Studenten nachts in Aachen Remmi Demmi mit Sardelle

Was passiert in Uni-Städten, wenn es dunkel wird? Christine Haas sucht Karohemden, trinkt Wodka mit Sardelle und tanzt zu feinsten Hip-Hop-Klängen. Eines Nachts in: Aachen.

Maurice Kohl/UNI SPIEGEL

20.00 Uhr: Ich glaube, ich werde heute jede Menge blasse Single-Jungs in Karohemden sehen. Ich bin schließlich in Aachen unterwegs, also der Stadt, die neben Printen und Karlspreis vor allem für ihren Überschuss an jungen Männern bekannt ist.

Fast alle der knapp 58.000 Studenten sind an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule oder an der Fachhochschule eingeschrieben, den Top-Adressen für angehende Ingenieure und Techniker. Auch Tobi hat an der FH studiert, dem Klischee entspricht er trotzdem nicht: Er trägt ein unifarbenes Hemd. Und er will vier Mädels - Alexandra, Arlene, Caro und mich - durch die Nacht begleiten. Von seiner WG in der Nähe des Hauptbahnhofs starten wir ins Zentrum.

20.20 Uhr: "Willkommen am Elisenbrunnen", sagt Tobi. Der Elisenbrunnen ist neben dem Dom die bekannteste Attraktion der Stadt. Sieht hübsch aus, riecht aber übel, irgendwie nach faulen Eiern. Der Brunnen enthält schwefeliges Heilwasser, lerne ich. Ah ja. Schnell weiter. Wir biegen um die Ecke und erreichen unseren ersten Stopp.

"Die Kiste" ist eine Kneipe, die ihren Namen verdient: Sie ist klein und besteht vor allem aus dunkelbraunem Holz. Wir bestellen eine Runde Pils. "In Aachen gibt's aber überall auch Weizen und Kölsch. Und belgisches Bier", erzählt Tobi. Letzteres ist der Nähe zur Grenze zu verdanken: Die Stadt liegt am Dreiländereck, an dem Deutschland, Belgien und die Niederlande aufeinandertreffen. Sprichwörtlich sehen die Aachener das zwar als Barriere (denn: "Wenn Holland nicht wär', läg' Aachen am Meer"), eigentlich schätzen sie die Nachbarn aber, unter anderem für gute Pommes und die sonntags geöffneten Geschäfte.

Fotostrecke

6  Bilder
Eines Nachts in Aachen: Grenzwertig

22.00 Uhr: Raus aus der "Kiste", rein in die Altstadt. Tobi erweist sich nicht nur als Kneipen-, sondern auch als Kulturkenner und führt uns zum nächsten Brunnen, dem Puppenbrunnen. Der ist mit Figuren verziert, die Aachens Besonderheiten zeigen. Dazu gehören beispielsweise Pferd und Reiter, die für das jährlich stattfindende CHIO-Reitturnier stehen, und ein Prälat, der den traditionell hohen Einfluss der Kirche symbolisiert. Caro und Arlene sind begeistert - allerdings weniger von der großen Symbolkunst, sondern mehr von den beweglichen Gelenken der Puppen, die man lustig verdrehen kann.

Auch über die eingerüstete Statue, die wie ein zähnefletschender Löwe aussieht, kann Tobi uns aufklären. "Das ist das Bahkauv, das Betrunkenen auf die Schulter springt", sagt er. Der Sage zufolge wird das Untier schwerer, je mehr die Betrunkenen jammern, und hält sie davon ab, weiterzuziehen. Was ein Glück, dass wir noch recht nüchtern sind.

22.10 Uhr: Glitzerfolie in Rot, Gold und Grün schmückt die Decken im "Domkeller". Tagsüber kommen Studenten zum Lernen hierher. Sie dürfen eigenes Essen mitbringen und das WLAN nutzen - eine gute Alternative zur langweiligen Bib-Atmosphäre. Auch die Karte hat einiges zu bieten, wir entscheiden uns für einen Shot namens Mehdi Night: Erst isst man ein Stück Sardelle, kippt Wodka hinterher und beißt dann in eine Zitrone.

"Grenzwertig", findet Tobi, Alexandra hingegen würde am liebsten noch einen bestellen. Dass der Shot so klingt wie der bekannte Erkältungssirup für die Nacht, ist bestimmt kein Zufall, nach kurzem Schütteln sind wir gestärkt für alles Weitere.

Hol Dir den gedruckten UNI SPIEGEL!

22.30 Uhr: Die Gruppe wächst: Tobis Mitbewohner Stefan und Marius sowie Sascha schließen sich uns an. Wir laufen zum Marktplatz, direkt neben dem Rathaus ist der "Postwagen", ein uriger Laden, in dem Stefan mal gearbeitet hat. Viel ist nicht mehr los, die Feierwütigen sind schon weitergezogen. Wir machen es uns trotzdem an einem Tisch im verglasten Erker mit bestem Ausblick auf die Fußgängerzone gemütlich.

Nach einem Jägermeister fällt mir auf, dass wir noch kein einziges Karohemd gesehen haben. Und Musik brauchen wir so langsam auch. In Aachen ist klar, was das heißt: Ab in die Ponte!

