17.10.2011

Die letzte Bastion

Europa ist aus den Fugen, die Jugend in Aufruhr. Zerbricht sie, die kolossale Idee? Nicht, wenn es nach den Studenten in Brügge geht. Sie sind die EU-Manager von morgen und bereiten sich vor auf ihre Mission: den Kontinent retten.
An einem Tag, an dem in Rom Zehntausende Bürger gegen die Sparpläne der Regierung demonstrieren, in Athen Barrikaden brennen, in Madrid Studenten Marktplätze besetzen, an dem die Börsenkurse in Frankfurt und London stürzen und in Brüssel Finanzminister verzweifelt versuchen, die Euro-Krise einzudämmen, steht Rektor Paul Demaret auf einer Bühne im holzvertäfelten Auditorium des College of Europe in Brügge, Belgien, und spricht von der "Erhabenheit Europas", dem Geist Churchills, von Freiheit und Demokratie.
320 Studenten aus 55 Ländern sitzen ihm gegenüber, Deutsche und Franzosen, Palästinenser und Finnen. Sie sind hochbegabt, sie haben ein Auswahlverfahren durchlaufen, das in dem Ruf steht, eines der schwersten auf dem Kontinent zu sein, und sie glauben an eine Idee, die zu scheitern droht: Europa.
Der Kontinent ist aus den Fugen. Der Euro taumelt und mit ihm der gesamte Staatenbund. Fassungslos und empört schauen die Bürger ihren Regierungschefs dabei zu, wie diese nach einem Weg aus der Krise suchen, wie sie Rettungsschirme für verschuldete Länder aufspannen, wie sie sich gegen das Verdikt der Rating-Agenturen stemmen. Europa, ein Projekt, das für Wohlstand und Frieden stand, wird zunehmend als Belastung empfunden. Nur noch 49 Prozent der Europäer sehen die Mitgliedschaft ihres Landes positiv, und nur noch 42 Prozent der Bürger schenken den EU-Institutionen ihr Vertrauen.
"Lasst uns an Europa arbeiten!", ruft Rektor Demaret. Die Studenten klatschen. Es ist der erste Tag im neuen Semester am College of Europe, der renommierten Kaderschmiede der EU. Studenten stehen in Gruppen beisammen, unterhalten sich flüsternd, manche tragen Bücher unterm Arm, "The General Principles of EU-Law" oder "EU Treaties and Legislation".
Wer an der elitären Hochschule eine Autostunde westlich von Brüssel in eines der Master-Programme - Jura, VWL, Politik oder Diplomatie - aufgenommen wird, kann sich berechtigte Hoffnungen auf eine Karriere in den Institutionen der EU machen. Das College bildet seit einem halben Jahrhundert Europas Lenker aus. Seine Absolventen arbeiten für die EU-Kommission, das Parlament, die Europäische Zentralbank.
Nick Clegg, der britische Vize-Premier, gehört zu den Alumni, ebenso wie Marc Jaeger, der Präsident des Europäischen Gerichtshofs. Das Europakolleg sei "Europas letzte Bastion", sagt der französische Politologe Jacques Rup-nik. Die Brügger Studenten werden später Europa führen. Man würde also gern wissen: Wie schätzen sie die Krise ein? Was für ein Europa stellen sie sich vor, die Eliten von morgen?
Beatrix Massig hat ihr Zimmer im Studentenwohnheim gerade erst bezogen. Ein Bett steht da, ein Schreibtisch, mehr Möbel sind nicht mit ihr von Deutschland nach Brügge umgezogen. Im Wandschrank lehnen Gesetzesbände und ein deutsch-französisches Wörterbuch. Massig hat braune Locken, trägt einen grünen Wollpullover und Brille. Sie hat in Heidelberg, Berlin und Peking Jura studiert, in Brügge will sie sich auf eine Karriere in der EU vorbereiten. Massig soll irgendwann Europa Orientierung geben, doch noch ist sie damit beschäftigt, sich am College zurechtzufinden: Welche Kurse kann sie belegen? Wie lange hat die Bibliothek geöffnet?
Massig sagt, sie sei in Brügge, weil sie an den europäischen Traum glaube, auch wenn manche ihrer Freunde und Verwandten das nicht verstehen könnten. Die 26-Jährige ist auf dem Land aufgewachsen, im Schwäbischen. Ihr Vater, ein Beamter, misstraut der EU, wie so viele Bürger. Er mag die Vorschriften aus Brüssel nicht, fürchtet Bevormundung durch immer neue Gesetze und Direktiven. Die Tochter entgegnet, Europa habe Frieden geschaffen und Grenzen fortgewischt. Brüssel sei gegen Kartelle vorgegangen, gegen Oligopole und protektionistische Tricksereien. Die Erfolge würden zu selten wahr-genommen. Europäische Politik erscheine abgehoben und kompliziert, bekennt Beatrix Massig.
So etwas wie die Europäische Union hat es auf der Erde noch nie gegeben: kein Staat im Sinne der Nationalstaaten, die im langen Schatten der Französischen Revolution entstanden; eine Währungs-, aber keine Finanzunion, ein schönes, mutiges Experiment, das sich aus hässlichen Kompromissen zusammensetzt. Für das demokratische Gesamteuropa gibt es keinen Präzedenzfall, weder das Römische Reich noch das Osmanische, noch die USA, noch die Vereinten Nationen.
Weißes Neonlicht erhellt die Mensa des College of Europe. Ein Gewirr englisch-deutsch-französisch-italienischer Sprachfetzen schwirrt durch den Saal. Die Studenten sitzen vor Tellern mit Couscous. Sie tragen Jeans, Sneakers und Kapuzenpulli, einige wenige auch ein Jackett, und erzählen sich von ihren Herkunftsländern, vom Strand in Barcelona und von den Partys in Berlin. Fast jeder hier hat ein oder mehrere Jahre im Ausland verbracht, sie erleben Europa so selbstverständlich, wie sie während des Gesprächs zwischen den Sprachen wechseln.
