23.05.2005

Drang an die Spitze

Deutsche Hochschulrektoren träumen von einer neuen akademischen Elite. Doch für den Einstieg in diese E-Klasse fehlt das Geld ­ ein milliardenschweres Förderprogramm der Bundesregierung droht an politischen Machtspielen zu scheitern.
Mit der Bewertung seiner Hochschule könnte Wolfgang Herrmann, Präsident der Technischen Universität München (TUM), eigentlich sehr zufrieden sein. Im Ranking des SPIEGEL, das im vergangenen Jahr in einer Umfrage unter 50 000 Studenten Deutschlands Top-Unis ermittelte, belegte die TUM in der Gesamtwertung den Spitzenplatz. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sieht den Standort München in ihrer aktuellen Förder-Hitliste auch ganz vorn - kaum eine deutsche Universität ist mit Forschungsgeldern so gut ausgestattet wie die TUM. Und eine Erhebung aus Shanghai, die weltweit die besten Hochschulen ermittelte, kürte Herrmanns Lehranstalt 2004 ebenfalls zur Siegerin in Deutschland.
Wenn man den Horizont etwas erweitert, verblassen diese Erfolge jedoch schnell. Im europäischen Vergleich belegt die Münchner Institution, der chinesischen Studie zufolge, unter den Unis des alten Kontinents nur Rang acht. Und wenn der Rest der Welt hinzukommt, schafft es die TUM gerade noch auf Platz 45. An 51. Stelle folgt mit der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität
(LMU) die zweitbeste deutsche Hochschule, auf Platz 64 die Universität Heidelberg.
Im Vergleich mit dem akademischen Olymp, auf dem Institutionen wie Harvard (siehe Seite 16) oder Oxford residieren, produziert das Land der Dichter und Denker bestenfalls Mittelmaß. Wie viele Nobelpreisträger bringt eine Uni hervor? Wie viele Auszeichnungen kann sie einheimsen, wie viele Publikationen in der einschlägigen Fachliteratur unterbringen? Um solche Kriterien geht es in der chinesischen Studie, und da haben deutsche Geistesstätten nicht genug zu bieten. Das soll sich nun ändern. Die Förderung der Besten steht inzwischen ganz oben auf der Agenda von Politik und Wissenschaft. In einer globalisierten Welt soll eine neue akademische Führungsriege Rettung für den rohstoffarmen, aber traditionell erfindungsreichen Standort Deutschland bringen.
»Unsere Gesellschaft braucht Eliten«, hatte Gerhard Schröder schon zu Beginn seiner Amtszeit als Kanzler verkündet. Und auch die sozialdemokratische Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn befand, Deutschland benötige »Leuchttürme der Wissenschaft, die auch international strahlen können«. Es gebe hierzulande zwar viele Universitäten, aber keine Zentren mit internationaler Ausstrahlung.
Dass es so weit kommen konnte, hat viel mit einer Abwehrhaltung gegen Eliten zu tun, die fest im Bewusstsein der Nachkriegsgesellschaft verankert war. Unter den Nationalsozialisten, die den durchaus demokratischen Gedanken einer »Auswahl der Besten« aus dem gesamten Volk mit ihrer rassistischen Ideologie verknüpften, wurde die Elite zum Synonym für die »Herrenrasse«. Nach 1945 erschienen Eliten und Demokratie in Deutschland folglich als Gegensätze. Der Elite-Begriff war gründlich diskreditiert.
Die Hochschulreformen der sechziger Jahre, die die einst exklusiven Stätten höherer Bildung der Masse zugänglich machten, waren somit auch eine bewusste Abkehr von der Spitzenauslese. Allerdings litt vielerorts die Qualität. Dass deutsche Universitäten heute nicht zur Weltspitze gehören, liegt für Wolfgang Hermann vor allem an dieser Hochschulpolitik. »30 Jahre lang galt das Mittelmaß als Maß aller Dinge«, sagt der TUM-Präsident, »eine bewusste Exzellenzförderung gab es nicht.«
Ausgerechnet eine rot-grüne Bundesregierung war es nun, die Anfang 2004 ein Programm für herausragende Hochschulen vorschlug. Kernbestandteil war ein Wettbewerb: Eine Expertenjury sollte bis zu fünf Spitzenuniversitäten prämieren, als Preisgeld wurde über eine Milliarde Euro ausgelobt.
