17.10.2005

Der Soziologe Hans-Peter Blossfeld, 51, über die Benachteiligung von Berufseinsteigern in der globalisierten Arbeitswelt»Verschärfter Wettbewerb«

UniSPIEGEL: Sie haben mit einer internationalen Forschergruppe die Lebens- und Arbeitsbedingungen von jungen Erwachsenen in 14 Industrieländern untersucht. In der gerade erschienenen Studie* stellen Sie die These auf, dass besonders diese Altersgruppe unter der Globalisierung zu leiden habe. Aber es scheint doch, dass sie im Gegenteil besonders profitiert.
Blossfeld: Das sieht nur auf den ersten Blick so aus, weil für die jungen Erwachsenen von heute die Welt offener ist als früher. Tatsächlich kann nur eine kleine Elite diese Möglichkeiten nutzen, indem sie etwa für mehrere Jahre im Ausland studiert. Im Gegenzug stürzt aber eine ganze Reihe von Problemen, deren Ursache die Globalisierung ist, genau auf diese Altersgruppe ein.
UniSPIEGEL: Welche denn?
Blossfeld: Junge Erwachsene haben meist keine Berufserfahrung, die einen einfachen Zugang zu den Arbeitsplätzen ermöglicht. Sie haben keine Interessenvertretung und sind noch nicht ausreichend vernetzt, um sich gegen berufliches Scheitern abzufedern.
UniSPIEGEL: Das war immer so.
Blossfeld: Ja, aber heute werden die sich ständig ändernden Spielregeln, etwa was Gehälter und Vertragslaufzeiten angeht, an Berufsanfängern ausprobiert.
UniSPIEGEL: Und wie soll das mit der Globalisierung zusammenhängen? Der Begriff kann ja alles und nichts bedeuten.
Blossfeld: Meine Forschergruppe versteht darunter das Zusammenwachsen von Volkswirtschaften mit sehr unterschiedlichen Arbeits- und Produktionsbedingungen. Staaten treten in Konkurrenz um ausländisches Kapital und deregulieren deshalb ihre Märkte.
UniSPIEGEL: Dann betrifft die Globalisierung doch alle Altersgruppen.
Blossfeld: Ja. Nur wälzen die Insider, also vor allem etablierte und mächtige Arbeitgeber sowie Arbeitnehmer und ihre Interessenvertreter, die Risiken gern auf die ab, die noch nicht auf der sicheren Seite sind. Deshalb schieben sich etwa zunehmend Praktika, befristete Arbeitsverhältnisse, Teilzeitarbeit und Scheinselbständigkeit zwischen Hochschulabschluss und die erste Festanstellung. Die Unternehmen können so ihre Risiken weiterreichen, ohne dass es bei den Jungen viel Widerstand gibt. Und die Gewerkschaften spielen das Spiel mit, weil sie vor allem die schützen wollen, die drin sind.
UniSPIEGEL: Können sich Berufsanfänger gegen diese Benachteiligung wehren?
Blossfeld: Mit den Folgen der Globalisierung wird man konfrontiert, da kann man nicht viel machen als Einzelner. Die Veränderungen bei den Berufseinsteigern haben auch Gruppen wie Attac noch nicht realisiert. Eine rationale Strategie ist es sicherlich, den eigenen Marktwert zu erhöhen, beispielsweise durch bessere Qualifikation, durch Fremdsprachen oder Auslandssemester. Der Trend, dass sich die Höherqualifizierten durchsetzen, wird sich in den nächsten Jahren verstärken.
UniSPIEGEL: Aber eigentlich müsste es doch einen Aufstand der Jungen gegen die Alten geben.
Blossfeld: Der ist schwer zu organisieren, weil heute aufgrund der Verstärkung der Marktprozesse jeder seine eigenen Interessen verfolgen muss. Der Druck dazu ist viel höher als beispielsweise bei den 68ern. Diese Generation konnte sich utopische Gesellschaftsentwürfe erlauben, weil sie abgesichert war. Dem Wirtschaftswunder folgte der Ausbau des Wohlfahrtsstaats. An den Hochschulen hatte plötzlich jeder, der einigermaßen qualifiziert war, Chancen auf eine Professur. Heute ist man gezwungenermaßen viel realistischer.
* »Globalization, Uncertainty and Youth in Society«. Routledge Verlag, London und New York, 2005; 452 Seiten.

UniSPIEGEL 5/2005
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