12.07.2004

Die Quadratur der fünf Ringe

Leistungssport und Studium passen eigentlich nicht zusammen. Viele Olympioniken sind dennoch auf dem Campus erfolgreich.
Als sie spürte, dass irgendwo da unter ihr im Wasser der Mast brach, klammerte sich die Frau in der gelben Schwimmweste noch fester an den Rumpf. Das hier war Wahnsinn: Mit sieben Windstärken peitschte der Sturm die Ostsee auf, das Ufer verschwand im dichten Nebel, und sie trieb ganz allein auf ihrer umgekippten Jolle.
"Hier", brüllte Steffi Rothweiler mit aller Kraft und winkt dem Motorboot zu, bis der nächste graugrüne Brecher sich zwischen sie und ihren Retter schob. Hatte er sie überhaupt gesehen? Das Fahrwasser von Warnemünde kam gefährlich nahe. Sie wusste, dass sie aus der Warte eines Tankerkapitäns nur ein auf den Schaumkronen hüpfender Flummi war. "Hiiilfe!" Die Seglerin fing an zu beten.
"Das war einer dieser Momente, in dem ich mir schwor, das Boot zu verkaufen und so zu leben wie meine Kommilitonen", sagt Steffi Rothweiler und lacht. Denn der Trainingsunfall und die Ängste danach sind Vergangenheit. Inzwischen segelt sie in der 470er-Klasse mit Kurs auf Olympia.
Beim Gespräch in einem Münchner Biergarten, mit Pferdeschwanz, weißer Bluse und Jeans, sieht Rothweiler viel zu zerbrechlich aus für kraftraubende Abenteuer. Dass sie in Schwabing Jura studiert, passt schon eher zu der 24-Jährigen mit den Perlohrringen. Sie packt Pralinen aus, ein paar Pfunde mehr können nicht schaden. "Mein Nervenkostüm ist zu dünn", verrät sie fröhlich und nascht. Unter Pflastern versteckt trägt sie daher auch Akupunkturnadeln gegen die Nervosität und den Stress. Die vorolympische Saison ist hart.
Für ihr Studium braucht die Starseglerin weder Nadeln noch Pralinen. "Wenn man im Jahr an die hundert Rennen steuert, zittert man vor keiner Klausur mehr." Bloß die Zeit wird manchmal knapp: Rothweiler ist an rund 200 Tagen im Jahr unterwegs. Die angehende Juristin hat bereits ihr viertes Urlaubssemester eingereicht, "das ist jedes Mal eine schwere Entscheidung".
Eigentlich sind Hochleistungssport und Hochschulstudium überhaupt nicht miteinander vereinbar. Die rund 1000 deutschen Bundeskader-Athleten, die in der Fachsprache des Deutschen Sportbundes (DSB)"duale Karrieren" betreiben, stellen sich Semester für Semester der Quadratur des Kreises. Denn wer kann schon gleichzeitig in Sydney einen Weltcup im Degenfechten gewinnen und in Köln sein Vordiplom in Chinesisch schreiben?
Für Britta Heidemann ist das Unmögliche Teil ihres Lebens. Die 1,80 Meter große Blondine erwies sich früh als Ausnahmetalent: erfolgreiche moderne Fünfkämpferin, Spitzen-Abi (Durchschnittsnote 1,4), polyglott (Englisch, Spanisch, Französisch, Chinesisch).
"Schon im ersten Semester Biologie bekam ich ein Problem nach dem anderen", erzählt die 21-jährige Weltklasse-Fechterin. "Die Profs pochten gnadenlos auf die Anwesenheitspflicht." Heidemann muss beinahe jedes Wochenende irgendwo auf der Planche stehen - allein die Weltcup-Turniere finden an 13 so exotischen Orten wie Havanna, Sydney oder Puerto Rico statt. Nur wer in diesem Zirkus mithält, hat Chancen, sich für Olympia zu qualifizieren - Heidemann ist das gelungen.
An der Uni war sie weniger erfolgreich. Als Heidemanns Dozenten ihr bedeuteten, sie müsse zum Ausgleich für ihre Abwesenheit bessere Leistungen bringen als ihre Kommilitonen, war Schluss. Ratten zu zerlegen fand sie zwar "cool". Aber für ein Bio-Diplom wollte sie nicht ihre glanzvolle Fechtkarriere opfern. "Ich fühlte mich seelisch zerstört durch die Zerrissenheit zwischen Sport und Uni." Und sie war zum ersten Mal enttäuscht, "dass mein sportliches Engagement so wenig zählt. Schließlich trete ich doch auch für Deutschland an." Schließlich sattelte sie auf Regionalwissenschaften China um - und das zahlte sich aus. Ihr Vordiplom hat sie inzwischen mit 1 bestanden.
