17.10.2005

Bitte nicht stören

Was ist eigentlich aus dem Rückzugsraum vor der Erwachsenenwelt geworden? Ein Besuch im eigenen Kinderzimmer kann voller Überraschungen sein.
»Das ist mein Zimmer!« Ich weiß nicht, wie oft ich meinen Eltern diesen Satz in einem genervten Tonfall an den Kopf geschleudert habe - wenn ich meine Ruhe haben wollte und die durch ständiges Reinplatzen gestört wurde, weil meine Mutter der Meinung war, ich sollte mal wieder aufräumen, oder mein Vater mein Vorhaben, die Wände dunkellila zu streichen, unmöglich fand. Mein Zimmer war meine Festung, mein Rückzugsort, ich konnte es abschließen, laut Musik hören und ein paar Stunden ausblenden, dass in diesem Haus auch noch andere Menschen wohnten, die sich ständig in mein Leben einmischten.
Es gab immer schon verschiedene Kinderzimmertypen - meins war die Variante mit Dachschräge, zwischen Eltern- und Bruderschlafzimmer. Viele meiner Freundinnen wohnten auch so, manche genossen allerdings noch den Luxus eines eigenen Badezimmers, besonders, wenn sie mehr als eine Schwester hatten. Von den Jungs hingegen zogen die meisten spätestens mit 16 in den Keller. Das konnte ich selten nachvollziehen - klar hatte man dort seine Ruhe, was jedoch an kahlen Steinwänden, winzigen Lichtschächten und gefliestem Fußboden wohnenswert sein sollte, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Aber Jungs in der Pubertät wissen so etwas wie Tageslicht ja ohnehin selten zu schätzen, das stört doch nur beim Computerspielen und E-Gitarre quälen.
Doch irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem auch der tiefste Keller nicht mehr genug Privatsphäre bietet und man raus will - raus aus dem Elternhaus, rein in ein eigenes Leben, fort in die neue Stadt, in die Studentenbude, ins Wohnheim oder ein WG-Zimmer. Zurück bleibt das alte Zimmer. Und so, wie es damals schon unterschiedliche Kinderzimmertypen gab, gibt es auch jetzt ganz verschiedene Möglichkeiten, was aus dem einstigen Heiligtum wird.
In meinem früheren Zimmer sieht es aus, als wäre die Zeit stehengeblieben. Es ist eine Momentaufnahme meines Lebens am Tag meines Auszugs, als ich 19 Jahre alt war. Viele Dinge sind damals beim Kistenpacken einfach dageblieben, weil für sie im neuen Zimmer, in meinem neuen Leben kein Platz mehr war oder sein sollte. Das Kurt-Cobain-Poster an der Wand beispielsweise. Mein erstes Paar Chucks, das ich an die Decke genagelt hatte. Drei gesammelte Jahrgänge unserer Schülerzeitung. Fotos von Klassenkameraden. Die Sachen stehen und hängen heute, fast sechs Jahre nach meinem Auszug, immer noch genauso da. Es gab bisher keinen Grund, sie wegzuräumen. Im Gegenteil: Es kommen sogar jedes Jahr noch ein paar Dinge hinzu - Dinge, die ich nicht mehr ständig bei mir haben möchte, aber auch nicht wegwerfen will. Das ist bei vielen gelesenen Büchern der Fall. Und so stehen mittlerweile in meinem alten Kinderzimmer das große Janosch-Buch, die Reich-Ranicki-Autobiografie und Hesses »Siddharta« einträchtig nebeneinander im Regal.
Ich finde es toll, dass mein Zimmer noch ein bisschen mein Zimmer ist, wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin. Ich knalle zwar mittlerweile weniger oft die Tür hinter mir zu als früher, aber nutze es schon noch als Fluchtmöglichkeit, wenn mir meine Familie mal zu viel wird.
In anderen verlassenen Kinderzimmern wird die einstige Privatsphäre im Lauf der Jahre schleichend aufgeweicht. Quadratmeter um Quadratmeter werden diese Räume von den Eltern oder den dagebliebenen Geschwistern erobert. Plötzlich steht dort ein fremder Computer, wenn man das nächste Mal zu Besuch kommt. Oder ein Trimmrad. Oder die früher heißgeliebte Cola-Büchsen-Sammlung wandert ganz still in den Dosencontainer.
Vorsicht ist geboten, in den meisten Fällen dauert es nach diesen ersten Anzeichen nicht mehr lange, bis aus dem früheren Kinderzimmer plötzlich Mamas neues Arbeitszimmer oder Papas Fitnessraum geworden ist, in dem man dann gnädigerweise auf dem Klappbett schlafen darf. Eltern entwickeln ja oft seltsame, zeit- und platzintensive Hobbys, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Mein Vater hat jetzt angefangen, Posaune zu spielen. Bei meinem letzten Besuch zu Ostern stand plötzlich ein Notenständer in meinem Zimmer. Aber ich gönne ihnen auch ihre neugewonnene Freiheit. Schließlich haben sie mich und meine Launen lange genug ausgehalten.
Auf den folgenden Seiten haben mir und Daniel Erk vier Studenten, die alle bereits seit ein paar Jahren nicht mehr im Elternhaus wohnen, ihre alten Kinderzimmer gezeigt, erzählt, was ihnen dieser Raum damals bedeutete - und was davon übrig geblieben ist.
Von JUDITH LIERE

