12.04.2010

„Du musst dich plagen“

Der Sprachkritiker und Journalisten-Ausbilder Wolf Schneider, 84, attackiert geschwätzige Blogger, lästert über Professoren und denunziert die Germanistik als überflüssiges Fach.
UniSPIEGEL: Wir nennen Ihnen jetzt einige Beinamen, die ehemalige Journalistenschüler Ihnen verpasst haben, und Sie sagen uns, ob Sie sich darin wiederfinden. Wie wär's mit: "Qualitätsfundamentalist"?
Schneider: In der Sache richtig. Einen höheren Maßstab für die Berufsausbildung als Qualität kenne ich nicht.
UniSPIEGEL: "Scharfrichter des Wortes"?
Schneider: Damit kann ich leben.
UniSPIEGEL: "Monster der Sprachkultur"?
Schneider: "Monster" ist nicht nett, aber meinetwegen.
UniSPIEGEL: Sie arbeiten seit mehr als 60 Jahren als Journalist, haben Hunderte Journalisten - darunter uns beide - ausgebildet. Das jüngste Ihrer Bücher über Sprachkritik trägt den Titel "Deutsch für junge Profis". Wollen Sie jetzt der Generation Internet beibringen, wie man flott formulierte Doktorarbeiten schreibt?
Schneider: Davon kann nicht die Rede sein. Professoren verlangen ein elitäres und verschrobenes Deutsch. Daher empfehle ich Studenten: Macht es genau so, wie euer Professor es haben will, behaltet bitte alle sprachlichen Marotten bei, die euer Fach verlangt. Wenn ihr aber mehr als nur einen einzigen Leser haben wollt, dann folgt meinen Ratschlägen.
UniSPIEGEL: Welchen denn?
Schneider: Wenn du gelesen werden willst, dann musst du dich plagen. Sonst teilt dein Text das Schicksal des allermeisten Geschriebenen: nicht gelesen zu werden.
UniSPIEGEL: Gelesen werden wollen Professoren und Studenten auch.
Schneider: Ich verachte ja nicht die Menschen, die das akademische Geschäft betreiben. Ich finde es aber bedenklich, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse grundsätzlich nur in einem Deutsch mitgeteilt werden, das ein normaler Mensch nicht verstehen kann und möglicherweise auch nicht verstehen soll.
UniSPIEGEL: Sie sind Studienabbrecher - deswegen?
Schneider: Ich habe in den Nachkriegsjahren in die Universität hineingehört und dann gemerkt, dass es mir an Zeit und Lust fehlt, ein Studium zu absolvieren. Zu meiner Schulzeit wollte ich einmal Philosophieprofessor werden, dann kam der Zweite Weltkrieg dazwischen. Er schuf Abstand zur Philosophie. Ich bin dann lieber Universalspezialist geworden.
UniSPIEGEL: Kommen Sie, sagen Sie etwas Nettes - irgendetwas muss doch gut gewesen sein an der Universität.
Schneider: Nein, gar nichts. Germanistik zu studieren halte ich für besonders töricht. Thomas Mann lässt sich auch abends zu Hause lesen, ebenso, was andere über ihn geschrieben haben. Es ist völlig verrückt, dafür noch an der Universität Jahre seines Lebens zu verplempern. Germanistik gehört zusammen mit Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften zu den Fächern, von denen ich dringend abrate - denen, die Journalisten werden wollen.
UniSPIEGEL: Was haben Sie gegen diese Fächer?
Schneider: Wenn man einem Geologen seine Sprache wegnehmen würde - "das mesozoische Verrucano hat die geosynklinale Phase eingeleitet" -, dann blieben ihm immerhin die Steine. Aber was bleibt dem Soziologen? Nichts. Er lebt von seinem Sprachgebilde und vom Getümmel in demselben. Ich säge an den Wurzeln seiner Existenz, wenn ich ihn auffordere, klares Deutsch zu sprechen. Er ist beleidigt, wenn er von Hinz und Kunz verstanden werden kann.
UniSPIEGEL: Sie haben gerade Tausende Sozial- und Geisteswissenschaftler abgeschreckt, potentielle Leser Ihres Buchs. Wie wollen Sie die übrigen jungen Leute für sich gewinnen?
Schneider: Ich halte mich insofern für modern, als ich im Lauf meines Lebens immer ungeduldiger geworden bin mit zu lesenden Texten. Da fühle ich mich den heute 17-Jährigen verwandt. Ich bejahe die fröhliche Ungeduld. Außerdem habe ich durch meine Seminare nie den Draht zur jüngeren Generation verloren. Eine Folge davon ist, dass ich nun regelmäßig im Videoblog auf der Web-Seite der "Süddeutschen Zeitung" zu sehen bin, das war eine Idee von einigen Journalistenschülern.
UniSPIEGEL: Was halten Sie von Blogs?
