23.10.2006

Die Kraft von morgen / BiodieselStrom für die Welt

Das Mega-Thema Energie beschäftigt auch viele Studenten. Sie forschen an den Kraftquellen der Zukunft - von der Kerntechnik bis zur Solarenergie.
Grit will ein Atomkraftwerk bauen. Das Risiko, sagt sie nüchtern, sei "beherrschbar".
Sven haben es Windräder angetan. Schon als Jugendlicher stand er staunend vor den riesigen Rotoren, heute tüfftelt er selbst an der Technik.
Nele spürt dem Kraftstoff des neuen Jahrtausends hinterher: Sie erforscht madagassischen Boden, auf dem die Jatropha-Pflanze wächst. Aus dem Öl, das aus deren Nüssen gewonnen wird, kann Diesel raffiniert werden.
Ganz schön energisch, wie die drei ihr Studium angehen. Sie wollen die Energiequellen der Zukunft finden - oder lernen, diese besser auszunutzen. Damit liegen sie im Trend. Ressourcenmangel, Ölvorräte, Atommülllagerung: Stromerzeugung und die Reserven der Natur sind beherrschende Themen, das ist sowohl an den Schlagzeilen als auch an den Benzinpreisen ablesbar.
Wie lange Öl und Gas die stets hungrige Weltwirtschaftsmaschinerie noch befeuern können, scheint ungewiss. Klar dagegen ist, dass jetzt schon nach Alternativen gesucht werden muss. Deutsche Firmen für Solartechnik boomen seit zwei Jahren an der Börse, manche mit Kurssteigerungen von mehreren hundert Prozent.
Allmählich beginnt auch Deutschlands akademischer Nachwuchs, sich auf den neuen Trend einzustellen. Nach den jüngsten Daten des Statistischen Bundesamts stieg die Zahl der Studierenden in ingenieurwissenschaftlichen Fächern seit dem Wintersemester 2001/2002 um rund 20 000 auf etwa 274 000 an. Entschieden sich Ende der neunziger Jahre nur 17 Prozent der Neu-Studenten für die eher trocken anmutenden Studiengänge, so erhöhte sich ihr Anteil auf heute 19 Prozent.
Weil das für die Welt von morgen kaum ausreicht, werden die Zukunftsfächer auch politisch massiv gefördert. Für eine neue Hightech-Offensive will die Bundesregierung bis 2009 immerhin fast 15 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) hat eine "nationale Strategie" für die Eroberung der wichtigsten Zukunftsmärkte angekündigt. Damit will die Bundesregierung auch das EU-weit beschlossene Ziel erreichen, drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für "Forschung und Entwicklung" auszugeben. Bislang krebst der Anteil bei 2,5 Prozent herum.
Die Investitionen werden die bereits guten Jobaussichten wohl noch weiter verbessern. Wer im Bereich der erneuerbaren Energien arbeiten möchte, hat schon derzeit, und wahrscheinlich auch in Zukunft, gute Chancen: Bis zum Jahr 2020 sollen in diesem Sektor rund 150 000 neue Arbeitsplätze entstehen,
prognostiziert eine gerade erschienene Studie des Bundesumweltministeriums.
"Die Beschäftigungsdynamik ist wahrscheinlich sogar noch höher", sagt Theo Bühler vom Wissenschaftsladen Bonn, einer gemeinnützigen Einrichtung, die akademische Erkenntnisse in den Alltag der Bürger bringen will. "Das Potential der erneuerbaren Energien ist bislang nur zu einem Bruchteil erschlossen", so Bühler.