UniSPIEGEL 5/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


UniSPIEGEL 5/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 01:01

Beeindruckendes Unterwasservideo Taucher filmt Riesentintenfisch-Ei

  • Video "Silberameise: Die schnellste Ameise der Welt" Video 00:52
    Silberameise: Die schnellste Ameise der Welt
  • Video "Rassistische Fußballfans in Bulgarien: Grobe Fahrlässigkeit des Verbands" Video 02:57
    Rassistische Fußballfans in Bulgarien: "Grobe Fahrlässigkeit des Verbands"
  • Video "Luftaufnahmen von Hof in Niederlande: Sechs junge Menschen aus Isolation befreit" Video 01:45
    Luftaufnahmen von Hof in Niederlande: Sechs junge Menschen aus Isolation befreit
  • Video "Eklat in Großbritannien: US-Diplomatenfrau reist nach tödlichem Unfall aus" Video 02:08
    Eklat in Großbritannien: US-Diplomatenfrau reist nach tödlichem Unfall aus
  • Video "Nordirland-Konflikt: Der zerbrechliche Frieden" Video 06:16
    Nordirland-Konflikt: Der zerbrechliche Frieden
  • Video "Beeindruckende Unterwasseraufnahmen: Unterwegs mit tausend Teufelsrochen" Video 01:15
    Beeindruckende Unterwasseraufnahmen: Unterwegs mit tausend Teufelsrochen
  • Video "Rituale im britischen Unterhaus: Lady Usher of the Black Rod" Video 01:41
    Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"
  • Video "Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen" Video 01:48
    Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen
  • Video "Stimme aus dem Sarg: Toter spricht auf seiner eigenen Beerdigung" Video 00:00
    Stimme aus dem Sarg: Toter spricht auf seiner eigenen Beerdigung
  • Video "Englands Trainer nach rassistischen Vorfällen: Wir haben ein Statement abgeliefert" Video 03:19
    Englands Trainer nach rassistischen Vorfällen: "Wir haben ein Statement abgeliefert"
  • Video "Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend" Video 01:42
    Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Video "Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth" Video 00:50
    Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth
  • Video "Videoanalyse: Kurden schmieden Allianz mit Assad" Video 04:33
    Videoanalyse: Kurden schmieden Allianz mit Assad
  • Video "Proteste gegen Separatisten-Urteil: 50 Verletzte in Barcelona" Video 01:26
    Proteste gegen Separatisten-Urteil: 50 Verletzte in Barcelona
  • Video "Ex-Fußball-Torhüter: Petr Cech wird zum Eishockey-Helden" Video 01:31
    Ex-Fußball-Torhüter: Petr Cech wird zum Eishockey-Helden
  • Video "Beeindruckendes Unterwasservideo: Taucher filmt Riesentintenfisch-Ei" Video 01:01
    Beeindruckendes Unterwasservideo: Taucher filmt Riesentintenfisch-Ei