11.07.2005

Afghanistan in der Oberpfalz

Auf einem bayerischen Truppenübungsplatz trainieren US-Soldaten für ihre Kriegseinsätze in aller Welt. In die Rolle der einheimischen Bevölkerung schlüpfen vor allem Studenten. Ein Erfahrungsbericht von
Punkt 5 Uhr - die Neonröhren gehen an, der Weckruf schallt durch die Baracke. Ich bewege mich langsam aus meinem Bett, schlüpfe sofort in meine blaugrauen Schuhe. Der Boden ist aus Beton, kalt und dreckig. Für 26 Tage wohne ich hier mit 106 anderen Bewohnern, darunter 23 Frauen, im Übungsdorf auf dem US-Stützpunkt Hohenfels, gelegen in der bayerischen Oberpfalz. Wir spielen COB - Civilians on the Battlefield (Zivilisten auf dem Gefechtsfeld). Vor allem Studenten schlüpfen dabei als Statisten für die US-Armee in die Rollen afghanischer Bürger.
Für die tägliche Morgenwäsche verlasse ich die Baracke, balanciere über Holzpaletten, vorbei an Dixi-Klos, über den schlammigen Boden
zum Waschcontainer. Dieser ist nicht größer als ein Trafohäuschen, stickig und eng. Ich dränge mich mit den anderen Statisten um die zwei trogähnlichen Wasserbecken. Viel Zeit bleibt nicht, um 5.50 Uhr müssen wir zum Durchzählen im einige Minuten entfernten Dorf sein. Dort stellen wir uns in Fünferreihen auf. Ein kleiner, dicklicher Mann tritt vor die Gruppe, er spricht nicht, er schreit uns Statisten aggressiv an, während er durchzählt. »Der bellt mal wieder wie ein Hund«, murmelt jemand hinter mir.
Nach der allmorgendlichen Zeremonie marschieren wir geschlossen zur Kantine - aus großen olivgrünen Boxen wird das Frühstück ausgeteilt. In dem kargen Raum baumeln Stecker von den Wänden, die Tischlampen haben keine Schirme, gegessen wird auf Biergartengarnituren, von Papptellern und mit Plastikbesteck. Jeden Morgen kriegen wir das gleiche Essen: Bratkartoffeln, Rührei, Waffeln und kleine Hackröllchen. An einem Tisch schüttelt eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren den Kopf: »Wenn ich daheim erzähle, dass ich früh um sechs Bratkartoffeln esse, und das jeden Tag.« Sie heißt Malika, ist 26 und kommt aus Nürnberg. Malika hat zuletzt ein Jahr in Amerika gearbeitet und will jetzt in Deutschland auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur nachmachen.
Der kleine, dickliche Mann vom Zählappell betritt den Raum und bellt ein kräftiges »Dorfläben« durch die Kantine. Aus dem Übungsdorf wird jetzt Kalat, eine real existierende Provinzhauptstadt im Südosten Afghanistans. Wir Statisten schwärmen im Ort aus, beziehen eines der 30 Häuser oder laufen auf der großen Hauptstraße auf und ab. Jeder Rollenspieler hat seine eigene afghanische Identität. Es gibt einen Bürgermeister, einen Minister für Kommunikation, einen Tierarzt oder auch eine komplette Polizeistation mit afghanischen Polizisten. Malika verschwindet unter ihrer blauen Burka, der landestypischen Ganzkörperverschleierung. Sie heißt jetzt Fatia Muhammad und ist die Tochter des Restaurantbesitzers. Fatia alias Malika klagt: »Uns hat vorher keiner gesagt, dass wir Afghanistan nachspielen und diese Teile tragen müssen.« Mein afghanischer Name ist Maulawi ld Ubayd, ich bin
arbeitslos und kann weder lesen noch schreiben. Ich trage Turban, eine weiße Robe und darunter weite, weiße Hosen. Die meiste Zeit hänge ich im Restaurant ab, gehe fünfmal am Tag in die Moschee zum Beten und führe Fatia im Dorf aus. Als afghanische Frau darf sie nicht allein auf die Straße gehen und muss mir dort wie ein Hund - nur ohne Leine - hinterherlaufen.
