Studenten nachts in Hamburg Kunst kommt von Kneipe

Wohin zieht es Gaststudenten in deutschen Unistädten? Johan Dehoust trinkt mit drei jungen chinesischen Künstlern hausgemachten Wodka und isst scharfen Döner. Eines Nachts in: Hamburg.

Helena Lea Manhartsberger/ UNI SPIEGEL

Von Johan Dehoust, Fotos: Helena Lea Manhartsberger


19.40 Uhr: Kurz nach Silvester trete ich hinaus in die Kälte, um mit drei chinesischen Studenten durch Kneipen zu ziehen. Bis vor Kurzem war ich überzeugt, dass Hamburg für Menschen, die zum Studieren hierherziehen, furchtbar anstrengend sein muss. Das Unileben ist ein Mysterium, es findet überall und nirgendwo statt. Um von einem zum nächsten Campus zu gelangen, braucht man nicht selten ein Ticket für den HVV-Gesamtbereich. Es gibt nicht die eine Kneipe, in die man gehen muss - es sind Hunderte und doch keine!

Ein paar Wochen zuvor saß ich zufällig mit Leyuan und Yuanmo an einem Kneipentresen, 24 und 23 Jahre alt, Kunststudenten aus Peking, seit einem Jahr in Deutschland. Ich hörte sie von Hamburg schwärmen. "Die schönste Stadt der Welt", sagte Leyuan, der einen Masterstudiengang mit dem Schwerpunkt "Zeitbezogene Medien" an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfbK) besucht.

Vorher hat er in Kassel studiert. Sein Freund Yuanmo, der ihn häufig besucht, tut das noch immer. Yuanmo mag Kassel nicht, zu provinziell und verschlossen. Hamburg dagegen: "Superfreundlich, superfrei und superschön." Ich bin Hamburger und habe in Hamburg studiert, den Außenblick auf meine Stadt kenne ich so gut wie nicht. Ich fragte die beiden, ob sie mit mir durch die Nacht ziehen und mir ihr Hamburg zeigen.

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19.50 Uhr: Ich sitze wieder mit Leyuan und Yuanmo am Tresen, diesmal in der Bar "Chez Malik's" in der Nähe des Hauptbahnhofs. Ein verrauchter, spärlich beleuchteter Raum. Leyuan und Yuanmo, beide gekleidet in lange, dunkle Mäntel, wollen mich an jene Orte führen, die entscheidend zu ihrem positiven Hamburg-Bild beitragen - in ihre Lieblingskneipen. Mit dabei ist Jiayuan, 19, ein weiterer Chinese, der in Kassel wohnt. Er spielt Trompete und studiert Musik. Die drei haben sich im Deutschkurs angefreundet.

Das "Chez Malik's" sei eine von zwei HfbK-Kneipen, sagt Yuanmo. Hier träfen sie stets auf Kommilitonen. Sie finden gut, dass man dort rauchen darf, sie loben die Preise (2,80 Euro für einen halben Liter Bayreuther Bier) und die Möglichkeit, im Keller neben den Toiletten Kunst auszustellen. Über Malik, den Betreiber, sagen sie: "Der ist superlustig." Er stelle sogar eigenen Wodka her, den 040er.

Die eigenwilligen Drinks, die der Iraner in seiner Bar anbietet, mixt er ausschließlich mit diesem Schnaps: etwa den Malik's AB, 040er mit Limette, Zitrone und Chiasamen, oder den Malik's Acid, 040er mit Guavensaft. Leyuan, Yuanmo und Jiayuan trinken Maliks Wodka am liebsten pur. "Ist schön weich, ein bisschen süß, nicht so hart wie russischer", urteilt Jiayuan.

21.45 Uhr: Wir fahren mit der U2 nach Eimsbüttel, in eine Bar mit dem etwas sonderbaren Namen "Hannes & Hanna Wohnzimmer". Seit ein Freund sie ihm gezeigt hat, ist Leyuan hier häufig zu Gast. "Eine typische Achtzigerjahrekneipe", sagt er. Ihn fasziniert, dass hier ältere Menschen sitzen, rauchen, Bier trinken und auf einer Leinwand Fußball gucken. "So etwas gibt es in China nicht. Da gehen nur junge Leute in die Kneipe. Man denkt, dass ein Erwachsener faul sein muss, wenn er das tut." Das Getränk der Wahl bei Hannes und Hanna: Guinness vom Fass. Schmecke viel besser als jene Importware, die man in seiner Heimat bekomme, behauptet Leyuan. Irgendwie kräftiger.

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Fotostrecke: "Eine andere Schärfe, als wir es gewohnt sind"

23.30 Uhr: Wechsel in den "Saal II", die zweite HfbK-Kneipe, ans Ende des Schulterblatts. Für einen Donnerstagabend geht es in der Schanze erstaunlich ruhig zu. Muss am Neujahrskater liegen. Wir sitzen hinten im schlichten Raucherraum, auf Bürostühlen und einer Lederbank, und bestellen das nächste Bier, diesmal ein Stauder. Leyuan, Yuanmo und Jiayuan lieben Bier. Ihr liebstes Craft Beer: Hütt aus Nordhessen. Die beste Standardmarke: Astra aus Hamburg. Gesprächsthemen, während Leyuan, Yuanmo und Jiayuan an der nächsten Selbstgedrehten ziehen: Sprachen und Dialekte. Hitler. Österreich. Reisen. Michel Foucault. Korruption. Ai Weiwei. Berufe der Eltern. All das auf Deutsch. Mich beeindruckt, wie gut die drei meine Sprache beherrschen. Nur ganz selten wechseln wir ins Englische.

