17.10.2005

Schnellboote in Seenot

Private Hochschulen präsentieren sich gern als Ausbildungsstätten der Elite. Doch manche können trotz saftiger Preise ihre Versprechen nicht halten ­ ihnen fehlt das Kapital.
Seit Ende September haben es die Absolventen der privaten Bucerius Law School in Hamburg schwarz auf weiß: Sie sind besser als ihre Kommilitonen an staatlichen Hochschulen. Im Staatsexamen erreichte der erste Jahrgang der vor fünf Jahren gegründeten Kaderschmiede durchschnittlich elf Punkte - auf der Bewertungsskala der Juristen eine Traumnote, denn der bundesweite Durchschnitt liegt nur bei etwa sechs Punkten.
Während sich andernorts Jura-Abgänger auf eine ungewisse Zukunft vorbereiten, haben viele Bucerius-Absolventen bereits Anfragen internationaler Großkanzleien in der Tasche.
Für den Startvorsprung sind die jungen Paragrafenhelden allerdings gehörig in Vorleistung gegangen: 3000 Euro Gebühren pro Trimester kostet die Ausbildung an der Bucerius Law School, 36 000 Euro bis zum Staatsexamen. Das Wagnis der Pioniere scheint sich auszuzahlen: Ein Studium an der Law School gilt heute bereits als Gütesiegel.
Die Hamburger Absolventen gehören zu einer rasch wachsenden Minderheit von angehenden Akademikern, die bei der Auswahl der Alma Mater hohe Kosten in Kauf nehmen: Rund 45 000 Studenten - viermal mehr als vor zehn Jahren - sind an privaten nichtkonfessionellen Hochschulen eingeschrieben, das sind rund zwei Prozent der gesamten deutschen Studentenschaft.
Sie entscheiden sich für ein teures Studium in der Hoffnung, »das sich das Investment später einmal lohnt«, sagt Udo Steffens, Vorstand des Verbandes der Privaten Hochschulen.
Nicht alle haben dabei ein so glückliches Händchen wie die Bucerius-Studenten. 54 private Hochschulen gibt es zurzeit in Deutschland, vor 15 Jahren waren es lediglich 18. Auf dem Markt tummeln sich zahlreiche Anbieter, die in ihren übertriebenen Verheißungen den einstigen Börsenstars der New Economy in nichts nachstehen.
Die Betreiber der vor zwei Jahren auf dem Papier gegründeten Hanseatic University in Rostock etwa lockten Interessenten mit dem Versprechen, man wolle »als allererste deutsche Privat-Uni« in Form einer Aktiengesellschaft Gewinne erzielen. Wer in die Hanse-Uni investiere, könne nicht nur Wertsteigerungen erwarten, die Hochschule werde auch den Kindern der Geldgeber »bei Eignung« die Tore öffnen. Zunächst sollten 130 Studenten beginnen, von 1000 binnen fünf Jahren war die Rede. Geplante Gebühren: 8000 Euro pro Semester.
Hochschulgründer Peter L. Pedersen, ein Unternehmensberater aus Schleswig-Holstein, bewarb sein Projekt mit markigen Sprüchen: »Das Thema Langzeitstudenten hat sich erledigt.« Das ehrgeizige Vorhaben überzeugte immerhin die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns: Sie zeichnete den Businessplan der Hanse-Uni im Winter 2002 mit dem ersten Preis im Gründerwettbewerb »MV Startup« aus.
Doch die angekündigte Aufnahme des Lehrbetriebs wurde immer wieder verschoben. Obwohl es auf der Webseite der Hanse-Uni heißt, die »staatliche Anerkennung« sei »in Vorbereitung«, ist laut dem mecklenburg-vorpommerschen Bildungsministerium bis heute kein entsprechender Antrag eingegangen. Vieles deute darauf hin, »dass die Finanzierung noch nicht abschließend geklärt werden konnte«. In der Rostocker Lokalpresse wird die Frage gestellt, ob es sich bei dem Projekt womöglich lediglich um »heiße Luft« handele.
Die geschäftlichen Planungen beruhten keinesfalls auf »unrealistischen Vermutungen«, beteuert dagegen die Hanse-Uni-Geschäftsführung. Sie basierten »auf fundierten, überprüfbaren und überprüften kaufmännischen Kalkulationen«. Auch die angepeilten Studentenzahlen seien realistisch.
Bei der Hanse-Uni klaffen Anspruch und Wirklichkeit besonders weit auseinander, ein Einzelfall aber ist sie nicht: Auch an anderen Standorten fallen private Hochschulen durch Finanzschwierigkeiten und überzogenes Marketing negativ auf.
Die im Oktober 2002 auf Initiative der Wirtschaft gegründete European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin wurde als »Harvard an der Spree« angekündigt. Innerhalb von zehn Jahren sollte im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude am Schlossplatz nichts Geringeres als eine der »bedeutendsten Lehr- und Forschungseinrichtungen auf dem Kontinent« etabliert werden.