Der Berater geht davon aus, dass für mehr als die Hälfte der neuen Jobs akademisch qualifizierte Fachleute gebraucht werden. Das hat ein Arbeitsmarktmonitoring des Wissenschaftsladens ergeben. Schon jetzt gibt es einen Mangel an Ingenieuren; durch den Boom des neuen Zweigs werde es zu einem weiteren Engpass kommen: "Die regenerativen Energien werden mit den Einsatzfeldern der traditionellen Energiewirtschaft um Fachkräfte konkurrieren müssen", so Bühler.
Vor allem in den Bereichen Photovoltaik, Wind und Biomasse sieht Bühler vielfältige Betätigungsmöglichkeiten. Von 528 ausgewerteten Stellenanzeigen aus der Öko-Energie-Branche im ersten Quartal dieses Jahres kamen 176 aus der Solartechnik, 168 aus der Windenergie. Der Arbeitsmarktexperte empfiehlt Interessenten ein übliches Ingenieurstudium mit einer branchenspezifischen Vertiefung sowie Praxiserfahrungen im Hauptstudium.
Zwar entscheidet sich noch immer eine Mehrheit der angehenden Ingenieure für klassische Schwerpunkte wie Verfahrens- oder Konstruktionstechnik. Aber: "Das Interesse an den erneuerbaren Energien steigt kontinuierlich, das haben wir auch auf unserer Jobmesse festgestellt."
Der Wandel vollzieht sich atemraubend schnell. Mittlerweile gibt es einige eigenständige Studiengänge im Bereich der erneuerbaren Energien. Doch dadurch allein lässt sich in absehbarer Zukunft kein Industrieland mit Strom versorgen. Immer mal wieder schwappt die Diskussion um die Atomkraft hoch.
Eleni Konstantinidou vom Verein deutscher Ingenieure mahnt, die Kerntechnik nicht zu vergessen. Der Bedarf an Arbeitskräften in diesem Bereich sei so groß, dass wahrscheinlich sogar Absolventen aus dem Ausland geholt werden müssten. "Es werden weiter Ingenieure für Betrieb und Entsorgung der alten Kernkraftwerke gebraucht", erklärt Konstantinidou, "auch wenn keine neuen AKW mehr gebaut werden sollten."
In Aachen und Jülich will die Düsseldorfer Landesregierung daher drei Lehrstühle für Kerntechnik, Nuklearentsorgung und Strahlenschutz neu besetzen. Bundesweit stehen neun neue Berufungen in den Atomfächern an.
Damit wird die Nuklearforschung wieder etwas aufgewertet, die auf politischen Druck in den achtziger und neunziger Jahren heruntergefahren wurde. Vor allem die ungelöste Frage der Entsorgung des Atommülls, aber auch hohe Subventionsansprüche der Industrie haben zum Aus einiger Neuentwicklungen geführt. Als fast fertiger Bau wurde 1991 beispielsweise das milliardenteure Kraftwerk "Schneller Brüter" im nordrhein-westfälischen Kalkar dichtgemacht und vier Jahre später an einen niederländischen Spaßparkbetreiber verkauft. Es scheint ausgeschlossen, dass in Deutschland in absehbarer Zeit ein neues Atomkraftwerk genehmigt wird.
Aber Grit Mayer könnte sich auch vorstellen, im Ausland einen Meiler zu bauen. Allein in China sollen über 30 neue Kernkraftwerke entstehen. Atomkraft? Ja bitte!
Andere Kommilitonen schwärmen von den Möglichkeiten der Solarzellen - schließlich ist die Sonne der größte Energielieferant für die Erde, und das für weitere fünf Milliarden Jahre. Brennstoffzellen, die heute zum Beispiel schon in Bussen verwendet werden, produzieren keine giftigen Abgase. Aus Biomasse lässt sich Kraftstoff erzeugen. Es gibt also viel zu erforschen - fünf Studenten und Doktoranden aus dem Zukunftsfeld Energie stellt der UniSPIEGEL vor.
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Die Kraft von morgen / Biodiesel

