24.05.2004

Detektive in WeißDem Täter auf der Spur

Juristen und Ökonomen, Biologen oder Informatiker haben gute Chancen, bei der Polizei Karriere zu machen.
Es war einer ihrer ersten Einsätze bei der Bereitschaftspolizei. Kathrin Hennings, 1,69 Meter groß, stand im Kampfanzug mit Schienbeinschützern zwischen kräftigen Kerlen in Reih und Glied. Da hörte sie diesen Satz - Kompliment, Anmache und Demütigung zugleich-, den sie nicht vergessen hat: "Ist die süß! Darf ich mal anfassen?"
Bald stehen die kräftigen Kerle vor Hennings stramm - die 36-Jährige hat demnächst den Abschluss für den höheren Polizeivollzugsdienst in der Tasche. Nach zweijähriger Ausbildung, unter anderem an der Polizeiführungsakademie in Münster, wird sie zu den rund 100 Top-Beamten in ihrer Heimatstadt Hamburg gehören, die das Sagen haben über fast 10 000 Polizeibedienstete.
Seit immer mehr aufwendig produzierte Krimiserien wie "C.S.I.", "Quincy" oder "Profiler" auf deutschen Fernsehkanälen laufen, sind die Ermittlungsbehörden zunehmend auch für aufstrebende Akademiker interessant. Galt es noch vor 20 Jahren als ziemlich unschick und spießig, zur Polizei zu gehen, ist es heute kein Makel mehr, Beamter zu werden.
"Ich wollte schon immer was mit Strafsachen machen", sagt die promovierte Juristin Heike Kerszis. Seit gut einem Jahr arbeitet sie als "Kriminalrätin zur Anstellung" beim Bundeskriminalamt (BKA). Die 29-Jährige - 1,80 Meter groß, mittelblondes, glattes Haar und grüne Augen - hätte sicher gute Chancen in der freien Wirtschaft gehabt. Doch Kerszis entschied sich für die Sache der Sicherheit und freut sich über "die breite Vielfalt für Juristen", die Deutschlands bedeutendste Ermittlungsbehörde bietet. Kein Job, eine Aufgabe.
Es war ihre erste Bewerbung. Die Ausbildung (Schwerpunkt: Strafrecht) war gut gelaufen. Zwischen dem ersten Staatsexamen und dem Referendariat promovierte sie in gut einem Jahr über die "Unterzeichnung im Strafprozess und neue Medien", also die digitale Unterschrift - nur so, "um mir die Wartezeit zu verkürzen". Als sie im Oktober 2002 das zweite Staatsexamen absolvierte, war sie gerade 28 Jahre alt.
Die Bewerbung beim BKA für den höheren Dienst war kein Problem. Den Sporttest bestand sie ebenso wie Seh-, Sprach- und Intelligenzprüfung. Nach der Vorauswahl folgten drei Tage im Assessment-Center. Nach einem persönlichen Abschlussgespräch war die Sache klar. Kerszis fiel es nicht leicht, aus Bochum wegzugehen, wo sie aufgewachsen ist und studiert hat.
Die beschauliche hessische Landeshauptstadt Wiesbaden, wo die Kriminalbehörde ihren Hauptsitz hat, muss keineswegs Endstation sein. Das BKA unterhält Zweigstellen in Meckenheim bei Bonn und in Berlin und hat Beamte an vielen Orten der Welt. An fast allen deutschen Botschaften pflegen BKA-Beamte Kontakt zu örtlichen Behörden. Doch noch erscheinen ihr die Aussichten in Wiesbaden ganz rosig. Im höheren Dienst stimmt das Gehalt, und Führungskräften bietet das Amt eine große Auswahl interessanter Jobs. Da gibt es solche mit vorrangig juristischen Aufgaben, etwa im Referat "Recht und Polizeipraxis", wo Kerszis derzeit als Referentin arbeitet und die Umsetzung geltenden Rechts in die Polizeiarbeit einfädelt, wenn es beispielsweise um Abhörmaßnahmen in Wohnungen oder die Ausweisung von Islamisten geht. "Wir beraten die Amtsleitung in rechtspolitischen Angelegenheiten", sagt sie selbstbewusst.