23.35 Uhr: Die Pontstraße war früher Teil des sogenannten Königswegs, über den die Monarchen im Mittelalter in den Dom gelangten, um sich krönen zu lassen. Mittlerweile ist sie Aachens Partymeile. Zwar ist die größte Disco der Stadt, das "Starfish", andernorts, doch die Auswahl an Tanzschuppen, Kneipen und Restaurants ist in der Pontstraße beachtlich.

Wir entscheiden uns für das "Sowiso", eine Sportsbar mit Kicker, Billardtisch und Dartscheibe. Marius findet, es sei Zeit für Tequila, immerhin kostet der hier nur 111 Cent. Als die Arctic Monkeys "When the sun goes down" singen, wechseln wir den Ort.

Im "Sowiso" gibt's Dart, Billard - und Tequila für 111 Cent
Maurice Kohl/UNI SPIEGEL

Im "Sowiso" gibt's Dart, Billard - und Tequila für 111 Cent

1.10 Uhr: Wir haben es nicht weit, unser Ziel liegt direkt gegenüber: Das "Apollo", einer der bekanntesten Aachener Klubs. Dienstags ist hier "Remmi Demmi", bei Charthits und Trashpop gibt's den ganzen Abend über günstige Longdrinks. Auch ein Kino ist integriert. Heute steht aber Hip-Hop auf der Playlist. Durch einen Vorraum gelangen wir zur DJ-Bühne, hier gehen die Leute schon zu House of Pain ab. Jump around!

4.45 Uhr: So langsam wird es ganz schön heiß; müde und hungrig sind wir mittlerweile auch. Ab nach draußen. Auf dem Heimweg kehren wir noch kurz bei "Deniz Kebab Haus" ein. Zeit für Pommes und Döner - und für eine Revision meiner Erwartungen: Männer haben wir zwar tatsächlich viele gesehen, die meisten waren aber ohne Karohemd unterwegs und ziemlich gut drauf.

Ich muss dringend an meinen Klischees arbeiten. Aber jetzt erst mal ins Bett.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
taglöhner 30.04.2017
1. Feldstudien
Hallo Christine, dein Ansatz ist verkehrt: Die Karohemden studieren gewissenhaft MINT-Fächer. Die findest du nach 22:00 Uhr eher zuhause am PC, im Labor oder im Bett. Einen klärenden Eindruck verschafft in jeder Universitätsstadt eine spätabendliche Rundfahrt, in welchen Instituten noch Licht brennt und in welchen nicht.
Phil2302 30.04.2017
2. Habe in Aachen studiert
und kenne daher alle Namen, die der Autor nennt. Ich habe Aachen für das Nachtleben gehasst. Es gibt massigst Studentenkneipen, aber alleine dass das Starfish die größte Disco Aachens ist sagt doch schon alles. Das Apollo ist auch eher ein alternativer Schuppen mit alternativer Ausrichtung. Menschen, die nicht gerne in richtige Discotheken gehen und gerne in geselliger Runde ihr Bier trinken kommen sicher auf ihre Kosten, aber ich bereue es nicht in Köln studiert zu haben. War dann gegen Ende des Studiums auch immer häufiger mit dem Zug drüben.
veraveritas 30.04.2017
3. Fliegengitter1
Natürlich gibt es sie, die karohemdtragenden kurze Haare Seitenscheitel Nerds, die gerne Formeln auf Papierservietten malen und ihr weibliches Gegenüber durch Langeweile hypnotisieren. Aber die besuchten Lokalitäten waren auch nicht repräsentativ. Die Kiste ist no-go für Mädels, schon rein olfaktorisch, im Domkeller sitzen die angejahrten Alt-68er, das Goldene Einhorn ist auch nichts für junge Leute, Studenten gehen üblicherweise ohnehin nicht ins Starfish (Kevin und Schaklin-Arena). Deniz ist sehr gut, aber weit ab von der studentischen Amüsiermeile Pontstr.. Die Karohemden findet man in Vorlesungen, Seminaren, in der Bibliothek, im Labor oder in der Mensa ( Schnitzeltag). Oder zu Hause am PC, wo sie sich wie Sheldon Cooper fühlen, ihn aber weder in Intelligenz oder Coolness erreichen. Legendär sind übrigens die Erstsemestereinführungswochen in Aachen, dagegen ist Ballermann für Pussies.
frechwieoskar 01.05.2017
4. kultkneipe
---Zitat--- "Die Kiste" ist eine Kneipe, die ihren Namen verdient: Sie ist klein und besteht vor allem aus dunkelbraunem Holz. ---Zitatende--- und besteht schon seit 1967.
Tayfun30 01.05.2017
5. Naja
...ein wohlgesonnener Artikel über das Aachener Nachtleben. Die vorgestellten Lokalitäten sind aber auch schon (leider) die "Highlights" in Aachen. In Aachen herrscht akkutes Clubsterben - dank zugezogener Anwohner. Abwechslung? Fehlanzeige.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© UNI SPIEGEL 2/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.