23.05.2011

Rolex über Bord

Was geschieht in deutschen Uni-Städten zwischen Sonnenuntergang und Morgengrauen? Maximilian Popp geht zum zweiten Mal feiern für den UniSPIEGEL, diesmal in seiner Heimatstadt. Eines Nachts in: Passau
19.00 Uhr
Sie laufen jetzt ein: die Mädchen in hellblauer Bluse, mit Longchamp-Tasche und Perlenohrringen, die Jungs im La-Martina-Polohemd, mit Segelschuhen und Ray-Ban-Sonnenbrille. Sie grüßen einander mit Handschlag und Wangenkuss, sie legen ihr Smartphone und den Autoschlüssel auf den Tisch und schicken den Kellner Sekt holen. Wer in Passau, unter den Juristen und BWLern, etwas gelten will, muss im "Café Kowalski" den Abend eröffnen.
21.30 Uhr
Barocke Kirchen, enge Gassen, drei Flüsse - wer längere Zeit in Passau lebt, verspürt irgendwann den Drang, Steine zu werfen, so unerträglich lieblich ist die Stadt. Reiche Eltern aus München-Starnberg und Hamburg-Blankenese schicken ihre Söhne und Töchter zum Studium hierher. In der Provinz, fernab von den Versuchungen der Großstadt, würden die Kinder wenig Unfug treiben, das hoffen sie wohl. Natürlich ist das Gegenteil der Fall: "Hier ist so wenig los, dass wir's umso heftiger krachen lassen", sagt Franziska, 22, aus Frankfurt am Main. Sie studiert im sechsten Semester Jura.
Ich bin in Passau geboren und aufgewachsen, ich mag die Stadt, obwohl bei der vergangenen Bundestagswahl fast die Hälfte der Passauer ihre Stimme der CSU gegeben hat. Im Sprech der Studenten bin ich ein "Local". Mit "Locals" haben sie wenig zu tun, sie begegnen ihnen im Supermarkt, wenn sie Aperol Sprizz kaufen, oder beim jährlichen "Maibaumkraxeln".
22.00 Uhr
Am Flussufer vor der Uni grillen Studenten. Sie rauchen Wasserpfeife, trinken Bier. Politologen sitzen im Gras, Kulturwirtschaftler und andere Langzeitstudenten. "Bafög-Wiese" oder "Kuwi-Strich" nennen die Juristen diesen Ort - sie halten sich fern.
00.30 Uhr
Natürlich hat Passau auch andere Clubs, die "Camera" oder das "Liquid". Die kennen die Juristen aber allenfalls vom Hörensagen. Denn spätestens nach Mitternacht sind sie immer nur an einem Ort: im "Frizz". Das "Frizz", ein Keller-Club in der Innenstadt, ist den Passauer Jura- und BWL-Studenten, was der Münchner Schickeria früher das P1 war: ein Ort der Selbstvergewisserung. Hier geschehen die Geschichten, von denen sich die Clique Monate später noch erzählt. Magnus, BWL-Student aus Hamburg, mit einem Seitenscheitel, den er "meine Erfolgswelle" nennt, sagt, er sei in den vergangenen drei Jahren fast jedes Wochenende im "Frizz" gewesen: "Work hard, party hard, du verstehst?"
01.00 Uhr
Immer mehr Menschen drängen ins "Frizz". Der DJ spielt "Remmidemmi" von Deichkind. Die ersten Studenten tanzen mit freiem Oberkörper auf dem Tresen. Die Erwartungen an Passauer Jurastudenten sind groß. Der Notenschnitt ist höher als an anderen Universitäten, die Zahl der Studienabbrecher auch. Die Anspannung entlade sich beim Feiern, erzählt Franziska.
Sie lehnt an der Bar und erzählt von der Party des Jahres, die im Juni stattfindet: "Riverboat", organisiert von der Studentenverbindung Budissa. Die Männer tragen Anzug, die Frauen Abend-kleid. Sie chartern ein Ausflugsschiff und fahren auf die Donau hinaus. In den vergangenen Jahren stürzten immer wieder Gäste betrunken in den Fluss, sie warfen Porsche-Schlüssel über Bord und Rolex-Uhren. Das Rote Kreuz musste am Rathausplatz ein Lazarett aufbauen, um erste Hilfe zu leisten.
03.00 Uhr
Der Junge mit Guttenberg-Haarschnitt und Siegelring brüllt mir ins Ohr: "Ich habe ein Abitur von 1,0, spiele zwei über Par und rammle wie ein Stier." Die angehenden Unternehmensberater und Wirtschaftsanwälte tanzen Polonaise zu Karel Gott. Im Gang liegt ein Student in Boxershorts am Boden. "Weißt du überhaupt, wer ich bin?", schreit er, als der Türsteher ihn aus dem Club tragen will. Der DJ dreht den Bass höher: "Wir sind schön, wir sind reich, wir eskalieren!"
Von Maximilian Popp, 25, und ist SPIEGEL-Redakteur. Für diese UniSPIEGEL-Serie übers Feiern in deutschen Studienstädten hat er sich freiwillig Gemeldet.

UniSPIEGEL 3/2011
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UniSPIEGEL 3/2011
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