Aber auch sämtliche Ermittlungsbereiche stehen ihr offen, ob beim polizeilichen Staatsschutz, wo islamistischer Terror oder politischer Extremismus bekämpft werden, oder in der Abteilung zur Abwehr der internationalen Organisierten Kriminalität wie Waffen- oder Drogenhandel. In jedem Fall wird sie weitaus seltener die Knarre ziehen als etwa "Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal. Schreibtischarbeit und Konferenzen bestimmen den Berufsalltag. Möglich ist später auch eine Karriere im Bundesinnenministerium in Berlin.
Als Berufsanfängerin verdient sie zunächst knapp 3000 Euro netto im Monat und hat damit mehr auf dem Konto als viele ehemalige Kommilitonen in freien Berufen. Allerdings sind die Steigerungen überschaubar, da ist in anderen Jobs - zumindest theoretisch - mehr drin. Dafür lockt ein sicherer Arbeitsplatz in einem spannenden Umfeld.
Und häufig auch ein hohes Maß an wissenschaftlicher Freiheit, wie Martin Eckert, 36, Biologe im Kriminaltechnischen Institut am BKA findet. Nach dem Abitur 1987 in Hannover blieb er in der Stadt und studierte Biologie. Zehn Jahre später wechselte er nach Würzburg, wo er über "Aquaporine" promovierte, das sind Wasserkanäle in der Zellmembran, die für die Bewegung von Pflanzen von Bedeutung sind.
Als er nach drei Jahren fertig war, blieb er als Wissenschaftlicher Angestellter an der Uni, betreute Studenten und Forschungsprojekte und machte sich irgendwann Gedanken über die Zukunft. Die sah er nicht unbedingt an seiner Hochschule. Die Perspektive eines Juniorprofessors mit ungewissen Aussichten reizte ihn nicht sonderlich.
Ein Job in der Wirtschaft, etwa in einem Pharmakonzern, lockte ihn ebenso wenig. Im Internet stieß er "rein zufällig" auf eine Stellenanzeige des BKA. "Die haben mir eine interessante Tätigkeit versprochen", sagt er.
Das war Ende 2002, bereut hat er seine Entscheidung bisher nicht. Eckert landete bei "KT 31 - DNA-Analytik/Humane Spuren", was früher wissenschaftlich unscharf als "Serologie" bezeichnet wurde. Analytik, also das Gewinnen und Auswerten von Spuren, und Forschung wechseln sich ab, "das ist das Reizvolle", sagt Eckert. Er ist ein echter Detektiv in Weiß, aber dennoch nach eigenem Selbstverständnis kein Ermittler. "Das Spurenmaterial ist alles, was wir in die Finger kriegen." Keine Akten, keine Vernehmungen.
Die Spur, überwiegend menschliche Absonderungen wie Blut, Schweiß oder Speichel, zu finden und zu entziffern, das ist die Aufgabe. "Wir machen genau das, was man bei Quincy nicht sieht", sagt er in Anspielung auf die bekannte Fernsehserie. Ihm biete die Arbeit "eine Sinnhaftigkeit, die mir an der Uni manchmal fehlte", sagt der Wissenschaftler.
Wenn Eckert einmal nicht Hosenbeine nach Blut oder Sperma absucht, optimiert er das Erkennen so genannter Problemspuren. Dann verbessert er etwa die Aufbereitung der DNA aus Haaren oder Hautabrieb, es geht um winzige Partikel, die Mörder beispielsweise an Messergriffen hinterlassen. Dazu kommt der Besuch von Seminaren und Veranstaltungen, etwa bei der "International Society of Forensic Genetics" oder dem "Spurenworkshop der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin".
Die Kriminaltechniker werden beim BKA zu Sachverständigen ausgebildet, die vor Gericht den bohrenden Fragen der Juristen standhalten müssen.
