“ AN DER UNIVERSITÄT GREIFSWALD AM 28. APRIL 2003
UniSPIEGEL:
Herr Minister, Forschung und Wissenschaft werden zusammengestrichen, obwohl sie der Arbeitsplatzmotor sind. Wie passt das zusammen?
Metelmann:
Das ist ja nicht nur eine Frage des Geldes. Forschung ist organisierte Kreativität. Für die Kreativität ist der einzelne Forscher zuständig, wir müssen die Organisation, die Rahmenbedingungen schaffen. Und an diesen Rahmenbedingungen wird in der Tat im Augenblick vielfältig gesägt und gearbeitet, im positiven wie im negativen Sinne.
Westermann:
Die Finanzierung durch Landesmittel wird knapper, als wir uns das alle vorstellen, auch knapper, als Herr Metelmann sich das gegenwärtig vorstellt, und sicherlich auch knapper, als er sich das in der Zeit vorgestellt hat, als er hier mein Amtsvorgänger war. Dennoch schaffen wir als Universität zusätzliche Arbeitsplätze ohne staatliche Gelder, nämlich über die so genannten Drittmittel. Wir haben 2002 insgesamt 311 volle Stellen durch Firmensponsoren oder geförderte Forschungsprojekte finanziert, das hat 400 bis 500 Leuten einen Arbeitsplatz verschafft. Über Stiftungen, die wir als Uni nicht selbst verwalten, kommen vielleicht noch mal 100 Stellen dazu. Obwohl wir eine sehr kleine Universität sind und sicherlich noch nicht zu den Spitzenhochschulen wie Harvard oder Heidelberg gehören, haben wir eigentlich schon eine ganz gute Bilanz.
UniSPIEGEL:
Herr Gerike, Sie konnten aus der universitären Forschung zur Leberdialyse heraus ein Unternehmen gründen und Arbeitsplätze schaffen.
Gerike:
Unser Problem war nicht das Geld. Ich habe 800 000 Mark Fördergelder bekommen, habe noch 200 000 Mark dazugelegt mit meinen Kollegen, und wir haben heute 85 Mitabeiter. Manche Geldgeber wollten uns nach München oder nach Kalifornien ziehen. Wir konnten sie aber überzeugen, dass Rostock für uns nicht nur die Heimat ist, sondern ein perfekter Standort, um unsere innovativen Therapien am Universitätsklinikum zu günstigen Kosten mit einer günstigen Infrastruktur umzusetzen.
UniSPIEGEL :
Herr Sieweke, welche Rolle spielte für Sie als Studenten aus Schleswig-Holstein bei der Entscheidung für die Uni Greifswald der Stand der Forschung hier vor Ort?
Sieweke:
Wenn man nach Mecklenburg-Vorpommern geht, gerade nach Greifswald, was ja auch aus der Sicht von Fehmarn so ziemlich am Ende der Welt liegt, dann wegen der Qualität. Ich hatte lange Zeit das Gefühl, die wäre hier besser als in Schleswig-Holstein. Inzwischen bin ich leider anderer Meinung. Das geht auch vielen Studierenden so. Und das ist einer der Gründe, warum wir im Oktober auf die Straße gegangen sind, warum wir gesagt haben, Bildung muss in diesem Land höchste Priorität bleiben. Wir werden in Kürze einen Globalhaushalt für Forschung und Bildung mit jährlichen Steigerungsraten um 1,5 Prozent bekommen. Das entspricht gerade mal der Inflationsrate. Das heißt, wir werden jedes Jahr weniger Personal haben, wir werden jedes Jahr weniger Bücher haben. Herr Metelmann, Sie müssen da noch mal ganz laut beim Finanzministerium anklopfen.
Henningsen:
Unmittelbar vor unserer Haustür entsteht eine Hightech- und Biotech-Forschungslandschaft allererster Güte, die Öresund-Region mit bereits über 30 000 Arbeitsplätzen. Die Manager in dieser Region sagen uns heute, dass sie bereits ganz akute Arbeitskräfteprobleme haben. Das, meine ich, wäre eine Chance für die Forschungs- und Wissenschaftsregion Mecklenburg-Vorpommern. Und sie wird ja auch genutzt, unser Biocon Valley arbeitet zusammen mit Medicon Valley in der Öresund-Region. Interessant ist dabei, was die dänischen Wissenschaftsmanager an ihrem Forschungsstandort bemängeln - beispielsweise die hohe dänische Einkommensteuer, die es erschwert, Menschen von außerhalb der Region dorthin zu ziehen, und sie beklagen sich über das illiberale politische Milieu Dänemarks, das etwa Studenten aus Indien davon abhält, nach der Ausbildung in der Region zu bleiben. Diese Fragen müssen wir uns auch für Mecklenburg-Vorpommern stellen.
