07.07.2003

lebenDIE LEICHE LACHT

EIN ROSTOCKER STUDENTENKABARETT ÜBERSTAND DIE WENDE UND TOURT INZWISCHEN DURCH DIE GANZE WELT.
Drei Quadratmeter, die die Welt bedeuten, können verdammt eng sein. Vor allem, wenn sich sechs Leute um fünf volle Koffer drängen. Telefon, Gummibärchen, Cheerleader-Puschel, Uniformjacken und -mützen, Kellnerschürzen, Gläser, Jacketts und diverse andere Requisiten müssen zum richtigen Zeitpunkt hervorgezaubert werden. Und das alles auch mal ohne Licht.
Wie das funktioniert hat, kann nach der Vorstellung keiner der sechs vom Rostocker Studentenkabarett "ROhrSTOCK" genauer erklären. Die Kabarettisten hocken in der so genannten Künstlergarderobe von "Kunst und Bühne" im niedersächsischen Celle und wirken total fertig. Kein Wunder nach anderthalb Stunden Programm, das in
dieser Form erst seit knapp einer Woche
existiert und heute zum fünften Mal zur Aufführung kam mit einer Besetzung, die seit zwei Monaten steht.
"Dafür ist es doch ganz gut gelaufen", meint Ellen Schulmeiß, 21. Unter dem Motto "Wir kriegen alles hin" präsentierten die sechs aus Rostock eine Siegesfeier zur Eroberung des 178. Schurkenstaats. Diese Feier - bei der diverse Pannen passieren und am Ende niemand mehr so recht weiß, ob Krieg oder Frieden herrscht und ob das gut oder schlecht ist - bildet den Rahmen für Nummern rund um den Krieg, den am Golf und den im täglichen Leben.
So werden die Zuschauer Zeuge einer Geiselnahme im Kultusministerium, der Minister persönlich will mehr Geld für Bildung erpressen. Als der Sonderkommandoeinsatzleiter das kapiert, zieht er seine Truppe ab und wünscht dem Politiker übers Handy viel Glück: "Schließlich habe ich ja selbst Kinder."
Etwas gewaltfreier, aber nicht weniger bissig wird das Gejammer über die Bildungsmisere aufs Korn genommen: Schüler bekommen für ihr schlechtes Abschneiden bei der Pisa-Studie ein großes Lob von ihrer Direktorin: "Ich darf euch herzlichst danken! Ihr habt mit euren miesen Leistungen wirksam auf die Missstände in unserem Bildungssystem aufmerksam gemacht." Zur Belohnung gibt es eine Reise. Denn: "Ihr habt endlich vielen Europäern die Angst vor einem starken Deutschland genommen!" Später wird noch eins oben drauf gesetzt. Die gleiche Gruppe, jetzt als Studenten, soll vorzeitig die Universität verlassen: "Ihr dürft ab heute im Auftrag der Regierung auf die Misere am Arbeitsmarkt aufmerksam machen!"
Richtig schön böse wird es, wenn eine jung-dynamische Unternehmerin ihre neueste Geschäftsidee, eine Kooperation mit der Bundeswehr, verkaufen will: Leichensäcke mit Vakuumverschluss und blutaufsaugender Plüschfütterung, frostbeständig bis minus 67 Grad. "Wovor graust es einer deutschen Soldatenmutter am allermeisten?" "Gefrierbrand?" "Ja, peinlich!"
ROhrSTOCK dürfte das einzige Studentenkabarett Deutschlands sein, das eine so lange Geschichte vorweisen kann: Vor über 30 Jahren wurde es gegründet. Normalerweise lösen sich studentische Kabarettgruppen spätestens nach dem Examen der Beteiligten auf - und wenn sie weiterbestehen, sind sie logischerweise nicht mehr "studentisch". ROhrSTOCK hat nicht nur die Wende, sondern auch die sinkende Popularität des Genres überlebt, das seine Blütezeit längst hinter sich hat. Die letzte Renaissance erlebte die Kleinkunst nach dem Zweiten Weltkrieg, seitdem ging es bergab.
