Studentin in Iran "Ich fühlte mich wie ein Idiot"

Sicherheitskontrolle vor dem Campus, Geschlechtertrennung im Seminar und strenge Kleidervorschriften - so richtig einladend klingt der Uni-Alltag in Iran nicht. Valentina Simeone verliebte sich trotzdem in das Land.

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Vieles, was Valentina Simeone über Iran gehört hatte, klang beängstigend: ein Land, das mit seinem Atomprogramm den Weltfrieden bedroht; das Homosexuelle verfolgt; das Minderjährige hinrichtet; das keine Meinungsfreiheit toleriert. Ein Land, in dem Technopartys verboten sind und DJs von der Polizei verprügelt werden. Iran, Feind des Westens - eigentlich der schlimmste Ort, den man sich zum Leben vorstellen kann.

Doch genau das machte sie neugierig. Die Italienerin war gerade 21 Jahre alt geworden, als ihr an der Uni in Cagliari, Sardinien, wo sie Deutsch, Englisch und Arabisch studierte, eine ungewöhnliche Ausschreibung in die Hände fiel: Das EU-Austauschprogramm Erasmus, das jedes Jahr über eine halbe Million Stipendien an Studenten und Lehrkräfte vergibt, suchte jemanden, der in Iran ein Semester zur Uni geht.

Valentina war wie elektrisiert. "Da musst du hin", sei ihr erster Gedanke gewesen, so erzählt sie es heute. Sie wollte mutig sein, wollte wissen, ob die vielen Vorurteile, die Europäer gegenüber Iran hegen, wirklich stimmen: ob das iranische Regime seine Bürger tatsächlich so gnadenlos unterdrückt, wie in den Nachrichten oft behauptet wird. Und sie fragte sich, wie Iraner auf eine Westeuropäerin reagieren würden. Würde man sie ausgrenzen? Beschimpfen? Ignorieren?

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Studentin in Iran: "Ich fühlte mich wie ein Idiot"

Wochenende? Donnerstags und freitags

Mitte September vergangenen Jahres stand Valentina am Flughafen von Cagliari. Eine zierliche Frau, große dunkle Augen, lange braune Haare. Sie hatte die Zusage von der Universität in Teheran im Koffer, hatte sich für den Studienplatz gegen Mitbewerber von neun europäischen Universitäten behauptet.

Sie hatte einen Monat Persisch gelernt und sich einen langen, grünen Hidschab gekauft. Und sie hatte sich Gedanken gemacht, wie Teheran wohl sein würde. Ihr war bewusst, dass sie dort mit einer Lebensweise konfrontiert sein würde, die sehr weit von ihrem Alltag in Italien entfernt ist. Sie ahnte, dass für eine alleinstehende Frau in Teheran vieles unmöglich sein würde, was in Cagliari selbstverständlich ist.

Valentina fühlte sich bereit für die Islamische Republik Iran. Ihre Eltern waren es nicht. Ihre Tochter alleine in diesem fremden Acht-Millionen-Moloch? Um Himmels willen! Valentina sagte: "Macht euch keine Sorgen." Ihr Vater sagte: "Bitte lass uns oft telefonieren."

Die ersten Wochen in Iran seien tatsächlich schwierig gewesen, erzählt Valentina. Erst durch die Beziehungen einer italienischen Professorin fand sie ein Zimmer in einem Studentenhaus für Frauen, außerhalb des Stadtzentrums. Den ersten Skype-Anruf ihrer Eltern an einem Samstag verpasste sie, weil in Iran Samstag und Sonntag Wochentage sind, das Wochenende auf Donnerstag und Freitag fällt.

Alle starrten sie an

Als sie mit dem Bus zum Campus fahren wollte, stieg sie versehentlich zur falschen Tür ein - der Tür für Männer. Alle starrten sie an. Sie starrte auf den Boden. Mit rotem Kopf.

Auch am Campuseingang starrte man sie an. Das Security-Personal mustert allerdings grundsätzlich jeden, der das Tor passiert, und verlangt von allen Studenten einen Uni-Ausweis. Eine iranische Freundin erzählte Valentina später, dass die Präsenz der Sicherheitsleute nichts mit der Angst vor Gewalt und Anschlägen zu tun habe. Immer wieder würden Leute versuchen, sich in Hörsäle zu schmuggeln, um kostenlos an der renommierten Hochschule zu studieren.

An die strengen Blicke gewöhnte sich Valentina schnell, nicht aber an die schiere Größe der Hochschule. Mit ihren wenigen Brocken Persisch konnte sie die Wegweiser nicht lesen. Sie verlief sich ständig, fand Seminarräume nicht, kam zu spät. "Ich fühlte mich wie ein Idiot", sagt sie.

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Den Stundenplan, den sie sich in Italien gebaut hatte, warf sie schnell über den Haufen. Entweder lagen die Unterrichtsräume zu weit auseinander, um sie zwischen den Kursen rechtzeitig zu erreichen. Oder das Seminar wurde doch nicht angeboten. "Alles ist etwas flexibler in Iran", sagt Valentina.