Eine harte Nuss

Nele Sutterer forscht an einer Spritquelle der Zukunft.

Es gibt keinen Strom, kein fließend Wasser in Mahatsinjo. Und die Dorfbewohner hatten noch nie eine "Vazaha", eine Fremde, getroffen. Dann kam Nele Sutterer aus Stuttgart, um dort, mitten in der hügeligen Grassavanne Madagaskars, zwei Monate lang zu leben. Die 29-jährige Agrarwissenschaftsstudentin erkundete afrikanischen Boden, auf dem wegen der Dürre kaum etwas wächst - außer einer Spritquelle der Zukunft. Neles Hochschule, die Universität Hohenheim, betreut dort auf 300 Hektar vier Pilotplantagen, auf denen die Jatropha-Pflanze angebaut wird.
Aus dem Öl, das deren Nüsse enthalten, lässt sich Biodiesel herstellen. Wenn es nach den Hohenheimer Wissenschaftlern geht, könnten damit schon bald zumindest die Autos auf Madagaskar betrieben werden. Und die europäische Abgasnorm kann der Nussölkraftstoff auch erfüllen. "Die weitere Entwicklung hängt vor allem von der Politik und dem Interesse der großen Unternehmen und Investoren ab", sagt Nele. "Aber Jatropha hat auf jeden Fall Zukunft", da ist sie sicher. Im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit untersucht sie den Kohlenstoffgehalt der roten Erde. Der ist wichtig für die Entstehung von Humus, der den Boden fruchtbarer macht.
In überfüllten Kleinbussen holperte die junge Frau dafür jeden Tag über staubige Pisten zu den Feldern. Die einheimischen Arbeiter von der Green Island Association halfen ihr, dem steinharten Boden Proben zu entnehmen, und beobachteten das Treiben der Nachwuchsforscherin neugierig. Alles musste penibel sortiert und aufbereitet werden. "Es war nicht so leicht, dort die richtigen Plastiktütchen aufzutreiben, und zur Trocknung brauchte ich einen Backofen - aber so was gibt's da nur selten", berichtet Nele. Die Uni vor Ort half aus.
Nur wenige Madagassen haben ein eigenes Auto. "Für sie bedeutet der Jatropha-Anbau vor allem eine Einnahmequelle mit der Möglichkeit, Ödland zu sanieren", so Nele.
Daheim in Deutschland kommt die Studentin mit dem Fahrrad zur Hochschule. Gern schlendert sie an warmen Tagen barfuß über den Campus und durch den Botanischen Garten. Jetzt aber steht die Laborarbeit an, von der Nele weniger schwärmt: In Deutschland wächst die Sprit-Nuss nur auf dem Fensterbrett.
In einem Topfdeckel bereitet Nele die Erdproben auf, reinigt sie von Wurzeln und Steinen. "Auch das habe ich auf Madagaskar gelernt: dass einfache Mittel manchmal ausreichen."
Nach dem Bachelor-Abschluss will die angehende Agrarwissenschaftlerin ein Masterstudium aufnehmen. Seit 2003 betreut die schwäbische Universität Jatropha-Projekte, in Indien etwa in Zusammenarbeit mit DaimlerChrysler.
Auch beruflich will Nele sich später als Bodenkundlerin mit der Erzeugung von Biomasse beschäftigen. Und irgendwann hätte sie gern mal ein eigenes Auto - "aber bitte so klimafreundlich wie möglich".
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Die Kraft von morgen / Kernenergie

Der Traum vom eigenen Reaktor

Grit Mayer möchte ein Atomkraftwerk bauen.