Doch obwohl sich neben den Gründungsunternehmen DaimlerChrysler, Allianz, Deutsche Bank und E.on auch andere deutsche Konzerne beteiligten, flossen die Gelder für das nötige Stiftungskapital spärlicher als erhofft. 80 Millionen Euro haben die Stifter nach Auskunft der ESMT inzwischen eingebracht, ursprünglich geplant waren mindestens 100 Millionen.
Im Januar 2006 soll nun der Aufbaustudiengang »Master of Business Administration« an den Start gehen. Ob die Welt allerdings auf das einjährige Programm wartet, wie die Hochschulleitung verkündete, ist jedoch fraglich: Mit insgesamt 50 000 Euro Studiengebühren liegt die ESMT deutlich über denen anderer renommierter Wirtschaftsschulen in Europa und den USA.
In Baden-Württemberg geriet das Stuttgart Institute of Management and Technology (SIMT) in Schwierigkeiten, vor allem wegen eines riskanten Kreditmodells: Die Bildungseinrichtung bürgte selbst für Kredite, die ihre Studenten bei Banken aufnahmen. Dafür musste sie dort entsprechende Sicherheiten hinterlegen und säumigen Schuldnern hinterherlaufen.
Wegen leerer Kassen empfahl die Leitung zwischenzeitlich die Schließung. Die staatlichen Unis Stuttgart, Tübingen und Hohenheim übernahmen die Mehrheit im Verwaltungsrat. Trotz einiger »Altlasten«, so ein Sprecher, scheint das SIMT nun auf dem Weg der Besserung: 43 neue Studenten nahmen im September das 24 000 Euro teure und 20 Monate dauernde MBA-Studium auf.
Dass selbst unzweifelhafte Meriten nicht vor Turbulenzen schützen, zeigt das Beispiel der Uni Witten/Herdecke, die als eine der wenigen privaten Universitäten ein breiteres Fächerspektrum anbietet. »Kein Geld war eigentlich immer«, pflegte Hochschulgründer Konrad Schily gern zu sagen. Doch inzwischen kämpft Witten/Herdecke um seine Reputation - ausgerechnet im Kernfach Medizin.
Der Wissenschaftsrat, der die Qualität privater wie staatlicher Hochschulen überprüft, bescheinigte der Wittener Fakultät »erhebliche strukturelle Probleme und Defizite in Lehre und Forschung«. Hauptkritikpunkte: zu wenig Professorenstellen, zu wenig Forschungsleistung, zu wenig Unterrichtsstunden für Studienanfänger. Deshalb sei es »nicht länger verantwortbar, die Medizinerausbildung in ihrer derzeitigen Form fortzuführen«.
Wenn die Universität die Auflagen nicht erfüllt, sollen nach dem Sommersemester 2006 keine Studienanfänger in Medizin mehr zugelassen werden.
Die Universität will den Vorgaben nachkommen und verweist auf die ungebrochene Popularität des Faches: So hätten sich erneut 1200 Interessenten für 42 Plätze beworben. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen will gleichwohl seine Förderung von jährlich rund vier Millionen Euro einstellen.
Angesichts der prekären Finanzsituation hat Witten/Herdecke beschlossen, die Studienbeiträge ab dem Wintersemester kräftig zu erhöhen: Das Medizinstudium soll nun 25 000 Euro kosten, Wirtschaftswissenschaftler müssen 30 000 Euro, Zahnmediziner 26 000 bezahlen. Bislang lagen die Gebühren für diese Fächer einheitlich bei 15 000 Euro.
In Selbstdarstellungen präsentieren sich private Hochschulen gern als Schnellboote, die weitaus wendiger agieren können als die staatlichen Großtanker. Doch bei Seegang geraten sie schneller in Schwierigkeiten. »Nicht realisierte Qualitätsversprechen«, betont Verbandsvorstand Udo Steffens, seien »dem privaten Format von Hochschulen nicht zuträglich«.
Die Nöte haben mehrere Gründe, erklärt Wedig von Heyden, Generalsekretär des Wissenschaftsrats. Um die laufenden Kosten für Zeitschriften, Bibliotheken, Labors und Gerätschaften zu decken, reichen selbst hohe Studiengebühren
meist nicht aus. Deshalb sind private Hochschulen auf andere Finanzquellen angewiesen, etwa auf Erträge aus Stiftungsvermögen und auf Spenden. So steht hinter der Bucerius Law School die kapitalkräftige »Zeit«-Stiftung. Die Berliner Hertie School of Governance, die seit September Politprofis in einem Masterstudiengang ausbildet, hat die renommierte Hertie-Stiftung im Rücken.
Für eine einigermaßen komfortable Ausgangsbasis sei, so Heyden, ein Stiftungsvermögen in beträchtlichem Umfang erforderlich, um ausreichende Zinserträge zu erzielen. So erhielt die International University in Bremen eine Zuwendung zum Kapitalstock von knapp 110 Millionen Euro vom Bremer Senat.
