20.04.2009

Der Wortführer

Philosophie-Absolvent Sebastian Rabsahl ist der neue Star des Poetry Slam. Markenzeichen: Mütze, hochgezogene Augenbraue - und ein wacher Geist.
Ist es Segen oder Fluch, ein junger, besonders sprachbegabter Künstler zu sein? Ein Segen natürlich - insbesondere wenn man wie Sebastian Rabsahl durch das abendliche Lübeck schlendert und plötzlich aus der Dunkelheit eine hübsche 18-Jährige auftaucht, die um ein Autogramm bittet.
Oder doch eher Fluch? Wenn etwa die Schöne davon berichtet, wie sie mit ihrer Freundin die Werke des besonders bei Pennälern beliebten Gossen-Poeten Charles Bukowski verschlingt, kann das die Körperhaltung des ansonsten entspannten Entertainers durchaus versteifen. "Ja, ja, Bukowski ist natürlich immer eine lohnende Lektüre", lobt Rabsahl etwas altväterlich.
Seine Heimat ist der Poetry Slam - das Sammelbecken all jener mehr oder weniger begabten Dampfplauderer, die vor Publikum um die Wette reimen, schreien, witzeln, schlaumeiern. Rabsahl gelang dies mit so viel Könnerschaft, dass er in dieser Disziplin den Titel eines Vizeweltmeisters errungen hat. Weil er so gut ist, stieg er rasch zum Star der Szene auf. Und weil es auch andernorts Bedarf an unverbrauchten Gesichtern gibt, die eine Wortkaskade gekonnt vortragen können, sucht Rabsahl das Publikum jetzt immer häufiger allein auf, ohne seine Kumpel vom Poetry Slam.
Unter dem Pseudonym "Sebastian 23" bereist Rabsahl mit seiner Dauertournee gerade Deutschland, und vielleicht hat der Alleinunterhalter derzeit nur ein Problem: Ist er vielleicht zu schlau für sein Publikum?
Wer sich lieber von Komödianten des Kalibers Mario Barth amüsieren lässt, wird Sebastian Rabsahl ignorieren oder, schlimmer, hassen: dafür, dass er einem das Gefühl geben kann, irgendwie unterbelichtet zu sein. Der Rest wird die schrägen Texte schätzen, etwa wenn Sebastian 23 (er ist gerade 30 geworden) vorgibt, "60 zu sein, und mir dabei vorstelle, 16 zu sein: Wenn es noch einmal so weit wäre, hätte ich meinen ersten Zungenkuss mit einer Steckdose".
Oben auf der Bühne geschieht rein äußerlich wenig mehr als bei einer Million Kleinkünstlern zuvor: Rabsahl trägt ein paar Texte vor und greift etwa jede Viertelstunde zur Gitarre. Sein Gesicht, in dem Spottlust ankündigend stets eine Braue hochgezogen ist und jeder Ansatz von Bartwuchs fehlt, könnte in der Tat einem 16-Jährigen gehören. Dazu sitzt immerzu diese Mütze auf seinem Kopf, die wohl vor allem als Erkennungszeichen gedacht ist, vordergründig aber einen pragmatisch-unoriginellen Kurzhaarschnitt verbergen soll ("Ich habe keine Zeit für eine Frisur").
Der Künstler weiß natürlich, dass bei einem wie ihm all diese Äußerlichkeiten überhaupt nichts bedeuten, und kokettiert fleißig mit jenem Körperteil, der verborgen hinter der Stirn und in seinem Fall allemal frisch durchblutet seinen Dienst tut. "Ein Kopf verpflichtet uns zu nichts", behauptet Sebastian 23 zwar auf dem Titel seiner Textsammlung und führt auf dem Cover ein Gehirn an einem Faden wie einen Luftballon spazieren. Doch Rabsahl ist ein Musterbeispiel dafür, welche Entwicklungsmöglichkeiten sich bieten, wenn einen die Frauen auf dem Schulhof weitgehend mit Missachtung strafen.
So einer kann später zum Wortführer werden. Rabsahl entschied sich allerdings gegen eine Karriere als Diktator und für die Verbreitung froher Botschaften. "Geh!", ruft er in die Menge, "lauf los! Ruf doch mal bei der Deutschen Bahn an und sag, dass du heute zu spät kommst! Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf!" Oder: "Geh! Lauf los! Bell den nervigen Hund vom Nachbarn an, und wenn das nicht hilft, dann beiß ihn und piss deinem Nachbarn ans Bein!"
Schon erkennen ihn auch Menschen Ende 40 auf der Straße, und zart zeichnet sich für Rabsahl der Prominentenstatus am Horizont ab. Selbstverständlich spottet der aufrechte Ritter der Subkultur über die Insignien der Berühmtheit. Geld und Groupies? Lächerlich!