Auf diese Weise werde »eine positive Leistungsspirale in Gang gesetzt«, hoffte Bulmahn. Als Kriterien für hervorragende Leistungen nannte die Ministerin »wissenschaftliche Exzellenz, modernes Management und eine gute Betreuung der Studierenden sowie Internationalisierung und die Zusammenarbeit mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen«. Der Wettbewerb werde Deutschland in wenigen Jahren zu Spitzenuniversitäten mit internationalem Renommee verhelfen.
Peter Gaehtgens, der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), freute sich sogleich über die Chance, »sichtbare Exzellenz zu entwickeln«. Gaehtgens befand: »Das halten wir für dringend erforderlich.«
Im Juni 2004 schienen sich Bund und Länder auf ein 1,9 Milliarden Euro schweres Förderprogramm geeinigt zu haben. Der Bund sollte 75 Prozent, das jeweilige Land 25 Prozent der Summe aufbringen. Sofort begannen die Hochschulen im ganzen Land, an ihren Bewerbungen zu feilen. Allerdings hatten sie die Rechnung ohne die unionsgeführten Länder gemacht: Parteipolitik und der Kompetenzstreit im Föderalismus erwiesen sich inzwischen als weitaus größere Hindernisse als die letzten hartnäckigen Vorbehalte gegen den Elite-Begriff, die mit der Wortwahl »Exzellenzförderung« inzwischen elegant umschifft werden.
So bremsten die CDU/CSU-Ministerpräsidenten im Juli 2004, weil die Länder der Finanzierungszusage des Bundes misstrauten. Tatsächlich fürchtete mancher Landesfürst wohl den Standortnachteil, den der Elite-Wettbewerb mit sich bringen könnte, wenn die Unis im eigenen Lande leer ausgingen.
Im Streit um die Föderalismusreform geriet das Wettbewerbsprogramm schließlich vollends in die Mühlen der Machtpolitik: Die Verhandlungen zwischen Bund und Ländern scheiterten im Dezember 2004 letztlich auch daran, dass die Länder, denen laut Grundgesetz die Hochschulpolitik obliegt, in der Förderung ganzer Universitäten durch den Bund eine Kompetenzverletzung sahen.
Die Grundidee des Programms sollte jedoch gerettet werden. Bis zum April dieses Jahres arbeiteten Bund und Länder einen Kompromissvorschlag aus: Nun sollen die 1,9 Milliarden Euro Preisgeld auf drei Säulen verteilt werden.
Die erste Säule sieht den Aufbau von 40 weiteren Graduiertenschulen für den wissenschaftlichen Nachwuchs vor; 304 solcher Schulen fördern Bund und Länder bereits heute. Mit der zweiten Säule sollen etwa 30 international angesehene Spitzenforschungsverbunde, sogenannte Cluster, aufgebaut werden, in denen Hochschulen und außeruniversitäre Forschung zusammenarbeiten; 272 solcher Sonderforschungsbereiche finanzieren Bund und Länder schon jetzt über die DFG.
Das wirklich Neue, also den letzten Rest der ursprünglichen Wettbewerbsidee, bietet nur die dritte
Säule: Etwa zehn Universitäten, die schon in den ersten beiden Punkten erfolgreich sind, sollen zusätzliche Fördergelder erhalten. Mit diesem »i-Tüpfelchen« könnten Unis ihr spezielles Forschungsprofil weiter schärfen.
Diesem unterschriftsreifen Kompromiss verweigerte sich allein Hessen: Laut Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU) verstoße die dritte Säule, da sie einzelne Hochschulen herausgehoben fördere, nach wie vor gegen die geltende Aufgabenverteilung zwischen Bund und Ländern. Am 14. April brachte der hessische Landeschef Roland Koch auf dem entscheidenden Ministerpräsidententreffen die Unionskollegen schließlich auf seine Seite: »Die Vorschläge des Bundes würden dazu führen, dass es künftig in Deutschland Universitäten erster und zweiter Klasse gibt«, rechtfertigte Koch seine Blockadehaltung. Er entscheide sich »im Zweifel für die Grundsatztreue«. Hessens Veto zeigte Wirkung - nach fast eineinhalb Jahren Gerangel steckt das Eliteprogramm weiter fest.