Die Sprache der Kriminaltechniker ist meist nüchtern, auch wenn die Aufgaben häufig ein wenig gruselig sind. So ist von "Situationsspuren" die Rede, wenn eine Tat anhand von Blutspritzern an der Wand rekonstruiert werden muss, wozu die Berechnung der ballistischen Flugbahn von Blutstropfen gehört. "Jede Spur", sagt Eckert, "hat ihre Geschichte."
Zum Alltag gehört die enge Zusammenarbeit mit den Kollegen aus anderen Fachbereichen. Bei einem spektakulären Kriminalfall müssen auch die Wissenschaftler Gas geben. Wenn etwa ein Staatsanwalt vom BKA wissen will, was sich an einer sichergestellten Tasche mit Waffen und Kleidung ablesen lässt, geht das Grübeln los: Welche Spuren suchen wir? Wo können wir sie finden? Wo setzen wir die Prioritäten? "Da müssen wir genau überlegen, denn bei manchen Methoden werden andere Spuren zerstört", sagt Eckert.
80 Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen arbeiten am Kriminaltechnischen Institut des BKA - darunter Chemiker, Physiker und Psychologen. Solche Abteilungen gibt es auch bei den Polizeibehörden der Länder, "im BKA aber haben die Wissenschaftler noch Zeit für die Forschung", betont Abteilungspräsident Gottfried Vordermaier.
Die Forschung dient der immer besseren Analyse von Spuren, die Tatverdächtige be-, aber auch entlasten können. Außerdem hat das BKA den Ehrgeiz, neue Technologien auf deren Nutzen und Missbrauchsmöglichkeiten hin zu untersuchen und rechtzeitig Gegenmittel zu entwickeln.
Geowissenschaftler suchen nach der Herkunft von Erdanhaftungen an Beweismitteln, Chemiker ermitteln den Hersteller von Plastikfolien, in denen Drogen verpackt waren, Linguisten und Psychologen bewerten Sprache und Ernsthaftigkeit von Erpresserbotschaften oder Bekennerschreiben. Als Berlins Ex-Bürgermeister Walter Momper in der Silvesterzeit 2000 ein Projektil hinter der durchschlagenen Scheibe seines Autos fand, waren es Ballistiker vom BKA, die genau herausfanden, von wo der Schuss abgegeben worden war. Am Ende stand fest, dass es sich nicht um einen Anschlag, sondern um einen verrückten Zufallstreffer handelte.
Immer mehr Bundesländer gehen dazu über, Hochschulabsolventen gleich in die gehobene oder höhere Laufbahn einzustellen. Spezialisten werden gebraucht. So richtete Baden-Württemberg 1998 eine Sonderlaufbahn für Ökonomen ein und bildete sie zu Wirtschaftskriminalisten aus. "Das ist eine absolut positive Geschichte", sagt Klaus Ziwey vom Landeskriminalamt (LKA) Stuttgart. "Da kommt frischer Wind rein, diese Leute denken anders und stellen auch andere Fragen."
Ebenso war es in Berlin, jetzt hat Brandenburg damit begonnen, Betriebswirte als Polizeivollzugsbeamte einzustellen. Sie sollen als Wirtschaftskriminalisten oder im Management eingesetzt werden. Doch nicht nur Juristen und Betriebswirte sind begehrt, manche Länder suchen auch andere Akademiker für den Polizeidienst, etwa Informatiker und Mathematiker, Politologen und Soziologen. Gute Chancen für den höheren Dienst haben Akademiker zudem derzeit beim Bundesgrenzschutz.
Wer zur Polizei geht, muss sich dort auf jeden Fall auf eine erneute Ausbildung einstellen, zum Polizeibeamten eben, der sich im Gesetz auskennt, körperlich fit ist und notfalls mit der Waffe umgehen kann. Das heißt zwar wieder Hörsaal, wird aber bezahlt.