Metelmann:
Herr Sieweke, Sie haben ein Stichwort gegeben: "an die Tür klopfen bei Frau Keler". Das reicht sicher nicht. Man muss der Finanzministerin die Tür wahrscheinlich eintreten. Aber auch dann kann man nur das rausholen, was sie da drin hat. Bei dem allgemeinen Kürzungsrummel, der dieses Land erfasst hat - auch in den Ministerien sind die Mittel stark runtergefahren worden -, konnte es im Nachtragshaushalt immerhin durchgesetzt werden, dass die Hochschulen und die Schulen von diesen Kürzungen ausgenommen sind.
UniSPIEGEL :
Stimmt es, dass die neuen Bundesländer in Bezug auf Forschung benachteiligt sind? Und muss da noch etwas getan werden?
Westermann:
Wir sind natürlich in manchen Dingen bevorzugt, wir sind in manchen Dingen aber auch benachteiligt. Bevorzugt sind wir sicherlich durch die Tatsache, dass die Universitäten in Ostdeutschland nach 1989 einen rasanten Umbau erfahren haben. Ob das nun gut oder schlecht war - jedenfalls ist unser Lehrkörper sehr viel jünger als in Westdeutschland. Und in den meisten Wissenschaften ist es nun mal so, dass die Produktivität eine relativ genaue Funktion des Alters ist. Nachteile gibt es natürlich viele - auch dass manche Universitäten im Osten ein geringeres Selbstbewusstsein haben, als es der objektiven Lage entspricht. Wir sind häufig besser, als wir selbst glauben, und als die Universitäten, von denen viele von uns kommen.
Metelmann:
Gibt es einen Ost-Bonus oder Ost-Malus? Es gibt sicher keinen Ost-Bonus als solchen, aber es gibt Stärken, die sich aus der Region ergeben. In Greifswald sind das Themen wie Landschaftsschutz, die Entwicklung des Ostseeraums oder Community Medicine. Die lässt sich hier besonders gut bearbeiten, weil die Universitätskliniken mangels anderer Krankenhäuser in Greifswald ohnehin die Versorgung der Bevölkerung mit übernehmen müssen. Ein Vorteil sind auch die gewachsenen persönlichen Erfahrungen und Kontakte, wie wir an der Zusammenarbeit mit der Universität von Hanoi sehen. Dort hat man auf alte Verbindungen zu vietnamesischen Wissenschaftlern zurückgreifen können. Diese Verbindungen sind zu DDR-Zeiten entstanden, sind gepflegt worden, und jetzt können wir darauf aufbauen.
Gerike:
Bei der Förderung haben wir Firmen im Osten einen Bonus, aber sonst fehlt es an vielem, beispielsweise: Teraklin gibt acht Millionen Euro dieses Jahr für Einkauf, Beschaffung, Dienstleistung aus. Davon landen sechs Millionen Euro außerhalb der neuen Bundesländer, weil wir hier keine entsprechende wirtschaftliche Struktur haben. Das ist ein Schreckensszenario für existierende Unternehmen.
UniSPIEGEL :
Herr Sieweke, wenn hier die Studenten ihr Diplom in der Tasche haben, ist dann die Region noch für sie attraktiv?
Sieweke:
Es ist ganz klar, dass die meisten Studierenden wieder in den Westen zurück wollen. Und es ist natürlich auch verständlich. Junge Menschen möchten einfach eine Zukunft haben, sie möchten nachher erfolgreich sein in ihrem Leben. Und da sind die Voraussetzungen hier in der Region in vielen Berufssparten nicht so ideal. Wenn man die Leute in dieser Region halten will, dann muss man aus meiner Sicht 130 Prozent von dem bringen, was andere Regionen bringen müssen, wenn nicht vielleicht sogar 200.
Metelmann:
Mir fallen zwei Prozentzahlen ein, die ich gerade in den letzten Tagen gelesen habe. Wir haben 25 Prozent der Kassenarztstellen nicht besetzt. Das sind richtig gute Stellen, eigentlich toll. Oder eine andere Fakultät: Zehn Prozent der evangelischen Pfarrstellen sind nicht besetzt. Und diese Arbeitsplätze sind in einer Gegend, die Natur pur bietet.
Teilnehmer (aus dem Publikum):
Ich bin Immunologin hier an der Universität Greifswald. Wir haben genügend Drittmittel, um viele gute Wissenschaftler nach Greifswald zu holen. Wir haben hier einen Standortvorteil - besonders für hoch qualifizierte Frauen, die wir gern hätten: Die Betreuung für Familien mit kleinen Kindern ist wirklich besser als im Westen. Das ist ein Punkt, den man viel offensiver auch nach außen tragen könnte.
