14.12.2009

Leichtsinn des Seins

Ein junger Sozialpädagoge fängt sich HIV ein. Man kann damit leben. Aber: wie gut?
Vielleicht ist es in der Sauna passiert. Einer Schwulensauna, da geht es leicht: Flirt beim Schwitzen, und dann geht's ab ins Séparée, oft bevor man den Namen des anderen kennt. Alles eine Sache von Minuten. So genau kann Lars* also nicht sagen, von wem er es hat. "Klar habe ich mich meistens geschützt", sagt er. Aber eben nicht immer. Ohne Safer Sex kannst du dir was einfangen, das ist die Hypothek, die auf der Zwanglosigkeit liegt.
Und bei Lars ist es so gekommen.
Wenn er in einer Berliner Fachhochschule im Seminar sitzt, ist er ein Student unter vielen im sechsten Semester Sozialpädagogik. 25 Jahre alt, schmalbrüstig, Glatze, ein sorgfältig getrimmter Vollbart. Dazu Adidas-Shirt und enge Jeans. Heute steht Sozialrecht auf dem Lehrplan, 34 Leute sitzen im Raum. Von Zeit zu Zeit meldet sich Lars, sagt etwas, diskutiert. Er ist ein fleißiger Student mit guten Noten, und keiner hier ahnt, dass er HIV-positiv ist. Nur ein paar Kommilitonen aus seiner Lerngruppe wissen es.
Lars ist behütet aufgewachsen, in einem Kaff in Baden-Württemberg. Der Vater ist Klempnermeister, die Familie lebt auf dem Land. Sie haben viele Tiere: Hunde, Katzen, Pferde und Schildkröten. Mit den anderen Dorfkindern spielt Lars oft auf den Feldern und im Wald. Da ist das Leben noch sorglos und alle Bedrohung weit, weit weg.
Lars sitzt von Kindesbeinen an auf dem Pferderücken. Später wird er Dressurreiter. Er lässt sein Pferd durch die Manege trippeln und andere Kunststücke vorführen. Es ist ein bisschen wie Fahrradfahren lernen: Irgendwann fährt man freihändig. Lars trainiert jeden Tag drei Stunden und ist erfolgreich, gewinnt Turniere. "Mein Vater war so stolz, er hat mich immer zu den Wettkämpfen begleitet", erzählt Lars. Mit 16 hört er auf mit dem Sport. Er will ausgehen, trinken, rumknutschen - was Jugendliche eben so machen.
Da weiß er schon lange, dass er schwul ist. Mit 15 hat er es seiner älteren Schwester erzählt, ein Jahr später der Mutter und schließlich dem Vater. Vor dessen Reaktion hat er sich am meisten gefürchtet. Er sagt zu ihm ganz beiläufig etwas von seinem "Ex-Freund", und der Vater versteht sofort. Nimmt es locker auf, fragt ihn voller Neugier danach, wie das eigentlich genau funktioniert, wenn Männer sich lieben, so ganz praktisch. HIV kommt in dem Gespräch nicht vor.
Im Dorf outet sich Lars zunächst nicht, aber so etwas macht schnell die Runde, spätestens als er mit dem Studium beginnt. Sollen sie doch denken, was sie wollen.
Lars lebt seine Sexualität, findet sein Leben aufregend, niemand, der ihm wichtig ist, schränkt ihn ein. 2003 macht er den ersten HIV-Test. Das Ergebnis: negativ. Er ist erleichtert. 2005 dann der nächste Check. Nach einer Woche kommt er ins Gesundheitsamt und wartet auf sein Ergebnis. Diesmal hat er Angst, so richtig. Er war in letzter Zeit öfter krank, bekam Herpes, hatte einen rötlichen Hautausschlag. "Ich hab irgendwie schon gespürt, dass ich es habe." Er wird hereingerufen. Die Ärztin schaut ihn an, sehr direkt, sie nimmt eine Akte hoch und bittet ihn dann, mitzukommen. Da weiß er es. Denn beim letzten Mal schaute der Arzt nur auf eine Liste, suchte seine Nummer und sagte: alles okay.