Bernadino aus Lissabon sagt, für ihn sei Europa die Freiheit, von Portugal einfach mal nach Lettland reisen zu können, ohne an Grenzposten lange zu warten, ohne Geld wechseln zu müssen. Lukas aus Kaufbeuren in Bayern ergänzt, die europäische Integration ermögliche ihm, in Paris zu studieren und in Kopenhagen zu arbeiten. "Ich bin nicht mehr auf mein Heimatdorf beschränkt." Und Dann aus Brüssel findet, die EU trage dazu bei, dass im Wettbewerb mit China oder den USA Werte erhalten blieben, die ihm wichtig seien: soziales Wirtschaften, Umweltschutz, die Trennung von Staat und Religion.
Die drei jungen Männer sind sich einig, dass die europäische Integration den Alltag der Menschen zum Besseren verändert hat. Sie sind großgeworden in Grenzen, die sich nicht wie Grenzen anfühlen. Sie wissen nichts von stundenlangen Staus am Kontrollpunkt, sie sind einfach von Saarbrücken nach Paris gefahren, wenn ihnen danach war. Für sie ist Europa Teil ihrer Lebenswelt, und die wollen sie sich nicht von Spekulanten, Rating-Agenturen und Populisten kaputtmachen lassen.
Die Demonstranten auf den Straßen in Rom und Madrid, die jungen Griechen, die Autos in Brand setzen, haben Europa genauso erlebt. Aber eine Heimat ist ihnen der Staatenbund nicht. Sie müssen den Alltag ertragen, den ihre Regierungen schaffen (siehe Kästen Seiten 9, 10 und 12). In Griechenland sind vier von zehn jungen Leuten arbeitslos. In Spanien ist sogar beinahe jeder Zweite unter 25 Jahren ohne Job. Die EU als Wirtschaftsmotor? Für viele junge Europäer klingt das wie Hohn.
Während die Studenten in Brügge Europa als Chance wahrnehmen, als Friedensprojekt und Wohlstandsgarant, erscheint es einer ganzen Reihe junger Menschen als Scheusal, das sich in ihren Alltag drängt, Freiheit erstickt und die nationale Wirtschaft bedroht. Ein Graben zieht sich durch Europa: EU-Gewinner auf der einen Seite, Verlierer auf der anderen. Unterstützer hier, Skeptiker dort.
Im Uni-Wohnheim in der Brügger Altstadt sitzen am Abend nach der letz-ten Vorlesung Studenten im Salon, trinken Bier, spielen Schach, diskutieren über Politik. Fragt man sie, was sich ändern muss, damit Europa einen Weg aus der Krise findet, bekommt man drei Antworten zu hören: mehr Europa, mehr Demokratie, mehr Geduld. Die Europäische Union, sagen die Studenten, leide darunter, dass sie mit dem Euro zwar eine gemeinsame Währung besitze, jedoch keine einheitliche Wirtschafts- und Finanzpolitik mache.
In den kommenden Wochen und Monaten wird weiter darüber gestritten werden, ob ein europäischer Währungsfonds gegen das Schuldenmachen vorgehen darf, ob der Rat oder die Kommission den Staaten ins Budget hineinreden oder gar hineinregieren können, ob Deutschland zu weiteren Rettungsaktionen gedrängt werden soll. Ginge es nach den Brügger Studenten, würden diese Fragen nicht mehr in Paris oder Berlin entschieden, sondern von einer gemeinsamen Regierung in Brüssel. "Mein Traum wären die Vereinigten Staaten von Europa", sagt Jurastudentin Massig.
Doch zuallererst müsse die EU, darin sind sie sich in Brügge einig, ihr wichtigstes Problem lösen: das "demokratische Defizit". Zwar wählen Europas Bürger alle fünf Jahre ein Europäisches Parlament, doch dessen Befugnisse sind bescheiden. In Wahrheit bestimmt die von den nationalen Regierungen berufene EU-Kommission, nicht das Parlament. Sie verhandelt und entwirft ihre Richtlinien hinter geschlossenen Türen. Selbst übers Budget kann das Parlament nur eingeschränkt entscheiden. Die klassische Regel "No taxation without representation" (keine Besteuerung ohne gewählte Vertretung), das Motto im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, ist damit außer Kraft gesetzt.
Thomas Stiegler, 23, hat in Dresden Internationale Beziehungen studiert und als Praktikant im EU-Parlament gearbeitet, bevor er sich dann am College of Europe bewarb. Er glaubt, den Bürgern dürfe nicht länger das Gefühl vermittelt werden, von Brüssel bevormundet zu werden. Stiegler sagt, er wünsche sich ein Europa mit einem starken Parlament und einem Kommissionspräsiden-ten, der - anders als der jetzige Chef José Barroso - direkt vom Volk gewählt wird. Wichtige Fragen müssten durch regelmäßige Referenden entschieden werden, auch wenn diese nicht immer die gewünschten Ergebnisse bräch-ten. Schon heute werden etwa 80 Prozent aller Gesetze von den Brüsseler Behörden initiiert. "Europa kann doch nicht das Projekt von Eliten sein", sagt der Elitestudent.
Ein vereintes, demokratisches Europa? Die Studenten am College of Europe wissen, dass es bis dahin ein weiter Weg ist. Die Debatten, die sie über die Zukunft Europas führen, sind akademische. Die Wirklichkeit auf den Straßen in Madrid oder Athen kommt darin eher selten vor, weiß auch die Französin Camille Kelbel, 25, die am Schwestercampus des Europakollegs in Polen studiert hat und heute als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Brügge arbeitet. "Du verlässt das College mit vielen Idealen", sagt sie, "und merkst schnell, wie schwierig sie umzusetzen sind."

