19.04.2004

Biotop für die Elite

Eine privatwirtschaftliche Initiative an der Uni Karlsruhe macht vor, wie man ausländische Spitzenstudenten auch ohne besondere Elite-Hochschulen nach Deutschland holt.
Abishek Gakhar ist ein Student, wie ihn sich jeder deutsche Hochschulpolitiker wünscht: Mit 17 machte der junge Mann in Neu-Delhi seinen Schulabschluss als zweitbester Absolvent in der Fachrichtung Ingenieurwissenschaften, gehörte bei der Aufnahmeprüfung zum elitären Indian Institute of Technology zu den Besten und hatte auch gute Chancen auf einen Platz an einer renommierten Universität in den USA. Doch Gakhar entschied sich für ein Maschinenbaustudium in Karlsruhe.
Den Ausschlag gab weder der Umstand, dass schon vor 140 Jahren Berühmtheiten wie Carl Benz oder Emil Skoda in der Residenzstadt am Rhein studierten, noch dass die Uni Karlsruhe in den Ingenieurwissenschaften auch heute zu den ersten Adressen in Deutschland zählt. Der Hauptgrund, weshalb Abishek sich für einen Bachelor im Badischen entschloss, ist eine Service-Einrichtung, die es in Deutschland so kein zweites Mal gibt: das "International Department" (ID).
"Wenn das ID nicht gewesen wäre", sagt Abishek, der jetzt mit 20 Jahren ins sechste Semester kommt, "dann wäre ich wahrscheinlich in die USA gegangen." Auch die Japanerin Misaki Nakajima, 19, aus Yokohama studiert dank dem ID in Karlsruhe. Das International Department vermittelte der Maschinenbaustudentin ein attraktives Stipendium.
Das privatwirtschaftliche Pilotprojekt der Uni Karlsruhe bietet genau den Service, der deutschen Hochschulen im Wettbewerb um die besten ausländischen Köpfe anderswo abgeht: ein englischsprachiges Studium vom ersten Semester an, einen Wohnheimplatz, persönliche Betreuung - und Förderer aus der Wirtschaft, die alle Kosten übernehmen, ein ordentliches Taschengeld inklusive.
"Wir haben hier ein Angebot", erklärt ID-Geschäftsführer Michael Kurth nicht ohne Stolz, "das sich hinter dem privater amerikanischer Hochschulen nicht verstecken muss." Selbst US-Amerikaner wie der 19-jährige Kyle Kippenbrock aus Indianapolis haben über das ID den Weg nach Karlsruhe gefunden: "Ich habe einen solchen Service einfach von einer Universität erwartet. In den USA ist so etwas selbstverständlich." Doch nicht einmal für amerikanische Verhältnisse ist selbstverständlich, wo und wie das International Department residiert - in einem denkmalgeschützten klassizistischen Gebäude, das zum Ensemble des Karlsruher Schlossplatzes gehört und dem Besucher schon auf den ersten Blick vermittelt: Wer hier studiert, ist privilegiert.
Die Verwaltung im Erdgeschoss nimmt den ausländischen Studenten von der Bewerbung bis zum Studienabschluss viele lästige Pflichten ab. Vor allem hilft die Institution den Neuankömmlingen schon zu Beginn über die Sprachbarriere hinweg: Die obligatorische "Feststellungsprüfung" zum Nachweis der Hochschulreife, die zugleich als Zugangsvoraussetzung zum ID dient, dürfen dessen Bewerber ausnahmsweise auf Englisch ablegen - andere ausländische Studienanfänger müssen sich auf Deutsch quälen.
Die englischsprachigen Lehrveranstaltungen, die exakt dem deutschen Studienplan entsprechen, kauft das ID für seine rund 100 Studenten quasi bei der Uni ein. Deutschen und anderen ausländischen Studenten stehen die englischen Maschinenbaukurse theoretisch zwar sogar unentgeltlich offen - doch durch besonders strenge Teilnahmebedingungen versuchen Uni und ID, die Gruppe klein zu halten.
Ohne Stipendium müssten die Bachelor-Studenten des ID jährlich allein 11 000 Euro an so genannten Campusgebühren für Studium und die Betreuung berappen. Doch nur die wenigsten tragen diese Kosten selbst: 94 Prozent bekommen Unterstützung von international tätigen Unternehmen, die sich so Führungskräfte von morgen sichern wollen. Abishek hat ein Stipendium des Druckmaschinenherstellers MAN, Misaki von DaimlerChrysler, andere von Bosch, Siemens oder der Karlsruher Maschinenbau-Holding IWKA. 20 000 Euro pro Stipendiat überweisen die Sponsoren jährlich an das ID. Dafür werden sie am Auswahlverfahren beteiligt.