Um solche Summen aufzubringen, wären eigentlich private Geldgeber gefragt. Doch die Bereitschaft in der Wirtschaft, in Hochschulbildung zu investieren, ist in Deutschland »sehr viel geringer ausgeprägt als in anderen Ländern«, sagt Heyden.
Folge: Ausländische Privatuniversitäten wie Harvard oder Stanford können wie der FC Chelsea im Fußball auftrumpfen, während ihre deutschen Pendants finanziell in der Kreisliga spielen. Erst ihre üppigen Ressourcen erlauben es Renommieranstalten, profilierte Professoren mit Spitzengehältern abzuwerben und talentierte Nachwuchskräfte mit Stipendien zu locken. Harvard kann jedes Jahr über ein Budget von rund zwei Milliarden Euro verfügen, das Stiftungsvermögen beläuft sich auf knapp 20 Milliarden Euro. So kann sich die Vorzeigeuniversität auch weniger spendenträchtige Fächer und Grundlagenforschung leisten.
Ein solches Profil gilt den meisten deutschen Privathochschulen dagegen als teurer Luxus. Behaupten können sich vor allem Anbieter, die sich auf einige Fächer, etwa Wirtschaftswissenschaften und Informationstechnologie, konzentrieren.
Entscheidend für die Akzeptanz der Privaten, erläutert Klaus Hekking, Vorstandsvorsitzender des Bildungs- und Gesundheitskonzerns SRH, sei die »Eingliederungsquote in den Beruf«. Sein Unternehmen betreibt unter anderem die private Fachhochschule Heidelberg mit 1400 Studenten. 95 Prozent der Absolventen sind sechs Monate nach Studienende in Lohn und Brot. »Wenn die Studenten eine große Chance sehen, dass sie mit ihrem Studium schnell einen Arbeitsplatz bekommen, dann sind sie auch bereit zu bezahlen.«
Solche Bilanzen sowie das finanzielle Fundament einer Hochschule sollten Interessenten immer unter die Lupe nehmen, rät Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. »Web-Seiten und Papier sind geduldig.« Eine bessere Quelle seien die jeweiligen Studenten vor Ort: Wie gut fühlen sie sich aufs Berufsleben vorbereitet? Wo sind ihre ehemaligen Mitstudenten untergekommen?
Bei aller gebotenen Vorsicht kann das private Studieren nämlich viele Chancen und Vorteile bieten: Im Idealfall finden die Studiosi immer einen Ansprechpartner, dazu gutausgestattete Bibliotheken und Computerräume.
Der größte Pluspunkt sind jedoch motivierte Kommilitonen: Studenten, die für ihre Ausbildung mehrere tausend Euro ausgeben, haben sich in der Regel vorher sehr genau überlegt, warum sie das tun.
Der Anteil an Spitzenstudenten ist an den Privaten deshalb häufig sehr hoch. So belegen in einer vom SPIEGEL veröffentlichen Rangliste (Nummer 48/2004) im Fach Betriebswirtschaftslehre mit der WHU in Vallendar, der EBS in Oestrich-Winkel und der Handelshochschule Leipzig gleich drei private Hochschulen die vorderen Plätze. In Jura kam die Bucerius Law School auf den ersten Platz, in Medizin die Universität Witten/Herdecke.
Gerade leistungsstarke Studenten fühlen sich an den öffentlichen Instituten häufig schlecht aufgehoben. Der Versuch der Bundesregierung, eine Hand voll staatlicher Spitzenunis zu etablieren, scheiterte.
Dennoch übernehmen die traditionellen Hochschulen immer mehr Wettbewerbselemente: Sie erschließen neue Geldquellen durch Privatisierungen, sie gründen Alumni-Netze und Career Services, sie könnten sogar einen Teil ihrer Studenten selbst aussuchen und Professoren nach Leistung bezahlen.
Die Entstaatlichung der Staatlichen bestätigt die Privaten - und bedroht sie zugleich. »Reformmotor oder Randerscheinung«, unter diesem Motto werden im November Bildungsexperten auf einer Tagung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) die Rolle privater Universitäten diskutieren.
Die Chance der Privaten liege in »hoher Qualität, elitären Standards, speziellen Lehrkonzepten und einer klaren Orientierung an der Praxis«, schreiben die CHE-Bildungsexperten Antje Stannek und Frank Ziegele in einem Bericht.
Solche Tugenden werden studentische Kunden einfordern, wenn sie bald an öffentlichen Hochschulen bezahlen müssen. Bildungsmanager Hekking sieht deshalb in den Gebührenplänen einiger Bundesländer »ein Stück Wettbewerbsgerechtigkeit«. Denn dann würden sich Studenten nicht mehr damit zufrieden geben, wenn »ein Professor in einem überfüllten Hörsaal in 50 Meter Entfernung ein unleserliches Chart auf den Overhead-Projektor kritzelt«.
Hekkings Erfahrung: »Wer bezahlt, stellt Ansprüche.«
Von JAN FRIEDMANN

UniSPIEGEL 5/2005
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