Studenten im Nachtleben Wenn es dunkel wird in Kopenhagen

Was passiert in Uni-Städten, wenn es dunkel wird? Felix Schilling flieht in Kopenhagen vor Instagram-Fotografen, trinkt Fahrradöl und entdeckt den Spießer in sich.

Christian Lykking

20.56 Uhr: Wann Nacht ist und wann Tag, ist in Kopenhagen klar geregelt: Wenn die Sonne untergeht, wird von Nyholms Hovedvagt, einem Stützpunkt der dänischen Marine, eine Kanone in den Hafen gefeuert, und der Dannebrog, die dänische Nationalflagge, wird eingeholt. Die Nacht beginnt.

Knapp 150 Meter entfernt sitze ich mit meinen Kommilitoninnen Lena, Anne-Marie und Babette auf einer Kaimauer. Marcus fehlt noch. Zusammen wollen wir das Nachtleben erkunden. Rund 3000 Deutsche kommen jedes Jahr zum Studieren nach Kopenhagen, keine andere Nation ist stärker vertreten. Wir sind fünf von ihnen.

Was in Deutschland seit Jürgen Trittin (aka DJ Dosenpfand) deutlich weniger verbreitet ist, bildet hier nach wie vor einen Grundpfeiler des sozialen Lebens - Dosenbier: Gerade der Dreiklang "Irgendwo-Sitzen", "Auf-irgendwas-Schauen" und "Dosenbier trinken" ist im Sommer eine beliebte Abendbeschäftigung.

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Nachtleben in Kopenhagen: Angetrunken geradeaus radeln

21.19 Uhr: Unsere Gruppe ist vollzählig. Auf in die erste Bar. In Refshaleøen, dem alten Werften- und Hafenviertel, haben wir unzählige Möglichkeiten. Die schicken Kneipen sind in alten Werkstätten untergebracht, viele liegen direkt am Wasser. Die Gäste hocken auch hier auf Kaimauern, haben aber hippe Tapasschalen statt Dosenbier zwischen sich stehen.

Mit den Bars gibt es nur ein Problem: Sie sind viel zu voll. Seit hier vor ein paar Monaten ein Street-Food-Markt aufmachte, drängen sich in Refshaleøen junge, schöne Menschen. Und der Großteil von ihnen möchte sicherstellen, dass ihre Schönheit vor dem rauen Industriecharme der Hafen-Location lückenlos auf Instagram dokumentiert wird.

Als wir feststellen, dass unsere kleine, authentische Lieblingsbar namens "Baby Baby" neuerdings auf Plastikbecher umgestellt hat, um die Menschenmassen bewirten zu können, reicht es uns. Irgendwie ist das hier ein bisschen zu dolle. Wir ziehen weiter.

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22:37 Uhr: Fotograf Christian, der einzige Däne in unserer Wandergruppe, verordnet uns ein Kontrastprogramm zum Hipster-Hafenviertel: Gemeinsam radeln wir ins sechs Kilometer entfernte Vorstadtviertel Vesterbro, wo die Ur-Kopenhagener meist unter sich sind.

Wir betreten die Bahnhofskneipe "Jernbanecafeen", wo die treuesten Gäste mit Bild und Namen über ihrem Stammplatz verewigt sind. Sie schauen mäßig begeistert, als unsere internationale Gruppe in ihrem Revier aufschlägt. Fünf englisch sprechende Studenten samt Fotografen hat hier niemand vermisst.

Um die Vorbehalte aufzulösen, wagen wir uns an den hausgemachten Lakritzschnaps. Das Zeug schmeckt, wie Fahrradöl riecht - lockert aber merklich die Stimmung zwischen uns und dem Rest der Kneipe: Wir dürfen tatsächlich die schrullige Trinkhallen-Romantik fotografieren - und bestätigen damit wahrscheinlich alle Vorurteile.

00.18 Uhr: Um den Lakritzschnaps zu verwerten, brauchen wir etwas zu essen. Unsere Wahl fällt - es lebe das Klischee - auf den Hotdog-Stand auf der anderen Straßenseite. Zwei Wurstbrötchen mit Mayo, Gurken und Zwiebeln kosten 54 Dänische Kronen, umgerechnet 7 Euro.

Hier hinter dem Bahnhof holt Kopenhagen alles nach, was zu einer Metropole gehört, in der eleganten Stadt aber sonst nirgendwo Platz hat: Aus der Hotdog-Bude blicken wir auf eine Methadon-Ausgabestelle, den Straßenstrich und zahlreiche Koksdealer.

00.47 Uhr: Von der erfolgreichen Integration im "Jernbanecafeen" bestärkt, steuern wir den nächsten Geheimtipp an, diesmal stammt er von Lena: Wir landen in der Hinterhof-Cocktailbar "Lidkoeb". Warmes Licht und viel Holz begrüßen uns.

Spätestens mit Blick auf die Karte wird klar, dass wir die Schmuddelecke endgültig verlassen haben. Was wir durch unseren Dosenbier-Konsum gespart haben, investieren wir nun in "Lille fortun", "Hugorm" und "French Pearl". Die Cocktails bestehen alle irgendwie aus Ingwer und Gin, was hervorragend schmeckt - und endlich den üblen Nachgeschmack des Lakritzschnapses überdeckt.

01.27 Uhr: Für Exil-Berliner wie mich ungewohnt, für Menschen mit geregeltem Tagesablauf ein Segen: In Dänemark geht man früher aus als in der deutschen Partyhauptstadt. Daher soll die Berliner DJane Caleesi, die heute Abend in der Stadt ist, nicht um vier Uhr nachts auflegen, sondern schon um zwei. Der Spießer in mir reibt sich die Hände beim Gedanken an die Extrastunden Schlaf.

Und weil Kopenhagen nicht Berlin ist, finden wir Caleesi auch nicht in einem düsteren Underground-Club, sondern in einer alten Gemüsegroßmarkt-Lagerhalle, die an eine Mischung aus Augsburger Puppenkiste und Tanz-in-den-Mai-Scheunenfeier erinnert. Blöd nur: Um hinzukommen, müssen wir 35 Minuten mit dem Rad fahren. Die Dorfkinder unter uns beeindrucken mit der Schlüsselkompetenz "Angetrunken-geradeaus-Radeln".

04.23 Uhr: Der Berliner DJane ist herzlich egal, dass sie heute in Dänemark spielt - sie fängt trotzdem erst um vier Uhr an. Das sind wir nicht mehr gewöhnt, unsere Gruppe löst sich langsam auf. Auch ich schwinge mich aufs Rad. Am Horizont kündigt sich die Sonne an. Am Hafen werden sie in einer Stunde wieder den Dannebrog hissen.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Die Elixiere des Teufels 21.02.2019
1. War ja gar nicht Hipster...
Dosenbier, Lakritzschnaps, Hotdog, Musik in der Scheune... und angezählt Fahrradfahren. War das vielleicht doch nicht alles in Bielefeld oder vorm Daenischen Bettenlager in Paderborn?
troy_mcclure 22.02.2019
2.
Kopenhagen, ein schönes Städtchen. Die Geheimtipps, die mir gefallen, wurden glücklicherweise nicht genannt :-)
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