19.04.2004

„Kathedrale des Wissens“

Ein Jahr als deutscher „Visiting Professor“ an der amerikanischen Elite-Universität Yale.
In dem düster beleuchteten Gang der riesigen Bibliothek hätte ich die unscheinbare Tür fast übersehen. Ein schmuckloses Schild: "Kartensammlung". Drinnen erhellt das Morgenlicht den halbhohen Zeichentisch unter der Fensterfront. Hölzerne Schubfächer, metallene Hängekästen, Fächer und Schachteln in allen Größen und Formaten, Folianten und Mappen stapeln sich an den Wänden sowie kreuz und quer auf allen Tischen und Ablageflächen.
Während ich staunend vor all der archivarischen Pracht stehe, sagt auf einmal eine Stimme: "Wie kann ich Ihnen behilflich sein?" Erschrocken drehe ich mich um und schaue auf die untersetzte, grauhaarige Gestalt im ausgeblichenen Wollhemd. Im Zuge der Jahre hat sich Fred Musto seinem Lebensraum angeglichen. Immer langsamer sind seine Bewegungen geworden. Immer leiser. "Ich habe Sie gar nicht bemerkt", stottere ich entschuldigend, und er lächelt stolz, weil das in seiner Welt ein Kompliment ist. Musto ist Kurator der Kartensammlung in der Sterling Memorial Library der Yale-Universität.
Es ist meine erste Woche als "Visiting Professor" in Yale. In meinem Seminar über "Zeugenschaft von Kriegsverbrechen" will ich eine Fallstudie vom Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag erörtern. Ob ich vielleicht eine Bosnienkarte ausleihen könne, frage ich Musto.
Geräuschlos verschwindet der Archivar nach hinten, eine Minute später schon öffnet er den Knoten, der einen überquellenden Folianten zusammenhält, und breitet seine Schätze aus: geografische und politische Karten der letzten 150 Jahre von Bosnien, militärische Kartografien, ethnische Übersichten, Straßenkarten von Sarajevo und Umgebung, in denen serbische Posten und Scharfschützenstellungen verzeichnet sind.
Vergnügt registriert Musto das Staunen des Gastes. "Welche hätten Sie denn gern? Brauchen Sie eine Vergrößerung? Oder wäre Ihnen eine kleine Sammlung verschiedener Karten und Grafiken für jeden Seminarteilnehmer recht?"
Musto verwaltet über 200 000 Landkarten, 3000 Atlanten und 900 Lexika. Zudem lagern über 15 000 seltene historische Karten aus der Zeit vor 1850 in dem Archiv im sechsten Stock der Bibliothek. Meine Anfrage behandelt Musto wie eine Bestellung, und so kann ich wenige Stunden später schon ein Paket mit vier verschiedenen Karten in handlichen Kopien für meine Studenten abholen. "Sie brauchen mir nicht zu danken", sagt Musto, "das ist meine Arbeit. Das ist hier ganz normal."
Doch was heißt schon "normal" in Yale, an einer der berühmtesten Universitäten der Welt? Noch dazu, wenn man von deutschen Universitäten eine ganz andere Normalität gewohnt ist?
Über dem Portal der monumentalen Sterling Memorial Library illustriert ein Relief mit Schrifttafeln unter anderem auf Assyrisch, Hebräisch und Babylonisch sowie Symbolen der alten Zivilisationen den Anspruch des Architekten J. G. Rogers, eine "Kathedrale des Wissens" der Welt zu bauen. 11 Millionen Bücher und über 60 000 Zeitschriften stehen Professoren und Studenten in Yale zur Verfügung. Bis Mitternacht. In den holzvertäfelten Lesesälen von Sterling thronen lederne Ohrensessel in kleinen Séparées, die auf einen idyllischen, begrünten Innenhof hinausgehen. Neben Mustos Kartensammlung beherbergt das Gebäude auch noch das weltweit einzigartige Fortunoff-Archiv mit Tausenden Video-Zeugnissen von Holocaust-Überlebenden.
Die Beinecke-Bibliothek aus Marmor, Granit und Glas einige hundert Meter weiter wurde eigens für wertvolle antiquarische Bücher, darunter eine original Gutenberg-Bibel, entworfen. Licht, Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind exakt auf die kostbaren Schätze abgestimmt. Allein 2003 investierte Yale 30,1 Millionen Dollar in Neuanschaffungen für die Bibliotheken.
Die Sportanlagen von Yale umfassen einen Golfplatz, zwei Schwimmbäder mit Olympia-Maßen, hochglanzpolierte Fitness-Räume, Ruderkanäle, Squash-Hallen. Auch das ist normal hier.