Diesmal ist nicht alles okay. Die Ärztin nimmt ihn mit zu einer Sozialarbeiterin. Die soll ihn beruhigen und über die guten Behandlungsmöglichkeiten von HIV aufklären. So soll verhindert werden, dass sich Menschen etwas antun, die von ihrer Infektion erfahren.
Lars bleibt cool. Am nächsten Morgen erzählt er es seinem besten Kumpel Ingo, der ihn in den Arm nimmt und fast mehr weint als Lars selbst. Ansonsten behält Lars es für sich, fürchtet Mitleid, das mit Ekel beträufelt ist. Dass manche Leute sich umbringen wollen, wenn sie von ihrer HIV-Infektion erfahren, versteht Lars nicht: "Ich lasse mir mein Leben davon doch nicht vermiesen." Schließlich sei das HI-Virus doch heute nur noch eine chronische Krankheit - wie Diabetes. Was er nicht sagt: Auch dieser Tage sterben viele Menschen weltweit an den Folgen ihrer Infektion.
Lars' Wohnung in Berlin. Draußen rauscht die Großstadt, bläst ein schneidend kalter Wind, hier im Hinterhaus ist es ruhig. Auf die Wand hat er in braunen Lettern einen Ausspruch Oscar Wildes gepinselt: "Erfahrung! Diesen Namen geben Menschen ihren Fehlern". Ein schicker Laptop steht aufge-klappt auf dem Tisch, seine beiden Frettchen "Sky" und "Mia" flitzen durchs Zimmer.
Michael ist da, Lars' Freund. Auch Michael, 38, ist positiv, auch er hat eine Glatze und trägt einen Vollbart. Aber er überragt Lars um ein gutes Stück und hat ein Lausbubengesicht. "In unserem Umfeld ist fast jeder betroffen", sagt er. Bis vor kurzem hat er in einer Schwulensauna gearbeitet. Vor fast einem Jahr haben Lars und er sich dort kennengelernt. An ihrem Jahrestag werden sie essen gehen zu ihrem Lieblingsitaliener und sich Blumen schenken. Es ist die große Liebe, sagen sie, sie wollen für immer zusammenbleiben und sich treu sein - der große Traum in der volatilen Schwulenwelt.
Wenn Michael über Lars spricht, bekommt seine Stimme eine wärmere Klangfarbe: Lars sei korrekt, zuverlässig, ehrlich, sagt er. "Ich selber habe beim Sex nie aufgepasst, war immer ein leidenschaftlicher Barebacker", bekennt Michael. Barebacking heißt im Schwulenjargon: ungeschützten Sex haben.
Michael sagt, er bereue nichts. Aber er geht anders mit seiner Infektion um als Lars. Wenn nicht verzweifelt, so doch nachdenklich. Er sei jetzt öfter krank, sagt er, schlafe nicht mehr nackt wie früher, trage im Winter immer Schal und Mütze, vermeide Zugluft in der Wohnung. Das Virus hält ihn im Griff wie ein Ringer seinen Gegner. "Einen Bausparvertrag würde ich nicht mehr abschließen", sagt er. Zwei Freunde von ihm sind an Aids gestorben.
Seiner Mutter hat es Lars vor zwei Jahren erzählt, sie sagte: "Wärst du früher gekommen. Mir kannst du doch alles erzählen." Schwester und Vater wissen es nicht, zu Weihnachten, wenn er heimkommt, oder am Telefon will er es ihnen nicht sagen, es fehlt an Gelegenheiten, auch an Mut.
Aber langsam schleicht das Unaussprechliche aus ihm heraus. Er will es alle Kommilitonen, Assistenten und Dozenten an der FH wissen lassen. Am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag, hält er ein Referat über die Betreuung von HIV-Positiven. Er sagt, dass er selbst betroffen ist. Er will Tabus brechen und Vorurteile abbauen. "Ich habe sonst das Gefühl, dass ich denen was vorlüge." Lars will sich keinen Panzer aus Spott und Zynismus zulegen. Es musste raus, und es hat ihm gutgetan.
