Der SPIEGEL

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11. Februar 2019, 15:02 Uhr

Junge Aktivisten

Hongkongs letzte Hoffnung

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Der 22-jährige Joshua Wong kämpft gegen das autoritäre China. Dafür geht er sogar ins Gefängnis. Welche Chance bleibt ihm, gegen die Supermacht zu protestieren?

Nackt hockte Joshua Wong auf dem Gefängnisboden, die Beine gespreizt, bis die Wärter ihn durchsucht hatten. Er, der sonst immer so stark war, fühlte sich ausgeliefert. Würdelos. "Sie behandelten mich wie einen Hund. So etwas sollte kein Mensch ertragen müssen", sagt er.

Fast drei Monate verbrachte Joshua, 22, hinter den Mauern der "Pik Uk Correctional Institution", einem Gefängnis für junge Straftäter im Osten von Hongkong. Der bekannteste Aktivist der Stadt: verurteilt wegen angeblicher illegaler Versammlung. Die Monotonie des Gefängnisalltags habe ihn zermürbt, erzählt er. "Du musst kein einziges Mal deinen Kopf benutzen. Von morgens bis abends ist alles durchgeplant." Um nicht durchzudrehen, schrieb er Tagebuch.

Bis zu seiner Haft verlief Joshuas Leben so, als hätte es sich Hollywood ausgedacht: Mit 15 Jahren gründete er eine Schülerbewegung. Mit 17 sprach er vor Zehntausenden Menschen, die monatelang in Hongkongs Häuserschluchten kampierten. "Regenschirm-Revolution" nannten die Medien diese Proteste für mehr Demokratie. Wegen der bunten Schirme, mit denen sich die Menge vor dem Pfefferspray der Polizei schützte.

Die Aktivisten hatten sich mit einem mächtigen Gegner angelegt: China, der größten Autokratie der Welt. "David gegen Goliath", wie Joshua sagt. Die chinesische Regierung zensiert das Internet und kontrolliert die Medien. Sie wacht über die Bürger wie Big Brother und bestraft jeden, der anders denkt.

Junge Hongkonger sind dagegen westlich aufgewachsen, mit freiem Internet, anderen Filmen und anderer Musik als ihre Altersgenossen im chinesischen Kernland. Die Angst, dass Hongkong so werden könnte wie China, hatte die Demonstranten im Herbst 2014 auf die Straße getrieben.

Wankendes Konstrukt

Als Joshua Wong geboren wurde, war Hongkong eine britische Kronkolonie. Großbritannien hatte Hongkong im 19. Jahrhundert besetzt. Im Juli 1997, ein Dreivierteljahr nach Joshuas Geburt, gaben die Briten die Stadt an China zurück. Obwohl nun ein offizieller Teil Chinas, blieb Hongkong ein Schutzraum der Freiheit. Denn China hatte versichert, die unabhängige Justiz sowie die Meinungs- und Pressefreiheit nicht anzutasten. Bis vor vier Jahren hielt sich die Regierung in Peking weitgehend daran. Dann forderten die Regenschirm-Proteste das Regime heraus. Das fragile Konstrukt "ein Land, zwei Systeme" geriet ins Wanken.

Seither ist viel passiert. Joshua wurde für den Friedensnobelpreis nominiert. Das amerikanische "Time"-Magazin druckte sein Gesicht auf dem Cover. Während er zu einer Berühmtheit wurde, schlug die Stimmung in Hongkong um. Politische Reformen blieben aus, etliche Aktivisten landeten für relativ kleine Vergehen im Gefängnis. Joshua kam Anfang des Jahres auf Kaution frei. Weil die Behörden seinen Pass einkassierten, kann er Hongkong nicht verlassen. Er ist jetzt Vollzeitaktivist. Politikwissenschaft studiert er nur noch nebenbei.

An einem schwülen Sommertag hetzt Joshua die Treppen der U-Bahn-Station Wan Chai hoch, ein junger Mann mit T-Shirt und Brille. Ein bisschen nerdig, aber ziemlich unauffällig. Eigentlich. Gleich am Ausgang wird Joshua erkannt. Ein paar Aktivisten, die gegen irgendwas demonstrieren, haben dort einen Stand mit Plakaten aufgebaut. "Hi, Joshua", rufen sie. Ob er da sei, um sie zu unterstützen? "Keine Zeit", antwortet Joshua und verschwindet im Getümmel der Stadt.