Drei der letzten vier Präsidenten der Vereinigten Staaten sind "Yalies", im Wahlkampf um die amerikanische Präsidentschaft 2004 treten wohl erstmals zwei Kandidaten gegeneinander an, der Demokrat John Kerry und der Republikaner George W. Bush, die zu ihrer Studienzeit beide derselben sagenumwobenen geheimen Bruderschaft "Skull & Bones" in Yale angehörten.
Noch heute besuchen berühmte Absolventen - Premierminister, Staranwälte, Diplomaten, Nobelpreisträger, Spitzenmanager oder Künstler - die Studenten in ihren Colleges zum "Master's Tea". Bei hausgebackenen Keksen erzählen die erfolgreichen Ehemaligen denen, die es noch werden wollen, die Geschichten ihres Erfolgs. Yale ist nicht einfach eine Universität, es ist eine elitäre Tradition, auf die immer neue Generationen eingeschworen werden.
Dabei ist diese Tradition zunächst eine historische Inszenierung. Von den prächtigen grau-braunen Gebäuden, die heute die elf Colleges der Uni ausmachen, stammt kaum eines aus der ersten Bauphase von 1701. Auf ausdrücklichen Wunsch, doch einen Campus zu entwerfen, der das Ambiente der englischen Oxford University kopiere, schuf Architekt Rogers zu Beginn des 20. Jahrhunderts den "American Collegiate Gothic"-Stil.
Die Vorgabe des Architekten: Die Universität sollte "alt wirken". Rogers ließ deswegen von den Dächern seiner nagelneuen Gebäude Säure auf den Stein gießen, um die Wände verfallener erscheinen zu lassen. Reliefs an den Fassaden wurden absichtsvoll zertrümmert, als ob einzelne Figuren in Hunderten von Jahren abgebrochen wären. Geschichte ist in Yale nicht gewordene Wirklichkeit, sondern geschaffene Illusion.
Auch "Mory's", der Club, in dem sich mittags die Professoren zusammenfinden, um beim Krabbencocktail über ihre Forschungsergebnisse zu diskutieren, hütet die Illusion. Die rustikalen dunklen Holztische zieren Tausende Gravuren früherer "Yalies". Bei meinem ersten Besuch erklärt mir mein Begleiter, ich könne jetzt auch beim Kellner ein Messer bestellen, um meine Initialen in einen der polierten Tische zu ritzen.
An den Wänden hängen die Bilder früherer Sporthelden. Die Kapitäne aller Mannschaften der vergangenen Jahrgänge - Baseball, Football, Rudern - stehen in der ewig selben Pose in ihren Trikots mit dem großen Ypsilon oder dem Yale-Logo einer Bulldogge. Sogar die jüngere Gegenwart hat mittlerweile "Mory's" erreicht: Leicht verschämt, im dunklen Treppenaufgang zu den Räumen im ersten Stock des Clubs, lockern die Fotos der Team-Leaderinnen das strenge Ambiente auf.
Dabei unterscheidet sich das Yale von heute nicht nur durch die Frauen vom Yale der weißen Oberschichtkinder von gestern. Während früher die exorbitanten Studiengebühren dafür sorgten, dass die Upperclass-Sprösslinge unter sich blieben, erhalten heute über 40 Prozent aller Studenten ein Stipendium. Die 37 000 Dollar, die Yale pro Jahr kassiert, werden den finanzschwächeren Yalies allerdings nicht erlassen, sondern als Kredit gewährt, den sie in den Jahren oder Jahrzehnten nach ihrem Abschluss zurückzahlen müssen. Auch das ist normal in Yale.
Längst ist die Hochschule zu einem Mikrokosmos geworden, in dem sich die ganze Welt begegnet. 16 Prozent aller derzeit 5262 "Undergraduates" kommen aus dem Ausland (unter den 103 Ländern, die hier vertreten sind, liegt Deutschland in der Spitze - hinter China, Kanada, Südkorea und Indien).
In meinem Seminar über Zeugenschaft und Kriegsverbrechen im wunderbaren Institut für "Ethics, Politics and Economics" sitzen 18 Studenten aus Sri Lanka, Nigeria, Korea, Vietnam und eine Palästinenserin aus Ost-Jerusalem. Die Diskussionen über Gewalt und Traumatisierung, Wahrheitsfindung und Wiedergutmachung nach Krieg und Verbrechen wechseln ständig zwischen theoretischer Reflexion und persönlicher Erfahrung.