Vor seinem Studium hat Lars ein halbes Jahr Praktikum in Thailand gemacht. In einer Nichtregierungsorganisation arbeitete er dort mit Straßenkindern und Behinderten. Dabei wurde ihm klar, dass er Sozialpädagoge werden möchte und nicht Arzt; das war vorher der Plan. "Geld war mir nie so wichtig", sagt er. Das Tribal, das seinen Oberarm ziert, hat sich Lars in Thailand stechen lassen. Nächstes Jahr will er wieder für einen Monat hinfahren. Mit den Medikamenten fühlt er sich auch auf Reisen weitgehend sicher vor Angriffen auf sein Immunsystem.
Die medizinische Behandlung von HIV ist mittlerweile ziemlich ausgereift. Bei den meisten Patienten kann der Ausbruch von Aids über Jahrzehnte verhindert werden. Lars nimmt zwei Arzneien. Nebenwirkungen spürt er bislang nicht.
"Mit HIV kann man heute locker mehr als 40 Jahre überleben", sagt Axel Baumgarten, Lars' Arzt in Berlin. Die Zeiten sind vorbei, in denen HIV für den sicheren Tod stand, für grässliche Sarkome auf der Haut und qualvolles Krepieren. "Ich werde vielleicht nicht so alt wie ein Negativer, aber das stört mich nicht. Ich genieße mein Leben", sagt Lars. Kinder wollte er ohnehin nie haben.
Wer über HIV schreibt, der schreibt immer auch über Schwule. Zumindest in Deutschland. Von den rund 3000 Neuinfektionen pro Jahr fallen über die Hälfte auf homosexuelle Männer. Weiterhin breitet sich die Krankheit in der Szene aus. Ein fataler Widersinn: Die guten Behandlungsmöglichkeiten lösen den gefährlichen Leichtsinn aus.
Lars hat seinen Studienplatz 2007 über einen Härtefallantrag bekommen, bei dem seine HIV-Infektion den Ausschlag gab. Mit seinem Abi-Schnitt hätte er sonst mehr Wartesemester gebraucht. Es klingt zynisch, aber manchmal ist die Krankheit auch für etwas gut.
Es gibt Erleichterungen für chronisch Kranke an den Hochschulen: Sie bekommen bei der Stundenplanverlosung ihre Wunschseminare, dürfen sich mehr Fehlzeiten erlauben und bekommen mehr Zeit bei Klausuren, um mögliche Konzentrationsmängel auszugleichen.
Lars macht gern Zukunftspläne. Er will Sozialarbeiter werden, für HIV-Positive arbeiten. Er hat bei dem Berliner Sozialträger "Zuhause im Kiez" ein Praktikum gemacht; da kümmern sich die Mitarbeiter um die Belange von Positiven. Seither schiebt Lars in einem betreuten Wohnprojekt Nachtdienste und hält Bereitschaft. Sein Chef Robert Kliem lobt ihn: "Der ist ein Guter, so wie der auf die Leute eingeht." Lars will nach dem Studium in einer vergleichbaren Einrichtung arbeiten, später dann noch einen Masterstudiengang nachschieben. Eine Karriere mit HIV, warum denn eigentlich nicht? Es geht nicht um Heilung, es geht um Hoffnung.
Samstagabend im Berliner Szeneclub Berghain. Viele Jungs mit Glatze und getrimmtem Vollbart. Es gibt einen Darkroom und viel Platz zum Lustwandeln. Lautsprecher pumpen Bässe in den alten Industriebau, Rauchkegel ziehen gen Decke und formen sich zu Säulen. Die Tanzenden ziehen ihre Arme und Beine durch die Luft, als schwämmen sie durch die Spree. Lars und Michael tanzen.
Michael will jetzt eine Umschulung zum Bestatter machen. Und Lars hat kürzlich einen Bausparvertrag abgeschlossen.
CHRISTOPH WÖHRLE
* Name von der Redaktion geändert.
DAWNIN MECKEL / OSTKREUZ
Von CHRISTOPH WÖHRLE

UniSPIEGEL 6/2009
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