0.50 Uhr: Leyuan, Yuanmo und Jiayuan haben bereits gegessen. Asianudeln im "Huang", einem Restaurant im Stadtteil Uhlenhorst. 2,90 Euro die kleine Portion. Ich dagegen bin schon eine ganz Weile hungrig. Zum Glück gelingt es mir, die kleine Gruppe spontan von einem Stopp im Imbiss "Big Food" zu überzeugen. Leyuan und Jiayuan bestellen Döner, Yuanmo Lahmacun nur mit Fleisch, alles extrascharf. Jiayuan rinnt der Schweiß von den Schläfen: "Eine andere Schärfe, als wir es gewohnt sind, diese hier ist mehr mexikanisch."

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Studentenstädte im Nachttest: Was können Köln, München, Rom?

1.20 Uhr: Kurz überlegen wir, in den "Golden Pudel Club" am Hafen zu gehen, entscheiden uns aber dagegen. Leyuan, Yuanmo und Jiayuan tanzen nicht gern. Außerdem sind sie etwas müde von der Silvesterfeierei in der "Großen Freiheit 36". "Lasst uns in die 'Toast Bar' gehen", schlägt Yuanmo vor, netter Laden, es gebe Erdnüsse for free, und man könne die Schalen einfach auf den Boden schmeißen. Doch als wir vor der Tür stehen, stellt der Barkeeper gerade die Stühle auf die Tische und fegt durch. Was nun? Ein Drink muss noch drin sein!

1.45 Uhr: Wir landen im "Nachthafen", einer rötlich erleuchteten Spelunke auf St. Pauli. Aus den Boxen röhren Elvis und Johnny Cash, wir prosten uns mit Tequila mit Orange und Zimt, Wodka und Kümmelschnaps zu. Auf einen entspannt schönen Abend! Wir verabschieden uns und vereinbaren, die Tour bald zu wiederholen. Dann durch meine Kneipen.



insgesamt 4 Beiträge
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hisch88 27.04.2019
1. Richtig: Schärfe am Essen ist nicht gleich Schärfe
Mich hätte interessiert wo die beiden herkommen. Peking ist ihr Studienort, scheint aber nicht ihr Herkunftsort zu sein, da sie von der "anderen Schärfe als gewohnt" sprechen. Beijing kennt bei seinen Gerichten kaum Schärfe. Selbst die Bewohner aus Chengdu (Sichuan) haben eine andere Schärfe am Essen wie die aus Chongqing oder Wuhan (Hubei). Der Norden (Beijing), Osten (Shanghai, Nanjing) und der Süden (Guangzhou) kennen traditionell kaum Schärfe am Essen. (außer importierten Gerichten der West- und Zentral-Regionen Chinas) Und die Schärfe am Essen unterscheidet sich sehr stark durch die unterschiedlich verwendeten Gewürze, die wir aber als Ausländer kaum unterscheiden können. Ansonsten, sehr netter Beitrag.
syuyucu34 27.04.2019
2. Der Beitrag ist etwas oberflächlich
und sagt ausser den Studiengaengen der Gaststudenten wenig eigentlich. Ich haette, als ein früherer "Hamburger" mehr über Hamburg, Kultur, Land und Leute erwartet. Da hätte ruhig inhaltlich etwas mehr stehen können.
noregrets 28.04.2019
3. Lückenfüller?
Ist dieser Beitrag ein Lückenfüller um die Seite etwas voller zu bekommen? Absolut oberflächlich... Ich glaube ich sollte mich mal bei SPON als Autor bewerben, so etwas bekomme ich weit besser hin...
hps 28.04.2019
4. Über die Schemenhaftigkeit eines bizarren abendlichen Ereignisses
Ein schöner Plot. Junge intelligente Menschen von hier und da verbringen den Abend zwischen 18.40 bis 1.45 zusammen. Schade zwar für sie, nur Männer. Man sieht sie wie im besten Film Noirs aus Frankreich plaudernd durch Straßen streifen. Ihre langen schwarzen wehenden Mäntel erinnern dich ab irgendwas. Was ist da? Ja so, meine Helden der Matrix haben sich der Szenerie überlagert. Ihre Szenen durchdringen sich, sie umschließen sich und lassen sich wieder frei. Die mehr ernsthaften jungen Männer sehen sich nicht um. Jetzt sprechen sie über Sloterdijk, dann über die Glaubwürdigkeit von Precht. Als jetzt vor dem Golden Pudel Club, kurz vor dem Eingang, eine der mit leichtem chinesischen Dialekt zu erkennenden Stimmen lauter wird, hört man mit Erstaunen Wortfetzen bis zur anderen Straßenseite herüber. Es scheint irgendwie um einen Metzinger zu gehen, um, wenn man das richtig zusammen kriegt, ein Leib-Seele-Problem. Doch dann sind die Gestalten auch schon im Eingang des Clubs verschwunden. Nur die leichte, kalte, etwas feuchte Hamburger Luft bleibt dir.
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