Von Journalisten wird er oft gefragt, ob Mahatma Gandhi oder andere Freiheitshelden sein Vorbild seien. Solche Vergleiche möge er nicht, erzählt er, als er wenig später in einem Schnellrestaurant sitzt und eine Lasagne hinunterschlingt. "Ich bin nicht Gandhi, ich bin Joshua Wong."

Bedrückende Armut

Es stimmt: Joshua ist weder so ein mitreißender Redner wie einst Martin Luther King noch ein Charismatiker wie der verstorbene Nelson Mandela. Wenn er mit Menschen spricht, vermeidet er Augenkontakt. Andererseits wirkt Joshua wie jemand, der bereit ist, bis zum Ende für eine Sache zu kämpfen.

Sein Traum ist ein freies und selbstbestimmtes Hongkong. Ein Ort, an dem die Menschen gern leben wollen. Heute ist die soziale Spaltung in Hongkong so groß wie in kaum einer anderen asiatischen Stadt. Unvorstellbarer Reichtum prallt auf bedrückende Armut.

Joshua ist ein Mittelschichtskind, seine Eltern arbeiten in der Verwaltung. Wie die meisten jungen Hongkonger wohnt er noch zu Hause, in einem der riesigen Hochhaustürme im Süden der Stadt. Weil die Mieten absurd hoch sind, kann sich fast niemand unter 30 eine eigene Wohnung leisten. "Wir sind Maschinen, die versuchen, irgendwie nach oben zu kommen", sagt Joshua.

Viele aus seiner Generation fühlen sich vom Leistungsdruck zerrieben. Die Eltern erwarten, dass ihre Kinder in der Schule und an der Uni ganz vorn landen und so die soziale Leiter hinaufklettern. In der Realität finden sie nach dem Abschluss oft nur schwer einen guten Job.

Spürbarer Einfluss Chinas - auch an Schulen

Er habe sich irgendwann gefragt, ob er die Regeln dieses Spiels ändern könne, sagt Joshua, der gläubiger Christ ist. "Das Leben hat noch einen anderen Wert als Geld und Status." Freiheit zum Beispiel.

Seit der Regenschirm-Revolution mischt sich China immer stärker in Hongkong ein. Neulich verlor ein britischer Journalist sein Arbeitsvisum, nachdem er eine Podiumsdiskussion moderiert hatte, bei der ein Unabhängigkeitsaktivist zu Gast war. Über Nacht verschwanden fünf kritische Buchhändler, mutmaßlich entführt vom chinesischen Sicherheitsapparat.

Aber auch dort, wo es weniger Schlagzeilen gibt, ist Chinas Einfluss zunehmend spürbar: an den Schulen. "Früher wurde in den Lehrbüchern auch Chinas Ein-Parteien-Herrschaft thematisiert", sagt Joshua. Dieser und anderer kritischer Stoff könnte aus den Lehrplänen verschwinden. Joshua spricht von "Gehirnwäsche".

Er fürchtet auch um die "traditionelle Kultur". Damit ist vor allem die Sprache gemeint. Die Menschen in Hongkong sprechen überwiegend Kantonesisch, viel weniger Mandarin. Die Sprache ist der wichtigste Teil ihrer Identität, etwas, das sie unüberhörbar von Festlandchinesen unterscheidet.

Schwierige Jobsuche

Viele Hongkonger halten die Nachbarn aus dem Norden für arrogant und unhöflich. Über die neureichen Chinesen, die nur in die Stadt kommen, um die Luxusboutiquen leer zu kaufen, rümpfen sie die Nase. Junge Hongkonger fühlen sich bei der Jobsuche benachteiligt, weil einige Konzerne lieber Mandarin-Muttersprachler einstellen.

"Wenn wir auf den Bus warten, stellen wir uns in eine Reihe. Chinesen drängeln sich einfach vor", sagt die Aktivistin Yau Wai-ching. Sie fühle sich fremd in ihrer Heimatstadt, überrannt von Festlandchinesen, die massenweise nach Hongkong strömten. Das klingt gefährlich nach der Rhetorik der AfD. Doch viele Hongkonger denken so. Überheblichkeit mischt sich mit Angst, nationalistische Ressentiments mit der berechtigten Sorge über die Macht Chinas.

Es ist noch nicht lange her, da war Wai-ching, 27, eine normale Büroangestellte, die sich kaum für Politik interessierte. Noch heute ist es leicht, sie zu unterschätzen: Mit ihren großen dunklen Augen sieht sie aus wie die Heldin eines Manga-Comics. Auf Instagram postet sie Selfies und Katzenfotos.

