23.05.2011

Weit weg kraulen

Spitzensport und Studium? Deutsche Professoren haben eher wenig Verständnis, wenn Studenten das Schwimmen oder Laufen genauso ernst nehmen wie die Uni. Deswegen flüchten Jungtalente nach Amerika.
4.55 Uhr, es ist noch dunkel, nur schwach leuchtet der Mond über dem Campus, aber Jeanettes Wecker klingelt schon. Sie quält sich aus dem Bett, tauscht Schlafanzug gegen Jogginghose, zieht den Kapuzenpulli über den Kopf, schlüpft in ihre Turnschuhe. Sie muss raus, Höchstleistung bringen.
Jeanettes Mitbewohnerin Whitney ist bereits wach, gemeinsam schlurfen die beiden die fünf Minuten durchs Dämmerlicht zur Schwimmhalle hinüber. Die anderen Teammitglieder sind bereits in der Halle, lassen die Leinen für die Bahnen ins Wasser, dehnen sich. Dann folgen zwei Stunden Kraulen, Rückenschwimmen, Brust, Delphin. Um 7.45 Uhr ist die erste Trainingseinheit beendet, doch Jeanette kann nur kurz verschnaufen. Sie muss schnell weiter, erst in den Hörsaal, dann kurz was essen, in die Bibliothek und zum Nachmittagstraining wieder in die Schwimmhalle.
Jeanette Dietrich, 20 Jahre alt und seit Ende August 2010 Studentin an der St. Bonaventure University im US-Bundesstaat New York, hat ein Sport- und Arbeitspensum, vor dem viele kapitulieren würden. Zwanzig Stunden Training die Woche, viermal früh, sechsmal spät, dazu kommen die College-Wettkämpfe am Wochenende.
Das ist aber nur ein Teil ihres Lebens. Jeanette, die aus dem Münsterland in die USA gekommen ist, will nämlich weit weg von der Heimat auch noch ein Journalistikstudium absolvieren.
Leistungssport und Uni? Ständiger Wechsel zwischen Hörsaal und Schwimmhalle? Immer dem Druck ausgesetzt, gute Noten und Spitzenzeiten abliefern zu müssen? Wie hält man das aus?
In den USA auf jeden Fall besser als in Deutschland.
Wer an einer deutschen Uni mal eine Veranstaltung zugunsten einer Trainingseinheit sausen lässt, wird vom Professor meist schief angeguckt. Selbst so eine wie Jeanette, deutsche Mannschaftsmeisterin und eine der 50 besten Schwimmerinnen des Landes, hätte sich, wäre sie hier geblieben, wohl entscheiden müssen: entweder Leistungssport - oder Journalistik. An der St. Bonaventure passt das zusammen: Alles wird aus einer Hand geplant, alles ist aufeinander abgestimmt, der Spitzensportler kommt dem Studenten nicht in die Quere, die Vorlesungen überlappen sich nicht mit dem Training. "Das frühe Aufstehen war eine Umstellung", sagt Jeanette. "Aber alles ist andere ist perfekt."
Der Sprung an die amerikanische Uni ist für Sportler wie Jeanette ein Segen, und seit einiger Zeit kommen immer mehr Gleichgesinnte auf die Idee, es ihr nachzutun. Das liegt auch an den beiden Uni-Absolventen Peter Krah, 22, und Simon Stützel, 24. Sie hatten die Idee, deutschen Athleten die Hindernisse aus dem Weg zu räumen und ihnen dabei zu helfen, US-Sportstipendien zu ergattern. Ohne Stipendium wird es nämlich teuer an einer amerikanischen Hochschule: Die Studiengebühren betragen meist um die 20 000 Euro pro Jahr.
Die Idee hatte Stützel, als er 2009 sein Studium an der amerikanischen Queens-Universität in North Carolina begann und dort Leichtathletik im Uni-Kader betrieb. Sein US-Coach sagte ihm gleich zu Beginn: "Ihr müsst doch da drüben viele Sporttalente haben. Schick die doch mal zu uns!" Stützel, der hofft, bei Olympia 2012 die 1500 Meter laufen zu dürfen, nahm sich das zu Herzen. Er und Krah gründeten die Agentur Scholarbook, und seit 2009 senden sie Bewerbungsvideos an die US-Trainer, melden Abiturienten für die Uni-Aufnahmetests an und beraten bei der College-Auswahl. Die sportliche Eignung der Kandidaten beurteilen sie anhand von Zeitlisten oder mit Hilfe externer Experten. Chancen haben nicht nur Spitzensportler mit vielen Meistertiteln und übervollem Pokalschrank. Meist reicht gutes Landesliganiveau oder bei Einzelsportarten eine Qualifikation für deutsche Jugendmeisterschaften. Seit 2009 haben Stützel und Krah schon rund hundert deutsche Sportler an US-Universitäten gebracht. Für eine erfolgreiche Vermittlung kassieren sie von den Bewerbern 2350 Euro.
