07.04.2012

„Wir fürchten uns viel zu viel“

Wie bedrohlich sind Haartrockner? Prasseln bald Urin-Bomben vom Himmel? Ein Statistiker und seine Studenten haben Berichte über angebliche Alltagsgefahren analysiert. Ergebnis: Der Deutsche neigt zur Hysterie.
Die armen Deutschen! Beinahe täglich ereilen sie neue Schreckensnachrichten über verseuchtes Essen, belastete Kleidung oder Technik, die verrückt spielt. Sie haben von verkeimtem Duschwasser gelesen, krebserregendem Feinstaub und Haushaltsgeräten, die plötzlich Feuer fangen. Sie werden überflutet mit Botschaften über rapide steigende Krankheitsrisiken und Todesgefahren. Was ihnen nun helfen könnte in ihrer ständig wachsenden Verunsicherung, wäre ein Besuch bei Walter Krämer an der Universität Dortmund.
Krämer ist kein Psychotherapeut, sondern Professor an der Fakultät für Statistik; 500 Studenten werden dort ausgebildet. Der Mann mit dem dichten Schnauzbart versteht sich als eine Art Verbraucherschützer, nur dass er die Verbraucher nicht vor gefährlichen Produkten warnt, sondern vor falschen Gefahren. Krämer ist der Anti-Alarmist, derjenige, der die Sirene wieder abstellt.
In den vergangenen Jahren hat der 63-jährige Statistiker gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe Hunderte Zeitungs-, Fernseh- und Internetmeldungen über angebliche Alltagsgefahren überprüft. Das Ergebnis der Forschung ist ziemlich beruhigend und lässt sich jetzt in Krämers aktuellem Buch "Die Angst der Woche" nachlesen: Viele Horrorbotschaften, die von Politikern, Lobbyisten und Journalisten verbreitet werden, basieren auf verzerrten statistischen Daten, sind völlig übertrieben oder schlichtweg Unsinn. "Wir fürchten uns viel zu viel", bilanziert Krämer.
Ganz gleich, wann man den Professor besucht, er hat garantiert wieder ein brandaktuelles Beispiel für die Irreführung der Verbraucher parat. Beinahe täglich findet er solche Panikmache. So auch an einem Morgen im März: Etliche Zeitungen titeln in großen Lettern, dass Pepsi und Coca-Cola krebserregend sein könnten. Wer die dazugehörigen Texte liest, erfährt von einem Farbstoff, der die Krankheit auslöst - im Tierversuch, bei Mäusen. Ein Mensch müsste täglich etwa 1000 Cola-Dosen leeren, um sich einer konkreten Krebsgefahr auszusetzen. So viel Durst hat niemand.
"Fahrlässig und unverantwortlich" findet es Krämer, wenn derlei Details verschwiegen werden oder erst ganz versteckt im letzten Absatz auftauchen. Dies sei allerdings "typisch für Deutschland", sagt er. Politiker, Lobbyisten und Medien trompeteten zu gern Horrorbotschaften hinaus. Dafür reiche ihnen die Tatsache, dass ein angeblich gesundheitsgefährdender Stoff in Lebensmitteln oder Kleidungsstücken vorkommt - in welcher Menge, ist da wohl zweitrangig.
"Wenn es um angebliche Gefahren durch Schadstoffe geht, setzt bei vielen schlicht der Verstand aus", sagt Krämer. Der Wissenschaftler bezweifelt gar nicht, dass manche Befürchtungen berechtigt sind. Allerdings gehöre es auch zur Wahrheit, dass es in Deutschland strengere Qualitätsvorschriften gebe als in den meisten anderen Ländern.
Im Lebensmittelrecht wurden die zusätzlichen Grenzwerte für potentiell gefährliche Stoffe in den vergangenen Jahren so stark gesenkt, dass Himbeeren, würde sie jemand erfinden, laut Krämer wohl keine Zulassung mehr bekämen. Die Beeren enthalten Aldehyde, Ketone und Säuren in einem Ausmaß, die in hergestellten Produkten nicht erlaubt sind. Sowieso stecken in vielen Obst- und Gemüsesorten deutlich mehr Giftstoffe als in den meisten - stets argwöhnisch beäugten - Plastikgegenständen.
Um den Nachschub an Meldungen über die jeweils nächste große Gefahr zu sichern, räumte der Professor in seinem Institut einen Teil des schwarzen Bretts frei. Unter der Rubrik "Die Angst der Woche" sollen Mitarbeiter und Studenten alles aufkleben, was irgendwie verdächtig erscheint. Im Moment hängt da ein Bericht mit der kuriosen Überschrift "Urin-Bomben-Alarm über Deutschland". Es geht um Pipi, das durch undichte Flugzeugtoiletten tröpfelt, in der Luft gefriert und dann steinhart und angeblich "immer öfter" in deutschen Vorgärten einschlägt. Statistische Beweise für den Anstieg? Mal wieder keine.
