23.10.2006

Fliegende Klassenzimmer

Sprachreisen ins Ausland boomen. Doch unseriöse Anbieter zocken viele Studenten ab. Eine neue EU-Regelung soll nun Abhilfe schaffen.
Seine Mitschüler im Spanischkurs an der Escuela Montalbán Granad hatte sich Marko Bender anders vorgestellt. Die Bilder von fröhlichen Studenten unterschiedlicher Hautfarbe auf der Internet-Seite verhießen internationales Flair. Doch die "verschiedensten Leute aus ganz Europa, Amerika, Taiwan und China", die man dort treffen sollte, begegneten dem 24-jährigen BWL-Studenten aus Ingolstadt nicht: "In dem Sprachkurs saßen fast nur Deutsche, so dass wir nach dem Unterricht und in den Pausen nur Deutsch gesprochen haben", erzählt Marko.
In Istanbul hatte Ina Grimmer mit der Besetzung ihres Türkischkurses mehr Glück: An der Gasthochschule, an der sie neben dem Auslandsstudium einen Sprachkurs belegte, konnte sie die neuerworbenen Kenntnisse zwar gleich ausprobieren, doch gab es andere Probleme: "Ein Einstufungstest fand nicht statt, es gab nur ein kurzes Gespräch mit der Dozentin. Anschließend legte sie uns Texte vor, deren Niveau anfangs viel zu hoch für mich war. Ich musste über hundert Vokabeln nachschlagen, um sie zu verstehen", beklagt sich die 23jährige Kulturwissenschaftlerin.
Derzeit erlebt sie das andere Extrem: Der Französisch-Abendkurs, den Ina in Paris am Institut de Langue Française besucht, ist viel zu leicht für sie. "Offensichtlich werden abends nicht alle Stufen angeboten, weil sie die Kurse nicht voll bekommen haben. Deshalb haben sie mich in den Anfängerkurs gesetzt", erklärt sich die Passauer Studentin ihre Einstufung.
Solche Erfahrungen an Sprachenschulen sind unter den jährlich etwa 160 000 deutschen Sprachreisenden keine Seltenheit. An jedem attraktiven Ort der Welt haben sich Sprachenschulen angesiedelt, doch hinter einigen Angeboten stecken Institutionen, deren Qualität zweifelhaft ist.
Trotzdem urteilen viele Studenten milde über ihre Auslandserfahrungen. Der Spaßfaktor und die Urlaubsstimmung wiegen einiges auf. Außerdem gibt es zum Abschied meist ein gutes Zeugnis, selbst wenn der Lernerfolg bescheiden ausfiel.
Sprachenbegeisterte, die sich von ihrem Kurs allerdings mehr versprechen als einen Urlaub mit angeschlossenem Sprachkurs, stoßen bei der kritischen Auswahl
auf ein Meer von Qualitätssiegeln. Zertifizierungen gibt es von unterschiedlichsten Stellen. EAQUALS, das Instituto Cervantes oder das British Council gehören zu den Bekannteren.
Barbara Engler, Abteilungsleiterin für Sprachreisen der Aktion Bildungsinformation, warnt allerdings vor zu viel Vertrauen in solche Auszeichnungen: "Viele Sprachenschulen werden nur einmal kontrolliert und dann nicht wieder. Die Qualität des Unterrichts kann auch mit Zertifizierung schlecht sein."
Sie empfiehlt, darauf zu achten, ob sich die Sprachenschule nach dem "Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen" richtet und der seit 2006 gültigen "Europäischen Norm für Sprachreisen - DIN EN 14804" entspricht. Mit diesen zwei Projekten, die europaweit die Sprachenschullandschaft vereinheitlichen sollen, will die EU größere Transparenz schaffen. Der geringe Bekanntheitsgrad der beiden Gütesiegel zeugt indes davon, wie schwer sie sich durchsetzen.
Der Europäische Referenzrahmen, 2001 entwickelt, gibt Richtlinien für Lehrpläne vor und will die Sprachkompetenz in einer sechsstufigen Skala messbar machen. Sie sollen das Ende der Zeiten einläuten, in denen Arbeitgeber nicht feststellen konnten, wie gut die Sprachkenntnisse ihrer Bewerber tatsächlich sind - viele verstecken sich hinter beliebigen Begriffen wie "Englisch Aufbaustufe", "Englisch Kompetenzlevel" oder "Englisch für Fortgeschrittene".
Die neuen Bezeichnungen A1, A2, B1, B2, C1 und C2 sorgen für Klarheit. Sie messen das Können vom Anfängerniveau A1 bis zum Dolmetscherniveau C2 in zehn europäischen Sprachen. Doch längst nicht alle Sprachenschulen haben die neuen Kompetenzniveaus übernommen. Die Volkshochschulen und die Cambridge Certificates gehören zu den Vorreitern; Ähnliches gilt auch für die Verbreitung der "Europäischen Norm für Sprachreisen". Die Mindestmaßstäbe, die sie europaweit für Sprachenschulen festlegt, haben sich bisher nur wenige bescheinigen lassen.
Jürgen Armbrecht von der Stiftung Warentest rät, sich an den Merkmalen zu orientieren, die der Fachverband Deutscher Sprachreise-Veranstalter aufgestellt hat. Eine Sprachenschule sollte beispielsweise gegen Insolvenz versichert sein, die im Preis enthaltenen Leistungen genau auflisten und angeben, wie groß der Kurs ist.
Ein eigenes Rezept, schlechte Erfahrungen mit Sprachenschulen zu vermeiden, hat der Heidelberger VWL-Student Jesko von Puttkamer, 24: "Bei der Wahl einer Sprachenschule würde ich immer versuchen, mir eine von anderen Studenten empfehlen zu lassen. Die persönlichen Urteile sind meist die verlässlichsten."
Bisher hatte er damit Glück. Die Boston School of English, an der Jesko vergangenes Jahr einen Kurs belegte, entsprach seinen Vorstellungen: "Die Sprachenschule war sehr international und hatte motivierende Lehrer. Anders als sonst üblich war der Unterricht in 14 verschiedene Schwierigkeitsstufen gegliedert. Innerhalb derer konnten wir jede Woche durch Tests weiter aufsteigen und hatten außerdem die Möglichkeit, den TOEFL-Test zu machen."
Von XENIA VON POLIER

UniSPIEGEL 5/2006
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