Inge Pape, 39, ging gleich nach dem Abitur 1984 zur Polizei. "Mein Schnitt war zu schlecht zum Studieren", sagt sie, und Verbrecherjagd klang spannend. Pape fing ganz unten an, sie war überall da, wo es brannte: auf Streife im Rotlichtmilieu von St. Pauli etwa oder beim lebensgefährlichen Einsatz gegen Hausbesetzer in der Hamburger Hafenstraße.
Der brutalste Job aber war ein scheinbarer Routineeinsatz: "Einbrecher im Kindertagesheim", kam damals, 1989, über Funk. Während ihr Kollege den einen Täter schnappte, lief sie dem anderen hinterher. Der blieb stehen und schmetterte ihr mehrfach ein Brecheisen gegen den Kopf. Haut platzte auf, sie verlor ein paar Zähne, doch sie ließ nicht los. Bis ein Passant zur Hilfe kam. "Die Kollegen in der Schicht haben mich gut aufgefangen", sagt sie. Vielleicht hätte sie den Job sonst geschmissen.
Später studierte sie - wie Melanie Scharn, 24, die junge Frau auf dem Titelbild - drei Jahre an der Fachhochschule der Polizei, wurde Kommissarin und wechselte zur Kripo. In der Kripo-Abteilung der berühmten Davidwache an der Reeperbahn durchlief sie alle Sachgebiete - Raub, Einbruch, Milieu, Kfz-Delikte - und landete schließlich bei der Mordkommission, wo sie schon als Studentin hospitiert hatte. Sie stieg ein in den Fall des so genannten Säuremörders Lutz Reinstrom.
Der Mann mit dem diabolischen Blick und dem Spitznamen Luzifer hatte mindestens zwei Frauen über Wochen festgehalten, ermordet und anschließend in Salzsäurefässern vergraben. Er flog auf, nachdem eine Frau aus dem unter seinem Haus gelegenen Atombunker entkommen konnte, den Reinstrom für seine sadistischen Taten eingerichtet hatte. "Er war charmant, lustig und sehr kommunikativ", erinnert sich Pape an ihn. "Und ein erbarmungsloser Mörder."
1999 ging sie im Auftrag des Uno-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag nach Orahovac im Kosovo, um dort getötete Albaner auszubuddeln und Beweise für den Völkermord der Serben zu sichern. Pape ermittelte gegen Massenmörder, Triebtäter und professionelle Killer. Sie leitete nach ihrer Rückkehr eine eigene Mordermittlungsgruppe, und dann kam die unvermeidliche Frage: War es das?
War es nicht. 2002 bewarb sie sich für den höheren Dienst. In diesem Sommer, nach zwei Jahren Ausbildung, wird sie Kriminalrätin wie ihre Studienkollegin Kathrin Hennings, die ersten sechs Monate zur Bewährung, dann geht es weiter aufwärts. Vielleicht die Leitung der gesamten Mordkommission oder einer anderen Dienststelle im LKA. Erst mal.
Inge Papes Mann ist ebenfalls Polizist, allerdings vom Rang her künftig deutlich unter ihr. "Er hat damit kein Problem", sagt sie. Dafür ihre Mutter. "Wie kannst du ihm das antun?", habe sie gefragt, als sie an die Führungsakademie ging. So sind Mütter manchmal.
Mit Diplom zum Sheriff-Stern
Die Ausbildung für den höheren Polizeivollzug im Quereinstieg für Juristen besteht aus einer Einweisungszeit mit Hospitanzen bei verschiedenen Polizeidienststellen und einem sechsmonatigen Studienkurs an der Polizeiführungsakademie in Münster. Für andere Akademiker beginnt die Polizeiausbildung mit einer mehrmonatigen Einweisung und einem zweijährigen Studium, unter anderem an der Führungsakademie. Geistes- und Sozialwissenschaftler nehmen das Bundeskriminalamt, der Bundesgrenzschutz wie auch verschiedene Landeskriminalämter nach Bedarf auf.
Von ANDREAS ULRICH

UniSPIEGEL 3/2004
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