08.04.2013

Nette Spinner

In Witzenhausen bauen Öko-Studenten Gemüse an und predigen den Verzicht. Bei Mitbürgern gelten sie als Sonderlinge. Doch vielleicht sind sie die beste Chance, die das Städtchen hat.
Witzenhausen in Hessen, 40 Kilometer von Kassel entfernt. Der Regionalexpress fährt mit Verspätung ein, die Ankunftshalle ist verwaist. Wer nicht auf den Bus warten will, geht am besten zu Fuß die zehn Minuten in den Ort. Dort gibt es einen Kopfsteinpflaster-Marktplatz und leerstehende Ladenlokale mit eingeschlagenen Fensterscheiben. Fragt man die Leute hier, wie die Gegend so ist, sagen sie meist: strukturschwach.
Die Arbeitslosenquote liegt mit 6,3 Prozent über hessischem Durchschnitt, die Einwohnerzahl sinkt jährlich um über 120. Knapp 15500 Menschen leben noch hier, davon sind 3500 älter als 65. Witzenhausen schrumpft - und vergreist. "Für viele ist das nichts hier", sagt Farid. "Aber für Leute mit Visionen, für die ist Witzenhausen das Paradies."
Der 26-Jährige gehört der Transition-Town-Bewegung an: einer Gruppe Menschen, die sagt: Moment mal, es reicht. Das Polareis schwindet. Wir blasen mehr CO₂ und Methan in die Atmosphäre denn je. Wir verbrauchen zu viele Ressourcen. Das Erdöl, der Treibstoff unserer Wirtschaft, geht bald zur Neige. Und dann? Die Transition-Town-Aktivisten wollten ihre Wohnorte in eine "postfossile Gemeinschaft der Zukunft" verwandeln, sagt Farid, während er durch Witzenhausen führt.
Wie das in der Praxis funktionieren soll? Eigentlich sind die Antworten naheliegend: weniger Energieverbrauch und Verschwendung, die lokalen Wirtschaftskreisläufe stärken. Kaputtes reparieren, mehr selber machen. Weniger kaufen - und schon gar nichts aus der billig produzierenden Ferne.
Vielleicht ist Witzenhausen der ideale Ort für Weltverbesserer wie Farid. Nicht nur, weil Veränderungen ja oft im Kleinen beginnen. Auch weil es hier eine Nebenstelle der Universität Kassel gibt, an der man unter anderen den Studiengang "Ökologische Landwirtschaft" belegen kann.
Wer hier studiert, so wie Farid, mag McDonald's nicht, mag Flugzeuge nicht, mag Autos nicht und garantiert auch keine Supermarktketten; er ist gegen Atomkraft und Gentechnik und setzt auf Windkraft, Solarstrom und Bio-Landwirtschaft. Mit der Landwirtschaft haben die Transition-Towner schon begonnen. Sie pflanzen Kürbisse, Brokkoli und Zwiebeln. Bis vor kurzem unterhielten Farid und seine Mitstreiter einen Gemeinschaftsacker mitten in der Stadt, auf dem jeder Einwohner sein eigenes Gemüse anbauen durfte, doch dann musste der Acker einem Altersheim weichen. Nach langen Diskussionen fanden sie einen Kompromiss mit den Betreibern: Ein Teil der Fläche wird in Zukunft gemeinsam mit den Senioren bewirtschaftet - "Mehrgenerationen-Garten" heißt das Projekt.
Begründer der Transition-Town-Bewegung ist der 44-jährige Ire Rob Hopkins. Der Dozent für ökologisches Bauen begann 2004, sich mit dem Problem "Peak Oil" auseinanderzusetzen, angeblich dem Gipfelpunkt der Ölförderung. "Die Zeit ist reif. Wenn dein Haus brennt, solltest du einen Weg nach draußen finden", sagt er. Seither kreist sein Leben um die Revolution, die ins postfossile Zeitalter führt. 2006 wurde aus seiner Heimatstadt Totnes die "Transition Town Totnes. TTT".
Das war der Anfang. Inzwischen haben 420 Kommunen in über 30 Ländern den offiziellen Status "Transition Town", die meisten in Großbritannien, den USA und Kanada, 8 sind es in Deutschland.