Die Klienten des ID sind denn auch handverlesen. "Wir zielen hier auf die Bildungs- und Leistungselite aus den Schwellenländern und Industrienationen", sagt Geschäftsführer Kurth. Seine Studenten sucht das ID meist bei Informationsveranstaltungen an besonders renommierten Schulen oder über persönliche Kontakte von Lehrern, Professoren und Studenten. Auch Unternehmen schlagen Kandidaten vor.
Soweit die Bewerber noch keine Stipendienzusage haben, versucht das ID, sie mit geeigneten Sponsoren zusammenzubringen. Aspiranten aus Osteuropa durchlaufen ein Assessment-Center in Karlsruhe. Außerhalb Europas wählen meist Manager und Personalreferenten der Industriepartner in Eigenregie die Studenten aus, die sie für förderungswürdig halten. Bewerber aus der Dritten Welt werden in der Regel abgelehnt.
Wer es sich leisten kann, darf allerdings als Selbstzahler nach Karlsruhe kommen. Fünf der insgesamt 117 derzeit vom ID geförderten Studenten finanzieren ihr Studium aus eigener Tasche (oder der ihrer Eltern) - darunter eine junge Ägypterin, für die sich kein Unternehmen mit einer Dependance in ihrem Heimatland gefunden hat.
Auch das Wohnheim in den oberen Stockwerken des eigens für das ID umgebauten Gebäudes am Schlossplatz dürfte zu den feinsten Studenten-Adressen der Republik gehören. Mit seinen grauen Arkaden und Fensterbrüstungen wirkt das repräsentative Bauwerk von außen zwar eher abweisend. Doch sobald man durch eine Toreinfahrt den Innenhof betritt, offenbart es sich als studentisches Biotop: Vom ersten Stock bis unters Dach bieten durchgehende Panoramascheiben Einblick in die teils mehr als 40 Quadratmeter großen Wohnküchen der WGs. Die Zimmer haben alle Dusche und WC, viele bieten Postkartenblicke auf den Schlossgarten und die barocke Residenz.
Ganz oben wohnen die Studenten wie im Loft, davor verlocken begrünte Dachterrassen zum Grillen und Sonnenbaden. "Im Sommer ist jeden Tag Party auf den Terrassen", sagt die 20-jährige Lucia M., eine der wenigen Deutschen, die hier studieren darf, weil sie lange Zeit in Paris gelebt und dort ein französisches Abitur gemacht hat. Sobald einer draußen sitzt, finden sich schnell ein paar andere ein - und schon ist Stimmung da. Abgeschottete Grüppchen bilden sich schon deshalb nicht, weil die Verwaltung die Wohngemeinschaften mit jeweils fünf oder sechs Plätzen ganz bewusst bunt zusammenwürfelt.
"Es ist sehr Multikulti hier", lobt der Franzose Adrien Wack. "Jeder bringt seine Kultur mit ein", schwärmt die Russin Anastasia Buyanowa, 21, die ursprünglich aus Sankt Petersburg stammt. Das beginnt beim Kochen, geht über die Musik, die in den Gemeinschaftsräumen läuft, und hört bei Diskussionen über Deutschland und die Welt noch lange nicht auf.
Lernen kommt dabei nicht zu kurz, dafür sorgt schon Geschäftsführer Kurth. Streng wacht der ehemalige Bildungsexperte bei der EU-Kommission darüber, dass die Multikulti-Truppe ihre "100-prozentige Anwesenheitspflicht" in Vorlesungen und Seminaren erfüllt, ihre Prüfungstermine einhält und das vorgeschriebene Industriepraktikum absolviert, in der Regel beim jeweiligen Sponsor-Unternehmen. Wer sich abends in der Kellerbar zu lange von Caipirinhas und Bossa Nova hat ablenken lassen, wird von Kurth schon mal morgens "persönlich zur ersten Veranstaltung begrüßt".
Neben ihrem Fachstudium müssen die ID-Studenten Sprachkurse in Englisch und Deutsch belegen und auch ihren Allgemeinhorizont erweitern, in Vorlesungen wie "Multikulturalität in Deutschland und Europa", "Wirtschafts- und Sozialstruktur", "Medienpolitik" und "Unternehmensführung". Bis auf wenige Wochen geht die vorlesungsfreie Zeit für Prüfungen und insgesamt 16 Wochen Industriepraktikum drauf.