Als »schallende Ohrfeige für Hochschulen und Forschung« bezeichnete Bildungsministerin Bulmahn den vorläufigen Höhepunkt der Dauerblockade. Die Leidtragenden des Kompetenzgezerres sind die Universitäten. Ihr Unmut über die politische Verzögerungstaktik ist groß. »Unsere Wettbewerbsvorbereitung war zwar bislang keine vergebene Liebesmüh, weil sie eine Menge Bewegung in die Uni gebracht hat«, sagt Jürgen Mlynek, Präsident der Berliner Humboldt-Universität (HU), die mit Projekten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie den Lebenswissenschaften ins Rennen gehen will. »Aber die Frustration wäre doch sehr groß, wenn die Wurst am Ende des Stockes auf einmal verschwinden würde.«
Noch deutlicher wird sein Bremer Kollege Wilfried Müller: »Wir alle haben das Gefühl, Opfer von politischen Machtspielen zu sein«, wettert der Uni-Rektor. »Ich habe selten eine so große Enttäuschung erlebt.« Schon im Frühjahr 2004 begann eine Arbeitsgruppe verschiedener Professoren, ein Konzept zu erstellen, mit dem die Bremer Universität beim Elite-Wettbewerb antreten will - das zeigt, dass auch ein nicht so glänzend beleumundeter Standort wie Bremen in Bulmahns Förderprogramm eine Chance sehen kann, den Anschluss an die Weltspitze zu suchen und die Uni als Ganzes zu stärken.
Rektor Müller denkt beim Eliteprogramm besonders an das Bremer »Flaggschiff«, das Forschungszentrum Ozeanränder, zu dem eines der vier internationalen Bohrkernlager gehört. Jahr für Jahr forschen hier mehrere hundert Wissenschaftler an den Proben, die Aufschluss über das Erdklima geben - damit ist das Zentrum schon heute ein Ort des weltweiten Wissensaustauschs.
Über die derzeitige Finanzlage seines Instituts mag der Leiter, Gerold Wefer, zwar nicht klagen, Planungssicherheit über mehr als ein Jahr gebe es jedoch nicht. »Wir leben eher von der Hand in den Mund«, sagt Wefer, »mit Geldern aus dem Förderprogramm könnten wir gerade unseren Nachwuchswissenschaftlern eine langfristige Perspektive geben.«
Solche Nachhaltigkeit fehlt den deutschen Hochschulen beim Aufbau einer konkurrenzfähigen Elitebildung. Nachwuchsforscher zieht es angesichts befristeter
Verträge und wackeliger Finanzierungen oft ins Ausland. »Die jungen Leute, die in Deutschland eine gute wissenschaftliche Ausbildung genossen haben, entscheiden mit den Füßen: Sie bleiben nicht hier«, sagt HRK-Präsident Gaehtgens. 60 Prozent der wissenschaftlichen Ergebnisse in den USA würden heute von Fachkräften erbracht, die nicht dort ausgebildet wurden. »Die USA kaufen sich die jungen Leute auch aus Deutschland ein - diese Entwicklung können wir uns volkswirtschaftlich nicht erlauben.«
Bulmahns Spitzenprogramm soll hier Abhilfe schaffen: Jährlich bis zu eine Million Euro für ein Graduiertenkolleg und bis zu acht Millionen Euro für ein »Cluster« sollen Hochschulen im Wettbewerb für eine Laufzeit von fünf Jahren beantragen können - und so die Nobelpreisträger von morgen im Land halten. Im Vergleich zu einem Leitstern wie der Harvard University, deren jährliches Budget über zwei Milliarden Euro beträgt, erscheinen solche Summen freilich ziemlich mickrig. Die deutschen Hochschulrektoren mögen damit eine neue E-Klasse anstreben, doch für den Anschluss an amerikanische Spitzen-Unis - die S-Klasse der Bildung - reichen die avisierten Fördermittel nicht aus.
