23.10.2006

„Bekenntnis zur Originalität“

Milos Vec, 40, Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main, über den „Campus-Knigge“, ein neues Manierenbuch für Akademiker
UniSPIEGEL: Sie haben mit Kollegen von der "Jungen Akademie" in Berlin ein Benimmbuch für Wissenschaftler herausgegeben. Wollen Sie den akademischen Sittenverfall stoppen?
Vec: Wir haben keinen herkömmlichen Knigge verfasst. Uns ging es vielmehr darum, die ungeschriebenen Regeln des Wissenschaftsbetriebs transparenter zu machen, auch für Einsteiger.
UniSPIEGEL: Allerdings verweisen Sie mit dem Titel "Campus-Knigge" auf das große Vorbild des Adolph Freiherrn von Knigge.
Vec: Ja, aber nicht im Sinne einer platten Unterweisung. Freiherr von Knigge war ja vor allem ein Sozialphilosoph mit einer wunderbaren Beobachtungsgabe, viel Witz und einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik. Wer die ungeschriebenen Regeln kennt, muss sie ja nicht unbedingt akzeptieren im Sinne eines puren Karrierismus. Regeln funktionieren auch anders herum. Wenn jemand zum Beispiel vorhaben sollte, einen Skandal zu provozieren, dann muss er doch erst einmal die Etikette kennen, die er demonstrativ missachten möchte.
UniSPIEGEL: Erinnern Sie sich an eigene Fehltritte auf dem akademischen Parkett?
Vec: Ich war einmal bei einem Akademiepräsidenten zu Besuch und schaute mir beiläufig in seiner Bibliothek an, was er so für Titel im Regal hat. Plötzlich stand seine Frau neben mir und sagte: "Man schaut anderen Leuten nicht ins Bücherregal!" Das klang zwar scherzhaft, war aber doch eine Maßregelung.
UniSPIEGEL: Welche Benimmregel würden Sie einem Erstsemester besonders ans Herz legen?
Vec: Vielen Studenten ist gar nicht bewusst, wie sehr sie auch in Massenvorlesungen auffallen - im positiven wie im negativen Sinne. Das kann sich auch auf die Ergebnisse von Referaten oder Prüfungen auswirken. Ein Professor merkt manchmal sehr genau, wer ständig früher geht oder wer den Mut hat, vor 600 Leuten eine kluge Frage zu stellen.
UniSPIEGEL: Einige Beiträge im "Campus-Knigge" erinnern vom Sound her fast an polemische Sammlungen wie das "Devil's Dictionary" von Ambrose Bierce. Fußnoten zum Beispiel werden als Tummelplatz von "Zitierkartellen" beschrieben, der "Scheinerwerb" als Schein-Wissen tituliert, die Verehrung früherer Mentoren als "akademische Nekrophilie".
Vec: Vielleicht hat derlei derbe Kritik etwas damit zu tun, dass eigentlich alle Mitwirkenden ein außerordentlich positives Bild vom Universitätsbetrieb haben. Unsere Kritik an Missständen und Phantasielosigkeit ist ein Bekenntnis zur Freiheit und Originalität, die eigentlich zu guter Wissenschaft gehört.
UniSPIEGEL: Die Autoren des Buches sparen nicht an Lob für Orchideenfächer wie die Altphilologie, Formen wie den Essay oder Veranstaltungen wie das Sezieren von Tieren in traditionellen "Schnippelkursen". Das klingt fast so, als wollten Sie mit derlei konservativen Forderungen Politik machen.
Vec: Nein, wenn es eine Botschaft gibt, dann die, dass man weder alten Traditionen noch neuen Moden blind folgen sollte. Einer unserer Einträge lobt zum Beispiel den aussterbenden Typus des "Einzelschreibtischforschers", der allein und über Jahre hinweg eine spannende neue Idee verfolgt. Damit wollen wir auch vor einer Überhitzung des Systems warnen. Die kurzatmige Jagd nach Drittmitteln, Netzwerken, Publikationen und Exzellenzclustern wird manchmal zum Selbstzweck. Innovation und Dynamik kann auch von der wichtigsten wissenschaftlichen Tätigkeit ablenken: dem ruhigen Nachdenken.
UniSPIEGEL: Sollten Wissenschaftler nicht nach der hehren Wahrheit trachten, statt sich in gestelzte Rituale einzuüben?
Vec: Verhaltensnormen erfüllen ja trotz ihrer Schwächen eine wichtige Funktion. Die Wissenschaftswelt ist derartig unüberschaubar geworden, dass zum Beispiel eine Berufungskommission nicht alles lesen kann, was ein Kollege publiziert hat. In diesem Fall spielt dann auch das Hörensagen eine Rolle. In zivilisierten Verhältnissen stützt sich die Reputation auf den verdienten Anschein. Und damit auch auf Manieren.
Milos Vec et al.: "Der Campus-Knigge - Von Abschreiben bis Zweitgutachten". München, Verlag C.H.Beck; 240 Seiten; 16,90 Euro .
Von HILMAR SCHMUNDT

UniSPIEGEL 5/2006
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