23.05.2011

„Es ist wie im Krieg“

In der Türkei tobt ein Kulturkampf, an den Hochschulen eskaliert er: Islamisten drängen an die Macht, Liberale verteidigen die Freiheit der Wissenschaft. Die anstehenden Wahlen im Juni verschärfen den Konflikt.
Es gibt Tage, da glaubt Ezgi Özen, es führe ein Weg zurück in ihr altes Leben. Sie stellt sich dann vor, einfach nur Studentin zu sein, Vorlesungen zu besuchen, Kommilitonen zu treffen. Doch dann sind sie sofort wieder da, die Bilder vom vergangenen Dezember, als sich das Leben der 19-Jährigen unwiederbringlich veränderte.
Ezgi Özen hatte damals eigentlich keinen Grund, demonstrieren zu gehen. Sie hatte die Schule abgeschlossen, sie war schwanger, sie hatte ihr Leben vor sich. Sie liebte ihren Freund, ihre Eltern unterstützten sie. Ihr größtes Problem zu der Zeit: Ob sie wohl während der Schwangerschaft rauchen dürfe?
Als Tausende Studenten in Istanbul gegen die Regierung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan protestierten, war sie eher zufällig dabei. Ihre Freunde hatten sie überredet.
Die Opposition versammelte sich vor dem Dolmabahçe-Palast, dem einstigen Sommersitz der Sultane am Ufer des Bosporus. Ministerpräsident Erdogan sprach dort mit dem Rektor der Universität Istanbul über Bildung und die Zukunft der türkischen Hochschulen. Die Demonstranten riefen: "Genug Tayyip! Die Türkei ist nicht Iran!"
Ezgi Özen hielt sich am Rand der Menge. Plötzlich wurde sie eingekesselt, Sicherheitskräfte schossen mit Wasserwerfern und Tränengas auf die Studenten. Özen bekam einen Schlag auf den Kopf und stürzte. Die Polizisten prügelten mit Knüppeln auf sie ein. Özen erinnert sich, dass sie schrie: "Tut mir nicht weh, ich bin schwanger!" Dann verlor sie das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kam, lag sie im Krankenhaus. Ihr Freund stand am Krankenbett und weinte. Özen hatte ihr Kind verloren.
Özen ist das Opfer eines historischen Umbruchs in der Türkei; in den vergangenen Wochen und Monaten haben die Repressalien, vor allem gegen Studenten, eine neue Stufe erreicht. "Eine vergleichbare Brutalität habe ich seit dem Militärputsch vor 30 Jahren nicht mehr erlebt", sagt die Menschenrechtsanwältin Gülizar Tuncer.
Die Studentin Ezgi Özen ist, ohne es zu wollen, zum Symbol geworden für den tiefen Graben zwischen Säkularen und Religiösen in der Türkei. Kritiker der Regierung sagen, ihr Schicksal sei Ergebnis der autoritären Verhältnisse, des von Premier Erdogan befohlenen Polizeistaats. Konservativen dient sie als Hassfigur. Zeitungen verunglimpfen sie als "Prostituierte", drucken Karikaturen, die sie als Terroristin mit einer Bombe im Bauch zeigen. Özen leidet deshalb seit Monaten an Depressionen. Sie verlässt ihr Zimmer kaum noch, schläft nicht, isst wenig. "Die Polizei und die Medien haben ihr Leben zerstört", sagt Özens Anwältin.
Am 12. Juni wählen die Türken ein neues Parlament. Beobachter glauben, Erdogan gehe gegen Oppositionelle vor, um seine Macht zu sichern.
Seit seinem Amtsantritt 2003 haftet dem Premier der Verdacht an, eine islamistische Agenda zu verfolgen, die säkulare Türkei abschaffen zu wollen. Durch die Ereignisse der vergangenen Monate, die WikiLeaks-Enthüllungen, Erdogans Feldzug gegen den Medienkonzern Dogan, den Streit ums Kopftuch, ist dieser Argwohn vielen weltlich eingestellten Türken zur Gewissheit geworden.
"Die Türkei befindet sich in einem erbitterten Streit mit sich selbst", sagt Harry Tzimitras, Juraprofessor an der Istanbuler Bilgi-Universität. Gerade jetzt, da der Westen gebannt auf die jungen Freiheitsbewegungen im Nahen Osten blickt, sind die Liberalen in der Türkei enttäuscht von den zögernden Fortschritten im eigenen Land.
A n den Universitäten bündeln sich die Konflikte der modernen Türkei. Die Universität Istanbul ist eine der ältesten und renommiertesten Hochschulen des Landes. Der Campus liegt in der historischen Altstadt, nur wenige Meter von der Blauen Moschee, dem Großen Basar und der Hagia Sophia entfernt. Seit einiger Zeit stehen sich hier politische Kontrahenten in Hass gegenüber. Islamisten gegen Laizisten, Kurden gegen Nationalisten. "Es ist wie im Krieg", sagt die Literaturstudentin Ece Utkan. Die Studentenschaft sei zunehmend politisiert, jeder gezwungen, sich auf eine Seite zu schlagen.
