Von Beruf Pornodarsteller "Ich war schon immer eine Rampensau"

Nine to five, mittags in die Kantine? So wollte ein Mittzwanziger nicht arbeiten - und heuerte als Pornodarsteller an. Die ersten Jobs erlebte er wie im Rausch. Doch fast jeder Dreh ist riskant.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll"erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Ich gucke Pornos, seit ich elf bin. Diese düstere Welt faszinierte mich schon immer. Lange waren die Filmchen ein heimliches, verruchtes Hobby für mich - aber ein Beruf?

Nach der Schule hatte ich keinen Plan, wohin es mit mir gehen sollte. Zunächst studierte ich Philosophie und Komparatistik in Bochum, was mir nicht so richtig gefiel. Dann schrieb ich mich für Psychologie an der Fernuni Hagen ein. Doch auch das ödete mich an, ich brach ab.

Ich jobbte als Türsteher, Messebauer, machte ein Praktikum in einer Werbeagentur, aber nichts erfüllte mich. Vor allem hatte ich keine Lust, mich den Regeln einer normalen Berufswelt zu unterwerfen. Nine to five, Büro und Schreibtisch, mittags in die Kantine: So wollte ich nicht arbeiten.

Die ersten Drehs waren wie ein Rausch

Beim Rumdaddeln im Internet stieß ich per Zufall auf eine Dortmunder Agentur für Gangbang-Produktionen - und war irgendwie angefixt. Spontan bewarb ich mich für ein Praktikum hinter der Kamera. Der erste Tag am Set war irre. Wildfremden Menschen zuzusehen, wie sie schwitzend im Scheinwerferlicht Sex haben, riss mich mit.

Auch das Drumherum interessierte mich, die ganze Organisation der Drehs: das Casting der Darsteller, die Wahl der Kulissen und Requisiten und auch der Videoschnitt. Zum ersten Mal war ich nicht nach kurzer Zeit gelangweilt. Im Gegenteil: Ich wollte mehr.

Die männlichen Darsteller imponierten mir. Die hatten doch den besten Job von allen! Vielleicht wäre das ja auch etwas für mich? Ich sehe recht gut aus, finde ich, und war schon immer eine Rampensau. Angst vor Publikum kenne ich nicht. Vorsichtig klopfte ich bei der Agentur an, und tatsächlich durfte ich mich ausprobieren.

Die ersten Drehs waren wie ein Rausch: Es vor einer laufenden Kamera, vor einem Filmteam mit verschiedenen fremden Frauen zu treiben hatte einen Kick, den ich so vorher noch nicht erlebt hatte.

Ich bin jetzt 28 Jahre alt und drehe seit gut 18 Monaten, meine Filme tragen Namen wie "Perversionen der Lust". Ich bin endlich im Berufsleben angekommen - auch wenn nicht immer alles glattläuft.

Mitte 2015 etwa, bei meinem ersten großen Auftrag an einem Profiset: Die Produktionsfirma hatte eine prunkvolle Villa in Rumänien angemietet, zahlte den Flug, das Hotel. Das alles schüchterte mich so sehr ein, dass ich bei der zweiten Szene, die ich mit einer älteren Frau drehen sollte, Erektionsprobleme bekam.

Trotz Viagra keinen hochgekriegt

Ich versuchte es mit Viagra, aber das half nicht. Schließlich musste ein anderer Darsteller ran, ich wäre am liebsten im Boden versunken. Aber die Produzenten blieben entspannt und waren sehr freundlich. Am nächsten Tag klappte es dann zum Glück.

Später erfuhr ich, dass solche Pannen sehr häufig vorkommen und man sich deshalb nicht schämen muss. Die meisten Pornodarsteller sind Viagra-Dauerkonsumenten. Anders kann man die langen Drehtage kaum durchhalten. Los geht es in der Regel morgens um neun, Feierabend ist selten vor 20 Uhr.

In vielen Pornos gibt es keine Rahmenhandlung. Man dreht reine Sexszenen, sogenanntes Material, das später von Produzenten zu einem Film zusammengebaut wird.

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Ausgabe 5/2016

Detox, Baby!
Warum junge Menschen dem Rausch abschwören

Diesmal mit Geschichten über Entwicklungshelfer in Deutschland, genervte Profs und Erasmus in Teheran.
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Anfangs hängte ich mich mit so viel Eifer in die Arbeit, dass sich das negativ auf mein Privatleben auswirkte: Ich hatte so häufig Sex, dass ich echte Zärtlichkeiten mit meiner Freundin nicht mehr genießen konnte. Alles fühlte sich wie Arbeit an. Glücklicherweise hatte sie Verständnis - wohl auch, weil sie selbst in der Pornobranche aktiv ist.

Tests auf Syphilis, Chlamydien oder Tripper? Fehlanzeige

Dass wir uns so gut verstehen, ist selten in unserem Beruf. Es herrscht viel Neid, Eifersucht und Missgunst unter Kollegen. Kein Wunder, schließlich werden wir ja alle intim miteinander.

Schwierig finde ich auch, dass ich mit fast jedem Auftrag ein gesundheitliches Risiko eingehe. Drehs ohne Kondom sind Standard, doch leider fordern nur große Produktionsfirmen Tests auf HIV, Hepatitis C, Syphilis, Chlamydien oder Tripper.

Und dafür ist die Bezahlung nicht einmal besonders hoch. Männliche Darsteller bekommen rund 3000 Euro brutto monatlich. Frauen verdienen deutlich besser. Ich muss mich mehrfach vermarkten, damit es sich finanziell lohnt. Nebenbei arbeite ich als Model für Kosmetikfirmen oder als Statist bei Doku-Soaps.

Außerdem produziere ich eigenes Material, das ich an Filmverleihe verkaufe. Gerade ist mein erster eigener Film rausgekommen, Titel: "Kinky Euro Girls". Impressionen der Stadt London im Wechsel mit Sexszenen. Ich bin als einziger männlicher Darsteller vor der Kamera zu sehen.

Auch wenn die Rahmenbedingungen meines Berufs nicht optimal sind: Ich stehe auf das Playboy-Image und bin stolz, dass ich den Mut habe, in dieser Branche zu arbeiten.

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