Ihr fester Händedruck weckt sofort Vertrauen. Er signalisiert: Diese Frau kann auch einen risikoreichen Atomreaktor beherrschen.
Grit Mayer, 24, ist Studentin für Maschinenbau an der Technischen Universität in Dresden. Jetzt, im fünften Semester, hat sie sich auf Kerntechnik spezialisiert. "Einige meiner Freunde haben blöd geguckt", sagt Mayer.
Atomkraft - ja bitte? Grit Mayer gehört zu einer neuen Generation von Studenten, die die Schützengräben eines jahrzehntelangen Glaubenskriegs um die Kernenergie verlassen haben. "Natürlich ist das eine Risikotechnik", sagt sie, "aber die ist beherrschbar." Was wie ein PR-Spruch der Atomlobby klingt, ist ihre feste Überzeugung.
Aufgewachsen in einem kleinen sächsischen Ort namens Bergen, hatte sie in der Schule früh Interesse an der Sternenkunde. Das Studium der Astronomie verwarf die Abiturientin aber aus pragmatischen Gründen. Ihr Mann, ein ehemaliger Mitschüler, den sie seit dem 17. Lebensjahr kennt und den sie kürzlich heiratete, riet ihr zum "vielseitigeren" Maschinenbaustudium in Dresden.
Heute erkundet die Kerntechnikstudentin komplizierte Zusammenhänge: Neutronenaustausch, Kritikalität, optimierte Prozesssteuerung, Laserablösung von Oberflächen sind einige Stichworte ihres Studiums. Die Anforderungen sind hoch. "Dabei stehe ich mit Mathe schon mal auf Kriegsfuß", sagt sie selbstkritisch. Im Grundstudium habe sie eine "grandiose Vier" hingelegt, wenngleich ihr Abiturdurchschnitt bei 1,7 lag.
Das konnte sie nicht daran hindern, in dem anspruchsvollen Fach ihre Zukunft zu sehen. Begeistert habe sie vor allem ihr Mentor, der inzwischen emeritierte Professor Jürgen Knorr, eine Koryphäe der deutschen Kerntechnik-Wissenschaft, der das Atomprogramm der DDR und der sozialistischen Partnerländer mit vorantrieb. Knorr: "Wir merken wieder ein wachsendes Interesse an unserem Fach." So hat sich allein in Dresden die Zahl der Studenten in den vergangenen Jahren mit rund 40 fast verdoppelt. "Wer bei uns abschließt", sagt Knorr, "dem können wir einen Arbeitsplatz garantieren."
Angesichts des politisch vereinbarten Atomausstiegs in der Bundesrepublik mit einem gestaffelten Abschalten der Meiler bis 2021 galt der Berufswunsch Kerntechniker zunächst als Auslaufmodell. Damals, so erinnert sich Knorr, Mitglied der Kerntechnischen Gesellschaft, habe ihn selbst die Industrie gewarnt: "Wir brauchen Ihre Leute nicht mehr."
Offenbar ein Irrtum. Denn mit dem geplanten Ausstieg ist auch ein gewaltiges Rückbauprogramm der strahlenden Stromfabriken verbunden, das höchste Fachkenntnisse erfordert. Wichtiger aber noch ist das Engagement der deutschen Nuklearindustrie bei diversen Auslandsprojekten.
Auch Grit Mayer tummelte sich als Studentin auf einigen Zukunftsbaustellen. Sowohl im Zwischenlager für Atommüll im nordrhein-westfälischen Ahaus als auch im modernen Kernkraftwerk Isar II schaute sie sich auf Einladung der Konzerne um. Sie interessiert sich auch für die sogenannte Fusionsenergie, die ähnlich wie in der Sonne Energie aus der Verschmelzung von Kernen erzeugen soll. "Das Interessanteste passiert aber derzeit in China", sagt die Studentin. Gut 30 hochmoderne Reaktoren wollen Maos Erben weltweit in Auftrag geben.
Grit hält auch die erneuerbaren Energien wie Wind oder Solar nicht für "uninteressant", aber insgesamt für "zu unregelmäßig und unzuverlässig", um die Versorgung zu sichern. Sie hatte als 13-Jährige in einem "Greenteam" der internationalen Umweltorganisation Greenpeace mitgearbeitet und sich als Abiturientin zu einem freiwilligen Jahr bei Thyssen angemeldet.
Wenn Grit einen Reaktor unter Echtbedingungen anfahren will, geht sie ins Erdgeschoss des Dresdner Instituts. Dort steht der Ausbildungsreaktor AKR-2, der immerhin den Saft für eine Fahrradbeleuchtung auf nuklearem Weg erzeugt.
Ihr Traum vom beruflichen Glück: "Mal richtig große Komponenten bauen, am liebsten einen eigenen Reaktor."
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Die Kraft von morgen / Brennstoffzellen

Hypermoderne Seifenkiste

Ein junges Team an der Technischen Universität in Chemnitz entwickelt einen Brennstoffzellen-Renner.