Mit Harvard und Co. mögen sich die hiesigen Uni-Präsidenten auch (noch) gar nicht messen. Aber sie verweisen auf die »einzig richtige Richtung«, in die der neue Ansatz der Eliteförderung zeige. »Bright people attract bright people« - schon heute gilt diese prägnante Erfolgsformel amerikanischer Unis laut HU-Präsident Mlynek auch für die deutschen Standorte: Schlaue Studenten mögen schlaue Forscher - und umgekehrt.
In Zeiten des globalen Wettbewerbs mühen sich die Hochschulen zusehends, das Image vom Elfenbeinturm endgültig abzustreifen, wirtschaftliches Denken ist en vogue. Entsprechend ökonomisch formuliert es auch TU-Präsident Herrmann: »Deutschland braucht ein Programm wie die Exzellenzinitiative, um das Bewusstsein für die Marke Universität Deutschland zu schärfen«, sagt er.
Seine Uni will im Elite-Wettbewerb vor allem mit den Lebens- und Naturwissenschaften auftrumpfen. Eines der TUM-Prestigeprojekte ist ein Material aus der Retorte: Spinnenseide, die am Lehrstuhl für Biotechnologie »nachgebaut« wird. Sie ist dünner als ein menschliches Haar und reißfester als ein Stahlfaden. Die Erfinder hoffen auf eine »vollkommen neue Generation« von Werkstoffen.
Die Gefahr, dass durch die Exzellenzförderung Hochschulen erster und zweiter Klasse entstehen, wie Hessens Landeschef Koch vorgeblich fürchtet, sieht Herrmann nicht: »Auch die kleineren Universitäten können sich mit ihren Stärken profilieren. Das verstehe ich unter Wettbewerb.« Tatsächlich ist der Kompromissvorschlag der drei Säulen, die das verfügbare Geld mehr Kandidaten zugänglich machen als ursprünglich geplant, bereits ein Zugeständnis an die gesamte Hochschullandschaft und an die widerspenstigen Landeschefs.
Umso größer ist das Unverständnis deutscher Uni-Präsidenten über die politische Blockade. »Zutiefst enttäuscht« ist auch Peter Hommelhoff, der Rektor der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. Die älteste Hochschule der Bundesrepublik steht mit ganzen 80 Projektskizzen in den Startlöchern für den Wettbewerb. »Wir warten nur noch auf das Go«, sagt Hommelhoff.
Den ganz großen Wurf will der Rektor mit einem interdisziplinären Zentrum schaffen, das Fragen der Menschenwürde behandeln soll. Unter der Leitung des Theologen Wilfried Härle sollen hier Vertreter unterschiedlichster Fachrichtungen, darunter Mediziner, Juristen und Historiker, die gesellschaftliche Debatte befruchten. »Die Diskussionen über embryonale Stammzellenforschung oder die Sterbehilfe branden in der Öffentlichkeit immer wieder kurz auf und verebben dann«, sagt Härle, »noch gibt es hier zu viele blinde Flecken.« Die Unis als Vordenker der Gesellschaft - auch in diese traditionelle Rolle wollen manche deutschen Hochschulen im Zeichen der Eliteförderung zurückkehren.
Ob es jemals so weit kommt, ist allerdings noch völlig offen. Bis zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 22. Mai war keine Einigung möglich: Wäre das von der Bundesregierung initiierte Programm vorher verabschiedet worden, hätte das SPD-Lager diesen Durchbruch als eigenen Erfolg verbuchen und damit im Wahlkampf Stimmen gewinnen können. Das wollte die Union vereiteln.
Der Heidelberger Rektor hofft nun wie alle seine Kollegen, dass die politischen Kontrahenten wenigstens noch vor der Sommerpause in der entscheidenden dritten Säule der Spitzenförderung einen gemeinsamen Nenner finden. »Wenn uns das nicht gelingt, hat das auch Auswirkungen auf unser internationales Standing«, fürchtet Hommelhoff. »Dann fragen sich unsere amerikanischen und chinesischen Kollegen, ob wir überhaupt die richtigen Partner sind.«
Sollte Bulmahns Eliteprogramm scheitern, müssten sich die deutschen Hochschulrektoren vom Traum einer neuen E-Klasse vorerst verabschieden. Und für ausländische Unis, die das Vorhaben als Zeichen des Aufbruchs deuteten, wäre das Signal klar: Deutschland, da geht nichts.
Von MERLIND THEILE

UniSPIEGEL 3/2005
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