Der SPIEGEL

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17. Januar 2018, 15:06 Uhr

Studenten im Heidelberger Nachtleben

Bloß keinen "warmen Erpel" trinken

Spätestens um 4 Uhr morgens ist in Heidelberg Schluss mit Party: Es gilt eine strenge Sperrstunde. Christian Andersch hat getestet, was man bis dahin alles erleben kann.

20.00 Uhr: Heidelberg sieht selbst bei fiesem Nieselregen noch hübsch aus. Zu Glockengeläut schlendern wir durch die Altstadt. Abends locken hier zahllose Kneipen viele der über 30.000 Studierenden an - sehr zum Missfallen der Anwohner. Eine Initiative namens LindA (Leben in der Altstadt) hat daher strengere Sperrzeiten durchgesetzt - sehr zum Missfallen der Studenten.

Ich habe selbst in Heidelberg studiert, bin aber vor drei Jahren weggezogen. Damals konnte man gefühlt ewig feiern. Jetzt ist unter der Woche um zwei Uhr Schluss, am Wochenende um vier. Wie streng es im Heidelberger Nachtleben wirklich zugeht, wollen wir heute herausfinden. Mit dabei: mein Studienkumpel Daniel, Miriam und Julia. Acht Stunden bleiben uns. Die Uhr tickt.

20.10 Uhr: Wir brauchen eine Grundlage. Die gibt es zuverlässig im "Vater Rhein", einem rustikalen Gasthaus unweit des Neckarufers: Spaghetti Bolognese für 1,90 Euro. Das schafft nicht mal die Mensa. Wir nehmen Platz, ordern Nudeln und eine erste Runde Bier.

21.32 Uhr: In der "Maxbar" am Rathausmarkt müssen wir stehen. Emailleschilder mit französischen Aufschriften verschaffen der Bar ein Pariser Flair. Hübsch, aber zu voll. Nach einem Bier und einer Zigarette ziehen wir weiter.

22.00 Uhr: Noch sechs Stunden bis zur Sperrstunde, Zeit für einen Besuch im "Orange". Im Orange ist alles orange, sogar das Hemd von Wirt Osama. Die Kneipe ist ein Gegenentwurf zur spießigen Altstadt: viel zu klein, viel zu laut, viel zu verraucht und trotzdem sympathisch.

Wir bestellen Bier und stehen auch hier. Für das Länderspiel, das ohne Ton läuft, interessiert sich niemand. Wozu auch, es steht 0:0. "Das Orange hat ein Problem: Es ist eigentlich immer voll", kommentiert Daniel. Noch nie, wirklich noch nie hatte er hier einen Tisch. Nach 45 Minuten ist es dann doch so weit: Daniel kann sein Glück kaum fassen. Osama kommt auf einen Plausch vorbei. An den Sperrzeiten stört er sich nicht, sagt er, er schließt sowieso um drei Uhr. Aber als er ein offenes Fenster entdeckt, bittet er, es zu schließen. Zu laut.

23.15 Uhr: Aus dem "Zum Brückenaff" dröhnt uns billiger Schlagertechno entgegen - nichts wie rein! Faris, der Wirt, ist zu Scherzen aufgelegt und bittet uns, die Schuhe auszuziehen. Dann weist er uns eine runde Sitzecke zu vor urigen Kirchenfenstern - mit kleinen Affen im Glas. Der Brückenaffe, lernen wir, ist eine Bronzefigur an der berühmten Alten Brücke, die den Besuchern Heidelbergs zur Begrüßung den blanken Affenpo entgegenstreckt.

23.40 Uhr: Es brennt auf dem Tresen. Faris hat aus Gläsern einen Brunnen für Hochprozentiges gebaut, das jetzt lichterloh die Säule herunterfließt. Wie der Trick geht, will ich wissen. "Kannst du etwas für dich behalten?" Ich nicke. Faris: "Siehst du, ich auch!" Schweren Herzens brechen wir auf. Uns bleiben vier Stunden.

0.23 Uhr: "Wo feiern eigentlich die Burschis?", fragt Miriam. In Heidelberg gibt es etliche Verbindungen. Wenn sie nicht in ihren Villen trinken, treffen sie sich im "Schnookeloch", getreu dem Motto, das innen an der Decke prangt: "Mindescht ämol in der Woch', da geht der Mensch ins Schnookeloch."

0.40 Uhr: Fünf Burschenschaftler sind außer uns die einzigen Gäste. "Du hast doch meine Ersteinführung gemacht!", höre ich plötzlich. Tobias saß vor Jahren bei mir im Tutorium. Jetzt hockt er vergnügt vor seinem Bier, drei gestreifte Bänder zieren seine Brust. Elf Kämpfe hat er bei der Alten Leipziger Landsmannschaft Afrania, einem pflichtschlagenden Männerbund, schon ausgefochten. Zwei Narben auf der Stirn zeugen davon. Eine Höllenangst haben alle vor dem Fechten, verrät Tobias.

2.10 Uhr: Wir haben Hunger! Wir steuern das "Stuzzico" an, dort gibt es Pizza aus dem Steinofen. Beliebt bei Feiernden: schnell noch ein Stück Pizza ins benachbarte "Drugstore" mitnehmen, eine - natürlich verrauchte - Kneipe, die mampfende Gäste gern aufnimmt. Nur uns nicht: Als wir einkehren wollen, verriegelt der Barkeeper gerade die Tür. Zu spät. "Allenfalls ein Wegbier" bietet er uns an.

2.30 Uhr: Wir wollen tanzen! Unsere Wahl fällt auf die "Destille". Es laufen die White Stripes. Typen, die mindestens so oft die Muckibude besuchen wie die Destille, tanzen auf den Tischen - wohl, weil auf dem Boden so viele Scherben liegen. Oder liegt dort so viel Glas, weil alle auf den Tischen tanzen? Ich sinniere kurz über dieses Henne-Ei-Problem, bis ein Tablett "Warmer Erpel" herumgereicht wird, eine lokale Schnapsspezialität, von der niemand so genau wissen will, was drin ist. Ich verzichte dankend. Julia und Miriam, die beherzt zugreifen, verziehen angewidert das Gesicht. Anfängerfehler!

3.43 Uhr: Die Destille leert sich, auch wir wollen weiter. Vielleicht hat nach vier Uhr doch noch was auf? Dann kippt die Stimmung: Ein Mann mit dunkler Haut wird ziemlich rustikal nach draußen befördert. Er soll einer Frau zwischen die Beine gefasst haben. Der Mann protestiert, und außerdem sei seine Jacke noch drinnen.

3.55 Uhr: Daniel, den wir vergessen hatten, torkelt ebenfalls ohne Jacke aus der Destille. Er will neben seiner eigenen noch die Jacke des Beschuldigten holen, doch die Türsteher lassen ihn nicht. Der hinzugerufene Barkeeper beklagt mit Blick auf den Mann, dass es beinahe jedes Wochenende Probleme "mit denen" gebe.

4.02 Uhr: Als die Destille schließt, darf Daniel die beiden Jacken aus dem leeren Laden holen. Der Tumult löst sich auf. Auch wir treten den Heimweg an. Nach Weiterfeiern ist uns nicht zumute. Und schließlich ist jetzt ja auch Sperrstunde.

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