Dass Gefahren herbeigeschrieben werden, für die es null Belege gibt, komme regelmäßig vor, sagt Krämer. Ein beliebter Trick sei es auch, Datenmaterial so aufzubereiten, dass es besonders dramatisch klingt. Hat ein Forscher in einem Lebensmittel pro Kilogramm 50 Billionstel Gramm Schadstoff entdeckt, schreibt spätestens seine Pressestelle lieber von 50 Pikogramm: Das ist genau dasselbe, klingt aber nach mehr und bringt den Forscher vielleicht ins Fernsehen. Findet ein Wissenschaftler heraus, dass an einer bestimmten Krankheit in diesem Jahr zwei Menschen gestorben sind, im vergangenen Jahr aber nur einer verstorben ist, spricht er von einem Anstieg von 100 Prozent. Ist auch dasselbe, erhöht aber möglicherweise die Chance auf Forschungsgelder.
Zu besonderer Meisterschaft bei der Produktion von Panikmeldungen haben es Deutschlands Warentester gebracht. Um Aufmerksamkeit zu erregen, wird ein Gegenstand gern mal so lange getestet, bis er gar nicht mehr anders kann, als kaputtzugehen. So pappte an Krämers schwarzem Brett kürzlich ein Bericht über Haartrockner, die bei einem Test "plötzlich" Feuer fingen. Etliche, auch seriöse Zeitungen reservierten eine Viertelseite und illustrierten die Nachricht mit Bildern von Frauen, die sich ängstlich das Haar rauften. Wer sich, wie Krämer und seine Studenten, etwas intensiver mit der Versuchsanordnung beschäftigte, erfuhr allerdings, dass nur einer der getesteten Haartrockner Feuer fing, und das erst nach 70 Stunden Dauerbetrieb. Wer so lange seine Haa-re mit Heißluft traktiert, dürfte keine mehr haben.
Der Statistikprofessor fand bei seiner Arbeit für das Buch heraus, dass es in Deutschland offenbar eine besonders große Lust an der alltäglichen Bedrohung für Leib und Leben gibt. So wurde in großen deutschen Tageszeitungen zwischen 2000 und 2010 mehr als doppelt so oft über BSE, Dioxin-Belastungen, Asbest oder Schweinegrippe berichtet wie in französischen, italienischen oder englischen. Warum das so ist, kann der Statistiker nicht richtig erklären. Zumal etwa in England Fälle von BSE viel häufiger vorkamen als hierzulande. "Der Deutsche", bilanziert Krämer, "neigt wohl zur Hysterie."
Das findet er seltsam: Denn anders als vieles andere lasse sich eines ganz sicher statistisch beweisen: die steigende Lebenserwartung.
Tricks der Panikmacher:
1. Grenzwerte senken!
Auf diese Weise lässt sich ganz leicht die Zahl der Menschen, die angeblich an irgendeiner Krankheit leiden, erhöhen. Beispiel Diabetes: In Deutschland gilt jemand als zuckerkrank, wenn der Glukosegehalt im Blut einen Wert von 200 Milligramm pro Deziliter übersteigt - in den USA wurde er über die Jahre auf 125 Milligramm abgesenkt. Kein Wunder also, dass die Zahl der Diabetiker dort kontinuierlich gestiegen ist.
2. Kausalitäten herstellen!
Vor einigen Jahren wurde beispielsweise die Meldung verbreitet, dass Wellensittiche und Kanarienvögel Krebs verursachen können. Tatsächlich war bei einer Studie festgestellt worden, dass Vogelhalter ein siebenmal höheres Risiko hatten, an Tumoren zu sterben. Kausal - also der Grund dafür - war aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht der Piepmatz, sondern die Tatsache, dass Hausvogelbesitzer tendenziell eher sozial schwächeren Schichten angehören, sich schlechter ernähren und mehr rauchen.
3. Durchschnitt berechnen!
Das kann manchmal natürlich sehr sinnvoll sein, führt aber auch oft in die Irre. Wenn etwa in ein Dorf mit tausend Einwohnern mit Tarifgehalt nur ein Multimillionär zieht, steigt das Durchschnittseinkommen exorbitant - an den Lebensverhältnissen der Alt-Einwohner hat sich dadurch aber rein gar nichts verändert. So suggeriert der Durchschnitt oft genug also eine Entwicklung, die es eigentlich gar nicht gegeben hat - mit Blick auf das Dorf die, dass der allgemeine Wohlstand ausgebrochen ist.
"Wir fürchten uns viel zu viel"
Von Guido Kleinhubbert

UniSPIEGEL 2/2012
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