09.02.2013

Die Sex-Lehrer

Medizinstudenten ziehen durch Schulen, um mit Teenies über Geschlechtsverkehr und Verhütung zu reden. Dabei ist ihnen klargeworden, dass deutsche Klassenzimmer pornoverseuchte Zonen sind.
Penis, Vagina, Sex. Auf diese drei Wörter haben sich die 29 Mädchen und Jungen der achten Klasse des Hamburger Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums geeinigt, sie sollen in den folgenden Unterrichtsstunden verwendet werden. Alena Laschtowitz, Medizinstudentin im fünften Semester und heute eine Art Sex-Lehrerin der 13- bis 14-Jährigen, lässt die Wörter groß an die Tafel schreiben. Sie erzählt, dass ein paar Tage zuvor Schüler einer anderen Schule dasselbe Thema mit anderen Begriffen diskutieren wollten: Schwanz, Muschi und ficken. "Aber das ist völlig egal", sagt sie.
Mit den Schülern macht die Studentin nun Regeln aus, die ebenfalls an die Tafel kommen: ausreden lassen, niemanden auslachen, Notlügen sind erlaubt. "Ansonsten gibt es keine Tabus", sagt Laschtowitz. Die 25-Jährige ist an diesem Vormittag mit vier Kommilitonen ans Ossietzky-Gymnasium gekommen, um über Sex zu sprechen. Die Medizinstudenten arbeiten ehrenamtlich für das Projekt "Mit Sicherheit verliebt", eine Initiative der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland. Es ist der Versuch, den Aufklärungsunterricht zu entstauben und mit den Schülern auf Augenhöhe zu reden - und auf eine problematische Entwicklung zu reagieren. Viele Teenies von heute sind quasi pornoverseucht: Sie glauben fälschlicherweise, schon so ziemlich alles über Sex zu wissen - und stehen mächtig unter Leistungsdruck. "Was Analverkehr oder Fisten ist, wissen fast alle", sagt Laschtowitz, "ziemlich ahnungslos sind die Schüler aber zum Beispiel über das, was im Körper bei der Menstruation passiert. Oder wie lange eine Pille wirkt."
Zur Unwissenheit gesellt sich etwas anderes - nämlich ein völlig verschrobener Blick auf das, was im Bett so abgehen muss. Viele halten es nach ausgedehntem YouPorn-Konsum für normal, wenn man als Mann eine halbe Stunde in sechs verschiedenen Stellungen rammeln kann, ohne zu kommen. Oder wenn man als Frau allzeit bereit ist und alles mit sich machen lässt.
Aufklärung im Stil des Frontalunterrichts, das wissen die Medizinstudenten, funktioniert nicht. Sie lassen einen Stuhlkreis bilden, und zur freien Rede der Schüler gehört, dass die Klassenlehrerin den Raum verlässt. Zunächst klären die angehenden Ärzte über Krankheiten auf. Das ist wichtig - denn viele Jugendliche wissen zwar, was ein Cumshot ist oder die 69er-Stellung, aber nicht, wie sie eine Ansteckung etwa mit dem HI-Virus verhindern können.
Es folgt ein Ausflug in die Anatomie. "Wie viele Schamlippen hat die Frau?", fragt Laschtowitz in die Runde. "Zwei", glaubt ein Junge, "vier" ein anderer. "5000", antwortet ein Dritter, aber der möchte nur ein Witzchen machen. "Ich finde es gut, dass Sie hier sind", sagt eine Schülerin zu den Medizinstudenten, "die Jungs haben nämlich überhaupt keine Ahnung von unserem Körper."
Das Projekt "Mit Sicherheit verliebt" hat eine starke Resonanz gefunden, deutschlandweit gibt es inzwischen 30 lokale Gruppen, die in Schulen ziehen. Mehr als 750 Studenten ließen sich für die Aufklärungsstunden schulen. Die Aids-Hilfe und das Bundesgesundheitsministerium fördern die Initiative.
In Hamburg stehen jetzt noch die Überraschungen aus dem "Grabbelsack" auf dem Programm. Die Schüler sollen hineingreifen, einen Gegenstand herausziehen und beschreiben, was sie da in der Hand halten. Ein Schwangerschaftstest kommt zum Vorschein, ein Vaginalring und eine Pille zur Empfängnisverhütung. Als ein Gleitgel aus dem Sack gezogen wird, fragt ein Schüler, ob es zum Verzehr geeignet sei.
Am Schluss verlassen die Mädchen das Klassenzimmer und üben nebenan, ein Kondom über einen Holzpenis zu ziehen. Die Jungen nutzen die Zeit, um sehr persönliche Fragen loszuwerden. "Was passiert, wenn ich keinen hochkriege?", fragt einer. "Vielleicht sollte man der Frau sagen, dass sie nicht schuld daran ist", fällt einem ein. "Und außerdem sollte man sich selbst nicht so unter Druck setzen." -
Von Jonas Leppin

UniSPIEGEL 1/2013
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