Einfach abhauen

Alexandros, 22, Athen
Eigentlich ist Alexandros Zachiotis aus dem Athener Vorort Kallithea mit seinem Studium so gut wie fertig. Seit zehn Semestern studiert er Maschinenbau am Polytechnikum in der Hauptstadt. "Ich stehe quasi vor der Ausgangstür", sagt er, nur die Abschlussprüfungen brauche er noch. Doch darauf wird er warten müssen. Denn an seiner Universität wird gestreikt, Studenten haben die Hörsäle und Laboratorien wie an den meisten Hochschulen des Landes seit Anfang September besetzt, nichts geht mehr. "Objektiv ist das nicht in meinem Interesse", sagt der junge Grieche, "aber ich unterstütze die Proteste." Die Studierenden wehren sich aktuell gegen das neue Hochschulgesetz, das zum Beispiel ihre Mitbestimmung massiv einschränkt, grundsätzlich wehren sie sich gegen die stetige Verschlechterung der Studienbedingungen. Chronische Unterfinanzierung hemmt den Lehrbetrieb, "durch die Krise ist das Problem noch größer geworden", sagt Alexandros.
Das Polytechnikum gehört zu den renommiertesten Hochschulen des Landes, aber auch zu den radikalsten, es steht in der Tradition des Widerstands gegen die Militärjunta. Im ersten Studienjahr blieb Alexandros' Uni gleich drei Monate dicht. Hier formiert sich der oft landesweite Protest, von hier gehen Massendemonstrationen, aber auch Krawalle mit brennenden Barrikaden aus, die zuletzt die Bilder bestimmten. Alexandros verurteilt den gewalttätigen Furor dieser "kleinen Minderheit", bei der der Frust besonders tief sitze. Und er überlegt, wie viele Kommilitonen, einfach abzuhauen: "Mein großer Bruder ist schon in England."
Ferry Batzoglou
Manfred Ertel