Der typische Kabarett-Liebhaber ist mindestens 40, eher links und hält Dieter Hildebrandt, einem der Letzten seiner Art, eisern die Treue. Was treibt aber beispielsweise einen 21-jährigen Geschichts- und Philosophiestudenten wie Sven Seidler zu dieser eher altmodischen Unterhaltungsform? Die Antwort ist ebenso einfach wie einleuchtend: "Es macht tierisch Spaß!" Keines der sechs aktuellen Mitglieder war auf der Suche nach einer Kabarettgruppe. Aber einmal mit ROhrSTOCK in Kontakt gekommen - zumeist zufällig -, packte sie der unwiderstehliche Wunsch mitzumischen.
Wenn sie gerade mal keine Leichensäcke an den Mann bringen will, studiert Ellen Philosophie und Germanistik auf Lehramt im 3. Semester, beim ROhrSTOCK ist sie seit sechs Monaten. Zwei ihrer Bühnenkollegen sind ebenfalls seit einem halben Jahr dabei, die anderen drei erst seit zwei Monaten.
"Dass die Gruppe nur aus Leuten besteht, die erst so kurz dazugehören, hat es noch nie gegeben", sagt Cornelia Dammann, 23. Mit ihrer zweieinhalbjährigen ROhrSTOCK-Erfahrung ist die Germanistik-, Sport- und Soziologiestudentin die Dienstälteste. Allerdings hat sie sich von der Bühne zurückgezogen. Und bald muss sie ganz aufhören: Nach zehn Semestern steht das Examen an und zeitlich wäre das dann "überhaupt nicht machbar". Bis dahin kümmert sie sich um die Technik - und um die Weitergabe der ROhrSTOCK-Traditionen.
Seinen Namen hat das Ausnahmekabarett aus DDR-Zeiten behalten, nur der Zusatz "FDJ" ist entfallen, ein "e. V." ist dazugekommen. Was sich sonst noch geändert hat, kann der künstlerische Leiter der Gruppe, Michael Ruschke, 39, in zwei Sätzen zusammenfassen: "Heute darf man alles sagen, aber man weiß nicht, ob man auftreten kann - weil es Finanzierungsprobleme gibt. Damals musste man aufpassen, was man sagte, damit man auftreten darf, aber Geld war überhaupt kein Thema."
Der Verein ist ständig auf der Suche nach Sponsoren und neuen Einnahmequellen. Die Gruppe tritt am liebsten auf Kleinkunstbühnen auf, aber Engagements bei Betriebsfesten, Geburtstagen und Hochzeiten werden gern angenommen. Die Bekanntheit der Truppe geht weit über die Grenzen Rostocks hinaus. ROhrSTOCK war bereits auf Amerika-Tour, im April dieses Jahres in Frankreich. Beide Male folgten sie Einladungen der germanistischen Fakultäten. Ins Rollen gebracht hatten die Welttourneen ehemalige Austauschstudenten, die während ihrer Zeit in Rostock kabarettsüchtig geworden waren. Ein Trost für die Gruppe, die den chronischen Mangel an studentischem Publikum beklagt.
Der heutige Leiter Ruschke fing 1983 als Darsteller bei ROhrSTOCK an, während er Lehramt für Deutsch und Geschichte in Rostock studierte. Ihm ist es maßgeblich zu verdanken, dass das Studentenkabarett die Wiedervereinigung überlebt hat. Arbeitsweise und Grundregeln des FDJ-Kabaretts haben sich bewährt: Die Darsteller müssen Studenten sein, Neuzugänge werden von der ganzen Gruppe ausgewählt, und das Programm wird gemeinsam erarbeitet.