Dass Einsatz lohnt, spüren die Studenten schon beim Taschengeld. Die Regeln sind "fast so ausgefeilt wie ein Tarifsystem" (Kurth): Im ersten Semester gibt es 150 Euro monatlich für alle plus 51 Euro Mensa-Zuschuss, im zweiten Semester bewegt sich das Salär je nach Studienerfolg zwischen 120 und 170 Euro, später gibt es bis zu 220 Euro plus Zuschläge für besondere Semesterleistungen - oder gar nichts. Zusätzlich schließen die Studenten sowohl mit dem ID als auch mit ihren Sponsoren jedes Semester so genannte Zielvereinbarungen ab - die fördernden Unternehmen wollen schließlich wissen, ob ihr Geld gut angelegt ist.
1,9 Millionen Euro beträgt derzeit der Jahresetat des ID, der sich aus den Studiengebühren speist. Die Unternehmen investieren in jeden der geförderten Bachelor-Studenten bis zum Examen mindestens 80 000 Euro, oft hängen diese noch ein Master- oder Diplomstudium dran. Natürlich erwarten die Sponsoren, dass ihre Stipendiaten nach erfolgreichem Abschluss in ihrem Herkunftsland für das Unternehmen quasi als Mittler zwischen den Kulturen tätig werden, auch wenn sich die Studenten dazu nicht förmlich verpflichten müssen.
Im Normalfall geht die Rechnung auf, sagt Axel Gerhardt, einer der ersten Förderer des ID und ehemaliges Vorstandsmitglied der IWKA, die allein fünf Stipendiaten finanziert: "Es ist fast unmöglich, so in eine fremde Kultur einzudringen, dass man dort ohne Abstriche leben und Geschäfte machen kann, dagegen ist es eine relativ sichere Sache, jemanden aus dem Ausland zu holen, ihm Deutsch und Ingenieurwissenschaften beizubringen, um ihn dann in sein Herkunftsland zurückzuschicken." Am ID bricht nur knapp jeder fünfte ausländische Student seine Ausbildung vorzeitig ab, anderswo sind es bis zu 80 Prozent.
Selbst die Konkurrenz ist vom Erfolg des ID angetan. Professor Chuck Krousgrill von der renommierten Perdue University in Indiana, der zurzeit als Gast in einer der Dozentenwohnungen des International Department wohnt, lobt: "Die Studenten hier sind sehr gut qualifiziert. Die würden auch bei uns ihren Weg machen."
Die TU Hamburg-Harburg hat mit dem "Northern Institute of Technology" eine ähnliche Service-Organisation aufgebaut - doch anders als in Karlsruhe wird in Harburg nur aufgenommen, wer bereits einen Bachelor hat.
Eine Einrichtung wie das ID, sagt Professor Hartmut Weule, ehemals Vorstand bei Daimler-Benz und Gründungsvater des International Department, würde auch anderen Unis gut tun. Flächendeckend aber lasse sich das Konzept allein mit Sponsorengeldern kaum umsetzen. Weule: "Auf Dauer brauchen wir eine Freigabe der gesetzlichen Regelungen, dass jede Spitzenuni sagen kann: Wir nehmen Studiengebühren, und dann muss der Markt die weitere Entwicklung steuern." Für die besten Studenten würde es nach wie vor Stipendien geben, die anderen müssten selbst zahlen. Schließlich könnten die Unis so gutes Geld verdienen: Zwölf Milliarden Dollar fließen jährlich aus dem Ausland an Studiengebühren in die USA.
Dass in der Bundesrepublik nach den Plänen von Bildungsministerin Edelgard Bulmahn ausländische Studenten auch weiterhin ohne Gebühren studieren sollen, hält Weule für einen entscheidenden Nachteil des Bildungsstandorts Deutschland: "Jeder, der seine Kinder in der Welt ausbilden lässt, wird doch misstrauisch, wenn etwas umsonst ist." Was gut ist, muss auch etwas kosten.
Dass die Ausbildung am ID gut ist, hat sich herumgesprochen. Nach Abishek studiert jetzt auch sein Vetter in Karlsruhe - mit einem Kredit, den das ID vermittelt hat.
Von DIETMAR HIPP

UniSPIEGEL 2/2004
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