05.12.2005

Donald Trump und ich

Mit einem Stipendium der Studienstiftung lernt Anja Schröder Kriminologie an einer Elite-Universität in Pennsylvania. Über ihre Erfahrungen in Amerika berichtet sie jetzt regelmäßig im UniSPIEGEL.
Neulich saß ich bis tief in die Nacht vor meinem Computer und las die E-Mails meines »Career Counselors« vom Tage. Der Karriereberater für die höheren Semester legte mir nahe, an einem Workshop mit dem Titel »Handshake, Eye-Contact and Small Talk« teilzunehmen. Beim Stichwort »Handshake« drückte ich die Löschtaste. Mir war schlagartig klar geworden: Ich brauche keinen Career Counselor mehr. Ich habe schon einen.
Er heißt Donald Trump, gehört zu den 100 reichsten Männern der Welt und ist bekannt für seine Aversion gegen Handshakes. Das Wichtigste aber: Uns verbindet etwas, und das ist unsere Hochschule, die University of Pennsylvania. Weil es sich nicht um irgendeine, sondern um eine aus der Familie der acht ältesten, reichsten und renommiertesten Universitäten Amerikas handelt, betrachte ich Donald als Onkel ersten Grades, der wie ich ein unsichtbares Schildchen am Revers herumträgt. Und auf dem steht: »Ivy League«.
Eigentlich konnte ich mich nie sonderlich für Amerika begeistern. Weder die Aussicht, ein Jahr lang das Cheerleader-Team irgendeiner Highschool in Milwaukee oder Kansas City zu verstärken, noch die Vorstellung, mich als Au-pair in Austin, Texas, um fremde Kinder, Haushalte oder beides zu kümmern, erschien mir erstrebenswert. Ich habe die allgemeine Begeisterung für Verhaltensweisen, die man gewöhnlich als »American Way of Life« bezeichnet, nie so recht verstanden. Das mag daran liegen, dass ich misstrauisch werde, wenn mich wildfremde Menschen morgens auf der Straße ansprechen, nach meinen Plänen für den Tag fragen und anschließend alles mit einem »great!« kommentieren.
Nun aber bin ich doch in einer Welt gelandet, in der Floskeln, Phrasen und Rituale einen hohen Stellenwert einnehmen. »It's like a game, and I hate it«, sagt mein Kommilitone David, als wir kurz nach Mitternacht in einem Club unweit des Campus stehen und einigen »Undergraduates« zuschauen, die betrunken auf der Tanzfläche hin- und hertorkeln. Dass David sich dennoch entschlossen hat, das Spiel mitzuspielen, hat einen einfachen Grund: Alle hier sind fest davon überzeugt, dass das Studium an einer Elite-Universität Türen und Tore öffnet.
Der Preis allerdings ist hoch: Jedes Jahr nehmen Tausende amerikanische Eltern Kredite auf, um die Studiengebühren aufzubringen, die an privaten Hochschulen wie dieser bei über 30 000 US-Dollar pro Jahr liegen können. Zahllosen Ratgebern und Internet-Seiten können Highschool-Absolventen entnehmen, wie sie Bewerbungen formulieren, die man nicht zurückweist. Bachelor-Träger, die bereits ein paar Jahre im Berufsleben gestanden haben, kratzen sämtliche Ersparnisse zusammen, um noch ein oder zwei Jahre ein Masterstudium an einer Graduate School anzuhängen.
Bis heute ist umstritten, welche Qualitäten es letztendlich sind, die über Zulassung oder Ablehnung in der »Efeuliga«, wie die »Ancient Eight« wegen ihrer efeubewachsenen Gemäuer einst getauft wurden, entscheiden. Neben Noten und Punktezahlen aus den standardisierten Tests stehen bisweilen auch weniger akademische Qualitäten wie Familienbande oder sportliche Höchstleistungen im Verdacht, die Chancen auf einen Studienplatz erheblich zu steigern. Die Ivy-League-Unis selbst, so stand es erst kürzlich im »New Yorker«, beteuern dagegen, vor allem auf eines Wert zu legen: Charakter und Persönlichkeit, die vermuten lassen, dass die Bewerberin oder der Bewerber nach
College oder Graduate School das Zeug zum »leader« hat.
Und tatsächlich konnte ich gleich im zweiten Satz auf dem Zulassungsbescheid meines Departments lesen: »We congratulate you on your outstanding leadership record.« Ich habe lange gerätselt, woher die Universität ihr Wissen über meine potentiellen Führungsqualitäten nahm, über die ich mir selbst noch nicht einmal im Klaren war. Mittlerweile weiß ich, dass die Verwendung des Wortes »leadership« nicht unbedingt wörtlich zu nehmen ist. »Leadership« ist in diesem Land, in dem man stolz darauf ist, Probleme nicht zu wälzen, sondern zu lösen, mehr als nur ein Wort. »Leadership« ist ein Lebensgefühl.