Mehr als 40 Prozent der 910 Studenten in Witzenhausen kommen nicht aus Deutschland. Junge Menschen mit über hundert verschiedenen Nationalitäten studieren hier. Die Chancen, nach dem Abschluss einen Job zu bekommen, sind gut: Erhebungen der Universität Kassel haben ergeben, dass 70 Prozent der Absolventen sechs Monate nach der letzten Prüfung in einem Beruf arbeiten, der ihrer Ausbildung entspricht: zum Beispiel als Berater für Öko-Unternehmen, in der Vermarktung von Bio-Lebensmitteln oder im Tier- und Naturschutz.
Die meisten Studenten sind hier, weil sie etwas bewirken wollen, aber natürlich setzen nicht alle ihre Ideen so radikal um wie Farid. Nach dem Abitur nahm der Halb-Syrer sein Fahrrad und seine Gitarre und fuhr drauflos. Einmal radelte er von Solingen bis nach Syrien. Schon damals war er stolz, nur mit dem Rad unterwegs zu sein. Fahrradfahren heißt: alles aus eigener Kraft erreichen, ohne der Umwelt zu schaden. Als Farid zurückkam, wollte er die Welt verändern.
Damit ihm und den anderen Aktivisten das gelingt, gibt der Dachverband der Transition-Town-Bewegung Handbücher für den Wandel heraus und hat für Nachahmer einen Stufenplan entwickelt - von Stufe eins, "Bildung einer Initiativgruppe", bis zwölf, "Energiewende-Aktionsplan".
Folgt man den Schritten Farids und seiner Kommilitonen Hendrik, Silvia und Jan, stößt man auf viele kleine Projekte, die den Wandel vorantreiben: Mit dem Slogan "Unvergessbar Essbar" zum Beispiel bewerben die Aktivisten gemeinschaftliche Ernte- und Einmachaktionen, das Teilen und Beackern von Privatgärten und das Pflanzen von Gemüse und Beeren entlang den Straßen. Beim Rundgang durch Witzenhausen pflückt sich Farid einige Blätter Minze für den Tee am Abend.
Mancher in der Stadt tut die Aktionen der 20 Transition-Aktivisten immer noch als nette Spinnerei ab. Bürgermeisterin Angela Fischer etwa freut sich, "dass die Bio-Aktionen zwar eine gute Werbung für die Stadt" seien, und stellt den Townern deshalb auch einen Raum im Rathaus als Treffpunkt zur Verfügung. "Aber natürlich können wir nicht jedes Projekt unterstützen - Realpolitik schaut anders aus."
Dabei sind die Ergebnisse von Farid und seinen Mitstreitern teils schon sehr real: Allein durch einen großen Garten vor den Toren der Stadt versorgen sieben Gärtner der Initiative inzwischen 80 Witzenhausener ganzjährig mit Gemüse - ohne lange Transportwege, zu erschwinglichen Preisen. Jan sagt, es gehe darum, ihre Stadt unabhängiger von allem zu machen, was man nicht beeinflussen könne.
Dass sie die Skeptiker in der Stadt nicht über Nacht überzeugen können, weiß auch Hendrik: "Es geht nicht darum, den Menschen eine Strategie aufzuzwingen, wir sind ja keine Öko-Diktatur", sagt er. Sie seien nur jene, die das Umdenken anregten.
Deshalb veranstalten Farid, Silvia, Hendrik, Jan und die anderen Witzenhausener Transition-Anhänger Gesprächskreise, Info-Abende und Vorträge. Bald will die Bewegung einen Raum für die Allgemeinheit öffnen. Eine Mischung aus Café, Nachbarschaftstreff, Tagungsstätte, Büro. Eine Werkstatt, in der an der Zukunft geschraubt wird, am Paradies. An einer Utopie? Vielleicht. Könnte aber auch sein, dass die Saat aufgeht.-
Von Boris Breyer

UniSPIEGEL 2/2013
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