Auch die Berlinerin Ditte Kotzian, 25, die mit ihrer Partnerin Conny Schmalfuß im Mai Vizeeuropameisterin im Synchron-Wasserspringen wurde, hat das Fach gewechselt. Anglistik an der Humboldt-Universität erwies sich als Problem. "Die deutschen Meisterschaften fielen jedes Jahr auf unsere Klausurtermine. Aber nicht mal, als ich für meine eigene Hochschule bei der Universiade in Seoul antrat, durfte ich nachschreiben." Nun setzt sie auf bessere Bedingungen bei den Sportwissenschaftlern. Ko-Springerin Schmalfuß, 28, (die gemeinsam mit Kotzian auf dem UniSPIEGEL-Titelbild zu sehen ist) studiert Jura im 16. Semester und sagt: "Ich hab schon Hausarbeiten umsonst geschrieben, weil ich anschließend zur Klausur nicht da sein konnte."
Neuerdings können sich die Athleten Hoffnung auf mehr Verständnis machen. Elite-Förderung ist in. Immer mehr Hochschulen wollen ihren studierenden Sportkadern helfen - unterstützt von den Bildungsministerien in Bund und Ländern. So führen 53 der über 300 deutschen Universitäten und Fachhochschulen inzwischen den Titel "Partnerhochschulen des Spitzensports". Mehr als die Hälfte von ihnen sind erst in diesem oder im letzten Jahr solche Partnerschaften eingegangen.
Die Partnerhochschulen haben mit dem DSB, dem Allgemeinen Deutschen Hochschulsport und einem Olympiastützpunkt einen Kooperationsvertrag unterschrieben. Darin geloben sie, Bundeskader-Athleten entgegenzukommen, wenn diese die geforderte Anwesenheitsquote in Seminaren nicht einhalten können oder Klausurtermine mit Wettkämpfen kollidieren. Zur Koordination zwischen Sportlern und Dozenten muss die Hochschule eigens einen Mentor bestimmen.
Im April haben in ganz Niedersachsen auf einen Schlag alle Hochschulen Kooperationen mit dem Spitzensport zugesagt. Und die Regierung von Nordrhein-Westfalen erlaubt ab sofort allen Sportassen die Streckung des Studiums auf die doppelte Anzahl der Regelsemester.
Doch es gibt auch Skeptiker: Das Kölner Studentenwerk etwa ist dem Kooperationsvertrag mit dem Olympiastützpunkt ausdrücklich nicht beigetreten. Die studentischen Vertreter im Gremium sahen überhaupt nicht ein, Deutschlands Sportcracks bei der Wohnungssuche oder Kinderbetreuung zu helfen. Privilegien für die Stärksten? Nein, danke.
Jürgen Lüthje, Präsident der Sport-"Partnerhochschule" Uni Hamburg, hält diese Einstellung für ein Relikt vergangener Jahrzehnte. "In den siebziger und achtziger Jahren stand der Gedanke der Kompensation von Benachteiligungen im Vordergrund", analysiert der Uni-Chef. "Heute entdecken wir, dass es für eine Gesellschaft ebenso unerlässlich ist, Leistungspotenziale bestmöglich zu nutzen."
Lüthje hat festgestellt, dass viele Spitzensportler dem alten Ideal "mens sana in corpore sano" ("ein gesunder Verstand möge in einem gesunden Körper sein") erstaunlich nahe kommen. "Die meisten von ihnen sind nicht einseitig begabt, sondern haben auch in wissenschaftlicher Hinsicht äußerst entwicklungsfähige Potenziale. Sie sind zielstrebig und sehr gut selbst organisiert - optimale Voraussetzungen für ein erfolgreiches Studium."
