29.11.2004

»Bambi« legt los

Der 25-jährige Student Christian Lindner soll die nordrhein-westfälische FDP zum Erfolg bei den Landtagswahlen im kommenden Mai führen.
Es sind die grau melierten Herrschaften, die Christian Lindner zu seiner rasanten Karriere verholfen haben. 1998 kandidierten so viele ältliche Bewerber für den Landesvorstand der FDP in Nordrhein-Westfalen, dass sich der Abiturient spontan zur Wahl vorschlagen ließ. Wenig später fand er sich am Konferenztisch neben dem großen Liberalen Hans-Dietrich Genscher wieder.
Als zwei Jahre später die Kandidaten für die Landtagswahl 2000 gekürt wurden, waren für Lindners Geschmack wieder »zu viele Graumelierte« darunter. Der Student aus Wermelskirchen im Bergischen Land trat an und landete prompt als bisher jüngster NRW-Landtagsabgeordneter im Parlament.
Dort führt seit den Eskapaden und dem Tod von Jürgen Möllemann Ingo Wolf die Fraktion. Der Ex-Oberkreisdirektor soll die Liberalen als Spitzenkandidat bei der Landtagswahl im kommenden Mai erneut über die Fünfprozenthürde bringen. Wolf ist grau meliert und wirkt weitaus älter, als es seinen 49 Jahren entspricht.
Also muss »Bambi« ran, wie Christian Lindner halb spöttisch, halb liebevoll genannt wird. Den Spitznamen hat ihm einst Möllemann verpasst. Die NRW-Liberalen bekommen mit dem schmalen Blondschopf nach zehn Jahren wieder einen Generalsekretär. Zu seinen Aufgaben wird es gehören, die Schwächen des drögen Frontmannes Wolf auszugleichen.
Unter den Landtagskollegen, auch denen aus anderen Parteien, gilt Lindner als gute Wahl. »Gewitzt und clever« sei er, »einer, der genau weiß, was er will«. Ältere Landtagskolleginnen geraten bei seinem Anblick ins Schwärmen: »Der ist richtig süß.« Ihm wird zugetraut, dass er die Liberalen nicht nur für seine Altersgenossen attraktiv macht, sondern auch die Zielgruppe »Frauen, 50 und älter« für die Partei zurückgewinnt.
Vor seiner Wahl auf dem Landesparteitag Ende November in Krefeld hatte sich Lindner viel vorgenommen. Er lieferte sich mit dem früheren Arbeitsminister Norbert Blüm ein »Generationenduell«, diskutierte auf einer Veranstaltung der Uni Bochum mit Hochschullehrern über die Legitimation von Politikberatung.
Zwischendurch muss er noch seine Magisterarbeit mit der Fragestellung »Kann die Finanzverfassung reformiert werden?« beenden. Sein ganzes Studium in Bonn, elf Semester Politologie, Philosophie und Öffentliches Recht, lief irgendwie nebenbei. »In die Uni bin ich immer nur periodisch eingeschwebt«, sagt er. »Für Partys, Rucksackreisen oder Freunde blieb kaum Zeit.«
Außerdem betrieb er zur Hoch-Zeit der New Economy eine Firma, die Software für Internet-Anbieter austüftelte. Lindner brachte es locker auf eine 80-Stunden-Woche, verdiente ein kleines Vermögen und brauste im schwarzen Porsche durch die Lande. Als der Neue Markt zusammenbrach, war auch seine Firma betroffen: »Unsere Kunden lösten sich in Luft auf, unsere Firma auch.«
Der Porsche ist verkauft, er fährt nun einen BMW, der mit Biodiesel betankt werden kann.
Sein bisher heikelster Auftritt fand kürzlich im Bensberger Ratssaal statt, vor den Toren Kölns. Paul Spiegel, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, las aus seinem Buch »Was ist koscher?«. Und Lindner war für die Begrüßung und die Einführung in das Thema zuständig.
Ein ziemlich glattes Parkett für einen Vertreter der Partei, deren einstiges Zugpferd Möllemann mit einem antisemitischen Flugblatt bei der Bundestagswahl 2002 Stimmen am rechten Rand der Gesellschaft einsammeln wollte.
»Vor sieben Jahren war Ignatz Bubis hier zu Gast«, begann Lindner seine Rede, »zum Glück hat er manches, was danach passierte, nicht mehr erleben müssen.« Er fühle sich geehrt, »hier heute sprechen zu dürfen«. Er lobte artig, dass die jüdische Gemeinde in Deutschland kontinuierlich wachse, was ein »Zeichen des Vertrauens in unsere Demokratie« sei, und dass Spiegels Buch »ein Beitrag, ein beachtlicher Beitrag« sei für das Verständnis zwischen den Kulturen.
Lindner sprach flüssig und freundlich und sicher. Er hatte sich vorgenommen, aus dem dunklen Schatten der Möllemann-Ära zu treten. Er bekam viel Applaus. Es war ja nicht seine erste Rede, nach neun Jahren in der Partei, neun Jahren Erfahrung, neun Jahren mit Satzbausteinen.
Seit Ende November ist er Deutschlands jüngster Generalsekretär.
Von BARBARA SCHMID und MERLIND THEILE

UniSPIEGEL 6/2004
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