20.10.2003

arbeitenPRINZIP HOFFNUNG

PRAKTIKA GELTEN ALS IDEALER EINSTIEG IN DEN JOB. ABER IN DER KRISE NUTZEN FIRMEN DIE FLEXIBLEN AKADEMIKER AUCH ALS BILLIGE ERSATZ-ARBEITSKRÄFTE.
Stephan Dolck kommt "aus dem Schnitt", wie er sagt, und ist ziemlich aufgekratzt. Der Journalistikstudent hat soeben einen Minibeitrag für die ARD-Zeitgeist-Sendung "Polylux" produziert - schon den zweiten in den ersten drei Wochen seines Praktikums: "Tolles Gefühl, wenn von dir was gesendet wird."
Die CDs für die Musikeinspielungen noch in der Hand, sitzt er in der "Redaktionslounge". Dunkle Haare im gepflegten Wuschellook, an jeder Seite der Nasenwurzel ein Silberkugel-Piercing. Dolck, 23, ist Praktikant im Ressort "Modern", eingestellt für drei Monate. Wenn der Fachhochschulstudent aus Hannover sich bewährt, darf er verdoppeln. Vielleicht, so seine Hoffnung, wird ein fester Job daraus. "Viele Redakteure hier haben mal als Praktikanten angefangen", erzählt Stephan, "beim Einstellungsgespräch hieß es, sie wollten jemand, der bereit sei zu bleiben."
Warum gerade ein Praktikant, wenn doch in der Hauptstadt Hunderte von gut ausgebildeten Journalisten auf Arbeitssuche sind? Es gibt gute und schlechte Gründe dafür, dass Unternehmen immer mehr auf die wachsende Reservearmee akademischer Gastarbeiter zurückgreifen. Ein guter Grund: Beide Seiten lernen sich genauer kennen als bei einem Bewerbungsgespräch. Ein schlechter: Was das Geld angeht, sind Praktikanten aus Erfahrung anspruchslos. Stephan Dolck bekommt gerade 350 Euro im Monat und ist damit noch zufrieden. Viele Journalistenpraktika seien unbezahlt, meint er. Die meisten der 50 führenden deutschen Unternehmen entlohnen laut einer Untersuchung der Unternehmensberatungsfirma Kienbaum ihre Praktikanten mit monatlich 400 bis 600 Euro.
Dafür bringen die "Praktis" vollen Einsatz, gern sogar mehr als die Festangestellten. Denn sie wollen beweisen, dass gerade sie der oder die Richtige für einen Job sind. Manche Firmen nutzen das schamlos aus und beschäftigen in Kette Praktikanten, wo eigentlich eine Dauerarbeitskraft ihren Platz hätte. Angesichts der schlechten Aussichten finden sich aber auch viele Akademiker für solche zweifelhaften Angebote.
In den Praktikumsvermittlungsstellen der Hochschulen sitzen daher nicht nur immer mehr Studierende, sondern auch joblose Absolventen. Doris Köhler, die am Career Center der Humboldt-Universität in Berlin Studienabsolventen in den Arbeitsmarkt vermittelt, sieht diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. "Praktika während des Studiums sind sehr zu empfehlen. Nach dem Abschluss sind sie kein gutes Zeichen."
Trotzdem rät sie Absolventen nicht ab. "Es gibt Chancen, durch ein Praktikum Kontakte zu knüpfen." So macht das Institut "Student und Arbeitsmarkt" der Universität München Studenten fit für Praktika - immerhin 60 Prozent der Teilnehmer finden ihre erste Stelle bei einem früheren Praktikumsbetrieb. Bis zu 20 000 Praktikumsbewerbungen jährlich gehen bei deutschen Spitzenunternehmen ein, so die Kienbaum-Studie. "Die Studierenden absolvieren mehr und qualifiziertere Praktika als vor Jahren", stellt Köhler fest. Zwei bis drei Ausflüge in die Arbeitswelt sind die Regel, viele Studierende können doppelt so viele vorweisen.
Rainer Breul, Student der Verwaltungswissenschaften in Konstanz, hatte sich noch von seiner Schnupperstation bei den Vereinten Nationen in New York per E-Mail bei einem SPD-Abgeordneten des Bundestags nach einem Praktikum erkundigt. Inzwischen hat er schon an einem Stammtisch für Bundestagspraktikanten teilgenommen, wo er vor allem Historiker, Politikwissenschaftler, Juristen traf, "an die 70 Leute kamen zum Treffpunkt am Hackeschen Markt."
Lydia Bentscheff, 26, hat etliche Architekturpraktika hinter sich. Während sie bei einem Auslandsaufenthalt den Architektenalltag in einem Büro in Sevilla mitbekam, arbeitet sie jetzt sechs Monate bei einem der führenden Berliner Architekten, Hans Kollhoff, an einem großen Bauprojekt mit und macht "vom Entwurf bis zur Detailplanung" alles, was anfällt.
Praktikanten müssen immer mehr die gleichen Voraussetzungen wie ihre fest angestellten Kollegen erfüllen. McKinsey etwa stellt an sie "prinzipiell die gleichen Anforderungen ", so Recruiting-Direktorin Susanne Theisen. Bei Genia Kostka, 24, hat's funktioniert. Die Berlinerin, die in Washington, Bologna und London Internationale Beziehungen studiert hat, bekam nach ihrem zweiten Praktikum bei McKinsey das Angebot, am so genannten Fellow-Programm der Unternehmensberatung teilzunehmen. Sie wird nun zwei Jahre lang als Jungberaterin arbeiten und kann im dritten Jahr auf Kosten ihres Arbeitgebers promovieren oder im Ausland ihren MBA machen. Etwa 30 bis 40 Prozent der fest angestellten Berater haben als Praktikanten einen so guten Eindruck hinterlassen, dass sie bleiben durften.