Der Bundesvorstand Leistungssport des DSB hat jetzt die Tauglichkeit der Kooperationsverträge bei 45 Hochschulen ausgewertet. Danach haben diese
P bei 69 Prozent der studierenden Sportkader Freistellungen gewährt, fünf- mal mehr als nicht-kooperierende Hochschulen;
P in 53 Prozent aller Fälle Prüfungstermine verlegt; an Hochschulen ohne Kooperationsvertrag klappte das nur in 12 Prozent der Fälle;
P 13 Prozent aller Anträge auf Studienersatzleistungen genehmigt; an nichtkooperierenden Hochschulen gelang das nie.
"Einerseits helfen die Verträge", fasst DSB-Fachmann Arne Güllich zusammen, "andererseits konnten die Sportler trotzdem in der Hälfte aller Fälle Klausuren nicht nachschreiben." Güllich erwägt, manchen Unterzeichnern den Titel "Partnerhochschule" abzuerkennen, "das fördert auch den Wettbewerb".
In den USA, in Australien oder Südkorea, wo private Hochschulen um die Gunst der zahlenden Klientel buhlen müssen, reißen sich die Institute längst um die muskulösen Imageträger. Wenn sich Bizeps mit Grips paart, winken Stipendien und ein roter Teppich zum Diplom. Spitzensportler bekommen eigene Stundenpläne und häufig sogar Erleichterungen beim Leistungsnachweis.
Ein derartiges "Studium light" lehnen deutsche Kadersportler nach Aussage des Athletenbeirats des DSB allerdings ab. Eine Flexibilisierung des Studiums wäre indes höchst willkommen. Denn trotz internationaler Siege sind die meisten auf eine Ausbildung für den Broterwerb angewiesen. Hoch dotierte Werbeverträge sind die Ausnahme. Degenfechterin Heidemann etwa ist froh, dass sie einen Sponsor für ihr Auto hat. Spitzenseglerin Rothweiler musste bei ihrem Gefährt zu Land auf den bereitwilligsten deutschen Sportmäzen zurückgreifen: ihre Oma.
Das Ethos der Cracks bringt Sebastian Schulte, Sprecher der Rudernationalmannschaft, auf den Punkt: "Ich fände es schlimm, wenn man im Sport Leistung auf Weltklasseniveau abliefert und später im normalen Leben nur Kreisklasse ist."
Schulte, 25, sitzt im Bug von Deutschlands legendärem Ruder-Achter. Einst galt das Schiff als Medaillenmaschine: Gold in Seoul, Bronze in Barcelona, Silber in Atlanta. Doch für Sydney konnte sich der Achter nicht mal qualifizieren. Der Druck ist groß. Die Ruderer mit ihren 25 000-Euro-Booten und den Regatten rund um den Globus sind auf Sponsoren angewiesen. Ihr Hauptsponsor Deutsche Telekom schweigt sich über eine Förderung nach der Olympiade aus. Eine Medaille soll her.
Es ist morgens um halb acht, und Deutschlands acht Hünen ducken sich auf dem Dortmund-Ems-Kanal unter den Kommandos des Trainers. "Locker ziiiiehen", ruft Ralf Wenzel nasal ins Megafon, um dann die Order an die Füße nachzuschieben, "senkrecht abdrücken". Und dann brüllt er: "Woohlfühlen. Spielerisch, ganz locker."
Wohlfühlen! Schulte hat einen starren Blick, als er zwei Stunden später aus dem Sitz klettert. Sein Gesicht ist fein geschnitten und schmal; der 1,96-Meter-Mann wirkt geradezu zart. Für seine Position im Bug braucht er Feinfühligkeit, vor allem im Hintern: Mit dem muss er jede Unwucht der sieben Männer vor ihm ausgleichen.
Das Trimmen macht Kopfmensch Schulte Spaß. Das Pullen nicht immer. "Es ist, als würde man die Hände auf eine heiße Herdplatte legen", sagt er, "und bis zum Ziel liegen lassen." Immerhin, Schulte gehört nicht zu denen, die eine Siegerehrung verpassen, weil sie kotzend im Boot liegen. "Mir passiert das nur beim Ergometertest", versichert er. "In den Oberschenkeln zieht's, der Kopf platzt, die Lunge pfeift. Und du schmeckst Blut."
Im BWL-Studium hat Schulte die Regelstudienzeit locker unterboten, als "Fünftbester meines Jahrgangs". Jetzt promoviert er über internationale Rechnungslegung für Versicherungsverträge. "Ich gebe zu, ich hab kein Verständnis für Lamentos, dass die Regelstudienzeit nicht zu schaffen sei." In "lockeren" Wochen verbringt Schulte 800 Minuten die Woche an den Riemen, im Kraftraum oder bei Ausdauerläufen, in harten 1400. "Mit Fahrzeiten, Umziehen und Physiotherapie komm ich auf 35 bis 40 Wochenstunden - ein Fulltime-Job."
