11.07.2005

Kopfkino mit Laetitia

Manche Frauen sind zum Hassen da ­ bis man sie kennen lernt.
»Klar gilt die Einladung für euch beide! Ich freu mich darauf, sie endlich mal kennen zu lernen«, flöte ich ins Telefon. Dann lege ich auf, verdrehe die Augen und gebe Würggeräusche von mir.
Es gibt nur eine einzige Sorte Menschen auf dieser Welt, die noch schlimmer ist als Ex-Freunde: neue Freundinnen von Ex-Freunden. Und ich habe gerade Vertreter beider Gruppen auf meine WG-Party eingeladen: Sebastian und Geneviève.
Sebastian und ich sind noch nicht so lange getrennt, wie wir zusammen waren, aber eigentlich lange genug, um wieder normal miteinander reden zu können. Ob ich allerdings schon so weit bin, seine neue Freundin zu verkraften? Ich bin mir nicht sicher, aber heute Abend werde ich es herausfinden.
Er hat sie vor zwei Monaten an der Uni kennen gelernt - eine französische Austauschstudentin.
Geneviève. Was ist das überhaupt für ein Name? Klingt eher nach einer Käsesorte. Einer übelriechenden außerdem. Sicher sieht sie auch so aus. Wie die französische Version des Harzer Rollers. Hm. Vielleicht sollte ich mich mal über sie erkundigen, damit ich weiß, was nachher auf mich zukommt. »Sie ist schon 'ne Hübsche«, drückt sich Sebastians bester Freund Martin vorsichtig aus. »Na ja, sehr französisch halt«, sagt meine Freundin Anna, die die beiden einmal zusammen in der Mensa getroffen hat. Na toll. Laetitia Casta statt Harzer Roller? Französinnen sind ja zum Hübschsein verdonnert. Wie Schwedinnen. Sagt ein Typ: »Sie ist Französin/Schwedin«, dann leuchten die Augen seiner Kumpel immer gleich so seltsam, und das Kopfkino geht los.
Mein Kopfkino geht nun allerdings auch los, und der Film heißt: »Supermodel vs. hässliches Entlein«. Ich sehe sie ganz genau vor mir - sie ist zehn Zentimeter größer als ich und dabei zehn Kilogramm leichter. Natürlich trägt sie High Heels, Sandaletten mit Bändern am besten, die sie um ihre schlanken Fesseln und makellosen Waden windet. Ihre Pfennigabsätze klackern, wenn sie mit verführerisch wiegendem Gang die Wohnung betritt. Beim Lachen wirft sie den Kopf in den Nacken, fährt mit ihren perfekt manikürten Händen durch ihre goldblonden Locken und bringt die silbernen Armreifen an ihren schmalen Handgelenken zum Klirren. Glockenhell klingt ihr Lachen durch den Raum, dabei kräuselt sie ihr süßes Näschen. Alle Blicke sind nur auf sie gerichtet, doch sie hat bloß Augen für Sebastian. »Bastien, mon chouchou!«, säuselt sie mit niedlichem Akzent. Seine Eltern werden sie viel lieber mögen als mich, und er hat mit ihr natürlich den besten Sex seines Lebens.
Ich hingegen, das Turnschuhmädchen mit dem H&M-Shirt, werde meine eigene Party unbeachtet in einer Ecke verbringen, bis Sebastian irgendwann mit entrücktem Blick zu mir kommt und mir erzählt, dass er erst durch Geneviève erfahren habe, was wirkliche Liebe ist.
So wird es sein. Ganz sicher.
Die Party ist in vollem Gange, und Sebastian lässt sich Zeit. Er braucht wohl ein angemessen großes Publikum für den Auftritt mit seiner Miss Eiffelturm. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. »Ah, ist das die neue White Stripes?«, ruft es aus dem Zimmer meiner Mitbewohnerin, und ich komme meinen Gastgeberpflichten nach. »Ja, ist sie«, antworte ich dem fragenden Mädchen, das denselben Musikgeschmack wie ich zu haben scheint. Wir kommen ins Gespräch, stellen fest, dass wir außerdem die gleichen Turnschuhe tragen, und trinken fröhlich Wodka aus Wassergläsern.
Geneviève ist vergessen - bis Sebastian ins Zimmer kommt, allerdings allein. »Da bist du ja!«, ruft er freudestrahlend aus, kommt auf mich zu - und küsst meine Wodka-Trinkgenossin. Irgendwann bemerkt er auch mich: »Ach, Judith, du bist ja auch da. Dann muss ich euch einander ja gar nicht mehr vorstellen. Ist es nicht Wahnsinn, dass Vivi nach so kurzer Zeit schon fast akzentfreies Deutsch spricht?«
Oh. Allerdings. Ihr Sprachtalent hat mich dazu gebracht, mich unwissentlich eine Stunde lang blendend mit der Frau zu unterhalten, die ich eigentlich abgrundtief hassen wollte. Ich muss sogar zugeben, dass ich sie fast schon sympathisch finde.
Aber genaugenommen habe ich von Sebastian auch nichts anderes erwartet - dass er einen guten Frauengeschmack hat, hat er ja schon allein dadurch bewiesen, dass er drei Jahre mit mir zusammen war.
Von JUDITH LIERE

UniSPIEGEL 4/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Kokain: Lieblingsdroge der Leistungsgesellschaft
  • Texas: Polizeiauto wird von Frachtzug erfasst
  • Rätsel um Venedig-Stand: War Banksy unbemerkt bei der Biennale?
  • Nach tödlichem Verkehrsunfall: Polizist knöpft sich Gaffer vor