Der freischaffende Kabarettist und Feuerwehrmann Ruschke schreibt fast alle Texte, führt Regie, legt die Dramaturgie fest und kümmert sich immer aufs neue um den Aufbau der Gruppe. "Wir verstehen uns auch als >Ausbildungskabarett<. Alles in allem ist das ein Full-Time-Job." Auch Christian Meyer, 22, zuständig für die Organisation, kann seinen Vorsatz - "das Studium hat natürlich Priorität" - kaum wahr machen.
Das Erfolgsrezept von ROhrSTOCK liegt wohl in der steten Erneuerung. Der Verein wirbt regelmäßig um neue Mitglieder, über Zeitungsannoncen, Plakate oder im Internet. Häufig laden auch Vereinsmitglieder, die als RohrSTOCK-Oldies immer noch auftreten, nichts ahnende Rostocker Studenten in einschlägigen Kneipen zum Casting ein.
"Zwischen zwei Zwetschgenzweigen sitzen zwei zwitschernde Schwalben", intoniert die Gruppe einigermaßen fehlerfrei im Chor. Diesen und andere Zungenbrecher muss der Aspirant beim Casting vor versammelter Mannschaft vortragen. Die Bewerber werden vor allem auf Lautstärke und Sprechfehler getestet. Leute, die lispeln, haben keine Chance. Zum Aufnahmetest gehört außerdem ein improvisiertes Verkaufsgespräch für einen imaginierten Gegenstand und die pantomimische Darstellung eines Sprichworts.
"Ich war so aufgeregt", erzählt Michael Meyer, 23, "dass ich vorher was getrunken habe. Danach war ich noch aufgeregter." Trotzdem wurde der Sonderpädagogikstudent, der als Nebenfach "Darstellendes Spiel" studiert, auserkoren, an der zweiten Auswahlstufe teilzunehmen. Nach jedem Casting zieht sich die gesamte Truppe mit den hoffnungsvollen Novizen für eine Woche aufs Land zurück.
Im "Probenlager" wird die endgültige Auswahl getroffen. "Das wichtigste ist, dass der Neue zur Gruppe passt", erklärt Ulrike Conrad, 20, die Geschichte und Soziologie auf Lehramt studiert. Nach drei Tagen kommt die Stunde der Wahrheit. Die Entscheidung für oder gegen einen Kandidaten muss einstimmig fallen. Wenn auch nur eines der Mitglieder meint, mit einem Bewerber aus persönlichen Gründen nicht zurechtzukommen, ist die ROhrSTOCK-Karriere perdu.
Von Anfang an wird am neuen Programm gearbeitet. Unialltag, Bildungspolitik, das Weltgeschehen im Allgemeinen - alles, was die Beteiligten umtreibt, wird gesammelt und diskutiert. Autor Ruschke destilliert das Ganze zu Dialogszenen. Am Ende der Probenlager-Woche gibt es eine Aufführung für Familie und Freunde und vor allem für ehemalige ROhrSTOCK-Mitglieder, die den Part des hart-herzlichen Kritikers übernehmen.
Zu Stars unter den Studenten werden die ROhrSTOCKer nicht. "Meine Kommilitonen finden es eher merkwürdig, dass ich hier mitmache", sagt der Elektrotechnikstudent Martin Bücker, 21. Für sechs oder neun Euro Eintritt, mutmaßen die Kleinkünstler, gehen Studenten lieber ins Kino als ins Kabarett.
In Celle, die nächste Universität ist 30 Kilometer entfernt, war mehr als die Hälfte der Zuschauer über 40 Jahre. Ältere Damen in karierten Hosen, die lieblichen Roséwein schlürften, bildeten eine starke Truppe. Studenten, die eigentliche Zielgruppe, waren nur auf der Bühne vertreten. Aber die Damen haben sich köstlich amüsiert.
* Christian Meyer, Sven Seidler, Michael Meyer, EllenSchulmeiß, Martin Bücker, Ulrike Conrad.
Von Katharina Stegelmann

UniSPIEGEL 4/2003
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