Daniel Düsentrieb hätte seine Freude an diesem Zimmer gehabt: Eine Werkbank steht wuchtig im Raum, allerlei Metall- und Karosserieteile, Lötkolben, PC-Teile, Mathebücher, Kabelverbindungen, Messgeräte und Ersatzreifen liegen herum. Und mittendrin thront aufgebockt ein dreirädriges, tropfenförmiges Mobil namens "Sax I".
In Raum 234 der Chemnitzer Technischen Universität basteln die Studenten Friedrich Baumann, 22, Stefan Demmig, 24, und Paul Büschel, 23, an einer futuristisch anmutenden Seifenkiste herum.
Das Sax I wird mit einer Brennstoffzelle betrieben, die hinter dem Fahrer in einem koffergroßen Fach untergebracht ist. Aus Wasserstoff und Sauerstoff wird auf chemischen Weg Strom unter anderem für den Antrieb von Fahrzeugen gewonnen, das ist das Prinzip der Brennstoffzelle. Und dies ohne schädliche Abgase. Denn die noch kostspielige Antriebstechnik, die schon in Bussen in Barcelona, Singapur oder Hamburg sowie einzelnen Pilot-Pkw zum Einsatz kommt, zieht nur eine Abgasfahne aus reinem Wasser hinter sich her.
"Wir sehen darin eine der wichtigsten Energiequellen der Zukunft", sagt Büschel, der Mechatronik studiert. Tatsächlich forschen die großen Automobilhersteller wie Honda, Ford oder DaimlerChrysler mit Milliardenaufwand an den Alternativen zum herkömmlichen Verbrennungsmotor. An der Hochschule Esslingen wurde jüngst ein eigenes Institut für Brennstoffzellentechnik eröffnet. Das Trio aus Chemnitz kann mit den Großen der Branche durchaus mithalten. Denn mit lediglich 40 000 Euro Entwicklungskosten, die über Sponsoren hereinkamen, schaffte der selbstgebaute Sax I schier Unglaubliches.
Mit derselben Energiemenge, die in einem Liter Superbenzin steckt, rollte das Supersparmobil des Vereins "Fortis Saxonia" ("Tapferes Sachsen") auf einer Versuchsstrecke umgerechnet 1700 Kilometer weit - das entspricht der Entfernung von Chemnitz nach Madrid. Beim Shell-Eco-Marathon für umweltfreundlich angetriebene Fahrzeuge in Südwestfrankreich belegte der Sax im Mai dieses Jahres den 12. Platz unter 255 Teilnehmern.
Die Zauberformel lautet: je leichter, umso weiter. Deshalb wurde die zierliche Kommilitonin Nicole, Gewicht knapp über den mindestens geforderten 50 Kilogramm, ins Cockpit des 62 Kilo schweren Sax I gesetzt. Als Sicherheitsgurt des Öko-Flitzers, der 50 Stundenkilometer erreicht, wurde ein Fünfpunkte-Modell aus einer handelsüblichen Kinderkarre übernommen. Der neue Sax II soll nochmals fünf Kilogramm leichter sein. Für den Straßenverkehr hat das Fahrzeug keine Zulassung, da es offiziell als "Sportgerät" klassifiziert ist. Für lange Fahrten wird demnächst auch ein MP3-Spieler an Bord installiert, da es "sonst zu öde wird", wie Büschel meint.
Manchmal ist es aber ratsam, aus dem engen Fahrersitz des Brennstoff-Renners schnell herauszukommen. Denn zu den Kinderkrankheiten der neuen Technik gehören auch schon mal Brände an der kastenförmigen Zelle hinter dem Fahrersitz. Vorschriftsgemäß ist deshalb auch rechts vom Piloten ein kleiner Feuerlöscher montiert.
Mit ihrer Entwicklung besuchten Büschel und Co. auch schon die Hannover Messe, die dieses Jahr einen Schwerpunkt Energie präsentierte. Und auch die Umrüstung chinesischer Elektroroller auf Brennstoffzellen für die Firma 3M hat den Chemnitzer Studenten wertvolle Kontakte gebracht.
"Die stellen immer neue Leute ein", sagt Büschel. "Wasserstoff hat eben ein gutes Image."
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Die Kraft von morgen / Solarenergie

