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Fotostrecke: Am älstesten Studentenstammtisch der Welt

Foto: Natalie Neomi Isser

Studenten nachts in Freising Zum Nageln vors Klo

Was passiert in Unistädten, wenn es dunkel wird? Johan Dehoust isst XXL-Schnitzel, trinkt bananiges Starkbier und verliert im Nageln. Eines Nachts in: Freising.

20.05 Uhr: Auf dem Papier verspricht Freising die pure Eskalation. Es ist die jüngste Stadt Bayerns mit einem Altersdurchschnitt von 40,6 Jahren. Gleich zwei Hochschulen behakeln sich am Fuße des ehemaligen Klosters Weihenstephan, die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf und das Wissenschaftszentrum der Technischen Uni München, kurz HSWT und TUM. Dann sind beide auch noch berühmt dafür, Bierbrauer auszubilden! Und doch bin ich skeptisch, als ich Adrian - blaue Multifunktionsjacke, Vollbart, gebürtig aus dem schwäbischen Günzburg - am Bahnhof treffe, um mir von ihm Freisings Nachtleben zeigen zu lassen. Grund dafür: München. Der Hauptbahnhof der Landeshauptstadt liegt nur eine Dreiviertelstunde mit der S1 entfernt. Was, wenn die knapp 10.000 Studenten zum Feiern alle dorthin verschwinden?

20.45 Uhr: Meine Zweifel schrumpfen. Ich sitze mit Adrian, der an der HSWT Forstingenieurwesen studiert, im Wirtshaus "Weißbräu Huber", in dem freitags der älteste Studentenstammtisch der Welt stattfinden soll. Seit 125 Jahren, behauptet der Kellner, der selbst der Landsmannschaft Bavaria angehört, die besagten Stammtisch organisiert. Zu uns gesellen sich erst Friederike, dann Johannes, Eva und Melli. Ich malme XXL-Schnitzel für 10,95 Euro - super Grundlage! - und höre den anderen zu, wie sie über den weiteren Verlauf des Abends diskutieren. Ich staune. Es scheint mehr Optionen zu geben, als ich dachte. Zum Feiern nach München fahren sie jedenfalls nur selten. Reizt sie nicht. Wirkt so, als hätte Freising seine eigene, ziemlich derbe Partykultur entwickelt.

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Fotostrecke: Am älstesten Studentenstammtisch der Welt

Foto: Natalie Neomi Isser

22.15 Uhr: Wir ziehen weiter ins "Furtnerbräu", eine uralte Kneipe, die vor ein paar Jahren gebrannt hat, das bezeugen die immer noch leicht verkohlten Fensterrahmen. Die langen Biertische sind alle besetzt. Es ist so voll und laut, dass es nicht verwundert, was Adrian erzählt: Das Furtnerbräu sei der Tinder-Treff der Stadt, hier könne man sich näherkommen, ohne groß aufzufallen. Ich bestelle "Vitus", ein Starkbier der Weihenstephaner Brauerei, von dem die Gruppe schon mehrmals geschwärmt hat. Es hat bei den "World Beer Awards" Gold gewonnen. Und es schmeckt wirklich gut, bananig irgendwie.

22.40 Uhr: Ich merke, wie viel Alkohol das milde Vitus beeinhaltet: Adrian, Melly und Eva fordern mich im Nageln heraus, eine Tradition, die mir als Norddeutscher fremd ist; hier ist sie angeblich üblich. Wir stehen um einen Baumstamm vor den Toiletten herum, vor jedem von uns steckt ein Eisennagel ganz leicht und wackelig im Holz. Ein Hammer wird herumgereicht, und wir schlagen abwechselnd immer einmal zu - unpraktischerweise mit der falschen, der spitzen Seite des Hammers. Wessen Nagel als Letztes noch herausguckt, hat verloren. Ich gebe mir wirklich Mühe, das Ergebnis aber ist kläglich. Ich malträtiere das Holz, verbiege den Nagel. Als alle anderen längst jubeln, hat meiner sich noch keinen Millimeter bewegt. Klare Niederlage, ich muss eine Runde schmeißen.

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Foto: DER SPIEGEL

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23.20 Uhr: Im "Carlitos" röhrt Papa Roach aus den Boxen, und der cocktailmixende Betreiber spricht ein leidiges Thema an: die vielen lärmempfindlichen Nachbarn, alteingesessene genauso wie zugezogene. Ein paarmal auf der Straße gejohlt, die Musik etwas lauter aufgedreht, und sie riefen die Polizei. Ruhestörung! Bedenkliche gesellschaftliche Entwicklung, findet er. Adrian stimmt zu: "Das habe ich in den dreieinhalb Jahren, die ich hier bin, bestimmt schon zehnmal erlebt." Er führt es auf den Dom und den über Jahrhunderte in Freising verankerten Konservatismus zurück.

0.25 Uhr: Im "Schneiders", einer eher funktional eingerichteten Studentenkneipe, stehen die dunklen Holzstühle schon auf den Tischen. Wir sind zum Glück auch nicht wegen der Möbel hier: Die Gruppe besteht darauf, dass ich einen Bierpass ausgestellt bekomme, eine Stempelkarte, auf der die 48 verschiedenen Sorten des Lokals aufgelistet sind. "Jeder in Weihenstephan muss sie einmal vollkriegen", behauptet Johannes. "Ehrensache quasi." Zeit dafür hat man ein Jahr lang. Zur Belohnung gibt's einen Meter Bier vom Fass und eine große Pizza. Immerhin: Den ersten Stempel bekomme ich hier noch.

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Foto: Alexandra Polina

1.30 Uhr: Friederike verabschiedet sich, sie muss morgen früh raus. Wir anderen ziehen weiter in eine der vier Wohnheimbars. Eigentlich dürfte sie nicht mehr geöffnet haben, Gerüchten zufolge gab es Ärger, weil zu ausschweifend gefeiert wurde. Für uns macht der Barmann eine Ausnahme. Es kommt zum Duell am Kickertisch: Fotografin Natalie und ich gegen Lukas und Jakob, die Gewinner des letzten Wohnheimturniers. Das Ergebnis nach optimistisch geschätzten zwei Minuten lautet 0 zu 6. Darauf einen Blutwurz, einen fiesen Kräuterlikör.

2.50 Uhr: "Wenn nichts mehr geht, musst du zu Schmucki ins 'Bierstürberl', der hat immer einen guten Rat für dich", lallt Johannes. Klingt zauberhaft. Aber als wir ins Bierstüberl kurven, fehlt Johannes plötzlich, genauso wie Eva. Müssen irgendwo abgebogen sein. Auch Schmucki ist nicht da. Den weisen Rat werde ich mir wohl beim nächsten Mal holen müssen.

3.15 Uhr: Das letzte Helle - dann der Rückweg nach München, wo ich übernachte. War der Hinweg nicht viel kürzer? Ich ziehe meine verknitterte Stempelkarte aus der Jackentasche. Noch 47 Biere bis zur Pizza, challenge accepted.

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