18.10.2004

Der nächtliche Triathlon

One-Night-Stands könnten eine feine Sache sein. Wenn sie nicht so anstrengend wären.
"Da draußen - da sind so viele unglaublich tolle Männer. Und sie warten. Auf dich, Judith. Auf eine Nacht mit dir. Glaub mir." Meine Freundin Anna hat ein Glitzern in den Augen, als sie das sagt. Anna ist Single, und sie will das auch bleiben: "Warum soll ich mich auf einen einzigen Typen beschränken, wenn ich mir jedes Wochenende einen anderen aussuchen kann?"
Annas One-Night-Stands sind immer toll. Sie beginnen in Clubs mit einem Lächeln an der Bar, taktischem Näherkommen auf der Tanzfläche und scheinbar zufälligen Berührungen. Ein tiefer Blick, ein schlauer Spruch - und alles ist klar. Man ist sich einig, es geht um Sex, mehr nicht, aber das reicht ja auch.
Das Vorspiel wird auf die Tanzfläche verlegt, Hüften reiben sich aneinander, Zungen verschlingen sich. Dann knutschen zwei Hormonbündel auf der Rückbank eines Taxis, endlich in der Wohnung reißen sie sich die Kleider vom Leib, rauf aufs Bett oder den Küchentisch, Körper in Ekstase, die ganze Nacht, multiple Orgasmen und am nächsten Morgen eine saloppe Verabschiedung: "War nett, Baby. Danke."
All das erzählt mir Anna leicht variiert jeden Sonntagnachmittag mit einem zufriedenen Grinsen.
Ich wollte auch so etwas. Ich steckte noch in der Phase, in der man die Frage "Hast du einen Freund?" nicht einfach mit Nein beantwortet, sondern "Nicht mehr" sagt, und manchmal sogar noch ungefragt die Schlussmachgeschichte erzählt. Das musste sich ändern. Wenn ich schon keinen Freund mehr habe, sagte ich mir, dann möchte ich wenigstens ein wildes Rock'n'Roll-Singlemädchen-Leben.
So landete dann also Marc in meinem Bett. Wie Anna prophezeit hatte, war es auch wirklich nicht schwierig, ihn dorthin zu bekommen. Viel schwieriger war es allerdings, ihn wieder heraus zu kriegen. Marc wollte nämlich nicht gehen. Er schlief ein, schnarchte und nahm mir die Decke weg. Auch am nächsten Morgen fand es Marc irgendwie immer noch gut in meiner Nähe, er schlurfte pfeifend zur Dusche und setzte sich anschließend in Boxershorts in die Küche, um meine Mitbewohnerinnen kennen zu lernen. Als er mich dann auch noch fragte, wo denn der Fernseher sei, bekam Marc seine Jeans um die Ohren und die Tür hinter sich zugeschlagen.
"Anfängerfehler", sagte Anna. "Regel Nummer eins: Nie zu dir, immer zu ihm. Dann kannst du gehen, wann du willst."
Ich nahm mir ihren Rat am nächsten Wochenende zu Herzen. Einfacher wurde es dadurch aber trotzdem nicht.
Er hieß Nils und wurde plötzlich sentimental. Er flüsterte mir ins Ohr, dass er sich unsterblich verliebt hätte. Als ich gehen wollte, klammerte er sich an mich und sagte: "Nein, du kannst jetzt nicht einfach so gehen. Das muss dir doch auch etwas bedeutet haben. Da ist doch was, zwischen uns. Das musst du doch auch spüren." Das Einzige, was ich spürte, war ein beginnender Kater und der Wunsch nach meinem Bett. Ich stammelte Entschuldigungen, täuschte einen Termin vor, hinterließ eine falsche Telefonnummer und flüchtete aus seiner Wohnung.
"Du musst dir andere Typen aussuchen", meinte Anna. "Nicht solche Weicheier."
Ich beschloss also, wählerischer zu werden, und wartete auf den perfekten Typen für eine spontane Nacht. Nach drei Wochen traf ich Sergio. Er sah umwerfend aus und war wunderbar routiniert. Doch der Sex mit ihm war anstrengender als ein Triathlon. Er schien alle 20 Stellungen, die in der letzten "Men's Health" vorgestellt wurden, in einer Nacht trainieren zu wollen. Als ich ging, sagte er: "War nett. Mach's gut, Lisa." Lisa?! Na, danke. Ich hatte endgültig die Schnauze voll von One-Night-Stands. Das wurde mir alles viel zu anstrengend.
"Und, wie war's?", fragte Anna am Sonntagnachmittag und hatte wieder dieses breite Grinsen. Ich überlegte kurz, ob ich ihr von Sergio und meinem Muskelkater berichten sollte. Sie würde mir dann wieder Tipps geben, wie man es doch richtig macht.
Also sage ich: "Toll war's. Du hattest Recht, es sind wirklich unglaublich viele tolle Männer da draußen. Aber du kennst das ja." Als ich ihr das erzähle, grinse ich sie an und merke, wie ihr Lächeln für einen Moment einfriert.
Vielleicht verbringe ich zu viel Zeit mit Anna.
Judith Liere, 24,
studiert Germanistik in Hamburg. Ihre Liebe gilt dem Theater, wo sie gelegentlich als Dramaturgin hospitiert, und dem Schreiben. Das kann sie so gut, dass Hunderte Leser via E-Mail auf ihre Anti-Pärchen Kolumne "Wenn alles nur noch schön ist" (UniSPIEGEL 4/2004) reagierten, zum Teil auch um ihre Telefonnummer baten. Die können wir nicht verraten. Dafür lassen wir Judith weiter schreiben. Ab jetzt in jeder Ausgabe.

UniSPIEGEL 5/2004
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