Schneider: Da muss man unterscheiden. Viele Blogger wollen offenbar nicht gelesen werden. Sie schreiben aus einem narzisstischen Antrieb heraus, sind fasziniert davon, dass sie sich einfach nur einstöpseln müssen, ihrem Mitteilungsdrang ungebremst nachgeben dürfen und damit auf einem Weltmarkt vertreten sind, den man früher mit einem Brief nie hätte erreichen können. Leider endet das meist in unendlicher Geschwätzigkeit.
UniSPIEGEL: Dann müsste Ihnen Twitter zusagen.
Schneider: Twitter gefällt mir nur insofern, als die Beschränkung auf 140 Zeichen die Menge des Geschwätzes mindert. Der Inhalt wird deshalb nicht besser. Es wird ja häufig getwittert, dass man gerade eine Tasse Kaffee trinkt, der leider nicht so gut war wie der Kaffee gestern. Wer glaubt, dass das irgendeinen Menschen auf der Welt interessieren könnte, der nimmt sich bloß wichtig.
UniSPIEGEL: Sie haben bestimmt eine Idee, wie man besser bloggt und twittert.
Schneider: Natürlich. Erstens: Denk nach, bevor du zu schreiben beginnst. Zweitens: Sei nicht beeindruckt, dass du einen Satz geschrieben hast. Jetzt beginnt erst die Arbeit. Wer schnell zufrieden ist, reiht sich ein in die Schar all jener, die niemals gelesen werden.
UniSPIEGEL: Wie sieht diese Arbeit aus?
Schneider: Aus meiner Schreibwerkstatt kommt kein Text, an dem ich nicht ausgiebig gefeilt habe. Ich schreibe zunächst sehr schnell, dann bastele ich, mit fünf, sechs Kontrollgängen, darunter mit lautem Lesen. Wichtige Texte schreibe ich vollständig ab. Damit mache ich mir die Faulheit zum Verbündeten, so werden die Texte beim Abschreiben kürzer und straffer. Isaak Babel, der Meister der Kurzgeschichte, hat einen seiner Texte nachgewiesenermaßen 22-mal abgeschrieben. Rousseau hat zwar Blödsinn verzapft, aber dafür in herrlichem Französisch - weil er seine vermeintlich fertigen Bücher noch einmal vollständig abgeschrieben hat. Es gibt keinen Text, der beim Abschreiben schlechter wird.
UniSPIEGEL: Dafür dürften weder der Student noch der Blogger Zeit haben.
Schneider: Wer gelesen werden will, sollte sich die Zeit nehmen. Der Rest kann ja allein vor sich hinbloggen, wenn es ihm Spaß macht.
UniSPIEGEL: Sie sind ein Vielschreiber. Wie brav befolgen Sie Ihre Regeln?
Schneider: Natürlich bin ich äußerst streng mit mir. Ich frage mich: Muss dieses Adjektiv sein? Muss dieses Füllwort sein. Nein? Dann streiche ich es. Passt die Dramaturgie, folgt ein Gedanke richtig auf den nächsten? Wenn ich die erste Hälfte eines Verbs geschrieben habe, gehen die Alarmglocken an, dann weiß ich, dass nach sechs Wörtern die zweite Hälfte folgen muss, sonst wird der ganze Satz unverständlich. Wer 20 oder 30 Wörter in fünf Nebensätzen dazwischenklemmt, hat seine Leser geohrfeigt. Das ist ein Ausdruck des Hochmuts! Beim Schreiben beschränke ich mich grundsätzlich auf diese sechs Wörter zwischen beiden Teilen eines Tätigkeitsworts.
UniSPIEGEL: Wir erinnern uns an Ihr Credo der Verständlichkeit. Aber zum Schreiben guter Texte gehört doch mehr!
Schneider: Ich habe nie etwas anderes behauptet; daran erinnern Sie sich sicher auch. Die Regeln der Verständlichkeit sind wichtig, gipfeln aber hoffentlich in der Gebrauchsanweisung für einen Feuerlöscher. Die ist, wenn es nicht brennt, nicht interessant genug. Deshalb müssen bei journalistischen und literarischen Texten Elemente der Attraktivität, der Lebendigkeit hinzukommen.
UniSPIEGEL: Moment, unsere Journalistenschulzeit ist ein Weilchen her. Helfen Sie uns mit einem Beispiel.
Schneider: Beim Wort "Zimt" wird dieselbe Gehirnregion aktiviert wie beim Geruch von Zimt. Das ist eine phänomenale Erkenntnis der Hirnforschung - und eine Hinrichtung des Wortes "Gewürze". Also, Freunde, lasst doch die abstrakten Begriffe! Schreibt einfach "Zimt", wenn es genau danach riecht, schreibt "Bauernkate" und nicht "Gebäude", schreibt "Eichentisch" und nicht "Möbel". Das Konkrete ist immer besser.
UniSPIEGEL: In der Berufswelt setzt sich mehr und mehr das Englische durch. Sollten Nachwuchsakademiker nicht lieber ihr Englisch aufpolieren, anstatt ihr Deutsch zu perfektionieren?