"Die Islamisten haben das Sagen übernommen", sagt Utkan und steckt die Sonnenbrille in ihre blondierten Haare. Religiöse Kommilitonen klebten Poster mit islamischen Botschaften an die Wand, berichtet sie, und schrieben Koran-Verse an die Tafeln in den Hörsälen. Studenten, die sich ihnen widersetzten, würden bedroht. Gleichzeitig übe die Regierung Druck auf linke Studenten aus. Die Polizei schicke Spitzel an die Universitäten. "Die Regierung will uns zum Schweigen bringen", mutmaßt Utkan.
In der Türkei hatte nach der Gründung des Staates durch Mustafa Kemal Atatürk vor 88 Jahren das Militär eine besondere Stellung. Die Generäle sahen sich als Hüter der Republik. Sie führten einen gnadenlosen Krieg gegen die Kurden - und wachten darüber, dass die Religion aus der öffentlichen Sphäre verbannt blieb. Den Aufstieg Erdogans und seiner islamisch-konservativen AK-Partei verstehen viele Türken als Gegenrevolution. Nun bestimmen konservative, muslimische Aufsteiger aus Anatolien den Kurs des Landes.
Erdogan wollte vieles besser machen als seine Vorgänger: die Türkei mit sich selbst versöhnen, sie demokratischer machen. Mit dem Ziel, das Land in die Europäische Union zu führen, liberalisierte er das Strafrecht, beschnitt die Kompetenzen der Generäle, gab den Kurden und anderen Minderheiten gewisse Rechte. Doch je länger Erdogan an der Macht ist, desto autoritärer regiert er. Da sind etliche Korruptionsvorwürfe, da sind etliche Verhaftungen kritischer Journalisten - und da ist nicht zuletzt der Versuch, Einfluss auf das Bildungssystem zu nehmen.
"Die Freiheit der Wissenschaft existiert in der Türkei nicht mehr", kritisiert der Professor einer angesehenen Universität, der nicht namentlich genannt werden will. Eda Saraç, Dozentin an einer Istanbuler Privatuniversität, klagt, Stellen würden fast ausnahmslos nach Parteizugehörigkeit besetzt. Die Regierung versuche, die Lehrpläne zu diktieren, kritische Professoren würden beurlaubt.
Deniz Özgün, 25, sitzt auf einem Plastikstuhl in einem Rohbau am Stadt-rand von Istanbul und versucht zu verstehen, was er angerichtet hat. Auf dem Fensterbrett in seinem Atelier stehen leere Weinflaschen, von den Wänden bröckelt der Putz. Özgün trägt Jeansjacke, Dreitagebart, ein Tattoo auf dem Oberarm; um seine Schulter hängt eine Kamera. Özgün arbeitet als Fotograf, doch in der Türkei kennen ihn die Menschen vor allem als den "Porno-Studenten".
Özgün, bis vor wenigen Monaten Filmstudent an der Istanbuler Bilgi-Universität, hatte im Winter einen der größten Hochschulskandale in der Türkei seit Jahren ausgelöst. Die BBC berichtete über ihn, Spitzenpolitiker der Regierungspartei AKP sahen sich genötigt, Stellung zu beziehen. Der Fall Özgün ist ein Lehrbeispiel für die Gemütslage in der Türkei, für den mitunter bizarren Machtkampf um die Deutungshoheit an den Universitäten.
Özgün hatte eine Kommilitonin und einen Kommilitonen beim Sex gefilmt und das Video als Abschlussarbeit eingereicht. Seine Professoren ließen sie durchgehen und bewerteten sie mit einer Vier. Lange Zeit passierte nichts. Özgün beendete sein Studium und begann zu arbeiten. Erst Monate später sprach er mit einer befreundeten Journalistin über das Projekt. Kurz darauf erschien im Magazin "Tempo" ein Artikel mit der Überschrift "Die Universität, die Pornofilme duldet".
Die Bilgi-Universität gilt seit Jahren als die progressivste Uni des Landes. Akademiker und Politiker diskutierten hier erstmals über den Völkermord an den Armeniern, Professoren unterrichten Kurdisch. Kritiker sagen, die Hochschule verrate die Werte der Türkei. Nach dem "Tempo"-Artikel brach ein Sturm über die Universität herein. Empörte Eltern meldeten ihre Kinder vom Unterricht ab, Sicherheitskräfte stürmten den Campus und beschlagnahmten Computer, konservative Politiker forderten, die Uni müsse geschlossen werden.
Der Rektor entließ die drei Professoren, die die Arbeit begutachtet hatten. Sie werden wohl nie wieder an einer türkischen Universität arbeiten können. Doch der Rauswurf brachte nicht die erhoffte Ruhe: Studenten, Dozenten und Angestellte protestieren seither gegen die Repressionen und für den Erhalt der akademischen Freiheit - Bilgi kommt nicht zur Ruhe.
Özgün, der mit seinem Video all die Aufregung ausgelöst hatte, sperrte sich in seinem Zimmer ein. Er verfolgte die Berichte über sich im Fernsehen; bis heute hat er Angst, auf die Straße zu gehen. "Ich habe da etwas losgetreten, das sich nicht mehr kontrollieren lässt", sagt Özgün. Der ehemalige Filmstudent möchte nun am liebsten auswandern.
Von Maximilian Popp

UniSPIEGEL 3/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


UniSPIEGEL 3/2011
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.