Strom aus dem All

Der Freiburger Doktorand Birger Zimmermann entwickelt Solarzellen der nächsten Generation.

Als Partner für seine wissenschaftliche Laufbahn hat sich der jugendliche Doktorand mit dem Wuschelkopf eine ziemlich verlässliche Gefährtin ausgesucht: die Sonne. Geschätzte fünf Milliarden Jahre wird sie noch Tag für Tag Energie im Übermaß auf den Planeten Erde senden.
Birger Zimmermann, 28, entwickelt am Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme neuartige Solarzellen, um die kostenlose Energie aus dem All in Strom zu verwandeln, der Computer, Handys, Kühlschränke, Straßenbahnen, Tischlampen oder Toaster versorgt. "Das ist ein faszinierendes Thema", sagt Birger, "und sicher ist, dass der Energiebedarf weltweit weiter dramatisch steigen wird."
Seine Analyse deckt sich mit den Erkenntnissen der Fachleute. Die Solarenergie wird neben Kernkraft, Kohle, Öl, Gas, Biomasse, Wind oder Wasser eine der zentralen Säulen des Wohlstands und Komforts der Industriestaaten, aber auch der wirtschaftlich schnell wachsenden Schwellenländer sein.
Mit einem freundlichen Lächeln steht Birger auf der international bedeutendsten Messe für Fotovoltaik in Dresden am Stand des Fraunhofer-Instituts. Dort ist der Doktorand schon jetzt ein gefragter Gesprächspartner für asiatische Experten, die mit ihren Digitalkameras diskret alles ablichten, was nach Zukunft aussieht.
Da entpuppt sich die scheinbare Briefmarkensammlung bei näherer Betrachtung als eine Reihe von Photovoltaikzellen, die auf der Basis spezieller Kunststoffe hergestellt werden. Diese stromerzeugenden Polymere könnten einmal die herkömmlichen Zellen aus dem silbrigglitzernden Silizium ersetzen.
Mit dem Boom der Solarenergie in den Industriestaaten wurde dieser Rohstoff plötzlich knapp. Engpässe bei der Herstellung der sogenannten Wafer, Siliziumscheiben, die das Sonnenlicht einfangen und in elektrische Gleichspannung verwandeln, bremsen immer noch das Wachstum der Solarfirmen.
Zimmermanns "organische Solarzellen" könnten hier einen Durchbruch bringen, falls es gelingt, die filigranen Dinger serientauglich zu machen. Noch kostet ein Gramm der Spezialkunststoffe bis zu 300 Euro.
Für Birger ist saubere Energie auch eine Herzenssache. Als Schüler im schleswig-holsteinischen Elmshorn engagierte er sich beim Bund für Vogelschutz. Und auch während des Physikstudiums an der Universität Hamburg ließ ihn das globale Umweltthema nicht los. "Es sieht ja insgesamt nicht so rosig aus, wenn wir uns die Prognosen anschauen."
Auch für ihn ist die Solarenergie "kein Patentrezept" für den Weg aus der Energiekrise. "Aber bei der Atomenergie ist die Frage der Endlagerung des radioaktiven Mülls immer noch ungeklärt", sagt er, "deshalb müssen wir heute an Alternativen arbeiten."
Über seine Diplomarbeit kam er an das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme und entdeckte für sich die Zukunftszellen. "Ich finde das sexy", sagt Zimmermann, dessen Fachbereich an der Universität Freiburg ganz unspektakulär "Mikrosystemtechnik" heißt.
Die Solarenergie hat den Doktoranden, der 2008 abschließen will, schon zu interessanten Kongressen nach Paris oder Berlin geführt. "In Deutschland scheint die Sonne ja nicht so oft", sagt er. Um so herausfordernder ist die Aufgabe, die Ertragskraft und Effizienz der Solarzellen zu steigern.
In seiner Freiburger Wohngemeinschaft lebt Birger dagegen mit herkömmlich erzeugtem Strom. Der regionale Versorger Badenova liefert heute noch zu einem Viertel Energie aus Kernkraftwerken. Richtig zukunftsträchtig ist aber für Zimmermann langfristig nur die Sonne.
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Die Kraft von morgen / Windenergie