In Wirklichkeit ist Wai-ching eine der radikalsten und umstrittensten Aktivistinnen der Stadt. Während der Regenschirm-Revolution schlief sie in einem Zelt im Bankenviertel. Als sie sah, wie harsch die Polizei mit den überwiegend friedlichen Demonstranten umging, war sie entsetzt. Danach ließ sie sich ins Hongkonger Parlament wählen.

Doch ihre Karriere als Abgeordnete endete, bevor sie begonnen hatte. Während ihrer Vereidigung rollte sie ein blaues Transparent aus, auf dem in weißen Buchstaben "Hongkong ist nicht China" stand. Eigenmächtig änderte sie die Worte des Eids und nannte China die "verfickte" Volksrepublik. So laut, dass es jeder im Saal hören konnten. Wai-ching verlor ihren Sitz als Abgeordnete. Kurz darauf war sie an einer Rangelei im Parlament beteiligt. Im Frühjahr verurteilte sie ein Gericht dafür zu einem Monat Gefängnis.

Wut auf die Regierung

"Die Behörden sehen eine Gefahr in mir. Deshalb wollen sie mich wegsperren", sagt Wai-ching, als sie wenige Tage vor dem Antritt ihrer Strafe in einem Coffeeshop im Hongkonger Shoppingviertel sitzt. Draußen laufen Teenager mit Einkaufstüten vorbei. Drinnen erklärt Wai-ching, warum sie mit Politik vorerst nichts mehr zu tun haben will.

Chinesische Agenten hätten ihren Eltern nachgestellt, erzählt sie. Um sie zu denunzieren, hätten die Agenten das Gerücht verbreitet, sie kümmere sich nicht um ihre Eltern. Das hat sie getroffen. "Ich hasse die chinesische Regierung so sehr", sagt sie.

Auch Benny Tai hat erlebt, wie weit der Einfluss Pekings reicht. Das Büro des Juraprofessors an der University of Hongkong sieht aus wie eine Höhle: Die Bücherregale reichen bis zur Decke, in der Ecke lehnt eine Gitarre.

Tai war Mitorganisator der Proteste von 2014 und gilt als politischer Vordenker. Im Frühjahr wurde er deshalb nach Taiwan eingeladen, wo er darüber sprach, was mit Hongkong geschehen könnte, wenn die Ein-Parteien-Herrschaft in China womöglich irgendwann ende. Aus Sicht der chinesischen Führung sind allein solche Gedankenspiele schon ein Tabubruch.

Abhängige Hochschulen

Nachdem Tais Rede bekannt wurde, bezogen regierungsfreundliche Gruppen auf dem Campus Stellung und forderten Tais Entlassung. Eine Woche dauerten die Schikanen. "Ich habe nichts Verbotenes getan", sagt Tai. Er glaubt, dass China an ihm ein Exempel statuieren wollte. "Seht her, das passiert mit jemandem, der sich mit uns anlegt."

Tai behielt seinen Job, weil die Universitätsleitung hinter ihm stand. Das war nicht selbstverständlich. Eigentlich sind Hongkongs Hochschulen unabhängig. Aber auch das ändere sich gerade, erzählt Tai. Immer mehr Gremien würden mit pekingtreuen Leuten besetzt. "Es ist ein schleichender Prozess."

Hongkong ist im Vergleich zu seinem Nachbarn im Norden winzig, das ist das vielleicht größte Problem der Aktivisten. Rund 7,5 Millionen Bewohner stehen 1,4 Milliarden Chinesen gegenüber. Keine ausländische Regierung will es sich mit der Volksrepublik verscherzen, der zweitgrößten Wirtschaft der Erde und aufstrebenden Supermacht. Damit sich die Welt überhaupt für das Schicksal Hongkongs interessiert, braucht es Aufmerksamkeit. Berichterstattung. Eine gute Geschichte.

Anfrage von Netflix

Joshua Wong weiß das. Als Netflix ihn für die Dokumentation "Teenager gegen Supermacht" begleiten wollte, sagte er zu, auch wenn die Macher manches verdrehten und dramatisierten, wie er sagt. "Aber so funktioniert Hollywood. Meine Rolle ist es, in die Erzählung der Medien zu passen."

50 Jahre - bis 2047 - soll in Hongkong alles so bleiben wie es ist, das haben Briten und Chinesen vor Ende der Kolonialzeit ausgemacht. 21 Jahre sind seither vergangen. 29 Jahre bleiben noch, bis die Verabredung "ein Land, zwei Systeme" endet.

Noch hat Joshua also Zeit. Kürzlich ist er 22 geworden. Chinas Staatspräsident Xi Jinping, der Goliath in dieser Geschichte, ist 65.

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