Jeanette, die mit Spitzenzeiten glänzen konnte, hatte nach dem Kontakt zu Scholarbook nach ein paar Wochen Angebote gleich von 25 US-Unis vorliegen. Zehn Hochschulen boten ihr ein Vollstipendium an. Ihre Wahl fiel auf die St. Bonaventure University, die ihr nun Studiengebühren in Höhe von 35 000 US-Dollar pro Jahr, Unterkunft und Verpflegung bezahlt. Jeanette selbst muss noch 5000 Dollar drauflegen, aber das ist es ihr wert. Das Journalismus-Programm der Uni zählt zu den besten fünf des Landes. Die Hochschule hat fünf Pulitzer-Preisträger hervorgebracht, unter anderen Jeanettes Journalistikprofessor.
Für das Stipendium wollen die Universitäten Leistungen sehen, nicht nur beim Sport, auch im Hörsaal. Der amerikanische Collegesportverband NCAA hat sich auf einen Notendurchschnitt von C geeinigt, also mindestens "befriedigend". Zudem müssen die Sportler eine bestimmte Zahl von Stunden in der Bücherei verbringen. Wer das nicht hinbekommt, dem drohen harte Strafen. Im besten Fall vorübergehendes Wettkampfverbot, im schlimmsten werden die Zuwendungen gestrichen.
Dass die NCAA-Regeln so streng sind, liegt auch daran, dass das System jahrelang ausgenutzt wurde. Immer wieder machten Fälle Schlagzeilen, in denen Sportler nur zum Schein immatrikuliert waren, nie eine Vorlesung besuchten und ihre Abschlussarbeiten von Ghostwritern schreiben ließen. Legendär ist die Geschichte des Footballspielers Dexter Manley: Von 1977 an studierte der Weltklasse-Defensive vier Jahre an der renommierten Oklahoma State University - und konnte bei seinem Abschluss immer noch kaum lesen und schreiben. Elite-Unis wie Yale, Harvard oder Princeton vergeben deswegen gar keine Sportstipendien mehr.
Leichtathlet Niklas Bühner, im vergangenen Jahr Sechster bei den deutschen Hallenmeisterschaften über 1500 Meter, hat sich vom Druck des NCAA nicht schrecken lassen. Während der Schulzeit konnte er den Sport gut in seinen Tagesablauf integrieren; nach dem Unterricht ging er erst mal anderthalb Stunden joggen. Mit dem Abi in der Tasche hatte er dann das gleiche Problem wie Jeanette. "Ich wollte Sport auf professionellem Niveau betreiben, aber auch an einer guten Uni studieren."
Niklas nahm Kontakt zu Simon Stützel von Scholarbook auf, den er von Wettkämpfen her kannte. Kurz darauf geschah etwas, was er aus Deutschland nicht gewohnt war: Man umwarb ihn, man buhlte um den Spitzensportler Niklas Bühner. Er bekam eine Einladung der Auburn University im US-Bundesstaat Alabama. Wenn er wolle, könne er sich die Uni mal anschauen, hieß es. Man sei interessiert an ihm, Flug, Unterkunft und Essen würden bezahlt. Niklas nahm das Angebot an und war von Anfang an begeistert.
"Alles läuft auf höchstem Niveau", sagt der 21-Jährige. Sein Coach ist zweifacher Olympiateilnehmer, nach dem Training wird Niklas massiert oder darf in ein Eisbecken abtauchen, das entspannt die Muskeln. Kommt bei all dem Training doch mal das Studieren zu kurz, können sich die Athleten kostenlos Nachhilfe geben lassen. "Die Uni nimmt meine Pflicht als Sportler genauso wichtig wie meine akademischen Aufgaben", sagt Niklas.
Die US-Universitäten verlangen höchste Disziplin von ihren Sportlern. "Das Training ist härter und das Tempo viel schneller als in meinem deutschen Verein", sagt Schwimmerin Jeanette. Wie die anderen Athleten hat sie sich vertraglich verpflichtet, keinen Alkohol zu trinken und streng auf ihr Gewicht zu achten.
Und dann ist da die Sache mit der Körperbehaarung: Vor wichtigen Wettbewerben darf sie sich wochenlang die Beine nicht rasieren und schwimmt daher mit größerem Wasserwiderstand - beim Turnier ist der gefühlte Effekt glatter Beine dann umso größer. "No-shave season" nennt ihr Trainer die Wildwuchs-Zeit. "Das ist zwar eklig, zahlt sich aber beim Wettkampf aus", sagt Jeanette.
Zeit für Hobbys und Ausgehen bleibt den Athleten kaum. Nach dem morgendlichen Training, den Vorlesungen und dem Nachmittags-Workout ist Jeanette abends meist so erschöpft, dass sie nur noch schlafen will. Auch Niklas kann sich des normalen Uni-Lebens selten erfreuen. Der Zusammenhalt im Team sei zwar "super", erzählt er, doch die Kommilitonen in seinen Kursen kenne er kaum. "Man ist als Sportler schon ein bisschen isoliert." Für Partys bleibt da allenfalls am Wochenende Zeit. "Aber die genießt man dann umso mehr", sagt Jeanette.
Von Marie-Astrid Langer

UniSPIEGEL 3/2011
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