So ziemlich jeder hier versucht, der von oben verordneten Corporate Identity auf bestmögliche Art und Weise gerecht zu werden. In den Vorlesungen, meist »socratic lecture« genannt, hört man nicht einfach zu oder schreibt nur mit. Vielmehr muss man jederzeit darauf gefasst sein, nach seiner Meinung oder seinem Wissen gefragt zu werden. »Pop Quizzes« lassen Erinnerungen an längst vergessene »Stegreifaufgaben« aus der Schulzeit wach werden. Hausaufgaben holen einen in Form von »Assignments« ein. Und schließlich sind da noch die »Midterm«- und »Final Examinations«.
Die größte Herausforderung eines Graduates scheint vor allem darin zu bestehen, angesichts der Masse von Aufgaben den Überblick zu behalten. Ich spreche da aus eigener Erfahrung: Nachdem ich am Anfang des Semesters einen ganzen Nachmittag damit zugebracht hatte, in meinen Terminkalender sämtliche Deadlines für Papers, Assignments oder Power-Point-Präsentationen einzutragen und Meetings diverser Gruppenprojekte hin und her zu jonglieren, fühlte ich mich tatsächlich ein bisschen so, als wäre ich in die Management-Etage eines mittelständischen Unternehmens versetzt worden, in dem es entweder an einem gut funktionierenden Sekretariat oder aber schlicht an Organisationstalenten zu mangeln schien.
Allerdings: In der Leadership-Liga sind solche selbstkritischen Gedanken verboten. Stattdessen geht man mit Sportsgeist an neue Aufgaben und achtet dabei stets darauf, Haltung zu bewahren. Dieses ungeschriebene Gesetz wurde mir erstmals während der Orientierungswoche meines Masterprogramms klar, die mit einem 27-Meilen-Marsch, genannt »leadership walk«, zu Ende ging, und begegnet mir jeden Tag wieder aufs Neue. Nehmen wir das »Discussion Board«, ein virtuelles Forum, in dem die Teilnehmer eines Kurses Fragen zum Unterrichtsstoff an ihre Professoren richten können. In meinem Statistikkurs gehen fast täglich Fragen zu Variablen, Regressionen oder Konfidenzintervallen ein. Dass die Hälfte der Studenten ihre E-Mails anonym schickt, spricht für sich.
»Admit failure? Never!«, schreibt Studentin Titilola Bakare auf der Meinungsseite unserer preisgekrönten Universitätszeitung »Daily Pennsylvanian«. »We don't live life, wie win life«, so laute der Wahlspruch der Penn-Studenten, bei denen sie vor allem eine Krankheit diagnostiziert: »performance addiction« - die Sucht nach Leistung. Es ist die gleiche Ausgabe, die in einem Front-Page-Artikel über den Selbstmord eines 21-jährigen »Senior« der Universität berichtet. Am Wochenende vor seinem Tod hatte Kyle für unser Footballteam noch den Sieg über Bucknell eingefahren. Wenige Tage später hat er sich in seinem Haus in einem Vorort von Philadelphia erschossen. Er war nicht nur der Star des Teams, er studierte auch an einer der weltbesten Business Schools. Vor allem aber litt er an Depression. Und das wollten viele seiner Freunde bis zuletzt einfach nicht glauben.
Es hat etwas schier Unbegreifliches, dass diese 1,1 Quadratkilometer kleine Scheinwelt, die im jüngsten Ranking der Zeitschrift »U.S. News & World Report« hinter Harvard, Princeton und Yale auf dem vierten Platz landete, bei allem Perfektionswahn gleichzeitig in eine einzigartig familiäre Atmosphäre getaucht ist. »Hi Anja«, schreibt mir mein Professor aus dem Theoriekurs. Nachdem er mir mitgeteilt hat, was er von meinem Paper hält und welche Note ich bekomme, lässt er mich noch kurz wissen, welche Meinung er selbst zu dem betreffenden Thema vertritt, bevor er sich mit einem einfachen »Tom« wieder verabschiedet. Und ein paar Minuten später erreicht mich eine Einladung des Direktors meines Departments, den ich jeden Morgen beim Joggen im Park treffe: Er lädt sämtliche Studenten zu einer Christmas-Party in sein Haus ein.
»Approachable«, ansprechbar, nennen meine amerikanischen Kommilitonen die Art und Weise, wie die Professorinnen und Professoren hier mit ihren Studierenden umgehen, und an der Art und Weise, wie sie es sagen, hört man heraus, dass ein derart uneitles Auftreten selbst in einem Land wie den USA nicht als selbstverständlich vorausgesetzt und daher hoch geschätzt wird.
Neulich habe ich das Wochenende in New York verbracht. Es war ein strahlend schöner Sonntagmorgen, und ich lief durch Midtown die United Nations Plaza entlang. Am »Trump World Tower« blieb ich stehen und blinzelte die 269 Meter bis zum Dach in die Sonne. Das nächste Mal werde ich reingehen, am Empfang meinen Penn-Ausweis vorzeigen und sagen, dass ich mal eben gern Onkel Donald sprechen würde.
Anja Schröder, 28, studiert an der University of Pennsylvania in Philadelphia, um dort den »Master of Science in Criminology« zu erwerben. Vorher hat sie unter anderem Politik studiert und eine Ausbildung an der Münchner Journalistenschule absolviert.

UniSPIEGEL 6/2005
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