Schulte ist froh, dass seine Alma Mater, die Ruhr-Universität Bochum, mit dem Deutschen Ruderverband eine schriftliche Vereinbarung hat. "Klar ist das ein Privileg, wenn ich einen Sondertermin für eine Klausur bekomme", sagt er, "im Gegenzug setze ich dann auch alles dran, 'ne Eins zu machen."
Jetzt, im Endstadium der Olympiavorbereitung, zeigt sich, wie gnadenlos das Aussieben funktioniert. Eben noch das Ticket nach Athen in der Tasche, wurde einer von Schultes Kollegen wieder ausgetauscht - der Achter hatte bei Vorwettkämpfen enttäuschend abgeschnitten.
Und selbst über denen, die sicher für die Olympiade qualifiziert sind, schwebt als Damoklesschwert die Krankheit. Mehr als zwei Saisons lang hat die 800-Meter-Läuferin Claudia Gesell, 26, ihre Bestmarke nicht steigern können - erst wegen einer Bandscheiben-, dann wegen einer Fußverletzung. Die junge Fechterin Heidemann litt vergangenes Jahr sieben Monate am Pfeifferschen Drüsenfieber, "ganz klar eine Belastungskrankheit", stöhnt sie.
Lohnt sich das? Ein Studentenleben, bei dem schon am 1. Januar jeder zweite Tag bis zum 31. Dezember verplant ist? Ein Leben im Takt der Trainingseinheiten, ein Jetsetten zwischen Wettkämpfen und wochenlangen Sportlagern?
Sebastian Biederlack ("Basti"), 22, Mittelfeldspieler des medaillenverdächtigen Hockeyteams, stellt sich solche Fragen nicht. Er vermisst nicht Partys, sondern Tennis. In seiner Familie gehörte Sport immer dazu. Und auch als Politikstudent wirkt der Lockenschopf ganz normal: Aufstehen "nicht vor neun", Berufswunsch "mal sehen".
Klar, auch er musste schon mal eine Klausur nachschreiben, weil er gerade in Kapstadt spielte. Doch um den Ersatztermin brauchte Biederlack sich nicht selbst zu kümmern: Da fast alle Hockeyspieler studieren und sie dabei an rund 150 Tagen im Jahr unterwegs sind, hat der Verband einen eigenen Verbindungsmann in die Uni-Szene. Hockey-Teammanager Dieter Schuermann schreibt Briefe an Professoren, in denen er mit viel Verve die Terminwünsche seiner Schützlinge vorträgt. Die Schreiben enden alle mit "hockeyherzlichst" und haben "bisher jeden Dozenten überzeugt", so Schuermann.
Er ist stolz auf seine Jungs. "Man muss gesehen haben, wie die im Flieger gleich wieder lernen. Die bauen schon als Schüler Netzwerke auf, um Mitschriften zu bekommen." Wie er sich den Ehrgeiz erklärt? Schuermann lacht: "Die wollen sogar bei Mensch-ärger-dich-nicht gewinnen."
Macht Siegen süchtig? "Fechten ist die emotionalste Sportart, die ich kenne", schwärmt Heidemann, "pro Tunier sind es fünf Gefechte, bei denen jeweils 29 Treffer fallen können - jeder davon ein Gefühlsausbruch." Gesells freundliche Augen bekommen einen stählernen Glanz, wenn sie plötzlich wettet, "dass ich diese Saison die 1,57 schaffe" - ihr persönlicher Rekord über die 800 Meter liegt bei 1:58,34 Minuten.
Ruderer Schulte würde sich wünschen, dass es für den individuellen Ehrgeiz stärkere Anerkennung gibt: "Die Förderung des Spitzensports ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Und zwar nicht wegen eines guten Medaillenspiegels bei Olympia, sondern um Jugendliche zur Leistung zu motivieren. An uns sieht man doch: Wer viel investiert, erreicht viel."
Der Doktorand mit den Arbeiterhänden trägt das ohne Dünkel vor. Dann faltet er sich in seinen alten Polo und düst Richtung Schreibtisch.
Von ANNETTE BRUHNS

UniSPIEGEL 4/2004
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