Teilnehmer (aus dem Publikum):
Bayern und auch Thüringen machen eine erfolgreiche Bildungs- und Forschungspolitik, obwohl es dort in den fünfziger Jahren auch noch keine gewachsenen Strukturen gab. Mecklenburg-Vorpommern spart am einzigen Punkt, wo Wachstum entstehen kann, und will ganze Institute und Fachbereiche schließen. Damit nimmt man dieser Universität ihre Systemfähigkeit. Dieser Standort wird damit nicht mehr attraktiv für junge Leute, die Fächerkombinationen studieren wollen.
Teilnehmer (aus dem Publikum):
Ich bin gerade mit dem angesprochenen Austauschprogramm in Hanoi gewesen, gehe jetzt nach Korea als Zahnkliniker. Es wird Geld ausgegeben, damit wir im Ausland zeigen, was wir alles können. Es ist aus meiner Sicht verpufftes Geld. Hier vor Ort gibt es keine Anschlussfinanzierung. Unsere Strukturen hier sind zu klein, als dass wir beispielsweise für Interessenten aus Hanoi eine Weiterbildung anbieten können.
Sieweke:
Bei meiner Vorbereitung auf dieses Forum ist mir eine Rede unserer Bildungsministerin Edelgard Bulmahn in die Hände gefallen, die sie 2000 im Bundestag gehalten hat: "Investitionen in Bildung und Forschung sind die entscheidenden Triebkräfte für wirtschaftliches Wachstum und neue Arbeitsplätze." Und dann kommt an die CDU/CSU gerichtet der Vorwurf, sie habe während ihrer Regierungszeit diese Zusammenhänge ignoriert: "Damit haben Sie dem Innovationsstandort Deutschland großen Schaden zugefügt." Genau das aber passiert jetzt schon wieder.
Henningsen:
Zum Thema Wissen schafft Arbeitsplätze - nicht nur in den harten Technikfächern - vielleicht noch ein Beispiel: Am Institut für Koreanistik an der Freien Universität Berlin fuhren oft Busse voll mit Koreanern vorbei, die haben immer ganz aufgeregt auf das Gebäude gezeigt und fotografiert. Dort im Institut und bei den benachbarten Politikwissenschaftlern saß das geballte Wissen zur Frage: Wie geht man mit Wiedervereinigung um. Und dann kamen die Delegationen aus Nord- und Südkorea und die Aufträge zur Beratung. Als Ergebnis sagten die Koreaner dann: "Wir machen lieber doch keine Wiedervereinigung. Die wird zu teuer."
Westermann:
Nach meiner persönlichen Überzeugung, die auch durch intensiveres Nachdenken über Monate nicht allzu sehr erschüttert worden ist, werden wir es diesmal wahrscheinlich nicht hinbringen, uns an die Haushaltsgegebenheiten anzupassen, ohne nicht auch Studiengänge zu schließen. Gute Forschung kann man nur leisten, wenn wir auch eine kritische Masse haben. Das heißt, die einzelnen Professuren müssen vernünftig ausgestattet sein. Mit Mini-Instituten können wir vielleicht ein Studium hinkriegen, was nach außen hin wie ein wissenschaftlich fundiertes Studium aussieht. Wir kriegen nie Forschung hin, die wirklich auch international und national konkurrenzfähig ist. Aus diesem Grund müssen wir auch Strukturentscheidungen treffen, die diese Forschung, die erst Arbeitsplätze schaffen soll, auch ermöglicht.
Metelmann:
Wo bleibt die Politik, und was macht Politik? Auf jeden Fall macht sie etwas falsch, wenn sie lauter verschiedene Sachen ganz hektisch und immer auf Zuruf macht, vielleicht noch an der Sonntagsfrage orientiert. Zur Politik gehört, dass sie einen langen Atem hat. Das ist sicherlich das Erfolgsrezept der bayerischen Bildungspolitik. Ob eine Entscheidung richtig war, sieht man ja oft erst nach Jahren. Ich bin mir beispielsweise gar nicht so sicher, ob die Auflösung - ich sage das mal ganz provokativ - der DDR-Akademien wirklich eine kluge Entscheidung war. Das muss sich erst noch herausstellen.
Gerike:
Wo bleibt die Politik? Ich hoffe, dass wir immer weniger von der Politik hören, denn sie ist zweifellos mit schuld an der Lage, in der wir uns befinden. Politik sollte Rahmengesetze vorgeben. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, hat die Politik ihre Aufgabe erfüllt. Nur fünf Prozent Wirtschaftswachstum - und kein Mensch würde darüber diskutieren, ob Wissen Arbeitsplätze schafft.

UniSPIEGEL 3/2003
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UniSPIEGEL 3/2003
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