Er dreht ein großes Rad

Sven Büschken hat ein Faible für Windkraftanlagen - von klein auf.

Als Jugendlicher wohnte Sven Büschken an der holländischen Grenze, und schon damals war er fasziniert von den riesigen Rotoren im Nachbarland: "Ich dachte nur >boah<" - staunend stand er vor den Windkraftanlagen, die schon mal über hundert Meter in den Himmel ragen. Ein Rotorblatt ist in der Regel gute 45 Meter lang und wiegt an die zehn Tonnen. "Es hat mich immer interessiert, welche Technik dahintersteckt", erzählt Sven.
Er hatte früher nie einen Technikbaukasten oder ein Labor in der Garage, "aber ich wollte immer was mit diesen Windrädern machen", sah sich immer schon auf den Anlagen "rumklettern". Heute weiß der 28-Jährige ziemlich genau Bescheid. Sven studierte Maschinenbau an der Technischen Fachhochschule Berlin.
Der Windkraftfan würde sich nicht an einem Gleis festketten, um einen Atomtransport zu verhindern. Aber dass er sich beruflich im Bereich der erneuerbaren Energien engagiert, erscheint ihm nur logisch: "Es ist zwingend notwendig, umweltfreundliche Alternativen zu Atomkraft und Kohle zu finden und sie konkurrenzfähiger zu machen." Irgendwann werden die Reserven an fossilen Brennstoffen schließlich aufgebraucht sein.
An seiner FH hat sich Sven deshalb nach dem Grundstudium auf erneuerbare Energien spezialisiert. Spätestens seit seinem Praxissemester beim Windenergieanlagenhersteller Nordex in Norderstedt bei Hamburg weiß er, dass es für ihn die richtige Entscheidung war.
In der Entwicklungsabteilung hat er über sechs Monate lang die Ingenieure unterstützt. "Ich war überrascht, wie komplex das System wirklich ist", sagt er. Gerade hat er mit Hilfe des Unternehmens seine Diplomarbeit beendet, in der er einen neuartigen Prüfstand entwickelt hat. Der wird zurzeit in den Rostocker Produktionshallen von Nordex gebaut. Bald können Motoren, Lager, Getriebe und Akkus - alles das, was zu einem sogenannten Rotorblattverstellsystem gehört - gleichzeitig getestet werden. "Es zeigt sich, ob das Zusammenspiel funktioniert, neue Anlagen werden sicherer und zuverlässiger", erklärt der Maschinenbauer. Und es gibt Auftrieb für das Unternehmen, beispielsweise in China oder Kolumbien.
Aus dem staunenden Jungen von einst wurde ein Ingenieur. Statt mit Sicherungsseilen in luftige Höhen zu klettern, verbringt Sven seine Arbeitszeit zwar meist am Computer und beschäftigt sich damit, welche enormen Kräfte die Winde dort oben auf die Blätter ausüben. "Doch endlich kann ich wirklich daran arbeiten, die Windräder zu optimieren." Demnächst könnten die Nordex-Mühlen auch an der holländischen Grenze gebaut werden.
Von STEFANIE HELSPER und SEBASTIAN KNAUER

UniSPIEGEL 5/2006
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