Durchmachen in Prag Mit einem Prost die Festplatte gelöscht

Was passiert in Uni-Städten, wenn es dunkel wird? Felix Bohr trinkt "Adios Motherfucker", schunkelt zu Beatles-Songs und mümmelt Oma-Stullen mit einer Punkband. Eines Nachts in: Prag.

Ondrej Besperát / UNI SPIEGEL

18.20 Uhr: Schon vor Ankunft in der Goldenen Stadt ist meine Stimmung glänzend. Ich sitze in einem schicken blauen Zug der tschechischen Eisenbahn und fahre die Elbe entlang. Auf dem weiß gedeckten Tisch vor mir steht ein eiskaltes böhmisches Bier. Im Bordrestaurant ist Happy Hour, besser könnte der Abend kaum beginnen.

19.35 Uhr: In Prag schlendere ich, leicht angeheitert, über den Wenzelsplatz. Er ist einer der berühmtesten Plätze Europas - und ein Symbol der Freiheit. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand Prag jahrzehntelang unter russischer Vorherrschaft. Auf dem Wenzelsplatz protestierten die Tschechen gegen ihre Unterdrücker, etwa 1968 im Prager Frühling, der blutig niedergeschlagen wurde. Und 1989, beim friedlichen Wechsel zur Demokratie.

20.00 Uhr: Beschwingt von so viel Freiheitsliebe steige ich hinab in das Kellergewölbe des "U Fleku". In dem alten Wirtshaus bin ich mit Nico und Tim verabredet. Sie studieren BWL an der Wirtschaftsuniversität Prag und sind dort zwei von derzeit etwa 50 deutschen Erasmus-Studierenden. Ihre Kurse sind auf Englisch. "Ich bin sehr froh über die Entscheidung", sagt Nico sofort. "In Prag gibt es so viel zu sehen und zu erleben. Und die Menschen sind offen." Auch sei es ihnen hier "extrem leicht gemacht" worden, fügt Tim hinzu. Zu verdanken ist das dem "Buddy System", einem Mentorenprogramm, das einheimische Studierende organisieren.

21.00 Uhr: Auch heute gesellen sich zwei tschechische Buddys zu uns: Iva und Adam. Im "U Fleku" sind die beiden BWL-Studenten schon häufiger gewesen. Ich verstehe gut, warum. Die langen Holztische in dem riesigen Saal sind voll besetzt, die alten Mauerbögen geben Geborgenheit. Und die Stimmung ist fantastisch: Ein Akkordeonspieler haut einen Schunkelsong nach dem anderen raus. Alle klatschen in die Hände und singen mit: "We all live in a yellow submariiine." Wir essen köstliches Gulasch und trinken für wenig Geld dunkles Bier, das hier seit mehr als 500 Jahren gebraut wird. Beim klirrend lauten Zuprosten bekomme ich von Adam einen Minibasiskurs in Tschechisch: "Na zdraví?" Zum Wohl! Ich kann das Erlernte gleich anwenden, denn nach dem Essen gibt es Honigschnaps - na zdraví!; Kräuterlikör - na zdraví!; noch mehr Bier - na zdraví!

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Nachts in Prag: Na zdraví mit Navi

22.10 Uhr: Wir stolpern die Treppe hinauf und torkeln gut gelaunt durch die verwinkelte Altstadt. "Alles hier ist schön", sagt Nico. Durch die im 14. Jahrhundert entstandenen Gassen und Bögen wagt er sich aber nur mit Navi: "Sonst verirrt man sich ständig." Satellitengeleitet erreichen wir die Bar "Milá tchýne" ("Liebste Schwiegermutter"). Wir bestellen "Adios Motherfucker", einen Drink mit Blue Curaçao, Gin, Rum, Tequila und Wodka, und versinken in den Ledersesseln des Ladens. Iva erzählt, wie tschechische Studierende ihre Prüfungsphasen bewältigen. Nicht etwa mit durchpaukten Nächten - sondern mit durchfeierten. Man müsse zwischendurch einfach mal die Festplatte im Kopf löschen, sagt Iva.

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23.45 Uhr: Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Nach "Adios Motherfucker" sagen wir "Ahoj", Tschechisch für "Ciao". Tim und Nico wollen mir unbedingt das "Popo Café Petl" zeigen, einen absoluten Hotspot für das Erasmus-Volk. Auf dem Weg dorthin passieren wir das "Museum der historischen Nachttöpfe und Toiletten". In der europaweit wohl einzigartigen Einrichtung werden 2000 Exponate ausgestellt, sagt Tim grinsend - unter anderem der Nachttopf Napoleons.

Das verwinkelte "Popo Café" ist voll, es herrscht eine Bombenstimmung. Wir bestellen B52, den berühmten Shot mit Absinth, Baileys und mexikanischem Kahlúa-Likör. Meine vier Begleiter treffen viele Bekannte, es ist ein Stelldichein westlicher Weltbürger: Deutsche, Italiener, Spanier, US-Amerikaner, Kanadier - und natürlich Tschechen. Viele trinken Rum-Cola, er kostet hier nur 1,50 Euro. Wir bekommen Lust zu tanzen.

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Studentenstädte im Nachttest: Was können Köln, München, Rom?

1.15 Uhr: Dafür geht's in den "One Club", einen der bekanntesten Schuppen Prags, mitten in der Altstadt. Der Eintritt kostet 300 Tschechische Kronen, rund elf Euro. Doch wir haben Glück: Iva kennt die Chefs, wir kommen gratis rein. Der Laden ist groß und voll. Wir bestellen erst mal Bier an der riesigen Bar und lassen das Spektakel auf uns wirken: Zwei halb nackte Tänzerinnen heizen der Menge zu dröhnendem Techno ein. Auch wir lassen uns mitreißen und stampfen im Takt.

2.45 Uhr: Die Luft ist kalt und klar und macht uns auf einen Schlag nüchterner. Ein Navi brauchen wir vorerst nicht, denn wir laufen über die weltberühmte Karlsbrücke. Während sie tagsüber voller Touristen ist, sieht man zu dieser späten Stunde hier keine Menschenseele mehr - ein ziemlich stiller und beeindruckender Moment.

3.00 Uhr: Unser letztes Ziel ist der Club "Újezd", der aus drei Geschossen besteht. Im ersten Stock ist ein Café, im Erdgeschoss eine Bar und im Souterrain ein Bierlokal. Im gemütlichen Keller lassen wir uns mit einem allerletzten Bier nieder. Zufällig feiert am Nebentisch die tschechische Punkband Green Monster ihr 18-jähriges Bestehen. Und es gibt kalte Platten mit Schnittchen wie bei Oma. Der Sänger mit Irokesenschnitt reicht uns ein paar Stullen rüber. "Für immer Punk", denke ich. Besser kann der Abend kaum enden.



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