20.10.2003

+++SUPER-WG GESUCHT+++NICHTS BLEIBT VERBORGEN

Aus! Schluss! Vorbei! Das Rennen ist gelaufen: Deutschland, c/o UniSPIEGEL, hat die Super-WG gefunden - die lässigste Wohngemeinschaft kommt aus einer unauffälligen, weltabgeschiedenen, uralten Stadt. Und zwar aus Trier.
So guckt jeder. Trier?! Nicht Berlin, Hamburg, Köln? Wenigstens Mannheim oder Kiel? Wo zur Hölle liegt Trier?
Kleiner Tipp: Mit dem Finger auf der Karte nach Luxemburg suchen, dann etwa zwei Zentimeter nach rechts oben fahren, immer an der Mosel entlang. Über 2000 Jahre alt, rund 12 000 Studenten, ein römisches Stadttor namens Porta Nigra. Und fünf junge Leute, die sich ein Jahr lang dem Abenteuer stellen wollen, ihr aufregendes Leben mit Hunderttausenden Lesern des UniSPIEGEL zu teilen.
Denn nichts wird verborgen bleiben: Wer den Putzplan nicht einhält, wie es im Schuhschrank aussieht, warum es in der Liebe nicht rund läuft, wer mit den Zeugen Jehovas diskutiert und wie es um den großen Traum vom schönen Leben bestellt ist. Der UniSPIEGEL hat die Super-WG besucht.
Ein schlichtes Haus in der Südstadt von Trier, direkt an der Mosel. Nur eine vierspurige Ausfallstraße trennt das viergeschossige Gebäude aus den zwanziger Jahren vom Flussufer. Rote Felsen rahmen die Mosel auf ihrem Weg zum Rhein ein, auf den Weinbergen reifen die Trauben, im Café an der Uferpromenade deckt ein livrierter Kellner rotweiß-karierte Tischdecken auf. Ein Ausflugsdampfer tuckert vorbei. Hier würden unsere Großeltern Urlaub machen. Und genau hier, im Niemandsland an der Grenze zu Luxemburg, fernab jeden urbanen Lebens, wohnen unsere Helden. Spannung kommt auf. Sehen sie so witzig aus wie auf den Polaroidfotos, die sie uns gemailt haben?
An der Tür hängt ein abgewetztes Klingelschild: "Dubois, Krug, Sageder, Stockhausen, Berg". Wow. Liest sich wie der Briefkopf einer international tätigen Rechtsanwaltskanzlei - "Berlin, Brüssel, New York, Madrid" stünde dann noch drunter. Aber hier wohnen keine Starjuristen.
Hier wohnen Jan-Christoph, Miriam, Tino, Markus und Judith (siehe Kasten Seite 30). Noch bevor die Klingel ertönt, geht die Haustür auf. Sie haben am Fenster gewartet! Vier neugierige Gesichter gucken den Besucher an; die Fünfte, Judith, weilt in Bayern - Praktikum.
"Schön, dass du da bist!"
"Ja, danke, ich freue mich auch."
Es geht gleich ins Herz jeder WG, die Küche. Vorbei an den sechs Zimmern, einem Klo und einem Badezimmer. Alles picobello geputzt. Holzdielen liegen in der ganzen Wohnung. 180 Quadratmeter Altbauflair. Und das alles für 1100 Euro - warm. Trier!
Eine solche Wohnung verlangt geradezu nach ästhetischen Standards. "Natürlich darf jeder sein Zimmer gestalten, wie er will", sagt Jan-Christoph. "Aber wir haben uns geeinigt, dass Wischtechnik in Pastellfarben an den Wänden verboten ist!"
In der Küche stehen ein langer Tisch, verschiedene Stühle und zwei Kühlschränke; an der Wand hängt das obligatorische Pinboard. Dort klebt ein Zettel: "Wenn du noch einmal den Kellerschlüssel bei dir liegen lässt und ich ihn schon zum zweiten Mal wie eine Verrückte suchen muss, bist du TOT!"
"Der ist von Miriam", flüstert Tino, dem die Nachricht galt. Ups.
Neugieriges Beschnuppern folgt, Fragen wie "Was wird jetzt mit uns passieren?" und "Warum wir?" kommen auf.
Natürlich können wir nicht unseren nach statistisch-sozialwissenschaftlichen Kriterien erarbeiteten Bewertungsschlüssel offen legen. Nur so viel: Die Mischung stimmt. Zwei Frauen, drei Männer, vier Studienfächer.
Und freundlich sind sie auch: Es wird Zwiebelkuchen gebacken und angeboten; der UniSPIEGEL-Mann lässt wie versprochen ein paar Flaschen Weißwein springen.
Während der Kuchen im Ofen schmort, erzählt Jan-Christoph am Küchentisch aus dem Innenleben der Wohngemeinschaft.
"Wir sind eigentlich sehr unterschiedlich, deshalb haben wir auch schon mal Streit. Aber wir wohnen in dieser Konstellation fast fünf Jahre zusammen, das ist eben wie in einer Familie." Allerdings, gibt er zu, "kann ich manchmal auch anstrengend sein". Tino nickt. Miriam lacht. Markus lächelt wissend.
Untereinander haben sich die fünf aber noch nie grundsätzlich verkracht - allerdings auch nicht verliebt. "Das ginge gar nicht", meint Miriam zum Thema Sex mit Mitbewohnern. "Die Jungs hier sind für mich ja wie Brüder." Was "die Jungs" mit Gemurre quittieren; so genau wollten sie es wohl doch nicht wissen.
Mitten im Gespräch klingelt es an der Tür, ein Besucher tritt herein, genauer: ein Bewerber. Die WG sucht nämlich einen neuen Mitbewohner für das sechste Zimmer, und heute stellt sich Alex vor, der von Freunden empfohlen wurde. Lockerer Typ, arbeitet als DJ, WG-erfahren.
Das Bewerbungsgespräch, so viel sei verraten, war erfolgreich. Mitte Oktober wird Alex als neues WG-Mitglied einziehen. Glückwunsch!
Aber ob die Wohngemeinschaft auch mit ihm glücklich wird? Bleibt er für die beiden Frauen auch nur ein "Bruder"? Hält er sich an den Putzplan? Oder wird er es gar wagen, Jan-Christoph die Show zu stehlen? Fortsetzung folgt!
Von Per Hinrichs

UniSPIEGEL 5/2003
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