Diala Shamas, eine junge Palästinenserin, lernt "erst hier", durch die Texte von Primo Levi, "den Holocaust verstehen". Sie sagt das mit einem Blick zur Seite, zu ihrer Nachbarin, Erin Scharff, einer Enkelin osteuropäischer Juden, die den Holocaust überlebten.
Doch noch immer sind in Yale auch erstaunliche Überbleibsel von Rassismus und gesellschaftlicher Ausgrenzung sichtbar. In Woolsey Hall, einem der riesigen, holzgetäfelten Säale, in denen die Yalies zu Mittag essen, sitzen viele Elite-Studenten wieder in ihren herkömmlichen Grüppchen: die schwarzen Amerikaner um einen langen Tisch, die Asiaten an einem anderen, die Weißen in Cliquen verteilt auf mehrere Tische im Saal.
"Yale ist ungeheuer stolz auf seine Internationalität, und alle diskutieren beständig Ereignisse der internationalen Politik", sagt Diala Shamas, die Palästinenserin mit amerikanischem Pass, "aber gleichzeitig ist es ein Ort, in dem sich der Rest der Welt wunderbar vergessen lässt. Es bleibt immer ein Gespräch von Leuten, die von der politischen Realität in der Welt zwar wissen, aber nicht betroffen sind."
Dabei drohen soziales Elend und Verzweiflung in unmittelbarer Umgebung. Jenseits der Mauern des Campus beginnt die Verwahrlosung der Stadt New Haven. Der Hafen und die große Winchester-Waffenfabrik sind längst geschlossen. Nachts ziehen nur noch ein paar torkelnde Crack-Gestalten durch die leergefegten Straßen. In das trostlose Ghetto vier Blocks nördlich der Elite-Universität verirrt sich kein Student.
Für New Haven ist Yale vor allem ein Unternehmen. Von den 8071 Angestellten der Uni sind mehr als die Hälfte technische Arbeiter, Handwerker, die die kleine Stadt in der Stadt am Laufen halten, Putzfrauen und Küchenpersonal. Um die krasse soziale Ungleichheit zwischen der vermögenden Elite-Uni und der postindustriellen Armut im Ort zu verringern, hat Yale in jüngster Zeit an lokale Schulen und öffentliche Bücherhallen gespendet. Kleinkram für eine Firma mit einem Vermögen von elf Milliarden Dollar.
Elf Milliarden Dollar?
Wer immer in der deutschen Debatte über die Bildungsmisere neidisch auf die amerikanischen Spitzenhochschulen schielt, der übersieht, was für ein Finanzimperium eine Universität wie Yale ist. Und wie unvergleichlich Yale selbst innerhalb der USA dasteht - nicht nur gegenüber den vernachlässigten staatlichen Colleges, sondern auch gegenüber zahllosen anderen privaten Hochschulen. Allein an Spenden kamen im vergangenen Jahr 64 Millionen Dollar herein. Mehr als 40 Prozent aller Mitglieder des Vereins der Ehemaligen stiften an ihre alte Alma Mater. Sie geben für Reisestipendien, Forschungsaufenthalte, Professuren, Bücher. Eine privatisierte Universität kann nicht reüssieren, wenn das gesellschaftliche Umfeld fehlt.
Aber es sind nicht nur das Geld und die Ausstattung, die das Leben in Yale so anders machen als an einer deutschen Uni. Es sind auch und vor allem die Menschen, die stimulieren: die Studenten, die mich zu ihren Choraufführungen in die Colleges einladen, die politischen Aktivisten, die arabischen wie die jüdischen, mit denen ich diskutiere und zwischen denen ich manchmal vermitteln muss. Es sind Professoren wie der emeritierte Soziologe David Apter, der immer noch schreibt und schreibt und sich in Rage redet über die Konflikte in der Welt, als wäre er ein Freshman im ersten Jahr in Yale; es sind Diala Shamas und Erin Scharff oder unscheinbare Kuratoren und Dienstleister wie Fred Musto, die den Unterschied ausmachen zwischen dieser und der deutschen Realität.
Als Musto mir mein kleines Paket mit Karten überreicht und ich, schon im Gehen freudig die Mappe mit den Kopien öffne, ruft er mir hinterher: "Ach so. Eine Karte von Europa sollten Sie noch erwägen - amerikanischen Studenten müssen Sie erst mal zeigen, wo Bosnien eigentlich liegt."
Carolin Emcke, 36, Doktor der Philosophie und SPIEGEL-Redakteurin, arbeitet derzeit als Gastprofessorin an der Yale University in New Haven.
Von Carolin Emcke

UniSPIEGEL 2/2004
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