Mit Praktikumsprogrammen wie "Inside" bei Siemens versuchen die Firmen besonders leistungsstarke Praktikanten an sich zu binden. Vom Praktikanten zum Diplomanden, dessen Abschlussarbeit vom Unternehmen betreut wird, vom Diplomanden zum Werksstudenten: Der Informatikstudent Jan Reinmüller hat den Parcours erfolgreich durchlaufen, jetzt hofft er, dass er die Festanstellung als Informatiker packt.
Weniger formalisiert und reglementiert läuft die Beziehungspflege in den kreativen Branchen ab. So haben private Kontakte Ann-Kristin Demuth, 25, zu einem Regiepraktikum verholfen. Anders komme man kaum an die knappen Plätze. Sechs Wochen lang assistierte sie der Regieassistentin bei Dreharbeiten für einen ZDF-Film - mit Erfolg: Beim nächsten Dreh von Regisseur Matti Geschonneck ist die Studentin der Medienkultur und Amerikanistik, die einmal Regisseurin werden will, wieder als Praktikantin am Set dabei.
Praktikanten in Privatmedien müssen dagegen schon mal als Ersatz für ausgebildete Arbeitskräfte dienen. Wille Bartz, zuständig bei der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di für Mitarbeiter von privaten Medien: "Bei kleinen Hörfunksendern oder Fernsehproduktionsfirmen erledigen Praktikanten oft leichtere journalistische Tätigkeiten und ersetzen Fachkräfte, werden aber dafür gar nicht oder nur schlecht bezahlt. Mit der Aussicht auf ein Volontariat hält man sie bei der Stange. Ein Versprechen, das häufig nicht gehalten wird."
Die Hamburgerin Sonja Görnitz, 31, hofft noch immer, Redakteurin zu werden. Ihre Ausbildung ist exzellent: diplomierte Dokumentarin, Master of Arts in Internationaler Kommunikation - und dazu ein gutes Dutzend Praktika im In- und Ausland, von der "Bild"-Zeitung bis zur ARD-Redaktion in Tokio. Ihr Fazit: "Ich habe viel Erfahrung gesammelt - aber mein Ziel, ein Volontariat, habe ich durch die Praktika nicht erreicht." Ihr Professor gab ihr einen freundschaftlichen Rat: Von einer gewissen Zahl an wirken Praktika auf Arbeitgeber kontraproduktiv.
Genia Kostka, 24,
ZWEI PRAKTIKA BEI DER UNTERNEHMENSBERATUNG MCKINSEY
"Die Praktikanten werden bei McKinsey ins kalte Wasser geworfen; ich hatte beispielsweise schon nach wenigen Tagen einen Termin beim Kunden. Man taucht richtig in den Berateralltag ein und lernt die Welt des Big Business kennen: montags mit dem Laptop im Gepäck zum Kunden fliegen, donnerstags wieder zurück ins >home office<. Ich war es nicht gewöhnt, so ernst genommen zu werden."
Daniel Schmich, 25,
TEXTPRAKTIKANT BEI DER WERBEAGENTUR SCHOLZ & FRIENDS IN BERLIN
"Ich erfinde Texte, Headlines, Slogans, etwa für Werbeplakate vom Billig-Flieger Hapag-Lloyd Express. Ich gehöre zu einem Team aus Textern, Grafikern und Beratern, die den Kundenkontakt halten, das Ganze nennt sich >Family 4<. Ein paar meiner Textvorschläge sind schon beim Kunden gelandet. Klar bin ich irgendwo auch eine billige Arbeitskraft. Aber ich fühle mich integriert und nicht ausgenutzt, das ist ein Geben und Nehmen."
Rainer Breul, 23,
PRAKTIKANT BEI DEN VEREINTEN NATIONEN IN NEW YORK
"Meine Abteilung betreute die Uno-Vollversammlung. Ich habe im Saal Telefonate beantwortet, Anfragen weitergeleitet und am Nachmittag ein Verlaufsprotokoll für die tägliche Uno-Zeitung verfasst. Ich durfte beispielsweise die Außenminister von ihrem Platz aufs Podium führen, auch Joschka Fischer. Einmal hielt US-Präsident George Bush eine Rede, ich saß schräg hinter ihm. Am nächsten Tag war ich mit ihm auf Seite 5 der >Daily News< auf einem Foto!"
Ann-Kristin Demuth, 25,
REGIEPRAKTIKANTIN BEI EINEM ZDF-FILM
"Ich war die rechte Hand der Regieassistentin, musste die Komparsen betreuen und ihren Einsatz mit koordinieren, sie nach Anweisung der Regieassistentin im richtigen Moment durch den Bildhintergrund schicken. Außerdem habe ich den Regisseur und die Regieassistentin vom Hotel zum Drehort und wieder zurück gefahren. Auch mal Kaffee kochen gehörte dazu. Es blieb noch genügend Zeit, um den Profis bei der Arbeit zuzuschauen."
Jan Reinmüller, 27,
TEILNEHMER AM PRAKTIKUMSPROGRAMM "INSIDE" BEI SIEMENS BUSINESS SERVICES
"Ich konnte mich mit meinen Vorschlägen einbringen, das hat viel Spaß gemacht. Klasse war auch die Abschlussveranstaltung in einer Burg in der Nähe von Paderborn. Dort haben wir Praktikanten unsere Projektergebnisse präsentiert. Das Ganze endete mit einer echten Rittertafel."
Von ULLA HANSELMANN

UniSPIEGEL 5/2003
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