Allzu viel Rummel um die Kunstfigur Sebastian 23 ruft bei seinem Schöpfer noch Unwillen hervor. "Jetzt hört's aber auf", dachte er sich etwa kürzlich in Marburg, als ihm in der Fußgängerzone der Kleinstadt ein Mann im Elchkostüm begegnete, der Werbezettel für seinen abendlichen Auftritt verteilte. Allerdings kann er durchaus darüber in Rage geraten, dass die Kollegen vom Fernsehen mit eher dürftigen Darbietungen vergleichsweise viel Geld verdienen.
Rabsahl wohnt derweil weiterhin in der Bochumer Wohnung aus jener Zeit, als er noch an der Ruhr-Universität Philosophie studierte. Das Bodenständige, das mit dem Ruhrgebiet gern in Verbindung gebracht wird, liegt bei ihm ohnehin in der Familie. Er wurde in Duisburg geboren, sein Vater ist Bergmann, seine Mutter Arzthelferin. Der Sohn zieht denn auch nicht in die Welt hinaus, um dichtend gegen seine Eltern zu protestieren. Im Gegenteil: Vater und Mutter organisieren ihm sogar Auftritte.
Als eine Karriere als Entertainer noch nicht in Sicht war, kennzeichnete vor allem Langmut das Verhältnis der Eltern zu ihrem Sohn. Dessen Studium der Philosophie nahmen sie hin, ohne den monatlichen Wechsel zu streichen. Sonderbares waren sie von dem Knaben ohnehin schon gewohnt: In der dritten Klasse fiel Sebastian Rabsahl dadurch auf, dass er statt der geforderten Beschreibung einer Bildergeschichte auf einer Seite deren acht über das menschliche Elend in der modernen Gesellschaft vollschrieb. Die Geburtsstunde eines Wunderkinds? Nicht ganz. Ein Mozart des Wortes ward den Eltern Rabsahl wohl nicht geboren. Die Explosion des Talents blieb zunächst aus.
Als junger Mann orientierte sich Sebastian Rabsahl an großen Vorbildern - er nennt den amerikanischen Extremjournalisten Hunter S. Thompson und den italienischen Intellektuellen Umberto Eco. Er selbst setzte freilich mehrere Anläufe für einen zumindest brauchbaren Roman in den Sand und landete schließlich als Praktikant bei der "Badischen Zeitung" in Freiburg. Die Redakteure des Lokalblatts ließen ihn immerhin die verblassende Komikerlegende Jerry Lewis porträtieren.
Erst allmählich schält sich sein wahres Talent heraus - und, was nicht so gut geht. Als allzeit kontrollierter Verstandesmensch eignet er sich weniger fürs Ausloten von Seelenabgründen. Doch Rabsahl kann mit Sprache allerhand anstellen und beherrscht die kurze Form.
Er ist ironisch, aber nicht so bösartig wie manche Rabauken der MTV-Generation. Er hat gelegentlich einen Hang zu Poesie und Nachdenklichkeit, aber bitte, immerhin nervt er nicht mit depressivem Gefasel. Und Sebastian 23 dichtet mitunter Verse, als wäre er Absolvent der noch zu gründenden Heinz-Erhardt-Akademie: "Im tiefen, klaren Ozean / schwimmt ein gestörter Pavian / Er leugnet dreist sein Affentum / und sucht nun bei den Fischen Ruhm!"
Hinzu kommt - ob als bloße Attitüde oder tatsächlicher Gemütszustand, bleibt einstweilen unergründet - das stets leicht Aufgekratzte, Hypermotorische aller Kreativen: "Wenn ich Kaffee trinke", rattert Rabsahl auf der Bühne los, "tanze ich Samba zum Rhythmus eines Ford-V-8-Motors bei 8000 Umdrehungen in der Minute, während eine Handvoll gaskranker Mafiosi mich mit Maschinengewehren beschießt - und langweile mich dabei."
Dass Rabsahl "nicht nur witzig sein" will, ist sicher kein Drama, aber doch zumindest eine leichte Betrübnis. Denn als geistreicher Spaßmacher ist er stark. Das Publikum hat er auch dann sicher im Griff, wenn er vom Skript abweichen muss. Zwischenrufe pariert er souverän.
Fragt sich nur, wie lange sein Künstlername noch zu halten ist. Das Pseudonym stammt aus der Zeit, als Rabsahl feststellen musste, dass er nicht der erste Sebastian in der Welt des Poetry Slam ist. Um unterscheidbar zu sein, setzte er wie bei Ebay die Ziffer hinter seinen Vornamen. Eine allemal bescheidene Geste, diesen Namen weiterhin zu benutzen, denn: Einer von vielen ist Sebastian 23 längst nicht mehr.
Von FRANK THADEUSZ

UniSPIEGEL 2/2009
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