Nun heißt es für uns warten, warten auf die US-Soldaten, die erst gegen neun ins Dorf kommen. Wird der erste Tarnanzug gesichtet, verschwinden die Frauen sofort in den Häusern, während wir Männer auf die Fremden zugehen. Ich rücke den Soldaten auf die Pelle, bestaune sie von oben bis unten, befummle ihre Ausrüstung und begleite sie zu unserem Dorfältesten. Sind die Aufseher mit dem Ablauf der Übung nicht zufrieden, wird die afghanische Begrüßung wiederholt. Lief alles rund, trainieren die Soldaten andere Szenarien: Sie suchen nach versteckten Waffenarsenalen, helfen verletzten Bürgern oder werden von Terroristen angegriffen. Diese werden von Angehörigen der US-Armee gespielt.
Fallen Schüsse, renne ich mit den anderen Statisten schutzsuchend in unsere Häuser. Geschossen wird mit Platzpatronen, zusätzlich ist auf jedem Gewehr ein Sender angebracht. Um die simulierten Treffer zu erfassen, trägt jeder Teilnehmer eine silberne Infrarot-Box auf dem Rücken. Wird ein Statist getroffen, stößt die Box ein penetrantes Pfeifen aus. Wer piepst, ist tot oder verletzt und muss liegen bleiben. Spätestens zum Mittag darf er dann wieder aufstehen.
Nach der ersten Übungseinheit trifft sich die Gruppe in der Kantine. Braune Tüten mit der Aufschrift "Meal Ready-to-eat" (sofort verzehrbares Gericht) werden dort verteilt. Es gibt 25 Variationen mit verschiedenen Hauptgerichten, Desserts, Getränkepulvern und Süßigkeiten. In einem mitgelieferten grünen Beutel wird das Trockenfutter durch Wasserzugabe erwärmt. Anfangs fand ich das Öffnen der braunen Wundertüten spannend, mit jedem Mittag schlägt diese Spannung mehr und mehr in Ablehnung um. Malika, die Burka nur halb ausgezogen, sagt: »Davon esse ich nur die Cracker mit Käse. Auf den Rest verzichte ich sehr gern.«
Mit dem Ruf »Dorfläben« wird die nächste Runde eröffnet, wir schwärmen erneut aus und warten auf die Soldaten. Malika scherzt: »Eigentlich sitzen wir hier nur 24 Stunden am Tag rum, manchmal ist ein Nickerchen drin. Unter der Burka sieht mich eh keiner. Das Aufregendste für mich war bis jetzt ein Häuserkampf, da konnten wir Frauen so richtig laut schreien.« Während die Soldaten den Kampf gegen die Terroristen üben, kämpfen wir gegen die Langeweile. Kartenspielende »Afghanen« prägen das Stadtbild, einige schlafen heimlich. Abwechslung bringen nur spezielle Einsätze. Da wird die studierte Opernsängerin zur schwarzen Witwe, und der friedfertige Jurastudent wandelt sich zum afghanischen Elitepolizisten.
90 Euro bekommen wir hier am Tag, bei 24-Stunden-Einsätzen sind es 100. Wer den Übungsplatz eher verlässt, bekommt nur 70 Euro pro Tag ausgezahlt. Voraussetzung für eine Teilnahme sind gute Englischkenntnisse. Fünf bis sechs Übungen gibt es im Jahr, davor werden die Statisten jeweils in größeren Städten in Bayern und Ostdeutschland gecastet.
Punkt 22 Uhr endet der Tag in Kalat, erst dann dürfen wir zurück in die Baracke. Eine Stunde später gehen dort die grellen Neonröhren aus. Ich bekomme nicht mehr als sechs Stunden Schlaf pro Nacht. Sport ist untersagt. Handygespräche auch. Schriftliche Regeln und Verbote plakatieren die Wände der Kantine. Das Dorf und der Übungsplatz dürfen nicht verlassen werden, nur wer zum Arzt muss, darf raus. Wer erkrankt, wird nach Hause geschickt. Kontakt zur Außenwelt gibt es nur durch Briefe, Pakete oder heimliche Telefonate. Für uns 80 männliche Statisten gibt es nur eine fest installierte Toilette mit Spülung, dazu 10 Dixi-Klos. Wie ein Söldner bin ich nur wegen des Geldes hier, wie ein Söldner werde ich zum Teil behandelt.
Doch diese Tage hier sind für viele auch ein bezahlter Ausbruch aus der Zivilisation - aus dem gewohnten Studienalltag. Neue Freundschaften entstehen, Paare finden sich, und die meiste Zeit sucht man zusammen nach Beschäftigungen gegen die Langeweile, zum Beispiel Kartenspielen.
Neben den Verboten hängt an der Wand in der Kantine ein Zettel: 70 der 107 Dorfbewohner haben sich dort für die nächste Rotation eingetragen. Ich gehöre nicht dazu.
Marco Smedt, 23, studiert Germanistik in Leipzig.
Von Marco Smedt

UniSPIEGEL 4/2005
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