Schneider: Ich kann auch in einer perfekt beherrschten Fremdsprache immer nur einen Teil dessen erreichen, was mir in meiner Muttersprache gelingt. Auf lausiges Deutsch kann also immer nur desto lausigeres Englisch folgen. Die einflussreichsten deutschen Denker, Karl Marx, Sigmund Freud, Friedrich Nietzsche, haben selbstverständlich auf Deutsch geschrieben - und wurden dann in alle Welt übersetzt.
UniSPIEGEL: Wir wollen Sie mit dem von Ihnen sehr geschätzten Heinrich Heine beeindrucken: Der Stein entrollt dem Sisyphus / Der Danaiden Tonne / Wird nie gefüllt, / und den Erdenball / Beleuchtet vergeblich die Sonne!
Fühlen Sie sich manchmal wie Sisyphus?
Schneider: Da ziehe ich mich zurück auf die Behauptung, das Mögliche zu tun: eine Spur breiter als null durchs Leben zu ziehen. Dass ich keine durchschlagende Wirkung habe, ist doch offensichtlich.
UniSPIEGEL: So bescheiden?
Schneider: Ich habe 330 Journalisten wochenlang ausgebildet, weitere 1000 auf den verschiedenen Journalistenschulen zwischen zwei und vier Tage lang. Daraus folgt nun keine Revolution der deutschen Sprache. Ich tue das Mögliche.
UniSPIEGEL: Wer ihn hasst, hasst ihn auf Knien, hat einmal eine Journalistenschülerin über Sie gesagt. Hatten Sie auch so einen Lehrer?
Schneider: Ja, auf dem Gymnasium. Deutsch und Englisch. Der war ein richtiger Pauker! Er trug mit großem Schauspieltalent englische Balladen vor, hat uns aber auch gnadenlos getriezt, Vokabeln auswendig zu lernen und die Aussprache zu üben. Mit Erfolg: Mein Englisch ermöglichte mir, mich nach dem Krieg als Dolmetscher bei der US-Armee zu bewerben, und von dort schlitterte ich in den Journalismus.
UniSPIEGEL: Was macht einen guten Lehrer aus?
Schneider: Es gibt in der französischen Pädagogik einen Satz, an dem sicher et-was dran ist: Es ist egal, was die Kinder lernen, Hauptsache, sie hassen es. Das ist das Gegenteil von Spaßpädagogik.
UniSPIEGEL: Spaß schadet beim Lernen?
Schneider: Na ja, es machte mir schon Spaß, nach nur einem Jahr Unterricht vor Eltern und Verwandten mit meinem Englisch angeben zu können. Aber das Ziel des Lernens ist doch, einen Fundus zu entwickeln, mit dessen Hilfe ich mich im Leben zurechtfinde. Ob ich den mit Liebe oder Hass erwerbe, ist zweitrangig.
UniSPIEGEL: Sind Sie zu streng?
Schneider: In meinen Seminaren klebe ich Auszüge von schlechten Texten der Teilnehmer aneinander, versehe sie mit meinen schlimmen Anmerkungen und lasse sie für alle kopieren. Wer sich dann über mich ärgert, lernt mehr als der, der sich freut.
UniSPIEGEL: Und mit dieser Methode lagen Sie immer richtig?
Schneider: Dass es da rhetorische Entgleisungen gab, will ich nicht ausschließen. Natürlich sind nicht sämtliche Redensarten, die ich in 60 Jahren von mir gegeben habe, absolut einwandfrei. Ich sage manchmal etwas "Ihre Meinung weicht von meiner unrettbar ab, ich erkläre Ihnen hiermit den Krieg!" Da wird dann nach kurzem Stutzen gelacht. Aber von der Methode rücke ich nicht ab. Ich glaube nicht, dass ich eine Spur des Verderbens durch die Generationen gezogen habe.
UniSPIEGEL: Hatten Sie je ein pädagogisches Konzept?
Schneider: Ganz einfach: Der Lehrer möge den Ehrgeiz haben, das Äußerste an Effizienz zu entwickeln, damit die Schüler das Optimum von der investierten Zeit haben: Das ist das Gegenteil eines Studiums der Germanistik. Beliebt zu sein war nie mein Ehrgeiz.
UniSPIEGEL: Sie werden nächsten Monat 85. Wie lange wollen Sie noch weitermachen?
Schneider: Meine Knie haben gelitten, meine Schnauze nicht. Ich bin froh, dass ich in meinem Alter noch im Geschäft bin. Einer Zeit, in der das nicht mehr so ist, sehe ich mit Schrecken entgegen. Ich möchte wie Molière dem Tod auf der Bühne begegnen. Aber das ist leider den wenigsten vergönnt.

STEFAN PIELOW
STEFAN PIELOW
Von Rafaela von Bredow und Jan Friedmann

UniSPIEGEL 2/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


UniSPIEGEL 2/2010
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Britische Parlamentswahl: Der Brexit-Beschleuniger
  • Schottland nach der Briten-Wahl: "Mandat für Unabhängigkeitsreferendum"
  • Neue Saurierarten entdeckt: Gestatten: Nullotitan Glaciaris
  • Trotz Eruptionsgefahr: Soldaten bergen Opfer von White Island