"Ich bin sehr stolz"

Patri, 18, und Sebastián, 24, Madrid
Am 15. Mai, eine Woche vor den Kommunal- und Regionalwahlen, besetzten die "indignados", jugendliche Empörte, den Hauptplatz Madrids, die Puerta del Sol. Erst Mitte August, zum Papstbesuch, räumte die Polizei das Zeltdorf der jungen Widerständler. Patri aus einem Dorf in der Mancha, die in Madrid studiert, um Übersetzerin zu werden, hat seit den ersten Tagen mitdemonstriert. Mehr als die Hälfte der unter 25-Jährigen ist vollständig von den Eltern abhängig - auch Patri. Die Eltern zahlen die Miete für ihr Zimmer, dazu Taschengeld und 800 Euro Studiengebühr im Jahr. Um später eine Anstellung zu finden, das ist Patri klar, "werde ich ins Ausland gehen müssen". Spaniens Jugend leidet seit Jahren unter schlechten Schulen, teuren Unis und Jobnot. Jetzt, in der Krise, wollen die Konservativen, die wohl ab November auch die Regierung stellen, besonders an der Bildung sparen. "Sie repräsentieren uns nicht!", rufen die jungen Spanier den Politikern zu. Sie wollen "echte Demokratie jetzt!". So heißt die Bewegung, die Anfang des Jahres über Facebook in Gang kam. "Ich bin sehr stolz auf uns", sagt Sebastián. Er verdient sich als Sicherheitsmann am Empfang eines Geschäftshauses das Studium der Elektrotechnik. Stolz ist er, weil seine Mitstreiter im ganzen Land auch angesichts knüppelnder Polizisten friedlich geblieben sind. Sie hätten, findet Sebastián, dem Bürgertum gezeigt, wie man ohne Gewalt, aber "mit Beharrlichkeit und Witz" Ideen durchsetze. Komitees zu konkreten Fragen wie Städtebau oder Schuldrecht, grüner Energie oder der Reform des Wahlrechts, das sie als undemokratisch empfinden, tagen in den Stadtvierteln.
Helene Zuber

Adeus, Melancolia

Alexandre, 25, Lissabon
Alexandre de Sousa Carvalho hat alles richtig gemacht im Studium: An der Universität in Coimbra hat er ein Diplom für Internationale Beziehungen erworben, darauf in Großbritannien einen Master gesetzt. Dann ging er auf Jobsuche in Lissabon. Vergebens, wie so viele seiner Freunde. Deshalb hat de Sousa, zusammen mit drei Kommilitonen, Anfang Februar auf Facebook ein Manifest der Generation Prekariat, der "Geração à rasca", gepostet. Der Erfolg ihres Protestaufrufs hat die vier Hochschulabsolventen überwältigt: Allein in Lissabon zogen am 12. März 200 000 Menschen über die Avenida da Liberdade, es war die größte Demo seit der Nelkenrevolution 1974. Landesweit marschierten eine halbe Million Menschen mit der verlorenen Generation und räumten so auf mit dem Klischee vom resignierten, zur Melancholie neigenden portugiesischen Volk. Alexandre fürchtet - wie viele junge Akademiker -, bald in Boomländern wie Brasilien sein Glück suchen zu müssen. Denn die Sparmaßnahmen werden 2012 die Wirtschaft um weitere zwei Prozent schrumpfen lassen. Gerade hochqualifizierte junge Leute haben es schwer. "Wir haben das Gefühl, dass die Politiker uns nicht gut vertreten", erklärt Alexandre. "Wir stellen jetzt Fragen, die unsere Abgeordneten nicht stellen." Besonders gegen die betrügerische Praxis der von vielen portugiesischen Arbeitgebern erzwungenen falschen Selbständigkeit - Dumpinglohn auf Rechnung, hohe Steuern, keine Sozialversicherung - machen Alexandre und seine Freunde jetzt Front. Und mit ihren Altersgenossen in anderen Länder organisieren sie einen europaweiten Aktionstag am 15. Oktober.
Helene Zuber
Von Maximilian Popp

UniSPIEGEL 5/2011
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