Sogar die starre Trennung zwischen Frauen und Männern, die Valentina im Vorfeld Kopfzerbrechen bereitet hatte, schien im Uni-Alltag nicht mehr ganz so unverrückbar. Die Studenten saßen im Seminar zwar nach Geschlechtern sortiert und sprachen wenig miteinander. In den Pausen ging es dafür etwas lockerer zu. "Ich habe einfach mit jedem gequatscht", sagt Valentina. Irgendwann bildete sich um sie immer ein kleiner Kreis, wenn sie von zu Hause, von Sardinien, erzählte.

Fanatisch? Obrigkeitshörig? Iraner leiden unter dem Image

Bald folgten erste Einladungen, Valentina sollte ihre Mitstudenten zu Hause besuchen, zum Abendessen kommen, die Eltern kennenlernen. Denn die meisten ihrer Kommilitonen wohnten noch bei ihren Eltern.

Gemeinsam hockten sie dann auf handgeknüpften Perserteppichen, Mama und Papa reichten Irans Nationalgericht Tschelo Kabab, eine Kombination aus gedämpftem Reis und gegrilltem Lammfleisch, dazu Fladenbrot, Gurkensalat und Datteln - und nebenher gab es jede Menge Fragen. Wie das Leben in Italien sei, wollten sie wissen, ob der Euro wirklich so stark und wo sie schon hingereist sei.

Valentina in einem Café in Teheran

Valentina in einem Café in Teheran

Valentina erzählte gern, vom Urlaub in Spanien, zeigte auf dem Handy Fotos ihrer Familie. "Oft war ich die erste Europäerin, die sie in ihrem Leben gesehen haben." Und mit jedem Wort, das sie mit ihren Gastgebern tauschte, hat Valentina gemerkt, wie sehr die Iraner unter ihrem Image leiden, im Ausland als fanatisch religiös und obrigkeitshörig zu gelten. "Die wollen dem Westen näher sein, als wir uns das vorstellen können", sagt Valentina.

So warm und herzlich sie von den anderen Studenten aufgenommen wurde, so rau begegnete man ihr, der Ausländerin, auf der Straße. Die Frauen warfen Valentina böse Blicke zu, wenn sie die Ärmel ihrer Bluse zu weit nach oben gekrempelt hatte und ihre Ellenbogen zu sehen waren. Oder wenn zu viel Haar unter ihrem Schleier hervorschaute. "Anfangs war ich nur damit beschäftigt, meine Klamotten zurechtzuzupfen", sagt Valentina.

Trotzdem: Je mehr Zeit sie in Teheran verbrachte, desto mehr verliebte sie sich in das Land. Valentina genoss es, durch die bunten Gassen der Stadt zu bummeln, vorbei an Tuch- und Schmuckhändlern auf dem pulsierenden Tadschrisch-Basar, hinein in die kleinen Cafés, in denen es nach Shisha-Tabak roch und wo sie statt ihres geliebten Espresso grünen Tee trank.

Am Wochenende bestaunte sie die prachtvollen Moscheen in Isfahan oder spazierte durch den botanischen Garten in Shiraz, der Stadt der Rosen. Abends schaute sie aus ihrem Zimmerfenster über die Dächer Teherans. Dann sah sie den Milad Tower, den mit 435 Metern sechsthöchsten Fernsehturm der Welt. Der funkelte im Dunklen, "und ich fühlte mich ein bisschen wie in einem Märchen aus 'Tausendundeine Nacht'".

Der Zugang zu Facebook: gesperrt

Doch auch die schönste Kulisse kann nicht vergessen machen, was Valentina aus den Nachrichten über ihr Gastland wusste. Es stimmt, sagt sie, Iran hat Probleme mit Menschenrechten und der Pressefreiheit. Satire oder regierungskritische Karikaturen habe sie in Zeitungen nie gesehen. Aber man müsse die Interessen von Regierung und Volk trennen.

Sie sei nach Iran gefahren, um die Kultur der Menschen zu verstehen. Ihren Alltag zu leben. Deshalb arrangierte sie sich damit, dass der Zugang zu Facebook im Studentenhaus gesperrt ist. Dass sie abends spätestens um zehn in ihrem Zimmer sein musste, weil das die Hausregeln vorschreiben. Dass sie Geld nur in der italienischen Botschaft abheben konnte, weil ihre Kreditkarte an keinem anderen Automaten der Stadt funktionierte. Oder dass es eine Barkultur wie in Italien nicht gibt. "Ich wollte leben wie iranische Studenten", sagt Valentina. "Sonst hätte ich ja zu Hause bleiben können."

Seit Kurzem ist Valentina zurück in Cagliari, sie schreibt an ihrer Bachelorarbeit über italienisch-iranische Beziehungen. Ihr Blick auf das Land, das ihr anfangs so fremd und sogar furchteinflößend erschien, hat sich geändert. Es ist bunter, differenzierter. Sie wünscht sich, dass auch ihr Umfeld das Land im Mittleren Osten mit ihren Augen sehen kann - und erzählt deshalb immer wieder gern von ihren Erfahrungen. "Alle sollen wissen, wie viel Schönes ich dort erlebt habe."



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